Noch einmal Ruanda: Jean Hatzfeld hat die Täter-Perspektive untersucht, „Aschenblüte“ ist der Bericht einer Überlebenden des Völkermords. Immaculée Ilibagiza, eine Tutsi, hielt sich im Haus eines Hutu-Pfarrers versteckt. Mit sieben anderen Frauen verbrachte die junge Studentin drei Monate in einem winzigen Toilettenraum, vor dessen Eingang ein Kleiderschrank geschoben worden war. Das klingt unvorstellbar und ist es auch: acht Frauen drei Monate lang in einem Raum von nicht einmal zwei Quadratmetern. Sie durften nicht reden, konnten sich kaum bewegen, hatten wenig zu essen. Noch nicht einmal die Familie des Pfarrers durfte von ihnen wissen: „Sobald Blutgier in der Luft liegt, kann man niemandem mehr trauen, nicht einmal den eigenen Kindern,“ (S. 99) sagte der Pfarrer. Von draußen hörten die Frauen die schrecklichen Stimmen der Mörderbanden:
„Wir jagen sie in den Wäldern, auf Seen und Hügeln! Wir finden sie in der Kirche! Wir fegen sie vom Angesicht der Erde!“ [...] Hunderte von Männern umstanden das Haus, viele als Dämonen verkleidet, mit Röcken aus Baumrinde und Hemden aus getrockneten Bananenblättern, manche hatten sich sogar Ziegenhörner auf den Kopf gebunden. Ihre Gesichter waren trotz der gruseligen Kostümierung leicht zu erkennen und es stand Mordlust in ihren Augen. Sie johlten und brüllten. Wild mit ihren Speeren, Macheten und Messern fuchtelnd, vollführten sie eine Art Todestanz und sangen dabei das schaurige Lied des Völkermords: „Tötet sie, tötet sie, tötet sie alle. Tötet die Großen und die Kleinen! Tötet die Alten und die Jungen! Auch eine kleine Schlange ist eine Schlange, töte auch sie, lass sie nicht entkommen! Tötet sie, tötet sie, tötet sie alle!“ (S. 110f.)
Immaculée erlebte, wie Nachbarn und Freunde zu Mördern wurden, Menschen, die früher bei ihren Eltern zu Abend gegessen hatten. Ihre Eltern und zwei ihrer Brüder wurden ermordet. Doch Immaculée überlebte in ihrem Versteck, ohne Unterlaß betend. Die Mörder fanden sie nicht, obwohl sie das Haus des Pfarrers durchsuchten.
„Aschenblüte“ ist ein Buch über das Böse, das den immer gleichen Mustern folgt, egal wo es sich ereignet. Angst und Haß werden geschürt, das Opfer wird entmenschlicht, zu Ungeziefer erklärt, alle Schranken der Zivilisation fallen:
„Jungen Hutu wurde von Kindesbeinen an beigebracht, daß Tutsi minderwertig waren, daß man ihnen nicht trauen durfte und daß sie in Ruanda nichts zu suchen hatten. Die Hutu erlebten jeden Tag, wie Tutsi diskriminiert wurden, erst auf dem Schulhof, dann am Arbeitsplatz, und sie lernten, uns aller menschlichen Züge zu berauben, indem sie uns „Schlangen“ und „Kakerlaken“ nannten. Kein Wunder, daß sie uns so leicht töten konnten - Schlangen mußten schließlich getötet, Kakerlaken vernichtet werden!“ (S. 121)
Vor allem aber ist „Aschenblüte“ ein Buch über Vergebung. Es klingt unvorstellbar, daß sie dazu fähig war: Aber Immaculée hat den Mördern ihrer Familie vergeben – mit Gottes Hilfe.
„Die Killer waren ja wie Kinder. Ja, sie waren barbarische Geschöpfe, die für ihr Tun hart bestraft werden mußten, aber dennoch Kinder. Sie waren grausam, bösartig und brutal, wie Kinder manchmal sind, aber dennoch - sie waren Kinder. Sie sahen, verstanden aber nicht, welch schreckliches Leid sie anderen zufügten. Sie schlugen auf andere ein, ohne nachzudenken, sie mordeten ihre Tutsi-Brüder und -Schwestern, sie verletzten Gott - und sie begriffen nicht, wie sehr sie sich damit selbst schadeten. Ihr Geist hatte sich mit dem Bösen infiziert, das sich über das Land ausgebreitet hatte, aber ihre Seele war nicht böse. Trotz der Gräueltaten, die sie verübten, waren sie Kinder Gottes, und einem Kind konnte ich vergeben, auch wenn es nicht leicht sein würde - vor allem da dieses Kind mich umzubringen versuchte.“ (130f.)
