Unser literarisches Bild der Nachkriegszeit ist von den Werken der Gruppe 47 geprägt: lakonisch im Stil, sozialkritisch und politisch links. Freilich gab es damals auch andere Stimmen: Elisabeth Langgässer zum Beispiel. Ihr Roman „Märkische Argonautenfahrt“ erschien 1950.
Mehr oder weniger zufällig kam mir das Buch vor kurzem in die Hände, und der Lektüreeinstieg war nicht leicht. Denn für den heutigen Leser bietet es ungewohnte Kost; es unterläuft die an der „Trümmerliteratur“ orientierten Erwartungen, wirkt irritierend und verstiegen, mystisch und mythologisch überfrachtet, dabei aber hochpoetisch. Sieben Menschen brechen im Hochsommer 1945 aus dem zerstörten Berlin in ein Kloster in der Mark Brandenburg auf, und die geschundene Landschaft wird zum mythologischen Zauberreich. Ein adäquater Umgang mit den traumatischen Erfahrungen dieser Zeit? Darüber mag man diskutieren, doch die größte Provokation liegt sicherlich darin, dass die Zeitereignisse nicht politisch, sondern religiös gedeutet werden. So steht am Anfang ein Gebet, gerichtet an eine heute vergessene Heilige, Franziska Xaviera Cabrini, den ersten heilig gesprochenen Menschen der USA:
„Heilige Mutter Cabrini zwischen den Kontinenten des sterbenden Europa und der menschenwimmelnden USA, zwischen dem Bild der zerschmetterten Schönheit und dem Bild der morgenrötlichen Kraft ..., du Bürgerin eines Volkes, dessen Ursprung der Pilger ist ...; Mutter Cabrini, Mutter der Pilger, der Waisenkinder, der Heimatlosen, Mutter, nach deren schlichtem Bildnis sich die Blicke der Armen und Hoffnungslosen gleich den Blicken der Auswanderer nach der Statue der Freiheit im Hafen kehren – aufgerichtete Säule der Kirche, an der die Mayflower festmacht und anlegt, jenes Schiff, das immer wieder den Duft und die Süße des traurigen Abendlandes zu geschichtlosen Küsten trägt – bitte für uns, die ganz Besiegten, die Schuldbeladenen, deren Gesicht, aus dem starren Nacken heruntergezogen, bei den Füßen im Staube liegt. Heilige Mutter Cabrini! Wir bitten dich: bitte für uns!“
Doch, dieser Ausflug in die exotische Welt vor der literarischen Monokultur der späteren Bundesrepublik hat sich gelohnt!
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Dienstag, 6. April 2010
Freitag, 5. Juni 2009
Schön gesagt
"Und ein Gebildeter ist wie eine unschuldige Wiese, auf der irgend jemand große schmutzige Zeitungsblätter auseinandergestreut hat...Kein hübscher Anblick... und verhungern muß man auch dabei..."
(Franz Werfel, Der veruntreute Himmel, S. 179)
Man muß zwar nicht zustimmen. Zumal Werfel diese Sätze einem Betrüger in den Mund gelegt hat. Aber die Metapher ist trotzdem schön.
(Franz Werfel, Der veruntreute Himmel, S. 179)
Man muß zwar nicht zustimmen. Zumal Werfel diese Sätze einem Betrüger in den Mund gelegt hat. Aber die Metapher ist trotzdem schön.
Dienstag, 19. Mai 2009
Mal wieder Mosebach...
Bei Mosebach brauche ich immer eine Weile , um mich einzulesen, und dann will ich nicht mehr aufhören. Gerade lese ich "Ruppertshain". Es ist wie immer bei Mosebach: Ich liebe das Buch, aber ich habe noch nie eine seiner Figuren gemocht. Ihnen haftet etwas an, was mir fremd ist und was ich nur mit Widerstand betrachte. Was genau? Schwer zu sagen. Vielleicht das Maßvolle, Satte, Abgeklärte. Sie schonen sich vor großen Gesten, hausieren mit ihren Kräften. Sie scheitern nicht großartig, sondern gehen dezent und leise unter. Sie wirken wie Protestanten ohne Ehrgeiz. Deren Streben nach Erfolg in der Welt heruntergeschliffen wurde auf eine Unbeweglichkeit des Gemüts, die vor allzu tiefem Fall schützt. Fanatismus ist ihnen fremd. Gewiß, Maß ist eine Tugend. Und es verrät vor allem etwas über mich selbst, wenn ich Figuren bevorzuge, die Grenzen überschreiten, verschieben wollen und daran scheitern.
Trotzdem war mir Mosebachs Antonia gerade für einen Augenblick richtig sympathisch, und zwar, als sie ihrem langjährigen Geliebten Albrecht, der ihr ein halbes Leben lang verschwiegen hat, daß er verheiratet ist, folgende Sätze ins Gesicht schleudert:
"Es war mir immer egal, ob du verheiratet warst oder nicht. Es war mir alles egal. Du bist nicht besonders interessant, Albrecht. Du bist uninteressant. Du bist langweilig. Du bist der langweiligste Mann, den ich je gesehen habe. Wenn ich mir vorstelle, wie langweilig du bist, dann muß ich an den Kosmos denken. Ich muß mir die Unendlichkeit vorstellen, damit ich die Langeweile, die du verströmst, hinreichend erfasse."
