Sonntag, 19. September 2010
Könnte katholischer Journalismus auch so aussehen?
„Anstatt das Böse zu fördern, indem man über es schreibt, gilt es, das Gute hervorzuheben, um es dadurch um so begehrenswerter zu machen. Wenn schon die Aufmerksamkeit der Gesellschaft oder der Autoritäten auf irgendetwas Böses gelenkt werden muß, dann muß dies mit Liebe und Diskretion für die darin verwickelten Personen geschehen; man darf nicht übertreiben, niemals weiter als notwendig in die Einzelheiten des Bösen vordringen, um es zu beseitigen.“ Auch das ist eine Anweisung Kolbes für seine Redakteure. Ich muß gestehen, daß mich solche Sätze ein wenig beschämen. Ich bin kein Journalist, aber einiges, was ich hier geschrieben habe, ist von diesem Maßstab ziemlich weit entfernt. Könnte katholischer Journalismus heute noch so funktionieren? Ich glaube, daß der Kern der menschlichen Natur, von dem Frossard spricht, immer noch darauf wartet, angesprochen zu werden. Aber dazu müßte man wohl den den Glauben und die Unbekümmertheit eines Kolbe haben, der, so Frossard, einfach das „wiederholte ..., was ihm sein Herz eingab.“ Man müßte Sätze formulieren können wie diesen: „Ein einziger Akt vollkommener Liebe läßt die Seele wiedererstehen.“ Und man müßte so etwas nicht nur schreiben, sondern tun. So wie Kolbe es getan hat, als er in Auschwitz sein Leben für einen anderen, ihm völlig fremden Menschen opferte. Man müßte ... ja, müßte man das wirklich: ein Heiliger sein?
Alle Zitate aus dem Buch „Die Leidenschaft des Maximilian Kolbe: Eine Biographie“ von André Frossard (Kreuz-Verlag Stuttgart 1988).
PS. Allerdings brauche ich morgens nur fünf Minuten Frühstücksfernsehen zu gucken, um mir sofort einen ganz anderen katholischen Journalismus zu wünschen: einen, der der medialen Einheitsfront kräftig Contra gibt. Und das so aggressiv und polemisch wie möglich.
Dienstag, 22. Juni 2010
Willkommen bei den Borg
Fußball-WM 2010
Die Dienstagsspiele live
Kommentieren im Kollektiv
Montag, 14. Juni 2010
REICHSPARTEITAG!
Donnerstag, 15. April 2010
Debattenstil
In diesem kleinen Vorgang zeigt sich, warum es mit der Diskussionsfähigkeit, wie sie sich in den Medien präsentiert, bergab geht. Es geht nicht mehr darum, was jemand sagt, sondern auf wessen Seite er steht. Jede Bewegung hin zum Gegner wird sofort sanktioniert. Es geht nicht um Wahrheitsfindung, sondern um Konsens und Gruppenzugehörigkeit. Ist die eigene Postion gefährdet, bedient man sich nur eines einzigen Argumentes: des Argumentum ad hominem. Unlautere Mittel, wie Lüge, sind ebenfalls erlaubt, wenn es gilt, die Mehrheitsmeinung zu verteidigen.
Wer nicht auf der richtigen Seite steht oder nur den Anschein erweckt, sich nicht zu der von der Mehrheit als richtig erkannten Position zu bekennen, wird mit den üblichen Bannformeln belegt: religiös, reaktionär, rechts etc. und mit Gesprächsverweigerung bestraft. Freilich ist jeder Dummkopf dazu fähig, andere auf diese Weise auszugrenzen, und das macht dieses Verfahren für die Journaille so reizvoll.
Alles eine Folge des Relativismus? Wo es keine Wahrheit gibt, wird sie um so verbissener verteidigt? Vielleicht. Solange ein solcher Argumentationsstil herrscht, sind intelligentere Debatten in unseren Medien wohl nicht zu erwarten.
Donnerstag, 8. April 2010
Zeitungsleser
Als ich ihn beobachtete, wunderte ich mich darüber, daß es also tatsächlich noch Kreise gibt, in denen das öffentliche Zeitungslesen als prestigefördernd gilt. Eigentlich absurd, denn wenn man sich einen Großteil der heutigen Presseerzeugnisse anschaut, möchte man sich lieber den Damen früherer Zeiten anschließen, die ihre Handschuhe nie mit Druckerschwärze befleckt hätten: Zeitungen sind schmutzig, in vielerlei Hinsicht.
Der Gedanke, daß die Massenmedien vor allem der Aufklärung dienen, hält sich hartnäckig. Würde man eine Straßenumfrage starten, würden zwar wahrscheinlich die meisten der Aussage zustimmen, daß die Presse lügt. Vielleicht könnten sie diese Behauptung auch mit Beispielen untermauern und würden sich z. B. an den Schweinegrippe-Hoax erinnern. Doch auch da galt zunächst: Was in der Zeitung steht und oft wiederholt wird, muß wahr sein.
