Am Frühstückstisch einer in einem Vorort von London wohnenden achtbaren, obschon reichen Familie ... unterhielt man sich, anstatt wie üblich die neuesten Zeitungsmeldungen zu besprechen, ... über ein Ereignis, das in der unmittelbaren Nachbarschaft vorgefallen war. Man sagt solchen Leuten mitunter nach, sie hätten nichts anderes zu tun als zu klatschen. Aber in diesem Punkt sind sie erstaunlich unschuldig. Auf dem Dorf erzählen sich die Bauern noch wahre oder falsche Geschichten über ihre Nachbarn, aber die merkwürdigen Kulturmenschen der modernen Großstadt, die zwar alles glauben, was in der Zeitung über die Schlechtigkeit des Papstes oder das Martyrium des Königs der Kannibalen-Inseln steht, erfahren in der Aufregung über so viele interessante Neuigkeiten gar nicht, was im Nachbarhause vor sich geht. Die Nachricht aber, die an diesem Tag so viel Aufregung brachte, stammte nicht nur aus der Zeitung, sie betraf sogar die Familie unmittelbar, war doch in ihrem Leib- und Magenblatt der Stadtteil erwähnt worden, in dem sie wohnten. Jetzt erst waren sie etwas, denn der Name ihres Stadtteils hatte in der Zeitung gestanden! Dadurch waren sie genauso gegenständlich und wirklich geworden wie der König der Kannibalen-Inseln.
Das hat Gilbert Keith Chesterton 1927 in der Pater-Brown-Geschichte „Der Mann mit den zwei Bärten“ geschrieben. Bis auf die Tatsache, daß Familien beim Frühstück nicht mehr zusammensitzen, könnte man es heute Wort für Wort wiederholen. Wahrscheinlich trage ich hier Eulen nach Athen, aber ich hab' tatsächlich erst jetzt gemerkt, wieviel theologische Reflexion, wieviele Geistesblitze und ironische Spitzen Chesterton in diesen leichthändig erzählten Geschichten verpackt hat. Aber aufmerksam lesen, sonst verpasst man das Beste! (Das Zitat ist aus: Das schlimmste Verbrechen der Welt. Pater Brown Stories, Diogenes Verlag Zürich 2004, S. 41f.)
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Freitag, 21. Mai 2010
Montag, 19. April 2010
Gertrud von Le Fort: Die Letzte am Schafott
Kürzlich hat eine amerikanische Journalistin erklärt, daß die derzeitige antiklerikale Stimmung in den Medien an das vorrevolutionäre Frankreich des 18. Jahrhunderts erinnert:
"[Elizabeth] Lev sieht in der derzeitigen Haltung der Medien gegenüber der katholischen Kirche Parallelen zu den „anhaltenden feindlichen Attacken“, denen die katholischen Geistlichen sich vor der französischen Revolution ausgesetzt sahen, nachdem 1789 die Autorität des französischen Königs geschwächt war. Auch damals seien isolierte Einzelfälle von Priestern, die ein unmoralisches Leben führten, aufgebläht worden, um damit den Anschein zu verleihen, dass sich dieses Problem endemisch verbreitet habe und den gesamten Priesterstand betreffe. Ironischerweise sei das in einer Zeit passiert, in der der sexuelle Liberalismus weit verbreitet war."
Daraufhin habe ich noch einmal Gertrud von Le Forts "Die Letzte am Schafott" (1931) gelesen, eine Novelle, deren Stoff in der Zeit der Schreckensherrschaft der Französischen Revolution angesiedelt ist. Am 17. Juli 1794 erlitten sechzehn Schwestern des Karmels von Compiègne das Martyrium. Die Autorin stellt ihnen zwei Mitschwestern zur Seite: die Novizenmeisterin Marie de L'Incarnation, uneheliche Tochter eines Prinzen von Frankreich, eine majestätische und eindrucksvolle Persönlichkeit, und die ängstliche Novizin Blanche de la Force:
"Nie gab es ein an sich wohlgebildetes Kind von Adel, das sich so scheu bewegte und so unglücklich errötete wie Blanche de la Force. Der große Titel ihres Geschlechtes schien wie ein Plakat, das man ihr zu Unrecht angeheftet hatte, der stolze Name La Force geradezu wie ein Hohn. Nur Blanche traute man sich zuversichtlich sie zu rufen, wenn man nämlich an ihr erblassendes Gesichtchen dachte. Aber "Häschen" blieb doch der passendste Name." (S. 11)
Marie sehnt sich schon nach dem Martyrium, als außer ihr noch niemand glaubt, daß die Anhänger der Revolution vor Mord und Terror nicht zurückschrecken:
" Hieß es nicht vielmehr, gerade unsere humanen Zeiten auf das schwerste verkennen, wenn man sie der Blutgedanken zieh? Und war es nicht geradezu ein wenig lächerlich, ihnen die schreckliche Größe des eigentlichen Gotteshasses zuzutrauen, während man doch jedermann nur mit philosophischen Phrasen und den drückenden Fragen der staatlichen Finanznot beschäftigt sah?" (S. 35)
Doch bald schon ahnen die Schwestern, welches Schicksal ihnen bevorsteht. Während Marie sich auf das Opfer vorbereitet, zeigt sich immer deutlicher Blanches Berufung: Sie folgt Christus in die Todesangst hinein, harrt bei ihm aus, "während andere sich rüsteten, jubelnd [s]einen Tod zu sterben." (S. 42) Doch Blanches Nerven versagen, und sie flieht aus dem Kloster: "Sie allein wollte damals bei unserm Heiland in seiner Todesangst ausharren, und als ihre Kraft zusammenbrach, lief sie gleichsam in diese hinein." (S. 54)
Die Schwestern werden verhaftet, gerade als Marie von den Behörden nach Paris zitiert worden war: Sie bleibt in Freiheit, gegen ihren Willen. Ein Advokat versteckt sie, sie ist vom Opfer ausgeschlossen. Doch gerade dies ist das Opfer, das sie erbringen muß:
"Und doch liegt auch hier ein Todesopfer vor: es handelt sich um das schweigende Versinken dessen, was ein ganzes Menschenleben als seinen Sinn erkannte; es handelt sich um das Opfer des Opfers." (S. 68)
Maries letzte Hoffnung ist es, in der Menschenmenge versteckt ihre Schwestern auf dem Weg zum Schafott zu begleiten. Die Schwestern wollten singend aufs Schafott steigen, Marie möchte ihren Gesang vollenden. Auch diese Hoffnung erfüllt sich nicht, Marie bleibt auf Weisung eines Priesters in ihrem Versteck.