Da sprengen Wut und Enttäuschung jedes Maß, und das ist schön!
Trotzdem war mir Mosebachs Antonia gerade für einen Augenblick richtig sympathisch, und zwar, als sie ihrem langjährigen Geliebten Albrecht, der ihr ein halbes Leben lang verschwiegen hat, daß er verheiratet ist, folgende Sätze ins Gesicht schleudert:
"Es war mir immer egal, ob du verheiratet warst oder nicht. Es war mir alles egal. Du bist nicht besonders interessant, Albrecht. Du bist uninteressant. Du bist langweilig. Du bist der langweiligste Mann, den ich je gesehen habe. Wenn ich mir vorstelle, wie langweilig du bist, dann muß ich an den Kosmos denken. Ich muß mir die Unendlichkeit vorstellen, damit ich die Langeweile, die du verströmst, hinreichend erfasse."
Da sprengen Wut und Enttäuschung jedes Maß, und das ist schön!
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Montag, 18. Mai 2009
Sonntag, 17. Mai 2009
Sonntagnachmittag
Strahlendes Wetter, sonntags wird nicht gearbeitet, und ich schaue in eines meiner Lieblingsbücher hinein: Dostojewskij, "Schuld und Sühne", in der großartigen Übersetzung von Werner Bergengruen. Auch Swetlana Geiers Übersetzung von 1994 soll gut sein, habe ich gehört. Ich habe sie mir nie angeschafft, weil mich der Titel so sehr stört: "Verbrechen und Strafe" - das klingt nach law and order, sex and crime und irgendwie nach Richterin Barbara Salesch. Es klingt kalt und juristisch. Der russische Originaltitel soll in seiner genauen Bedeutung irgendwo zwischen "Schuld und Sühne" und "Verbrechen und Strafe" liegen. Wie auch immer: "Schuld und Sühne" trifft es im Deutschen einfach besser. Der Titel "Verbrechen und Strafe" tilgt den metaphysischen bzw. religiösen Gehalt des Romans, der aber eigentlich nicht weggedeutet werden kann. Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen: Dostojewskij, der größte Romancier aller Zeiten, war ein tiefgläubiger Christ, und das hat er in seinen Romanen nicht verschwiegen. Sein Werk läßt sich nicht herunterbrechen auf den Versuch, ein soziales Anliegen zur Sprache zu bringen. Das hat die marxistische Literaturwissenschaft versucht und ist daran gescheitert.
Hier nicht der letzte, sondern der vorletzte Satz:
"Allein hier beginnt bereits eine neue Geschichte, die Geschichte der stufenweisen Erneuerung eines Menschen, die Geschichte einer stufenweisen Wiedergeburt, eines stufenweisen Übergangs aus einer Welt in eine andere, eines stufenweisen Vertrautwerdens mit einer neuen, bisher völlig unbekannten Wirklichkeit."
Hier nicht der letzte, sondern der vorletzte Satz:
"Allein hier beginnt bereits eine neue Geschichte, die Geschichte der stufenweisen Erneuerung eines Menschen, die Geschichte einer stufenweisen Wiedergeburt, eines stufenweisen Übergangs aus einer Welt in eine andere, eines stufenweisen Vertrautwerdens mit einer neuen, bisher völlig unbekannten Wirklichkeit."
Samstag, 9. Mai 2009
1984
Noch einmal gelesen: Orwells "1984", und erstaunt über die Zeitlosigkeit dieses Entwurfs. Deutlich ist: Totalitarismus beginnt in den Köpfen. Jedes totalitäre System sucht die Kontrolle über die Wahrnehmung und die Gedanken des Einzelnen. Damit die Wirklichkeit geleugnet und einer Idee untergeordnet werden kann.
Deutlich wird auch: Einem totalitären System hat wenig entgegenzusetzen, wer seiner eigenen Wahrnehmung nicht vertraut, nicht den Versuch wagt, die Wahrheit selbst zu erkennen, nach Erkenntnis zu suchen mit den Mitteln seiner Vernunft. Deshalb: "Freedom is the freedom to say that two plus two make four."
Doch das Leugnen von Erkenntnissen, die auf der Hand liegen, ist heute zu einer Mode-Ideologie geworden. Der Konstruktivismus besteht in der Annahme, "dass jeder Mensch sich seine eigene Wirklichkeit konstruiert, also jeder Einzelne in einer anderen Wirklichkeit lebt und es somit keine für alle Menschen gleichermaßen gültige Wirklichkeit gibt". Warum er letztlich absurd ist, beschreibt Eugen Maria Schulak heute im EF-Blog.