Man konsumiert Massenmedien, um sich zu informieren. Je größer die Informationsflut, um so aufgeklärter wähnt man sich. In Gesprächen springt man von einer Halbwahrheit zur nächsten, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Denn die vielen Einzelinformationen, die den Leser tagtäglich überfluten, führen nicht zu Erkenntnis, sondern Verwirrung. Es fehlen die Kontexte für das Verständnis. Niemand verfügt über das Wissen, daß er bräuchte, um all die Informationen, die er geliefert bekommt, einordnen, überprüfen und bewerten zu können. Und genau dieses Tatsache läßt sich beliebig nutzen, wenn statt Nachrichten Propaganda verbreitet werden soll. Informationen, Bruchstücke von Wissen, können verfälscht oder in neue Zusammenhänge gerückt werden, so daß sie die propagierte Weltsicht bestätigen und dazu dienen können, bestimmte Interessen durchzusetzen. Als Beispiel sei nur daran erinnert, wie weit die Medien in der gegenwärtigen Kampagne gegen die Kirche den Begriff "Mißbrauch" ausdehnen: Wenn 1960 irgendwo in einer katholischen Schule ein Schüler eine Ohrfeige bekommen hat, wird das heute zur Sexualstraftat hochgeschrieben. Der Leser wird in eine bestimmte Richtung gelenkt, als Transportmittel dienen Gefühle, die durch die Berichterstattung geweckt werden: in diesem Fall Empörung und Abscheu. Die Frage der Plausibilität stellt sich oft nicht mehr.
Natürlich ist auch hier jede Verallgemeinerung falsch. Es gibt gute, ehrliche Journalisten, die sauber recherchieren, nach der Wahrheit suchen und den Unterschied zwischen Berichterstattung und Kommentar kennen ( - beide Gattungen verschwimmen heute immer mehr). Doch in einer guten und gesunden Presselandschaft, die ein breites Spektrum unterschiedlicher Meinungen zuläßt, würde man ihre Stimmen deutlicher vernehmen. Die Entwicklung heute weist in die andere Richtung: In unserer Konsenskultur gilt Meinungsvielfalt tendenziell als bedrohlich.
Das Internet läßt in dieser Situation Morgenluft wittern, solange es frei ist. Die Zeitung in der Hand, als Zeichen für Bildung und Unterscheidungsfähigkeit, erscheint mir dagegen ein wenig gestrig.
Mittwoch, 31. März 2010
Diktatur der Normalität
",Normal ist leichter Schwachsinn‘, dieser eigentlich nur mit Bezug auf die menschliche Intelligenz geprägte berühmte Satz eines Psychiaters zu Beginn des wahnsinnig gewordenen 20. Jahrhunderts irrlichtert heute voll schillernder Ironie. Die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts haben jedenfalls die Instrumente erfunden und ausprobiert, mit denen man eine solche Diktatur der Normalität umsetzen kann. Auch wenn sich jene Staatsformen im Kampf der Systeme als zu schwach erwiesen und ihre Inhalte zu Recht auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet sind: Dass man eine ganze Gesellschaft mit modernen Methoden uniformieren kann, ist nun für immer im Gedächtnis der Menschheit gespeichert."
(S. 176f.)
Dieses Zitat läßt sich durchaus als Fußnote zu der derzeitigen Medienkampagne lesen, die die Mißbrauchsfälle und ihre Opfer auf skrupellose Weise für den Kampf gegen die Kirche instrumentalisiert und sehr oft nicht bei der Wahrheit bleibt. Sieht man von einigen Ausnahmen ab, beobachten wir eine Uniformierung der Meinung, die beängstigend ist. Sie vollzieht sich (wahrscheinlich) von alleine, ohne eine vom Staat gelenkte Gleichschaltung (auch wenn das manche vermuten), gesteuert höchstens durch interne Auswahlmechanismen: Wer nach oben kommen will, braucht einen bestimmten Stallgeruch usw., wer seine Artikel verkaufen will, hat mehr Erfolg, wenn er bei der Blattlinie bleibt. Doch die Ursache liegt wahrscheinlich noch viel tiefer: Es geht um die Abweichung von der Normalität, die hysterisch bekämpft wird. Die katholische Kirche widersetzt sich dem linksliberalen Zeitgeist, dem Relativismus und Fortschrittsglauben, dem uniformierten Denken, Fühlen und Handeln des heutigen Normalmenschen bzw. Spießers, der im linksliberalen Milieu anzusiedeln ist - dem Milieu, aus dem sich die meisten Journalisten rekrutieren. Die sich steigernde Aggressivität der Kampagnen deutet gewiß auch auf eine tief im Inneren empfundene Unsicherheit hin. Womöglich ahnen selbst die Verteidiger des Relativismus, daß dieser keine gültigen Deutungen zu liefern vermag. Aber das sind nur Vermutungen. Fest steht nur: Selbstzweifel, die in aggressive Abwehr umschlagen, sind nicht nur gefährlich, sondern machen auch jede vernünftige Debatte sehr, sehr schwer.
Donnerstag, 25. März 2010
Bekennermut
"Als “Sexualsumpf” galt Hitlers Propagandisten der Klerus. Mit Serien von Sitten-Prozessen versuchten sie Gläubige von der Kirche abzuspalten.
[...]