Als Immaculée vergeben konnte, hat sie ihren Zorn und ihre Bitterkeit verloren. Sie begegnet den Mördern mit bedingungsloser Liebe. „Ich wurde gerettet, damit ich erzählen kann“ lautet der Untertitel ihres Buchs. Und sie erzählt, wie Liebe und Vergebung über den Haß siegen können und daß alles möglich ist, wenn man auf Gott vertraut. Ihr Bericht hat mich tief berührt.
Immaculée Ilibagiza: Aschenblüte. Ich wurde gerettet, damit ich erzählen kann, Berlin: Ullstein 2008.
Montag, 20. Juli 2009
Donnerstag, 9. Juli 2009
Samsons Faust
Hier ist Barbey d'Aurevilly vielleicht zum einzigen Mal in seinem Leben zu optimistisch:
"In der Literatur wie in der Kunst reicht es, eine Gruppe von Kennern zu haben. Sie ist gerade mal faustgroß - doch es ist Samsons Faust, die auf die Philister niederfährt und den Widerstand des dickbäuchigen Tiers Öffentliche Meinung am Ende immer bricht."
(Jules Barbey d’Aurevilly: Feinheit des Geistes rührt von Niedertracht, Berlin: Matthes & Seitz 2008, S. 79)
Freilich konnte im 19. Jahrhundert noch nicht einmal ein Kulturpessimist den Einfluß der Massenmedien vorausahnen, in denen einem auf allen Kanälen die meist ziemlich ähnlichen Meinungen von Journalisten entgegendröhnen. Immerhin: Die Kenner wandern oft ab ins Netz - Samsons Faust, das Netz? Wer weiß.
"In der Literatur wie in der Kunst reicht es, eine Gruppe von Kennern zu haben. Sie ist gerade mal faustgroß - doch es ist Samsons Faust, die auf die Philister niederfährt und den Widerstand des dickbäuchigen Tiers Öffentliche Meinung am Ende immer bricht."
(Jules Barbey d’Aurevilly: Feinheit des Geistes rührt von Niedertracht, Berlin: Matthes & Seitz 2008, S. 79)
Freilich konnte im 19. Jahrhundert noch nicht einmal ein Kulturpessimist den Einfluß der Massenmedien vorausahnen, in denen einem auf allen Kanälen die meist ziemlich ähnlichen Meinungen von Journalisten entgegendröhnen. Immerhin: Die Kenner wandern oft ab ins Netz - Samsons Faust, das Netz? Wer weiß.
Samstag, 4. Juli 2009
Vertrauenerweckend
Heute nachmittag mal wieder gemerkt, wie wichtig für Blogger eine funktionierende Kamera wäre. Meine ist schon lange kaputt, sonst hätte ich das Schild photographiert, das ich an einem Juwelierladen im Bahnhofsviertel gesehen habe:
"Ohrloch und Nase stechen mit Infektionsmittel!"
Aber ohne Photo glaubt mir das ja sowieso niemand.
"Ohrloch und Nase stechen mit Infektionsmittel!"
Aber ohne Photo glaubt mir das ja sowieso niemand.
Goethe
Ich hatte ja versprochen, Barbey d'Aurevillys Schrift "Gegen Goethe" zu besprechen. Das dauert leider noch ein bißchen. Deshalb als Vorgeschmack ein Zitat:
"Goethe ist aus den Trümmern zweier großer Männer gemacht: eines großen Dichters und eines großen Gelehrten. Die Natur brachte sie zusammen; doch hat das beiden nicht noch mehr geschadet?"
(Jules Barbey d'Aurevilly: Feinheit des Geistes rührt von Niedertracht, Berlin: Matthes & Seitz 2008, S. 30)
Da mag was dran sein. Mich hat Goethe immer kalt gelassen. Und der penetrante Triumphalismus, mit dem die Germanistik seit gefühlten Jahrhunderten Goethe als ersten Nicht-Christen unter den deutschen Dichtern feiert, ist wirklich enervierend.