Die Schwestern singen vor ihrer Ermordung das Veni creator. Eine nach der anderen wird getötet, der Gesang wird dünner, ist am Ende nur noch von einer einzigen Stimme getragen. Doch da mischt sich eine "ganz kleine, feine, kindliche Stimme" in den Gesang hinein: Blanche singt das Veni creator ihrer Schwestern zu Ende, ganz allein, mitten im mordlustigen Pöbel, auf "der großen, blutigen, schrecklichen Place de la Révolution".
"Deo patri sit gloria
Et Filio, qui a mortuis
Surrexit ac Paraclito
In saeculorum saecula!"
Blanche darf tun, wonach Marie sich sehnte, was sie selbst aber fürchtete. Am Ende erlebt man nicht den "Sieg einer Heldin, sondern das Wunder in der Schwachen."
Und darin liegt die wichtigste Lehre, die man aus dieser Erzählung ziehen kann: Es geht nicht darum, den eigenen Willen durchzusetzen, die eigenen großartigen Pläne zur Erfüllung zu bringen.Wer Gottes Willen zu tun versucht und ihm gehorsam sein möchte, nähert sich dem Entwurf an, den Gott von ihm hat: Er wird sich selbst ähnlicher, wird so, wie er sein soll. Und dann wird auch das Schwierige, Problematische und Schwache zum Guten gewendet: Die stolze, starke Marie fügt sich demütig in ihr Schweigen. Blanche, die sich am liebsten verstecken würde, bezeugt mit ihrem Gesang mitten in einer zum Bösen entfesselten Menschenmenge ihren Glauben.
Hier noch mein liebstes Zitat:
"Die christliche Idee entzündet sich ja wie keine andere gerade an der Verfolgung; hier ist der Punkt, wo das natürliche Raffinement jeder Brutalität gegen sie in eine fast übernatürliche Dummheit umschlägt." (S. 29)
*************
alle Zitate aus: Gertrud von Le Fort: Die Letzte am Schafott, Stuttgart: reclam 2005.
"[Elizabeth] Lev sieht in der derzeitigen Haltung der Medien gegenüber der katholischen Kirche Parallelen zu den „anhaltenden feindlichen Attacken“, denen die katholischen Geistlichen sich vor der französischen Revolution ausgesetzt sahen, nachdem 1789 die Autorität des französischen Königs geschwächt war. Auch damals seien isolierte Einzelfälle von Priestern, die ein unmoralisches Leben führten, aufgebläht worden, um damit den Anschein zu verleihen, dass sich dieses Problem endemisch verbreitet habe und den gesamten Priesterstand betreffe. Ironischerweise sei das in einer Zeit passiert, in der der sexuelle Liberalismus weit verbreitet war."
Daraufhin habe ich noch einmal Gertrud von Le Forts "Die Letzte am Schafott" (1931) gelesen, eine Novelle, deren Stoff in der Zeit der Schreckensherrschaft der Französischen Revolution angesiedelt ist. Am 17. Juli 1794 erlitten sechzehn Schwestern des Karmels von Compiègne das Martyrium. Die Autorin stellt ihnen zwei Mitschwestern zur Seite: die Novizenmeisterin Marie de L'Incarnation, uneheliche Tochter eines Prinzen von Frankreich, eine majestätische und eindrucksvolle Persönlichkeit, und die ängstliche Novizin Blanche de la Force:
"Nie gab es ein an sich wohlgebildetes Kind von Adel, das sich so scheu bewegte und so unglücklich errötete wie Blanche de la Force. Der große Titel ihres Geschlechtes schien wie ein Plakat, das man ihr zu Unrecht angeheftet hatte, der stolze Name La Force geradezu wie ein Hohn. Nur Blanche traute man sich zuversichtlich sie zu rufen, wenn man nämlich an ihr erblassendes Gesichtchen dachte. Aber "Häschen" blieb doch der passendste Name." (S. 11)
Marie sehnt sich schon nach dem Martyrium, als außer ihr noch niemand glaubt, daß die Anhänger der Revolution vor Mord und Terror nicht zurückschrecken:
" Hieß es nicht vielmehr, gerade unsere humanen Zeiten auf das schwerste verkennen, wenn man sie der Blutgedanken zieh? Und war es nicht geradezu ein wenig lächerlich, ihnen die schreckliche Größe des eigentlichen Gotteshasses zuzutrauen, während man doch jedermann nur mit philosophischen Phrasen und den drückenden Fragen der staatlichen Finanznot beschäftigt sah?" (S. 35)
Doch bald schon ahnen die Schwestern, welches Schicksal ihnen bevorsteht. Während Marie sich auf das Opfer vorbereitet, zeigt sich immer deutlicher Blanches Berufung: Sie folgt Christus in die Todesangst hinein, harrt bei ihm aus, "während andere sich rüsteten, jubelnd [s]einen Tod zu sterben." (S. 42) Doch Blanches Nerven versagen, und sie flieht aus dem Kloster: "Sie allein wollte damals bei unserm Heiland in seiner Todesangst ausharren, und als ihre Kraft zusammenbrach, lief sie gleichsam in diese hinein." (S. 54)
Die Schwestern werden verhaftet, gerade als Marie von den Behörden nach Paris zitiert worden war: Sie bleibt in Freiheit, gegen ihren Willen. Ein Advokat versteckt sie, sie ist vom Opfer ausgeschlossen. Doch gerade dies ist das Opfer, das sie erbringen muß:
"Und doch liegt auch hier ein Todesopfer vor: es handelt sich um das schweigende Versinken dessen, was ein ganzes Menschenleben als seinen Sinn erkannte; es handelt sich um das Opfer des Opfers." (S. 68)
Maries letzte Hoffnung ist es, in der Menschenmenge versteckt ihre Schwestern auf dem Weg zum Schafott zu begleiten. Die Schwestern wollten singend aufs Schafott steigen, Marie möchte ihren Gesang vollenden. Auch diese Hoffnung erfüllt sich nicht, Marie bleibt auf Weisung eines Priesters in ihrem Versteck.