Sämtliche Zeitungen im Reich (täglich etwa 14 Millionen Exemplare) mußten über die Prozesse berichten. Aufmachung, Überschrift und Tendenz der Artikel wurden auf den täglichen Pressekonferenzen im Propaganda- Ministerium bis ins Detail vorgeschrieben.
Mit der Sprachregelung dieser Aktion beauftragte Goebbels den Ministerialdirektor Berndt, der täglich neue Schmäh-Sentenzen auszubrüten hatte. Berndts jeweilige Einfälle wurden von allen Zeitungen pflichtgemäß gedruckt -- jeweils mit dem obligaten Zusatz, derartige "Schweinereien" seien typisch für die katholische Kirche. Beispiele:
* Die Sakristei sei generell "zum Bordell" geworden.
* Klöster seien "wahre Brutstätten der Homosexualität".
* Die Kirche kämpfe nur für die Konfessionsschule. weil "das Treiben der Ordensbrüder auf den katholischen Toiletten nicht so beobachtet werden könne".
Doch was selbst der Spiegel damals noch offen aussprach, wird heute gerne verschwiegen: Katholiken als Opfer des nationalsozialistischen Regimes - das paßt so gar nicht ins politisch korrekte Geschichtsbild.
Auf Ähnlichkeiten zwischen der nationalsozialistischen, gegen die Kirche gerichteten Propaganda und der heutigen Berichterstattung großer Teile der deutschen Medien haben zahlreiche Blogs schon hingewiesen - ein Gedanke, der sich aufdrängt, wenn man das Titelbild des Spiegel vor Augen hat, das einen kirchlichen Würdenträger zeigt, der sich mit eindeutiger Geste unter die Soutane greift. Hätte sich ein solcher Angriff gegen irgendeine andere religiöse Minderheit in Deutschland gerichtet, hätte man zu Recht von Volksverhetzung gesprochen.
Dann gibt es aber noch einen großen Unterschied zur damaligen Zeit. So schrieb der Spiegel 1971, Goebbels habe bald erkennen müssen, "daß sein Grimm ebenso ohnmächtig blieb wie sein Propaganda-Wirbel: Das Kirchenvolk wandte sich keineswegs von seinen Hirten ab. Nie waren die Gotteshäuser voller und die Prozessionen länger gewesen. "
Das wäre auch heute wünschenswert, und es zeigt uns den richtigen Weg, wie mit Hetze gegen die Kirche umzugehen ist: Gefragt ist das persönliche Bekenntnis zum Glauben, das heute durchaus gelegentlich Courage erfordert - vor allem, wenn man unbedarften und vollkommen verhetzten Zeitungslesern gegenübersteht, die alles, was die Medien verbreiten, für bare Münze nehmen.
Vorgemacht hat es kürzlich Heinz Bude, der während einer Diskussionsveranstaltung der SPD-Bundestagsfraktion sagte, er sei Katholik und habe sich lange nicht mehr seiner Kirche so zugehörig gefühlt wie im Augenblick.» Dazu zähle auch der «Gehorsam gegenüber dem Heiligen Vater».
Samstag, 20. März 2010
Ist das etwa kein Kindesmißbrauch?
Damit ist eigentlich alles gesagt. Nicht eine Abkehr von der katholischen Sexualmoral verhindert Mißbräuche, sondern eine Hinwendung zum Glauben. So einleuchtend das auch klingt, so wenig werden jene diese Logik begreifen wollen, die seit Wochen alte Fälle herauskramen und jede Ohrfeige, die ein Schüler 1950 in einer katholischen Schule bekommen hat, zum Mißbrauch umdeklarieren. Die lautesten Stimmen kommen dabei oft aus dem Kreise jener, die vor nicht allzu langer Zeit Roman Polanski, der ein 13-jähriges Mädchen vergewaltigt hatte, verteidigt haben und zur Odenwaldschule und ihren Vorzeigepädagogen betreten schweigen: Das waren ja welche von ihnen, linke Feuilleton-Schickeria, Künstler ... Und wenn die Vergangenheit aufgearbeitet werden soll, was ja durchaus ein gutes Anliegen ist, könnte man auch einmal selbstkritisch die eigene Geschichte betrachten, zu der die Forderungen nach einer Entkriminalisierung der Pädophilie gehören, die in den 80er-Jahren in der linken Presse so oft erhoben wurden. Aber darum geht es nicht, nicht um die Sache selbst und schon gar nicht um die Opfer. Es geht einzig darum, die katholische Kirche, die letzte konservative Bastion, zu schleifen.