Kürzlich sagte mir jemand, daß man "Wilhelm Meisters Lehrjahre" erst zu schätzen lernt, wenn man alt ist. Er meinte wohl: abgekühlt und saturiert. Denn das, was diesen Roman ausmacht, sein nüchternes Bekenntnis zum Vernünftig-Maßvollen – das ist nichts für jemanden, der noch Träume hat, nicht an die reine Gegenwärtigkeit des Lebens glauben will. Mir kam "Wilhelm Meister" immer ziemlich behäbig vor. Dort herrscht die flache Wirklichkeit. Novalis, dieses frühverstorbene Genie, schrieb über Wilhelm Meisters Lehrjahre: Sie seien „durchaus prosaïsch – und modern. Das Romantische geht darin zu Grunde – auch die Naturpoësie, das Wunderbare – Er handelt blos von gewöhnlichen menschlichen Dingen – die Natur und der Mystizism sind ganz vergessen. Es ist eine poëtisierte bürgerliche und häusliche Geschichte. Das Wunderbare darinn wird ausdrücklich, als Poesie und Schwärmerey, behandelt. Künstlerischer Atheïsmus ist der Geist des Buchs. Sehr viel Oeconomie – mit prosaïschem, wohlfeilen Stoff ein poëtischer Effect erreicht.“(HKA III, S. 638f.)
Doch, er hat recht!
"Goethe ist aus den Trümmern zweier großer Männer gemacht: eines großen Dichters und eines großen Gelehrten. Die Natur brachte sie zusammen; doch hat das beiden nicht noch mehr geschadet?"
(Jules Barbey d'Aurevilly: Feinheit des Geistes rührt von Niedertracht, Berlin: Matthes & Seitz 2008, S. 30)
Da mag was dran sein. Mich hat Goethe immer kalt gelassen. Und der penetrante Triumphalismus, mit dem die Germanistik seit gefühlten Jahrhunderten Goethe als ersten Nicht-Christen unter den deutschen Dichtern feiert, ist wirklich enervierend.
Kürzlich sagte mir jemand, daß man "Wilhelm Meisters Lehrjahre" erst zu schätzen lernt, wenn man alt ist. Er meinte wohl: abgekühlt und saturiert. Denn das, was diesen Roman ausmacht, sein nüchternes Bekenntnis zum Vernünftig-Maßvollen – das ist nichts für jemanden, der noch Träume hat, nicht an die reine Gegenwärtigkeit des Lebens glauben will. Mir kam "Wilhelm Meister" immer ziemlich behäbig vor. Dort herrscht die flache Wirklichkeit. Novalis, dieses frühverstorbene Genie, schrieb über Wilhelm Meisters Lehrjahre: Sie seien „durchaus prosaïsch – und modern. Das Romantische geht darin zu Grunde – auch die Naturpoësie, das Wunderbare – Er handelt blos von gewöhnlichen menschlichen Dingen – die Natur und der Mystizism sind ganz vergessen. Es ist eine poëtisierte bürgerliche und häusliche Geschichte. Das Wunderbare darinn wird ausdrücklich, als Poesie und Schwärmerey, behandelt. Künstlerischer Atheïsmus ist der Geist des Buchs. Sehr viel Oeconomie – mit prosaïschem, wohlfeilen Stoff ein poëtischer Effect erreicht.“(HKA III, S. 638f.)
Doch, er hat recht!
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Donnerstag, 2. Juli 2009
Und noch eine Lyrikseite
http://www.lyrikline.org. Schon seit 1999 im Netz. Ich kannte die Seite noch nicht, weil es mich eher zu älterer Dichtung hinzieht. Die Seite bringt zeitgenössische Poesie, gesprochen in der Originalsprache. In vielen verschiedenen Sprachen von Albanisch bis Wayuunaiki (eine Sprache die, wie die englische Wikipedia mitteilt, von 305.000 Personen in Venezuela und Kolumbien gesprochen wird). Schön! Dank an Christian für den Hinweis!
Mittwoch, 1. Juli 2009
Poesiealbum
Was man so alles im Netz findet: Erinnerungen an die Musik der 80er, die Serien von damals. Youtube ist reizvoll. Doch im Grunde sind es nur Erinnerungsschatten. Denn die Wirkung damals war anders, das alles gehörte in eine andere Zeit, und was die eigene Erinnerung an Verklärung hinzufügt, hebt das Netz wieder auf. Für Nostalgiker hat das Netz seine Tücken.