Die Schwestern singen vor ihrer Ermordung das Veni creator. Eine nach der anderen wird getötet, der Gesang wird dünner, ist am Ende nur noch von einer einzigen Stimme getragen. Doch da mischt sich eine "ganz kleine, feine, kindliche Stimme" in den Gesang hinein: Blanche singt das Veni creator ihrer Schwestern zu Ende, ganz allein, mitten im mordlustigen Pöbel, auf "der großen, blutigen, schrecklichen Place de la Révolution".
"Deo patri sit gloria
Et Filio, qui a mortuis
Surrexit ac Paraclito
In saeculorum saecula!"
Blanche darf tun, wonach Marie sich sehnte, was sie selbst aber fürchtete. Am Ende erlebt man nicht den "Sieg einer Heldin, sondern das Wunder in der Schwachen."
Und darin liegt die wichtigste Lehre, die man aus dieser Erzählung ziehen kann: Es geht nicht darum, den eigenen Willen durchzusetzen, die eigenen großartigen Pläne zur Erfüllung zu bringen.Wer Gottes Willen zu tun versucht und ihm gehorsam sein möchte, nähert sich dem Entwurf an, den Gott von ihm hat: Er wird sich selbst ähnlicher, wird so, wie er sein soll. Und dann wird auch das Schwierige, Problematische und Schwache zum Guten gewendet: Die stolze, starke Marie fügt sich demütig in ihr Schweigen. Blanche, die sich am liebsten verstecken würde, bezeugt mit ihrem Gesang mitten in einer zum Bösen entfesselten Menschenmenge ihren Glauben.
Hier noch mein liebstes Zitat:
"Die christliche Idee entzündet sich ja wie keine andere gerade an der Verfolgung; hier ist der Punkt, wo das natürliche Raffinement jeder Brutalität gegen sie in eine fast übernatürliche Dummheit umschlägt." (S. 29)
*************
alle Zitate aus: Gertrud von Le Fort: Die Letzte am Schafott, Stuttgart: reclam 2005.
Dienstag, 6. April 2010
Elisabeth Langgässer: Märkische Argonautenfahrt
Unser literarisches Bild der Nachkriegszeit ist von den Werken der Gruppe 47 geprägt: lakonisch im Stil, sozialkritisch und politisch links. Freilich gab es damals auch andere Stimmen: Elisabeth Langgässer zum Beispiel. Ihr Roman „Märkische Argonautenfahrt“ erschien 1950.
Mehr oder weniger zufällig kam mir das Buch vor kurzem in die Hände, und der Lektüreeinstieg war nicht leicht. Denn für den heutigen Leser bietet es ungewohnte Kost; es unterläuft die an der „Trümmerliteratur“ orientierten Erwartungen, wirkt irritierend und verstiegen, mystisch und mythologisch überfrachtet, dabei aber hochpoetisch. Sieben Menschen brechen im Hochsommer 1945 aus dem zerstörten Berlin in ein Kloster in der Mark Brandenburg auf, und die geschundene Landschaft wird zum mythologischen Zauberreich. Ein adäquater Umgang mit den traumatischen Erfahrungen dieser Zeit? Darüber mag man diskutieren, doch die größte Provokation liegt sicherlich darin, dass die Zeitereignisse nicht politisch, sondern religiös gedeutet werden. So steht am Anfang ein Gebet, gerichtet an eine heute vergessene Heilige, Franziska Xaviera Cabrini, den ersten heilig gesprochenen Menschen der USA:
„Heilige Mutter Cabrini zwischen den Kontinenten des sterbenden Europa und der menschenwimmelnden USA, zwischen dem Bild der zerschmetterten Schönheit und dem Bild der morgenrötlichen Kraft ..., du Bürgerin eines Volkes, dessen Ursprung der Pilger ist ...; Mutter Cabrini, Mutter der Pilger, der Waisenkinder, der Heimatlosen, Mutter, nach deren schlichtem Bildnis sich die Blicke der Armen und Hoffnungslosen gleich den Blicken der Auswanderer nach der Statue der Freiheit im Hafen kehren – aufgerichtete Säule der Kirche, an der die Mayflower festmacht und anlegt, jenes Schiff, das immer wieder den Duft und die Süße des traurigen Abendlandes zu geschichtlosen Küsten trägt – bitte für uns, die ganz Besiegten, die Schuldbeladenen, deren Gesicht, aus dem starren Nacken heruntergezogen, bei den Füßen im Staube liegt. Heilige Mutter Cabrini! Wir bitten dich: bitte für uns!“
Doch, dieser Ausflug in die exotische Welt vor der literarischen Monokultur der späteren Bundesrepublik hat sich gelohnt!