Wenn es wirklich um die Opfer ginge, müßten auch andere Geschichten Platz auf den Titelseiten bekommen: Geschichten von der sexuellen Verwahrlosung in unserer Gesellschaft und ihren Opfern, den Kindern. Der Stern erzählt, immerhin, einige von ihnen: Die Geschichte des sechsjährigen Jungen, der mit seiner Mutter Vergewaltigungsszenen anschaut und das Gesehene auf dem Schulhof nachzuspielen versucht. Die Geschichte der 14-Jährigen, die damit prahlt, daß sie "Gang-Bang" macht: Eine Gruppe von Männern fällt gleichzeitig über sie her. Kleinkinder, die gemeinsam mit ihren Eltern Pornos gucken, Mütter, die vor den Augen ihrer Kinder mit wechselnden Liebhabern Sex haben, eine Elfjährige, die sich Sorgen macht, weil sie noch Jungfrau ist. In den unteren sozialen Milieus wächst eine Generation heran, die die Folgen der falsch verstandenen Liberalität in unserer Gesellschaft zu tragen hat, Zuwendung, Liebe und Zärtlichkeit nicht kennt, sondern nur Sex, deren Leitbilder Pornostars und Porno-Rapper sind, die sexuell verwahrlost und total enthemmt ist, von Scham und Ekel keinen Begriff hat. Bei sexuellem Mißbrauch wird oft von Mord an Kinderseelen gesprochen: Und das ist auch hier der Fall. Der Stern-Artikel ist hart und verdient Aufmerksamkeit. Aber wo bleibt der Aufschrei? Warum ist die Gesellschaft so blind gegenüber diesen Opfern? Warum wird nur so verhalten darüber berichtet, wie eine ganze Generation zugrunde gerichtet wird? Vielleicht, weil man das beim besten Willen nicht der katholischen Kirche anhängen kann?
Paul Badde schreibt: "Verstörend bleibt dennoch dies: Jetzt fallen die Sünden der 50er-, 60er- und 70er-Jahre auf uns zurück. Wie lange wird dieser Prozess wohl für jene neuen Sünden dauern, die wir heute unter uns verschweigen?" Die Sünden, die unsere Gesellschaft an diesen Kindern begeht, werden mit Sicherheit irgendwann mit voller Wucht auf sie zurückfallen.
Dienstag, 16. März 2010
Hoffnungsschimmer
- ein Alt-68er, der sich nie durch kirchenfreundliche Verlautbarungen hervorgetan hat und nun dennoch den Begriff der Christenverfolgung ins Spiel bringt (- ich selbst wäre nicht so weit gegangen. Aber hat er nicht dennoch recht?)
- nicht ganz so unerwartet: ein konservativer Lutheraner, der gerne eine Solidaritätsaktion für den Papst ins Leben rufen würde
- außerdem ein zufällig belauschtes Gespräch in der S-Bahn: zwei, die selbst "mit der Kirche nichts am Hut haben", kommen zu dem Ergebnis, daß diese Hetze widerlich ist
Nur drei kleine Beispiele, die zeigen, daß öffentliche und veröffentlichte Meinung durchaus nicht deckungsgleich sein müssen... Hier noch ein Link: Manfred Lütz über Ettal.
Sonntag, 14. März 2010
Wieder zurück
Kaum zurück, springen mich Schlagzeilen an, die so boshaft wie absurd sind und in ihrer absurden Boshaftigkeit zuweilen sogar lächerlich: „Papst soll zur Odenwaldschule Stellung beziehen“, „Papstbruder schlug bis 1970 Kinder“, „Wir-sind-Kirche setzt Papst unter Druck“. Der Mißbrauch des Mißbrauchs geht also weiter. Es geht dabei nicht um die Opfer, um Fakten, um die notwendige Aufarbeitung des Geschehenen. Wer Kinder mißbraucht, ob Priester oder nicht, gehört ins Gefängnis. Doch die Zahlen zeigen, wie an verschiedener Stelle zu lesen war, daß sexueller Mißbrauch bei Priestern seltener vorkommt als bei anderen erwachsenen Männern. Schließlich steht eine solche böse Tat in radikalem Gegensatz zu allem, was die Kirche lehrt. Wenn es dennoch einzelne Priester gibt, die Kinder mißbrauchen, haben sich diese von allem, was sie vertreten sollen, entfernt.
Doch darum geht es bei der laufenden Medienkampagne gar nicht. Sondern um das Thema Sex, Skandal und Kirche, das immer zieht und in das sich so gut der antirömische Affekt hineinmischen läßt, der hierzulande seit Jahrhunderten konserviert wird. So mancher wittert auch die Möglichkeit, den Papst mit in den Skandal hineinzuziehen (besonders unrühmlich: die Süddeutsche). Vor allem aber nutzt man die Gelegenheit, mal wieder gegen den Zölibat und die katholische Sexualmoral anzuschreiben: Denn einen solchen Gegenentwurf zu ihrem eigenen säkularen Hedonismus kann unsere Gesellschaft nicht dulden. Sie kann es nicht hinnehmen, daß es Männer und Frauen gibt, die von Christus so erfüllt sind, daß sie sogar auf das größte Glücksversprechen der modernen Gesellschaft – nämlich Sex – zu verzichten bereit sind. Und die durch ihr Leben und ihr Zeugnis all das in Frage stellen, was von den heutigen Spießbürgern als heilig angesehen wird. Der letzte verbliebene Gegner, die Minderheit, die sich nicht anpaßt, soll mit allen Mitteln bezwungen werden – die Wiederholung der immergleichen Dummheiten gehört dazu. Besonders skandalös ist es aber, daß die himmelschreiende Geistlosigkeit dessen, was heute so selbstverständlich auch in einstmals großen Zeitungen geschrieben werden darf, nicht als unanständig empfunden wird. Wo bleibt der Protest gegen Dummheit?