Anders ist es, wenn Erfahrungen durch das Netz aktualisiert werden. Das geschieht selten genug, kommt aber vor. Mitte der Neunziger war ich für eine Lokalzeitung auf einem Lyrikabend mit Lutz Görner, ich war beeindruckt. Lutz Görner trägt Gedichte vor, reist mit seinen außergewöhnlich erfolgreichen Programmen durch Deutschland, bringt so den Leuten Gedichte nahe und kann außerdem singen und mit viel didaktischem Talent erklären. Er leistet damit mehr für die Lyrik als sämtliche Germanistik-Professoren zusammen. Ich habe mir das Programm auf Kassette gekauft. (Ich besitze sie noch.) Heute ist Lutz Görner im Netz gut aufgestellt, mit Website und youtube-Kanal. Es gibt die Rubrik "Gedicht des Tages" und ein Gedichte-Archiv. Das alles ist für mich nicht dasselbe wie der Auftritt damals, der mir so gut gefallen hat. Aber es ist nicht bloß ein Schatten, sondern eben etwas ganz Anderes, ein richtig nettes Fundstück.
Anders ist es, wenn Erfahrungen durch das Netz aktualisiert werden. Das geschieht selten genug, kommt aber vor. Mitte der Neunziger war ich für eine Lokalzeitung auf einem Lyrikabend mit Lutz Görner, ich war beeindruckt. Lutz Görner trägt Gedichte vor, reist mit seinen außergewöhnlich erfolgreichen Programmen durch Deutschland, bringt so den Leuten Gedichte nahe und kann außerdem singen und mit viel didaktischem Talent erklären. Er leistet damit mehr für die Lyrik als sämtliche Germanistik-Professoren zusammen. Ich habe mir das Programm auf Kassette gekauft. (Ich besitze sie noch.) Heute ist Lutz Görner im Netz gut aufgestellt, mit Website und youtube-Kanal. Es gibt die Rubrik "Gedicht des Tages" und ein Gedichte-Archiv. Das alles ist für mich nicht dasselbe wie der Auftritt damals, der mir so gut gefallen hat. Aber es ist nicht bloß ein Schatten, sondern eben etwas ganz Anderes, ein richtig nettes Fundstück.
Samstag, 27. Juni 2009
Ein Verkannter
Bei Matthes & Seitz sind in den letzten Jahren einige Werke des französischen Kritikers und Schriftstellers Jules Barbey d'Aurevilly (1808-1889) erschienen. Ein durchaus mutiges Projekt, denn kaum ein anderer Schriftsteller ist so wenig mehrheits- oder gar massentauglich wie er: überzeugter Katholik, Reaktionär, Monarchist, Dandy – das alles macht ihn für die meisten nur verdächtig. So bleibt sein Publikum klein, aber erlesen. Es könnte sich aus folgenden Kreisen zusammensetzen:
1. Fortschrittsskeptiker. Wer quer zum Zeitgeist steht, freut sich über seine Aphorismen, etwa diesen: "Ach! Die Philosophie! Hegels Einheit der Substanz führt in der Politik zu uneingeschränktem Kosmopolitismus und in der Moral zur Verwirrung der Geschlechter... Geben Sie zu, die Possenreißerei hat ernste Folgen!" (Jules Barbey d'Aurevilly, Feinheit des Geistes rührt von Niedertracht, Berlin: Matthes & Seitz 2008, S.77)
2. Standhafte. Wer für etwas brennt und trotz aller Hindernisse dabei bleiben will, findet in ihm ein Vorbild. Barbey d'Aurevilly hielt durch. Er schrieb Romane und verdiente seinen Unterhalt bis an sein Lebensende mit Buchkritiken (1300 Kritiken in 50 Jahren). Und er bewahrte seinen Stil selbst dann noch, als er völlig verarmt war – den Stil eines Dandys, der sich an Vorbildern wie Lord Byron oder Beau Brummel orientiert. Er muß dabei ein wenig skurril gewirkt haben, z.B. trug er immer eine Reitgerte bei sich. Jedenfalls: Durch seine Art zu leben erhob er sich über die Wirklichkeit und ihre Widrigkeiten, und zwar auf eine Weise, die heute ungewohnt und kühn erschient.