Mehr oder weniger zufällig kam mir das Buch vor kurzem in die Hände, und der Lektüreeinstieg war nicht leicht. Denn für den heutigen Leser bietet es ungewohnte Kost; es unterläuft die an der „Trümmerliteratur“ orientierten Erwartungen, wirkt irritierend und verstiegen, mystisch und mythologisch überfrachtet, dabei aber hochpoetisch. Sieben Menschen brechen im Hochsommer 1945 aus dem zerstörten Berlin in ein Kloster in der Mark Brandenburg auf, und die geschundene Landschaft wird zum mythologischen Zauberreich. Ein adäquater Umgang mit den traumatischen Erfahrungen dieser Zeit? Darüber mag man diskutieren, doch die größte Provokation liegt sicherlich darin, dass die Zeitereignisse nicht politisch, sondern religiös gedeutet werden. So steht am Anfang ein Gebet, gerichtet an eine heute vergessene Heilige, Franziska Xaviera Cabrini, den ersten heilig gesprochenen Menschen der USA:
„Heilige Mutter Cabrini zwischen den Kontinenten des sterbenden Europa und der menschenwimmelnden USA, zwischen dem Bild der zerschmetterten Schönheit und dem Bild der morgenrötlichen Kraft ..., du Bürgerin eines Volkes, dessen Ursprung der Pilger ist ...; Mutter Cabrini, Mutter der Pilger, der Waisenkinder, der Heimatlosen, Mutter, nach deren schlichtem Bildnis sich die Blicke der Armen und Hoffnungslosen gleich den Blicken der Auswanderer nach der Statue der Freiheit im Hafen kehren – aufgerichtete Säule der Kirche, an der die Mayflower festmacht und anlegt, jenes Schiff, das immer wieder den Duft und die Süße des traurigen Abendlandes zu geschichtlosen Küsten trägt – bitte für uns, die ganz Besiegten, die Schuldbeladenen, deren Gesicht, aus dem starren Nacken heruntergezogen, bei den Füßen im Staube liegt. Heilige Mutter Cabrini! Wir bitten dich: bitte für uns!“
Doch, dieser Ausflug in die exotische Welt vor der literarischen Monokultur der späteren Bundesrepublik hat sich gelohnt!
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Donnerstag, 2. Juli 2009
Und noch eine Lyrikseite
http://www.lyrikline.org. Schon seit 1999 im Netz. Ich kannte die Seite noch nicht, weil es mich eher zu älterer Dichtung hinzieht. Die Seite bringt zeitgenössische Poesie, gesprochen in der Originalsprache. In vielen verschiedenen Sprachen von Albanisch bis Wayuunaiki (eine Sprache die, wie die englische Wikipedia mitteilt, von 305.000 Personen in Venezuela und Kolumbien gesprochen wird). Schön! Dank an Christian für den Hinweis!
Samstag, 13. Juni 2009
Sterbekunst
Gerade habe ich vergeblich im Netz nach einem Artikel gesucht, den ich vor einigen Jahren irgendwo - ich glaube in der "Zeit" - gelesen habe. Dort hieß es sinngemäß: Früher mußten gute Schriftsteller möglichst präzise und ausführlich über Tod und Sterben schreiben können, heute über Sex. Natürlich braucht ein guter Schriftsteller sich seine Themen nicht von Rezensenten vorgeben zu lassen. Eine solche Aussage erlaubt eher Rückschlüsse auf den Zeitgeist, spiegelt eine Gesellschaft wider, die viele Tabus hat verschwindenlassen, andere Bereiche wiederum mit Verboten eingehegt hat. Der Tod, nicht mehr als Übergang, sondern als schreckliches Ende gedacht, weckt soviel Grauen, daß er sich hinter Eros verbergen muß.
Tatsache ist: Die größten Sterbeszenen der Weltliteratur sind nicht in unserer Gegenwart entstanden - erstaunlich viele jedoch noch im 20. Jahrhundert. Ein ganzes Kapitel widmet Tomasi di Lampedusa im "Leopard" (posthum 1958) dem Tod des Fürsten Salina. Im Augenblick des Todes erscheint ihm die Venus als Geleiterin ins Jenseits. Oder der "Bericht von Mont-kaws bescheidenem Sterben" aus Thomas Manns Joseph-Tetralogie, seiner 2000 Seiten zählenden Bearbeitung der alttestamentlichen Joseph-Erzählung. Josephs Worte an den sterbenden Mont-kaw, seinen Vorgänger als Potiphars Verwalter, sind tröstlich:
„Ruhe selig, mein Vater, zur Nacht! Siehe, ich wache und sorge für deine Glieder, während du völlig sorglos den Pfad des Trostes dahinziehen magst und dich um nichts mehr zu kümmern brauchst, denke doch nur und sei heiter: um gar nichts mehr! Um deine Glieder nicht, noch um die Geschäfte des Hauses, noch um dich selbst und was aus dir werden soll und wie es sein mag mit dem Leben nach diesem Leben, - das ist es ja eben, daß alles dies und das Ganze nicht deine Sache und Sorge ist und keinerlei Unruhe dich deswegen zu plagen braucht, sondern du's alles sein lassen kannst, wie es ist … es ist dafür bestens gesorgt, du aber hast ausgesorgt und kannst dich einfach betten ins Vorgesorgte. Ist das nicht herrlich bequem und beruhigend? ... Du wandelst hinaus und schlenderst heil und ledig dahin die Pfade des Trostes, die tiefer ins Tröstliche führen mit jedem Schritt. … Fahr wohl denn, mein Vater und Vorsteher! Im Lichte und in der Leichtigkeit sehen wir beide uns wieder."