Wie dem auch sei: Ich war nur gut zwei Wochen weg und erschrecke bei meiner Rückkehr wieder über den aggressiven Säkularismus, der in Deutschland herrscht. Was für ein großartiges Zeichen ist es doch, daß der Heilige Vater ausgerechnet ein Deutscher ist! Deutschland braucht zweifellos eine Neuevangelisierung. Die Frage, die ich mir stelle, ist: Will ich daran mitwirken? Viel lieber würde ich dieses Land verlassen und irgendwo hinziehen, wo es nicht so kalt ist. Will Gott, daß ich in diesem Land, meinem Land als Katholikin lebe und wirke? Aber ist Deutschland mein Land, ist das meine Heimat? Mein Gefühl sagt: von Tag zu Tag weniger.
Donnerstag, 11. Februar 2010
Nun doch noch zu den Mißbrauchsfällen
Dennoch: Das Ganze hat mir wieder gezeigt, wo ich stehe. Denn ich hatte in letzter Zeit oft mit Glaubenszweifeln zu kämpfen. Aber ist Zweifel überhaupt das richtige Wort? Ich habe über eine intellektuelle Auseinandersetzung zum Glauben gefunden. Doch so sehr ich auch intellektuell überzeugt bin, so schwer fällt es mir, gerade hier in Deutschland emotional dabei zu bleiben. Ich beobachte wie die Kirche in verschiedene Lager zerfällt, die einander bekämpfen. Und wie sehr das in das Leben jeder Gemeinde hineinwirkt. Vor einiger Zeit erzählte mir ein Meßdiener einer liberalen Gemeinde voller Schadenfreude, wie ein Priester einmal einer älteren Dame die Mundkommunion verweigerte. Empörend genug. Dann lerne ich zufällig jene ältere Dame kennen, sie erzählt mir diese Geschichte ebenfalls. Und einige weitere. Sie verfolgt jenen Priester, der ihr Unrecht getan hat, seitdem voller Haß. Und diese Episode scheint mir charakteristisch zu sein für den Zustand vieler Teile der Kirche in Deutschland. Da frage ich mich: Muß das wirklich sein? Aber auch: Wie kann ich da Heimat finden? Will ich das überhaupt?
Ich lerne in der Kirche viele Menschen kennen, die sich an ihrem antirömischen Affekt abarbeiten. Ich lerne aber auch "Konservative" kennen, die sich verbissen und voller Haß auf die Welt in ihr Milieu zurückziehen, die den Eindruck erwecken, als würden sie nicht an Gott glauben, sondern an den Glauben glauben, die überall den Teufel vermuten, nur nicht in ihren eigenen Angelegenheiten, und denen keine Verschwörungstheorie dumm genug ist (z.B. die "Gänswein-ist-ein -Freimaurer-Theorie"). Und ich lerne, leider, viel zu wenige fröhliche und gelassene Katholiken kennen: Denn fröhlich und gelassen sollte man sein, wenn man seinen Glauben richtig verstanden hat. Fröhlich und gelassen, nicht verkrampft, bedrückt und voller Haß.
Natürlich darf man nicht von Einzelbeobachtungen auf das Ganze schließen, von persönlichen Erfahrungen auf die Richtigkeit der Lehre. Und dennoch kann man seine Gefühle nicht ausschalten. Ich fühle mich oft heimatlos. Ich helfe mir damit, daß ich die vielen guten Erfahrungen mit Katholiken, die es natürlich auch gibt, aufschreibe - gerade wenn die negativen überwiegen. Aber manchmal frage ich mich: Muß ich auswandern, um katholisch bleiben zu können, um mit dem Herzen und nicht nur dem Verstand dabei bleiben zu können?
Und dann kommen eben diese ekelhaften Mißbrauchsfälle und die Medienkampagne, die mir zwei Dinge zeigen:
1. daß es wirklich schwer ist, in Deutschland katholisch zu sein und gelassen und fröhlich zu bleiben. Da werden gewisse Rückzugstendenzen für mich gleich wieder verständlicher.
2. noch viel wichtiger: Ich sehe wieder, wie sehr gelogen wird, wenn es um die Kirche geht. Daß Fakten bewußt verdreht werden, um der Kirche zu schaden. Wie kaltblütig die Opfer des Mißbrauchs instrumentalisiert werden für den Kampf gegen den Zölibat. Ich vergleiche den Artikel im "Spiegel" mit Lichtschlags Artikel. Ich denke wieder daran, wie sehr der Papst Fels in der Brandung des Zeitgeists ist.
Und dann weiß ich wieder, wo ich stehe und wo ich stehen will, selbst wenn ich Zweifel habe. Dann weiß ich auch wieder, daß ich um meinen Glauben kämpfen will, selbst wenn ich irgendwann denken sollte, daß ich ihn verloren habe. Einfach deshalb, weil schlechte Gefühle und Erfahrungen nicht das Wesentliche sind. Ihr Zweck ist allein, mich zum Durchhalten aufzufordern.