3. Sensible, deren Seele nur eine dünne Schutzschicht hat. Barbey d'Aurevilly gehörte zu ihnen. Paul Bourget beschreibt ihn so: Er hatte "die Empfindlichkeit eines Menschen, der sich verschließt, verkrampft und aufregt statt sich einfach hinzugeben.“ [...] Er "versteckte seine Reizbarkeit hinter den kühnsten und manchmal beleidigenden Paradoxa. Er war dabei unendlich geistvoll und originell, was der Konversation unvergleichlichen Glanz verlieh. Wer ihn so hörte, ganz dem oft mit wildem Grimm geführten Gespräch ergeben, konnte kaum ahnen, daß das Feuerwerk eine furchtbar verletzliche Seele schützen sollte, die wegen eines Nichts zu bluten anfing. [...] Ein freies Wort, eine Nachlässigkeit, in der er Kühle zu erkennen glaubte, eine Geste, die er als feindselig interpretierte, setzte ihm gewaltig zu. Ein Fremder, der ihm nicht gefiel, konnte ihm echte Qual bereiten. Er steigerte sich dann in jene Aufgebrachtheit hinein, die sein Benehmen für viele Leute satanisch und gemein machte, wo er doch der beste Mensch war, gerührt durch jede Aufmerksamkeit, anhänglich, leutselig und liebenswürdig." (139f.)
Er selbst notierte zum Stichwort „Gefühl“: "Der Mensch ist nie Geist genug, um die Gefühle auszuschalten, und die stärksten sind verletzte. Die schönsten Eingebungen, diese Purpurblumen, die sich im Gehirn entfalten, wurzeln im Herzblut, und vielleicht ist das „Salz der Weisheit", von dem die Heiligen Bücher sprechen, nichts als das vergossener Tränen.“ (S. 99)
4. Zerrissene. Paul Bourget schreibt, daß seine "hohen Gaben nie ganz ihre Erfüllung fanden". Dies lag wohl auch an seiner Zwiespältigkeit. Er litt unter jener inneren Widersprüchlichkeit, die einen Dandy eigentlich erst ausmacht: Denn ein Dandy ist gierig nach der Bewunderung der Gesellschaft, die er eigentlich verachtet. Eine solche Haltung ist kräftezehrend. Und dennoch: Barbey d'Aurevilly fand einen Weg, daraus schöpferische Impulse zu gewinnen. Er brillierte mit scharfen Polemiken und beißender Kritik und unterhielt die literarischen Salons von Paris, in denen er verkehrte, mit treffenden Formulierungen. Seine Aphorismen gehören zu den besten, die je geschrieben wurden.
5. Goethe-Hasser. Niemand hat Goethe so beschimpft wie Jules Barbey d'Aurevilly in seiner Streitschrift „Gegen Goethe“. Dazu ein andermal mehr.
Warum ich ihn lese: Wenn ich mit der Welt hadere, tut es gut, seine Polemiken zur Hand zu nehmen. Es hat eine kathartische Wirkung: Das Fluchen, Wettern, Schmähen und Exkommunizieren nimmt er seinem Leser ab, und zwar auf formvollendete Weise. Bei ihm wird das Schimpfen zur Kunstform. Und wenn ich mit der Welt zufrieden bin, lese ich ihn auch: Denn in seinen Schriften und Romanen („Über das Dandytum“, „Die alte Maitresse“) lebt eine heute längst untergegangene Welt weiter. Und es ist schließlich immer das Fremde, dem Zeitgeist Ferne und Widerständige, das die Erkenntnis erweitert.