Und nun Werfel. Zwei sehr unterschiedliche Sterbeszenen finden sich in "Der veruntreute Himmel" . Einmal der plötzliche Tod des 19-jährigen Philipp am Rande einer Feier. "Ich bin nämlich so furchtbar gern auf der Welt!" sagt er am Abend vor seinem Unfall, der ihn dem Leben regelrecht entreißt. Sein Tod weckt bei den Angehörigen Verzweiflung, die alte Magd Teta ist die Einzige "die mit dem Tode auskam": "Wer verhielt sich zur Frage aller Fragen geistiger, wir, die sogenannten Intellektuellen, die im Tode nur die Verwesung anerkannten, oder diese einfältige Köchin, die in ihm die bedenkenswerteste Stufe eines klaren und leuchtenden Weltenbaues sah? Ihre Vorstellungen von dieser lichten Architektur nannten wir kindlich und primitiv, wir aber, wir hatten nicht einmal kindliche und primitive Vorstellungen in uns, sondern das geistige Garnichts wie die Tiere. Wir klammerten uns mit ausgelöschten Seelen an überlieferte Gebräuche aus gedankenreicherer Zeit, um unsere Toten nicht sang- und klanglos einscharren zu müssen, wie sie und wir es verdient hätten." (S. 102)
Und dann Tetas Tod. Ihr ganzes Leben ist Vorbereitung auf das Jenseits, sie lebt "im Hinblick auf das Bleibende". Sie finanziert ihrem Neffen Mojmir, der Priester werden soll, das Theologiestudium. Auf diese Weise will sie sich, berechnend und lieblos, ihren Platz im Himmel sichern. Doch sie scheitert, wird von ihrem Neffen, der nicht Priester geworden ist, grausam betrogen. Sie fühlt sich schuldig, verstrickt in die Betrügereien ihres Neffen. Ihre Pilgerfahrt nach Rom dient der Läuterung; ihre letzten Tage gestalten sich als sanfter Übergang. Sie wird befreit von ihrem falschen Ehrgeiz, kann loslassen und wird getröstet.
Philipps Tod ist erschütternd, Tetas Tod anrührend und friedlich, so friedlich, daß man sich fragt: Ist uns das gestattet? Dieser versöhnte Blick und soviel Hoffnung? Ungewohnt ist das, doch Werfel stellt sich mit der Beschreibung von Tetas Sterben in eine Tradition, die heute vergessen ist: Man fühlt sich erinnert an die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche "Ars moriendi", die geistliche "Sterbekunst" - Erbauungsschriften, die einen Leitfaden gaben für einen guten Tod, auf das Sterben vorbereiteten und die Menschen lehrten, den Anfechtungen im Tod, den letzten Versuchungen, zu begegnen.
Ist das nicht viel besser als das heutige Verstummen vor dem Tod? Nicht nur der Umgang mit dem Tod hat sich gewandelt, sondern auch die Vorstellung des "schönen Todes": Während sich heute viele einen plötzlichen Tod, möglichst im Schlaf, wünschen, wäre dies in vergangenen Zeiten, die in vielen Fragen vernünftiger waren, eine grauenhafte Vorstellung gewesen. Der schöne Tod war der bewußte, der vorbereitete Tod, und dies klingt auch in der Allerheiligenlitanei an: "A subitanae et improvisa morte, libera nos Domine ."
Tatsache ist: Die größten Sterbeszenen der Weltliteratur sind nicht in unserer Gegenwart entstanden - erstaunlich viele jedoch noch im 20. Jahrhundert. Ein ganzes Kapitel widmet Tomasi di Lampedusa im "Leopard" (posthum 1958) dem Tod des Fürsten Salina. Im Augenblick des Todes erscheint ihm die Venus als Geleiterin ins Jenseits. Oder der "Bericht von Mont-kaws bescheidenem Sterben" aus Thomas Manns Joseph-Tetralogie, seiner 2000 Seiten zählenden Bearbeitung der alttestamentlichen Joseph-Erzählung. Josephs Worte an den sterbenden Mont-kaw, seinen Vorgänger als Potiphars Verwalter, sind tröstlich:
„Ruhe selig, mein Vater, zur Nacht! Siehe, ich wache und sorge für deine Glieder, während du völlig sorglos den Pfad des Trostes dahinziehen magst und dich um nichts mehr zu kümmern brauchst, denke doch nur und sei heiter: um gar nichts mehr! Um deine Glieder nicht, noch um die Geschäfte des Hauses, noch um dich selbst und was aus dir werden soll und wie es sein mag mit dem Leben nach diesem Leben, - das ist es ja eben, daß alles dies und das Ganze nicht deine Sache und Sorge ist und keinerlei Unruhe dich deswegen zu plagen braucht, sondern du's alles sein lassen kannst, wie es ist … es ist dafür bestens gesorgt, du aber hast ausgesorgt und kannst dich einfach betten ins Vorgesorgte. Ist das nicht herrlich bequem und beruhigend? ... Du wandelst hinaus und schlenderst heil und ledig dahin die Pfade des Trostes, die tiefer ins Tröstliche führen mit jedem Schritt. … Fahr wohl denn, mein Vater und Vorsteher! Im Lichte und in der Leichtigkeit sehen wir beide uns wieder."