Samstag, 2. Januar 2010
Das böse f-Wort
"Der neue Roman von Dietmar Dath [klar, von wem auch sonst?] ist eine furiose Abrechnung mit unserer Gegenwart aus „Nordic Walkern und Kackdackeln“, ein Tritt für prätentiöses Kunstgesäusel, ein doppelter für die Generation Upload und ein dreifacher für das belämmerte Kulturmanagement, ein brachial komischer Geistesblitzkrieg, der den guten alten „Kinostil“ revitalisiert..." usw.usw.
Himmel hilf!
Die WELT weiß über Johnny Depp zu berichten, daß "hunderte Fans" ihm "in Japan einen furiosen Empfang bereitet" haben, und findet auch den Auftakt eines Romans von Richard Morgiève "furios" (und übrigens, liebe WELT, der Mann schreibt sich am Ende mit "e", "Morgièv" ohne e sieht doch nun wirklich ganz furchtbar falsch aus, besonders, wenn es so in der Titelzeile steht!) Einen "furiosen Endspurt" haben außerdem die Mexikaner in der WM-Qualifikation hingelegt.
"Furios" hieß früher übrigens "wütend" oder "wild", bekannt ist der "rasende Roland" - "Orlando Furioso". In Karl Mays Erzählung "Auf den Nußbäumen" wird berichtet, daß "der Puls nicht mehr furios, sondern in einem lebhaften Allegro klopfte", und von Goethe ist überliefert, daß er gelegentlich "grob und furios" wurde.
Heute heißt "furios" alles Mögliche. Im FAZ-Archiv seit 1993 bekommt man für das Wort 665 Treffer. Eine Steigerung gibt es auch noch, ein weiteres böses f-Wort: "fulminant". FAZ: 585 Treffer. Und was als fulminant bezeichnet wird, muß nun wirklich der allerletzte Mist sein.
Donnerstag, 9. Juli 2009
Samsons Faust
"In der Literatur wie in der Kunst reicht es, eine Gruppe von Kennern zu haben. Sie ist gerade mal faustgroß - doch es ist Samsons Faust, die auf die Philister niederfährt und den Widerstand des dickbäuchigen Tiers Öffentliche Meinung am Ende immer bricht."
(Jules Barbey d’Aurevilly: Feinheit des Geistes rührt von Niedertracht, Berlin: Matthes & Seitz 2008, S. 79)
Freilich konnte im 19. Jahrhundert noch nicht einmal ein Kulturpessimist den Einfluß der Massenmedien vorausahnen, in denen einem auf allen Kanälen die meist ziemlich ähnlichen Meinungen von Journalisten entgegendröhnen. Immerhin: Die Kenner wandern oft ab ins Netz - Samsons Faust, das Netz? Wer weiß.
Mittwoch, 17. Juni 2009
Medienkritik, zeitlos aktuell
Wie dem auch sei: Jules Barbey d'Aurevilly (1808-1889) hätte sich über die Krise nicht gewundert. Er hätte sie wahrscheinlich begrüßt, denn von Zeitungen hielt der große Literaturkritiker und Schriftsteller nicht sehr viel. (Was hätte er wohl zum Internet gesagt? Überhaupt: ein Kulturpessimist auf einer Zeitreise in die Zukunft - das wäre ziemlich gemein.) Für Journalisten hatte er nur Giftpfeile übrig - treffsicher abgeschossen und tödlich:
"Von dieser Regel gibt es so gut wie keine Ausnahme: Wer sich nur mit Journalismus befaßt, verliert sein Talent, wenn er welches hat, und verzehrt das Korn, bevor es reif wird, falls ihm die edle Ernte überhaupt bestimmt war.
Journalist ... Schriftsteller ... man möge doch bitte diese beiden Arten von Schreibern nicht verwechseln. Obwohl beide Feder und Tintenfaß verwenden, sind sie sich weder gleich noch ähnlich. Der Erstbeste, der dreist genug ist und einen Fetzen Papier hat, schreibt darauf, was ihm einfällt, und schon ist er ein Journalist, während man zum Schriftsteller offenbar doch etwas mehr braucht...
Von Berufs wegen ist der Journalist so wenig zum Schriftsteller bestimmt wie der Rechtsanwalt oder der Arzt.
Jämmerlicher Journalismus, der alles zu dürfen glaubt und die Geschichte der verrinnenden Minute aufschreibt; jämmerlicher noch ist die Geschichte selbst! Denn das tägliche Einerlei der Völker ist so albern wie das des Einzelnen, und selbst ein Genie würde vor Ungeduld vergehen, wenn es sie erzählen müßte."
(Jules Barbey d'Aurevilly: Feinheit des Geistes rührt von Niedertracht, Berlin 2008, S. 101f.)
Freitag, 5. Juni 2009
Ewige Verlierer. Jan Fleischhauer: „Unter Linken“
Ich erinnere mich an einen Musiklehrer, der nie das Wort „deutsch“ benutzte, sondern immer „bundesrepublikanisch“ sagte. Wir Sechstklässler mußten unsere Hefte vollschreiben mit seinen Auslassungen über die „bundesrepublikanischen“ Verhältnisse (die schlimm waren). Oder eine Deutschlehrerin, die für die DDR schwärmte (und später von der Wiedervereinigung kalt erwischt wurde), im Unterricht Günther Wallraff besprach und uns verbot, Coca-Cola-Dosen mit auf den Wandertag zu nehmen - ob wegen der Umwelt, Amerika oder wegen beidem weiß ich nicht mehr.