1. Fortschrittsskeptiker. Wer quer zum Zeitgeist steht, freut sich über seine Aphorismen, etwa diesen: "Ach! Die Philosophie! Hegels Einheit der Substanz führt in der Politik zu uneingeschränktem Kosmopolitismus und in der Moral zur Verwirrung der Geschlechter... Geben Sie zu, die Possenreißerei hat ernste Folgen!" (Jules Barbey d'Aurevilly, Feinheit des Geistes rührt von Niedertracht, Berlin: Matthes & Seitz 2008, S.77)
2. Standhafte. Wer für etwas brennt und trotz aller Hindernisse dabei bleiben will, findet in ihm ein Vorbild. Barbey d'Aurevilly hielt durch. Er schrieb Romane und verdiente seinen Unterhalt bis an sein Lebensende mit Buchkritiken (1300 Kritiken in 50 Jahren). Und er bewahrte seinen Stil selbst dann noch, als er völlig verarmt war – den Stil eines Dandys, der sich an Vorbildern wie Lord Byron oder Beau Brummel orientiert. Er muß dabei ein wenig skurril gewirkt haben, z.B. trug er immer eine Reitgerte bei sich. Jedenfalls: Durch seine Art zu leben erhob er sich über die Wirklichkeit und ihre Widrigkeiten, und zwar auf eine Weise, die heute ungewohnt und kühn erschient.
3. Sensible, deren Seele nur eine dünne Schutzschicht hat. Barbey d'Aurevilly gehörte zu ihnen. Paul Bourget beschreibt ihn so: Er hatte "die Empfindlichkeit eines Menschen, der sich verschließt, verkrampft und aufregt statt sich einfach hinzugeben.“ [...] Er "versteckte seine Reizbarkeit hinter den kühnsten und manchmal beleidigenden Paradoxa. Er war dabei unendlich geistvoll und originell, was der Konversation unvergleichlichen Glanz verlieh. Wer ihn so hörte, ganz dem oft mit wildem Grimm geführten Gespräch ergeben, konnte kaum ahnen, daß das Feuerwerk eine furchtbar verletzliche Seele schützen sollte, die wegen eines Nichts zu bluten anfing. [...] Ein freies Wort, eine Nachlässigkeit, in der er Kühle zu erkennen glaubte, eine Geste, die er als feindselig interpretierte, setzte ihm gewaltig zu. Ein Fremder, der ihm nicht gefiel, konnte ihm echte Qual bereiten. Er steigerte sich dann in jene Aufgebrachtheit hinein, die sein Benehmen für viele Leute satanisch und gemein machte, wo er doch der beste Mensch war, gerührt durch jede Aufmerksamkeit, anhänglich, leutselig und liebenswürdig." (139f.)
Er selbst notierte zum Stichwort „Gefühl“: "Der Mensch ist nie Geist genug, um die Gefühle auszuschalten, und die stärksten sind verletzte. Die schönsten Eingebungen, diese Purpurblumen, die sich im Gehirn entfalten, wurzeln im Herzblut, und vielleicht ist das „Salz der Weisheit", von dem die Heiligen Bücher sprechen, nichts als das vergossener Tränen.“ (S. 99)
4. Zerrissene. Paul Bourget schreibt, daß seine "hohen Gaben nie ganz ihre Erfüllung fanden". Dies lag wohl auch an seiner Zwiespältigkeit. Er litt unter jener inneren Widersprüchlichkeit, die einen Dandy eigentlich erst ausmacht: Denn ein Dandy ist gierig nach der Bewunderung der Gesellschaft, die er eigentlich verachtet. Eine solche Haltung ist kräftezehrend. Und dennoch: Barbey d'Aurevilly fand einen Weg, daraus schöpferische Impulse zu gewinnen. Er brillierte mit scharfen Polemiken und beißender Kritik und unterhielt die literarischen Salons von Paris, in denen er verkehrte, mit treffenden Formulierungen. Seine Aphorismen gehören zu den besten, die je geschrieben wurden.
5. Goethe-Hasser. Niemand hat Goethe so beschimpft wie Jules Barbey d'Aurevilly in seiner Streitschrift „Gegen Goethe“. Dazu ein andermal mehr.
Warum ich ihn lese: Wenn ich mit der Welt hadere, tut es gut, seine Polemiken zur Hand zu nehmen. Es hat eine kathartische Wirkung: Das Fluchen, Wettern, Schmähen und Exkommunizieren nimmt er seinem Leser ab, und zwar auf formvollendete Weise. Bei ihm wird das Schimpfen zur Kunstform. Und wenn ich mit der Welt zufrieden bin, lese ich ihn auch: Denn in seinen Schriften und Romanen („Über das Dandytum“, „Die alte Maitresse“) lebt eine heute längst untergegangene Welt weiter. Und es ist schließlich immer das Fremde, dem Zeitgeist Ferne und Widerständige, das die Erkenntnis erweitert.
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