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Sonntag, 26. Juni 2011

Deutschlektion: der, die oder das Kirche? Gar kein Artikel!

Es gibt im Deutschen Nomen, die auch im Singular ohne Artikel stehen. Dabei kann es sich erstens um Stoffbezeichnungen handeln, die eine unbestimmte Menge bezeichnen:

"Pudding macht dick."
"Babys mögen Brei."
"Auf der Straße ist Matsch."
"Das Kind wünscht sich Knete."

Oder zweitens um Sammelbezeichnungen, die ebenfalls eine unbestimmte Menge bezeichnen:

"Obst ist gesund."
"Im Stall steht Vieh."

Oder drittens um Abstrakta:

"Jetzt ist hier endlich Ruhe!"
"Dummheit ist keine Tugend."

Und dann gibt es noch "Kirche", jene Institution, die im Sprachgebrauch der sogenannten Liberalen und Reformorientierten ihren Artikel verloren hat:

"Kirche muss offener, demokratischer, frauenfreundlicher werden, Reformen wagen, zeigen, daß sie nützlich ist ..."

Was hat das zu bedeuten? Aus der klar definierten, konkreten, existierenden Kirche wird also eine unbestimmte Menge gemacht, eine breiartige Masse, die so wenig greifbar ist wie Pudding, keine klaren Grenzen hat, keinen Gesetzen folgt und so formbar ist wie Knete. Etwas, was man selbst gestalten kann. Oder gar ein Abstraktum, das weit entfernt ist, nicht mehr als eine Idee.

Immer geht es bei diesem Sprachgebrauch also darum, der Kirche ihre konkrete Form, jetzt und hier in dieser Zeit, abzusprechen. Sie wird zur willenlosen Masse oder zur Idee und verliert dadurch an Wirklichkeit. Die Kirche: An ihr orientiert man sich, ihre Gesetze gelten, sie ist Heimat. Kirche: etwas, was man nach den eigenen Bedürfnissen gestalten kann.

Sprache ist eben verräterisch.

Mittwoch, 10. Februar 2010

Deutschunterricht II

Erst nachdem ich es hundert Mal erklärt hatte, ist mir aufgefallen, wie merkwürdig das doch ist: Daß im Deutschen nicht nur, wie in vielen Sprachen, Namen, sondern alle Substantive großgeschrieben werden. Man schreibt groß, um etwas zu betonen oder Respekt zu bezeugen, erinnert sei an die barocke Schreibweise: GOtt. Der Wechsel zwischen Groß- und Kleinschreibung dient außerdem der Lesbarkeit eines Textes. Dennoch: Warum schreiben wir Substantive groß und nicht z.B. Verben? Wollen wir den Dingen und den Ideen einen besonderen Respekt zollen? Glauben wir an ihre Belebtheit? Fragen über Fragen.

Samstag, 2. Januar 2010

Das böse f-Wort

Es gibt Wörter, die jeden disqualifizieren, der sie ohne sprachkritische Absicht benutzt, und dieses f-Wort gehört zweifellos dazu: furios. Gerade las ich nach meinem adventlichen Internet-Verzicht in diversen Feuilletons herum, und da war es schon wieder. So schrieb die FAZ erst vor wenigen Tagen:

"Der neue Roman von Dietmar Dath [klar, von wem auch sonst?] ist eine furiose Abrechnung mit unserer Gegenwart aus „Nordic Walkern und Kackdackeln“, ein Tritt für prätentiöses Kunstgesäusel, ein doppelter für die Generation Upload und ein dreifacher für das belämmerte Kulturmanagement, ein brachial komischer Geistesblitzkrieg, der den guten alten „Kinostil“ revitalisiert..." usw.usw.

Himmel hilf!

Die WELT weiß über Johnny Depp zu berichten, daß "hunderte Fans" ihm "in Japan einen furiosen Empfang bereitet" haben, und findet auch den Auftakt eines Romans von Richard Morgiève "furios" (und übrigens, liebe WELT, der Mann schreibt sich am Ende mit "e", "Morgièv" ohne e sieht doch nun wirklich ganz furchtbar falsch aus, besonders, wenn es so in der Titelzeile steht!) Einen "furiosen Endspurt" haben außerdem die Mexikaner in der WM-Qualifikation hingelegt.

"Furios" hieß früher übrigens "wütend" oder "wild", bekannt ist der "rasende Roland" - "Orlando Furioso". In Karl Mays Erzählung "Auf den Nußbäumen" wird berichtet, daß "der Puls nicht mehr furios, sondern in einem lebhaften Allegro klopfte", und von Goethe ist überliefert, daß er gelegentlich "grob und furios" wurde.

Heute heißt "furios" alles Mögliche. Im FAZ-Archiv seit 1993 bekommt man für das Wort 665 Treffer. Eine Steigerung gibt es auch noch, ein weiteres böses f-Wort: "fulminant". FAZ: 585 Treffer. Und was als fulminant bezeichnet wird, muß nun wirklich der allerletzte Mist sein.

Donnerstag, 5. November 2009

Quacksager

Aus Nostalgie blätterte ich heute in Eckhard Henscheids "Dummdeutsch", einem 1993 erschienenen Wörterbuch der Worthülsen und sinnlosen Begriffe "aus vor allem Werbe- und Kommerzdeutsch, aus altem Feuilleton- und neuem Professorendeutsch (und umgekehrt), aus dem Deutsch der sogenannten Psychoszene und dem einer neuen Innerlichkeit, aus eher handfest-törichtem Presse- und Mediendeutsch, aus Sport- und Bürokratendeutsch" (Klappentext).

Der Geist der 80er und frühen 90er weht einen an an, wenn man Einträge liest wie

Angstkultur
Schamangst
Betroffenheitsschwelle
Verzweiflungsspirale
Drohkatastrophe
Bürgerbetroffenheit
Geborgenheitsunsicherheit
Gedenkstättenkonzept, integriertes
Bibelarbeit
Trauerarbeit
Glaubwürdigkeitslücke
Kommunikationsskulptur
Nicht-Wahrnehmungsstruktur
Paradigmen-Verflüchtigung
Verletzungserregung

Der ganze Schrott hat sich seitdem rasend vermehrt, und vieles ist noch genauso nervtötend wie vor 20 Jahren. Zwei Beispiele:

1. das unausrottbare "Sinn machen"

2. das hier:

"Weltethos. Nach der Weltpolitik, nach der Weltzeit, nach der auf Goethe zurückdatierenden Weltliteratur, nach der von den hessischen Grünen gegen Saddam Hussein und Bush postulierten "Welturabstimmung" pfiff mit dem => Projekt des "Weltethos" der Quacksager Hans Küng (Tübingen) pünktlich und eindeutig schon delirierend die 90er Jahre an. Sie werden offenbar noch immer turbodümmer."

Womit dazu alles gesagt wäre.

Samstag, 4. Juli 2009

Vertrauenerweckend

Heute nachmittag mal wieder gemerkt, wie wichtig für Blogger eine funktionierende Kamera wäre. Meine ist schon lange kaputt, sonst hätte ich das Schild photographiert, das ich an einem Juwelierladen im Bahnhofsviertel gesehen habe:

"Ohrloch und Nase stechen mit Infektionsmittel!"

Aber ohne Photo glaubt mir das ja sowieso niemand.

Dienstag, 12. Mai 2009

Sprachverfall

Unbedingt lesen: Alexander Kissler über die absurden Formulierungen der Kanzlerin.