Eins ist klar: Der Konstruktivismus raubt seinen Anhängern den Mut und das Vertrauen in ihre eigene Erkenntnisfähigkeit. Und wo es nichts zu verteidigen gibt, hat man einem Gegner, der entschlossener auftritt, nichts entgegenzusetzen. Deshalb halte ich den Konstruktivismus für gefährlich - auch wenn er sich selbst als Gegenentwurf zu jedem totalitären Denken betrachtet.
Orwell zeigt dagegen hellsichtig, was wirklich vor totalitären Systemen schützt: Literatur, Einsamkeit, Tagebuch-Schreiben, Individualität, Religion, Liebe, Familie, Musik, Natur. Und das Festhalten an der Wahrheit, die man selbst erkannt hat: "Being in a minority, even a minority of one, did not make you mad. There was truth and there was untruth, and if you clung to the truth even against the whole world, you were not mad."
Deutlich wird auch: Einem totalitären System hat wenig entgegenzusetzen, wer seiner eigenen Wahrnehmung nicht vertraut, nicht den Versuch wagt, die Wahrheit selbst zu erkennen, nach Erkenntnis zu suchen mit den Mitteln seiner Vernunft. Deshalb: "Freedom is the freedom to say that two plus two make four."
Doch das Leugnen von Erkenntnissen, die auf der Hand liegen, ist heute zu einer Mode-Ideologie geworden. Der Konstruktivismus besteht in der Annahme, "dass jeder Mensch sich seine eigene Wirklichkeit konstruiert, also jeder Einzelne in einer anderen Wirklichkeit lebt und es somit keine für alle Menschen gleichermaßen gültige Wirklichkeit gibt". Warum er letztlich absurd ist, beschreibt Eugen Maria Schulak heute im EF-Blog.
Eins ist klar: Der Konstruktivismus raubt seinen Anhängern den Mut und das Vertrauen in ihre eigene Erkenntnisfähigkeit. Und wo es nichts zu verteidigen gibt, hat man einem Gegner, der entschlossener auftritt, nichts entgegenzusetzen. Deshalb halte ich den Konstruktivismus für gefährlich - auch wenn er sich selbst als Gegenentwurf zu jedem totalitären Denken betrachtet.
Orwell zeigt dagegen hellsichtig, was wirklich vor totalitären Systemen schützt: Literatur, Einsamkeit, Tagebuch-Schreiben, Individualität, Religion, Liebe, Familie, Musik, Natur. Und das Festhalten an der Wahrheit, die man selbst erkannt hat: "Being in a minority, even a minority of one, did not make you mad. There was truth and there was untruth, and if you clung to the truth even against the whole world, you were not mad."
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Sonntag, 15. Februar 2009
Den größten Verfallsroman aber...
schrieb Giuseppe Tomasi di Lampedusa: "Der Leopard". Weniger bekannt sind seine Erzählungen. "Freude und moralisches Gesetz" nahm mich vom ersten Satz an gefangen. Er lautet: "Als er in den Autobus stieg, belästigte er alle."
Joseph Roth lesen...
"Der Kaiser war ein alter Mann. Er war der älteste Kaiser der Welt. Rings um ihn wandelte der Tod im Kreis, im Kreis und mähte und mähte. Schon war das ganze Feld leer, und nur der Kaiser, wie ein vergessener silberner Halm, stand noch da und wartete."
Nicht in den "Buddenbrooks", sondern in dem anderen großen Verfallsroman der deutschen Literatur stehen diese vier Sätze: in Joseph Roths "Radetzkymarsch". Die "Buddenbrooks" wurden gerade wieder verfilmt. Weniger bekannt ist die von Roth erzählte Geschichte der Familie Trotta, in deren Geschicken sich der Niedergang der alten Donaumonarchie spiegelt. Groß und fern erscheint dieser Roman, vieles ist den heutigen Lesern fremd geworden: Denn er verlangt nicht nur Kenntnis der Geschichte, sondern auch ein Verständnis für den Begriff des Verfalls, ein Gespür also für den Wert des Verlorengegangenen und sich Verlierenden. Eines aber erschließt sich jedem Leser sofort: Bei Roth wird schön gestorben.
Nicht in den "Buddenbrooks", sondern in dem anderen großen Verfallsroman der deutschen Literatur stehen diese vier Sätze: in Joseph Roths "Radetzkymarsch". Die "Buddenbrooks" wurden gerade wieder verfilmt. Weniger bekannt ist die von Roth erzählte Geschichte der Familie Trotta, in deren Geschicken sich der Niedergang der alten Donaumonarchie spiegelt. Groß und fern erscheint dieser Roman, vieles ist den heutigen Lesern fremd geworden: Denn er verlangt nicht nur Kenntnis der Geschichte, sondern auch ein Verständnis für den Begriff des Verfalls, ein Gespür also für den Wert des Verlorengegangenen und sich Verlierenden. Eines aber erschließt sich jedem Leser sofort: Bei Roth wird schön gestorben.
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