Sie kamen mir nie glaubwürdig vor, diese verbeamteten Staatsdiener, die sich für Non-Konformisten oder Revolutionäre hielten. Kinder und Jugendliche haben ein feines Gespür für Lügen, Lebenslügen zumal. In Jan Fleischhauers Buch „Unter Linken. Von Einem, der aus Versehen konservativ wurde“ findet sich eine scharfe Charakterisierung dieses Typus, der im linken Milieu so oft anzutreffen ist:
„Nur Linke bringen es fertig, sich als Goldhamster des Systems einzurichten und beim gemächlichen Drehen des Laufrads allen Ernstes Referate darüber zu halten, wie man gerade die Verhältnisse zum Tanzen bringe. Das Verrückte dabei ist: Sie kommen damit durch. Niemand lacht laut auf, wenn der Subventionskünstler Claus Peymann, seit 40 Jahren eine der fidelsten Betriebsnudeln des deutschen Staatstheaters, davon spricht, „Reißzahn im Arsch der Mächtigen“ sein zu wollen. Noch die absurdeste Finanzforderung des Intendanten des Berliner Ensembles geht als Machtprobe durch, jede Budgetüberziehung gilt bei den wohlmeinenden Geistern im Feuilleton als Widerstandsakt.“ (139f.)
Das Schöne an dem Buch ist, daß man so vieles wiedererkennt. Aufgewachsen unter Linken – wer ist das nicht? Als Spiegel-Redakteur kennt Jan Fleischhauer das Milieu gut, das er boshaft, treffend und unterhaltsam porträtiert. So erzählt er die Geschichte der Linken einerseits als Geschichte eines Sieges: Sie haben den Bildungsbereich erobert, den Kulturbetrieb, die Medien und die staatlichen Subventionstöpfe. Sie bilden heute das juste milieu, leben gut und bequem, immer in der Illusion, sich im Kampf für die gute Sache aufzureiben.
Doch zugleich erzählt Fleischhauer ihre Geschichte als Geschichte des Scheiterns: Der Sozialismus „vermag nicht eines seiner Versprechen zu halten, tatsächlich ist es noch jedes Mal gründlich schief gegangen, wenn seine Befürworter sich anschickten, die kühnen Ideen in die Tat umzusetzen. Wo sein Reich kommt, meist mit vorgehaltener Pistole, liegt am Ende alles am Boden, die Wirtschaft, die Kultur, die Umwelt.“ Ausgehend von dieser Beobachtung hat der Autor, der aus einer linksintellektuellen Familie stammt, das Lager gewechselt.
Trotz aller Irrtümer werden Linken immer die besten Absichten zugebilligt. Aber warum scheitern sie eigentlich? Weil sie, im Gegensatz zu Konservativen, nicht mit der Schwäche der Menschen rechnen. Weil ihr Verhältnis zur Wirklichkeit von Unkenntnis und Verachtung geprägt ist. Sie glauben stattdessen an die Perfektibilität der menschlichen Natur und an die Möglichkeit, den Himmel schon auf Erden zu verwirklichen. Und an die Unbegrenztheit ihrer eigenen Gestaltungsmöglichkeiten. Fleischhauer zeigt, daß die Experimente der Linken oft eine große Zerstörungskraft entfesselten. Die Französische Revolution, „der erste Großversuch, das Paradies auf Erden zu begründen“ (S. 80), endete im Terror. Und der Terror ist, so Fleischhauer, „der steinerne Gast jeder Veranstaltung zur Hebung des Menschenglücks“ (S. 76).
Fatale Entwicklungen auch in anderen Bereichen. So führte die Dominanz der Linken im Bildungswesen jüngst zum Pisa-Schock:
„Ziemlich genau eine Generation nachdem sich die Bildungsreformer in Deutschland daranmachten, das von Humboldt ersonnene Bildungssystem gründlich zu überholen, gilt das Land als bildungspolitischer Sanierungsfall. 40 Jahre bundesdeutsche Bildungsreform haben ausgereicht, die vielbewunderte deutsch Schule so herunterzuwirtschaften, dass sie heute im internationalen Leistungsvergleich irgendwo zwischen Liechtenstein und Mexiko liegt.“ (S. 108)
Der Erfolg des Buchs beweist, daß Jan Fleischhauer den richtigen Zeitpunkt gewählt hat. Man fühlt sich an das Kind erinnert, das darauf hinwies, daß der Kaiser nackt ist, woraufhin alle aufatmeten. Einige Rezensenten scheinen jedoch zu befürchten, daß die linke Deutungshoheit zu wackeln beginnt. Ein kluger Schachzug des linksliberalen Feuilletons wäre es gewesen, durch wohlwollende Besprechungen Fleischhauers These von der linken Dominanz in den Medien zu falsifizieren. FAZ-Redakteurin Julia Encke klingt hingegen beleidigt.