Und nun Werfel. Zwei sehr unterschiedliche Sterbeszenen finden sich in "Der veruntreute Himmel" . Einmal der plötzliche Tod des 19-jährigen Philipp am Rande einer Feier. "Ich bin nämlich so furchtbar gern auf der Welt!" sagt er am Abend vor seinem Unfall, der ihn dem Leben regelrecht entreißt. Sein Tod weckt bei den Angehörigen Verzweiflung, die alte Magd Teta ist die Einzige "die mit dem Tode auskam": "Wer verhielt sich zur Frage aller Fragen geistiger, wir, die sogenannten Intellektuellen, die im Tode nur die Verwesung anerkannten, oder diese einfältige Köchin, die in ihm die bedenkenswerteste Stufe eines klaren und leuchtenden Weltenbaues sah? Ihre Vorstellungen von dieser lichten Architektur nannten wir kindlich und primitiv, wir aber, wir hatten nicht einmal kindliche und primitive Vorstellungen in uns, sondern das geistige Garnichts wie die Tiere. Wir klammerten uns mit ausgelöschten Seelen an überlieferte Gebräuche aus gedankenreicherer Zeit, um unsere Toten nicht sang- und klanglos einscharren zu müssen, wie sie und wir es verdient hätten." (S. 102)
Und dann Tetas Tod. Ihr ganzes Leben ist Vorbereitung auf das Jenseits, sie lebt "im Hinblick auf das Bleibende". Sie finanziert ihrem Neffen Mojmir, der Priester werden soll, das Theologiestudium. Auf diese Weise will sie sich, berechnend und lieblos, ihren Platz im Himmel sichern. Doch sie scheitert, wird von ihrem Neffen, der nicht Priester geworden ist, grausam betrogen. Sie fühlt sich schuldig, verstrickt in die Betrügereien ihres Neffen. Ihre Pilgerfahrt nach Rom dient der Läuterung; ihre letzten Tage gestalten sich als sanfter Übergang. Sie wird befreit von ihrem falschen Ehrgeiz, kann loslassen und wird getröstet.
Philipps Tod ist erschütternd, Tetas Tod anrührend und friedlich, so friedlich, daß man sich fragt: Ist uns das gestattet? Dieser versöhnte Blick und soviel Hoffnung? Ungewohnt ist das, doch Werfel stellt sich mit der Beschreibung von Tetas Sterben in eine Tradition, die heute vergessen ist: Man fühlt sich erinnert an die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche "Ars moriendi", die geistliche "Sterbekunst" - Erbauungsschriften, die einen Leitfaden gaben für einen guten Tod, auf das Sterben vorbereiteten und die Menschen lehrten, den Anfechtungen im Tod, den letzten Versuchungen, zu begegnen.
Ist das nicht viel besser als das heutige Verstummen vor dem Tod? Nicht nur der Umgang mit dem Tod hat sich gewandelt, sondern auch die Vorstellung des "schönen Todes": Während sich heute viele einen plötzlichen Tod, möglichst im Schlaf, wünschen, wäre dies in vergangenen Zeiten, die in vielen Fragen vernünftiger waren, eine grauenhafte Vorstellung gewesen. Der schöne Tod war der bewußte, der vorbereitete Tod, und dies klingt auch in der Allerheiligenlitanei an: "A subitanae et improvisa morte, libera nos Domine ."
Freitag, 5. Juni 2009
Schön gesagt
"Und ein Gebildeter ist wie eine unschuldige Wiese, auf der irgend jemand große schmutzige Zeitungsblätter auseinandergestreut hat...Kein hübscher Anblick... und verhungern muß man auch dabei..."
(Franz Werfel, Der veruntreute Himmel, S. 179)
Man muß zwar nicht zustimmen. Zumal Werfel diese Sätze einem Betrüger in den Mund gelegt hat. Aber die Metapher ist trotzdem schön.
(Franz Werfel, Der veruntreute Himmel, S. 179)
Man muß zwar nicht zustimmen. Zumal Werfel diese Sätze einem Betrüger in den Mund gelegt hat. Aber die Metapher ist trotzdem schön.
Dienstag, 19. Mai 2009
Mal wieder Mosebach...
Bei Mosebach brauche ich immer eine Weile , um mich einzulesen, und dann will ich nicht mehr aufhören. Gerade lese ich "Ruppertshain". Es ist wie immer bei Mosebach: Ich liebe das Buch, aber ich habe noch nie eine seiner Figuren gemocht. Ihnen haftet etwas an, was mir fremd ist und was ich nur mit Widerstand betrachte. Was genau? Schwer zu sagen. Vielleicht das Maßvolle, Satte, Abgeklärte. Sie schonen sich vor großen Gesten, hausieren mit ihren Kräften. Sie scheitern nicht großartig, sondern gehen dezent und leise unter. Sie wirken wie Protestanten ohne Ehrgeiz. Deren Streben nach Erfolg in der Welt heruntergeschliffen wurde auf eine Unbeweglichkeit des Gemüts, die vor allzu tiefem Fall schützt. Fanatismus ist ihnen fremd. Gewiß, Maß ist eine Tugend. Und es verrät vor allem etwas über mich selbst, wenn ich Figuren bevorzuge, die Grenzen überschreiten, verschieben wollen und daran scheitern.
Trotzdem war mir Mosebachs Antonia gerade für einen Augenblick richtig sympathisch, und zwar, als sie ihrem langjährigen Geliebten Albrecht, der ihr ein halbes Leben lang verschwiegen hat, daß er verheiratet ist, folgende Sätze ins Gesicht schleudert:
"Es war mir immer egal, ob du verheiratet warst oder nicht. Es war mir alles egal. Du bist nicht besonders interessant, Albrecht. Du bist uninteressant. Du bist langweilig. Du bist der langweiligste Mann, den ich je gesehen habe. Wenn ich mir vorstelle, wie langweilig du bist, dann muß ich an den Kosmos denken. Ich muß mir die Unendlichkeit vorstellen, damit ich die Langeweile, die du verströmst, hinreichend erfasse."
Da sprengen Wut und Enttäuschung jedes Maß, und das ist schön!