Apropos Beleidigtsein: Das gehört freilich wie Betroffenheit, Dauerempörung und dem ewigen „wütend und traurig“ zu den Grundelementen linker Gefühlskultur. Und ist nicht unbedingt die typische Attitüde eines Gewinners.
Nett auch die Seite zum Buch.
Und hier noch ein Zitat zur Katholizismus: "[...] er erweist sich sogar als erstaunlich zählebig, wohl auch, weil er weniger anschlussfähig war für moderne Erlösungserwartungen. Die katholische Kirche ist nicht ohne politischen Anspruch, ihre Soziallehre hat sogar einen bedeutenden Beitrag bei Aufbau des deutschen Sozialstaats geleistet. Aber ihr Anspruch war immer auf Erleichterung des menschlichen Schicksals gerichtet, nie auf Besserung der menschlichen Natur oder gar deren Vervollkommnung. Der Katholik hält fest an der Trennung zwischen Diesseits und Jenseits. Er weiß, daß das Paradies nicht von dieser Welt ist, auch nicht sein kann, das macht ihn ausgesprochen utopieresistent.“ (71f.)
Donnerstag, 14. Mai 2009
Der Papst und die Medien
Ein paar Zitate:
"Man will den alten weisen Mann, der in seiner Güte, Geistesgröße und moralischen Konsequenz eine wandelnde Mahnung an das „bessere Ich“ und den inneren Schweinehund ist – partout selbst in Schuld verstrickt, entlarvt, gedemütigt und zu Kreuze kriechen sehen."
"Es konnte in diesen Wochen schon erschüttern, wie schnell Joseph Ratzingers Verdienste um die christlich-jüdische Aussöhnung weggewischt wurden. Aber nicht nur diese. Überhaupt verrutschten in der Eigendynamik des antirömischen Kesseltreibens die Proportionen: Papst Benedikt hat in den ersten vier Jahren seiner Amtszeit zwei allseits bewunderte Enzykliken und einen Bestseller über Jesus vorgelegt, zwei eindrucksvolle Weltjugendtage und eine Reihe höchst erfolgreicher Auslandsreisen – darunter auf so vermintes Terrain wie die Türkei, Polen (Auschwitz) und die USA – absolviert und wichtige Debatten über Religion und Vernunft sowie Glaube und Gewalt angestoßen. Eine absolute Mehrheit der Deutschen lobte seine Arbeit noch jüngst als „gut“ oder „sehr gut“. Nun soll er laut deutschen Leitmedien plötzlich eine „Fehlbesetzung“, ein „Pontifex der Pleiten und Pannen“ (Der Spiegel) sein, nur weil seine pastorale Versöhnungsgeste gegenüber den Piusbrüdern auch einen Mann mit abstrusen politischhistorischen Ideen betrifft?“
"Knapp vier Jahre nach Beginn des Pontifikats ist es mit der Beißhemmung in kirchenferner wie kircheninterner Öffentlichkeit endgültig vorbei: „Der Geifer, mit dem sich in diesen Tagen Journalisten auf den Papst stürzen, erinnert an eine Meute ausgehungerter Wölfe“ (Peter Seewald). Daß Benedikt XVI. „in schöner Regelmäßigkeit Kollisionen mit der real existierenden Welt“ passieren (Der Spiegel), ist aber gar kein Manko, sondern biblischer Normalfall und geradezu Qualitätsbeweis dieses Pontifikats, das von Anfang an spannend zu werden versprach.“
Mittwoch, 22. April 2009
Gezwitscher 2
Diese Tendenz zu kurzen, leicht verständlichen Häppchen hat längst auf die Literatur übergegriffen. Der kolumbianische Schriftsteller Memo Anjel erklärte 2005 in einem Interview:
"Ich glaube, die langen und labyrinthischen Kapitel funktionieren heutzutage nicht mehr. Die Leser haben sich gewandelt. Sie haben mehr Bilder im Kopf – aus dem Fernsehen, dem Internet, dem Kino. Die Zeit zum Lesen teilen sie mit anderen Aktivitäten."
Er zieht daraus die Konsequenz, daß heute kürzer und schneller geschrieben werden muß, was auch oft geschieht - die Poesie imitiert also die Wirklichkeit und folgt den Maßstäben ihrer Zeit. Dennoch gibt es noch Romanciers, die den Mut zu dem "Meer der Epik" haben, von dem Thomas Mann sprach, zu langen, tiefen, verschlungenen Kapiteln - den Mut also zu einer Poesie, die Gegenwelten erzeugt. Zu ihnen gehört z.B. Martin Mosebach.
Dienstag, 21. April 2009
Gezwitscher
Nun dürfte ein Medium, mit dem sich Präsenz markieren läßt, ohne daß man etwas Bedeutendes sagen muß, besonders für Politiker reizvoll sein. (Barack Obama hat's vorgemacht.) Und in der Tat: Die Liste mit "Politik-Tweeds" ist schnell gefunden. Hubertus Heil twittert ("Jetzt das Regierungsprogramm herunterladen!"), Volker Beck ("Minderheitenfeindlichkeit muss widersprochen werden."), David McAllister ("Niedersachsen profitiert von Europa besonders" - CDU beschließt Wahlprogramm zur Europawahl.").
Was für ein häßliches Medium!