Trotzdem war mir Mosebachs Antonia gerade für einen Augenblick richtig sympathisch, und zwar, als sie ihrem langjährigen Geliebten Albrecht, der ihr ein halbes Leben lang verschwiegen hat, daß er verheiratet ist, folgende Sätze ins Gesicht schleudert:
"Es war mir immer egal, ob du verheiratet warst oder nicht. Es war mir alles egal. Du bist nicht besonders interessant, Albrecht. Du bist uninteressant. Du bist langweilig. Du bist der langweiligste Mann, den ich je gesehen habe. Wenn ich mir vorstelle, wie langweilig du bist, dann muß ich an den Kosmos denken. Ich muß mir die Unendlichkeit vorstellen, damit ich die Langeweile, die du verströmst, hinreichend erfasse."
Da sprengen Wut und Enttäuschung jedes Maß, und das ist schön!
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Montag, 18. Mai 2009
Samstag, 9. Mai 2009
1984
Noch einmal gelesen: Orwells "1984", und erstaunt über die Zeitlosigkeit dieses Entwurfs. Deutlich ist: Totalitarismus beginnt in den Köpfen. Jedes totalitäre System sucht die Kontrolle über die Wahrnehmung und die Gedanken des Einzelnen. Damit die Wirklichkeit geleugnet und einer Idee untergeordnet werden kann.
Deutlich wird auch: Einem totalitären System hat wenig entgegenzusetzen, wer seiner eigenen Wahrnehmung nicht vertraut, nicht den Versuch wagt, die Wahrheit selbst zu erkennen, nach Erkenntnis zu suchen mit den Mitteln seiner Vernunft. Deshalb: "Freedom is the freedom to say that two plus two make four."
Doch das Leugnen von Erkenntnissen, die auf der Hand liegen, ist heute zu einer Mode-Ideologie geworden. Der Konstruktivismus besteht in der Annahme, "dass jeder Mensch sich seine eigene Wirklichkeit konstruiert, also jeder Einzelne in einer anderen Wirklichkeit lebt und es somit keine für alle Menschen gleichermaßen gültige Wirklichkeit gibt". Warum er letztlich absurd ist, beschreibt Eugen Maria Schulak heute im EF-Blog.
Eins ist klar: Der Konstruktivismus raubt seinen Anhängern den Mut und das Vertrauen in ihre eigene Erkenntnisfähigkeit. Und wo es nichts zu verteidigen gibt, hat man einem Gegner, der entschlossener auftritt, nichts entgegenzusetzen. Deshalb halte ich den Konstruktivismus für gefährlich - auch wenn er sich selbst als Gegenentwurf zu jedem totalitären Denken betrachtet.
Orwell zeigt dagegen hellsichtig, was wirklich vor totalitären Systemen schützt: Literatur, Einsamkeit, Tagebuch-Schreiben, Individualität, Religion, Liebe, Familie, Musik, Natur. Und das Festhalten an der Wahrheit, die man selbst erkannt hat: "Being in a minority, even a minority of one, did not make you mad. There was truth and there was untruth, and if you clung to the truth even against the whole world, you were not mad."
Deutlich wird auch: Einem totalitären System hat wenig entgegenzusetzen, wer seiner eigenen Wahrnehmung nicht vertraut, nicht den Versuch wagt, die Wahrheit selbst zu erkennen, nach Erkenntnis zu suchen mit den Mitteln seiner Vernunft. Deshalb: "Freedom is the freedom to say that two plus two make four."
Doch das Leugnen von Erkenntnissen, die auf der Hand liegen, ist heute zu einer Mode-Ideologie geworden. Der Konstruktivismus besteht in der Annahme, "dass jeder Mensch sich seine eigene Wirklichkeit konstruiert, also jeder Einzelne in einer anderen Wirklichkeit lebt und es somit keine für alle Menschen gleichermaßen gültige Wirklichkeit gibt". Warum er letztlich absurd ist, beschreibt Eugen Maria Schulak heute im EF-Blog.
Eins ist klar: Der Konstruktivismus raubt seinen Anhängern den Mut und das Vertrauen in ihre eigene Erkenntnisfähigkeit. Und wo es nichts zu verteidigen gibt, hat man einem Gegner, der entschlossener auftritt, nichts entgegenzusetzen. Deshalb halte ich den Konstruktivismus für gefährlich - auch wenn er sich selbst als Gegenentwurf zu jedem totalitären Denken betrachtet.
Orwell zeigt dagegen hellsichtig, was wirklich vor totalitären Systemen schützt: Literatur, Einsamkeit, Tagebuch-Schreiben, Individualität, Religion, Liebe, Familie, Musik, Natur. Und das Festhalten an der Wahrheit, die man selbst erkannt hat: "Being in a minority, even a minority of one, did not make you mad. There was truth and there was untruth, and if you clung to the truth even against the whole world, you were not mad."
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Samstag, 25. April 2009
Der Tunnel
Die Erinnerung ist ein großer Gleichmacher. Stimmungen, Eindrücke bleiben haften, und Details, die nicht passen, werden passend gemacht. So geht es mir auch mit meinen Erinnerungen an den Deutschunterricht damals im Gymnasium. Die Grundstimmung, die haften geblieben ist, trifft die Sache gewiß gut: eine einzige Betroffenheitssuppe, in der Günther Wallraff und Dorothée Sölle schwimmen, und die wir essen sollten, um zu besseren Menschen zu werden. Literatur, so mußten wir damals vermuten, hatte den Zweck, das Problembewußtsein zu schärfen und das Weltbild der Schüler mit einfachen Wahrheiten einzuzäunen. So konnte zuletzt sogar der "Faust" heruntergebrochen werden auf Gretchens mißlungene Emanzipation. Den "Faust" freilich liest man erst kurz vor dem Abitur, und da wußte ich schon, daß Goethe nichts dafür konnte. Um andere Autoren mache ich noch immer einen großen Bogen. So bisher auch um Dürrenmatt. Wie allen Autoren, die ich in der Mittelstufe lesen mußte, brachte ich ihm Mißtrauen entgegen. Zu Unrecht, wie ich gestern erkannte. Ich las noch einmal seine Erzählung "Der Tunnel". Ein 24-jähriger Student , "fett, damit das Schreckliche hinter den Kulissen, welches er sah (das war seine Fähigkeit, vielleicht seine einzige) nicht allzu nah an ihn herankomme" , steigt in den Zug nach Zürich. Der Zug gerät in einen nicht endenden Tunnel und rast, immer schneller, in einen Abgrund. Der Lokführer ist, wie der Student feststellen muß, längst abgesprungen, der Führerstand leer.
Die Vielzahl der Deutungen, die diese kurze Erzählung hervorgerufen hat, zeigt, daß sie sich nicht auf einen Begriff bringen läßt, sich nicht von einem Begriff unterwerfen läßt. In den Alltag bricht ein unverständliches Geschehen ein, das Schreckliche, vor dem man sich nicht abschirmen kann; das Unerklärliche, vor dem man sich vergeblich mit Erklärungen zu schützen versucht: "Wir bewegen uns auf Schienen, der Tunnel muß also irgendwohin führen. Nichts beweist, daß am Tunnel etwas nicht in Ordnung ist, außer natürlich, daß er nicht aufhört."
Und so verweist diese kurze Erzählung zugleich auf die Grenzen menschlicher Erkenntnis wie auch auf die Freiheit der Literatur, Dinge zu sagen, die sich nicht ohne weiteres in einfache Welterklärungsmuster oder gar Handlungsanweisungen übersetzen lassen.
Die Vielzahl der Deutungen, die diese kurze Erzählung hervorgerufen hat, zeigt, daß sie sich nicht auf einen Begriff bringen läßt, sich nicht von einem Begriff unterwerfen läßt. In den Alltag bricht ein unverständliches Geschehen ein, das Schreckliche, vor dem man sich nicht abschirmen kann; das Unerklärliche, vor dem man sich vergeblich mit Erklärungen zu schützen versucht: "Wir bewegen uns auf Schienen, der Tunnel muß also irgendwohin führen. Nichts beweist, daß am Tunnel etwas nicht in Ordnung ist, außer natürlich, daß er nicht aufhört."
Und so verweist diese kurze Erzählung zugleich auf die Grenzen menschlicher Erkenntnis wie auch auf die Freiheit der Literatur, Dinge zu sagen, die sich nicht ohne weiteres in einfache Welterklärungsmuster oder gar Handlungsanweisungen übersetzen lassen.
Montag, 16. Februar 2009
Die Sirene
Das passiert selten: Beim Lesen im Zug habe ich ein Meisterwerk entdeckt. Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Die Sirene. Gäbe es nicht den "Leopard", hätte schon diese Erzählung den Fürsten von Lampedusa unsterblich machen müssen. Im Klappentext ist zu lesen: "So berichtet die Titelerzählung von einem alten Mann, der seit seiner Jugend einer zauberhaften Sirene verfallen ist und keine andere Frau mehr lieben kann." Der Held bloß ein alter Mann, kopflos einem mythischen Wesen verfallen? Nein. Er ist ein Titan, ein Halbgott, eine Existenz, wie sie heute kaum mehr gedacht werden kann, und hat die Liebe zu einer Unsterblichen erfahren. Man soll das Großartige nicht herunterbrechen auf das Gewöhnliche.
Sonntag, 15. Februar 2009
Den größten Verfallsroman aber...
schrieb Giuseppe Tomasi di Lampedusa: "Der Leopard". Weniger bekannt sind seine Erzählungen. "Freude und moralisches Gesetz" nahm mich vom ersten Satz an gefangen. Er lautet: "Als er in den Autobus stieg, belästigte er alle."
Joseph Roth lesen...
"Der Kaiser war ein alter Mann. Er war der älteste Kaiser der Welt. Rings um ihn wandelte der Tod im Kreis, im Kreis und mähte und mähte. Schon war das ganze Feld leer, und nur der Kaiser, wie ein vergessener silberner Halm, stand noch da und wartete."
Nicht in den "Buddenbrooks", sondern in dem anderen großen Verfallsroman der deutschen Literatur stehen diese vier Sätze: in Joseph Roths "Radetzkymarsch". Die "Buddenbrooks" wurden gerade wieder verfilmt. Weniger bekannt ist die von Roth erzählte Geschichte der Familie Trotta, in deren Geschicken sich der Niedergang der alten Donaumonarchie spiegelt. Groß und fern erscheint dieser Roman, vieles ist den heutigen Lesern fremd geworden: Denn er verlangt nicht nur Kenntnis der Geschichte, sondern auch ein Verständnis für den Begriff des Verfalls, ein Gespür also für den Wert des Verlorengegangenen und sich Verlierenden. Eines aber erschließt sich jedem Leser sofort: Bei Roth wird schön gestorben.
Nicht in den "Buddenbrooks", sondern in dem anderen großen Verfallsroman der deutschen Literatur stehen diese vier Sätze: in Joseph Roths "Radetzkymarsch". Die "Buddenbrooks" wurden gerade wieder verfilmt. Weniger bekannt ist die von Roth erzählte Geschichte der Familie Trotta, in deren Geschicken sich der Niedergang der alten Donaumonarchie spiegelt. Groß und fern erscheint dieser Roman, vieles ist den heutigen Lesern fremd geworden: Denn er verlangt nicht nur Kenntnis der Geschichte, sondern auch ein Verständnis für den Begriff des Verfalls, ein Gespür also für den Wert des Verlorengegangenen und sich Verlierenden. Eines aber erschließt sich jedem Leser sofort: Bei Roth wird schön gestorben.
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