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Freitag, 10. September 2010

Kitsch, Intrigen, Mittelmaß: die deutsche Nachkriegsliteratur

Wer etwa noch Illusionen über die deutsche Nachkriegsliteratur hatte, dem werden sie durch den neuesten Essay von Thorsten Hinz, dem wortgewaltigen Autor der Jungen Freiheit, gründlich geraubt. In dem Bändchen „Literatur aus der Schuldkolonie“ präsentiert er die erste Garde der Nachkriegsautoren als einen Klüngel von Zeitgeistrittern, der seine Quasimonopolstellung durch eine Mischung aus Doppelmoral, Opportunismus und handfester Intrige errungen hat. Gemeint sind die Autoren der sogenannten Gruppe 47, deren jahrzehntelange Vormachtstellung erst heute allmählich durch den (über-)fälligen Generationenwechsel zu Ende geht.
Hinz' gedankliche Grundfigur ist in dem Begriff der Schuldtranszendez ausgedrückt. Er meint die Verabsolutierung des Holocaust zum Menschheitsverbrechen, die den Deutschen nach '45 eine unlebbare Negatividentität aufgezwungen habe. Das ist natürlich starker Tobak und für die Jünger der Political Correctness eine Blasphemie. Aber es erweist sich als probater Schlüssel für die Irrungen und Wirrungen deutscher Literatur nach 1945. Hinz macht für die Entstehung dieses Vorstellungskomplexes zwei Urheber verantwortlich: Die Amerikaner und Thomas Mann. Die Amerikaner mit ihrem Versuch der „Re-Education“ der Deutschen, Thomas Mann mit seinem Roman „Doktor Faustus“. Er appliziert das Motiv des Teufelspaktes auf den vermeintlich zum Diabolischen geneigten deutschen Nationalcharakter und gelangt so zur Gleichsetzung alles Deutschen mit dem absolut Bösen. Die Konsequenz, nach Hinz: „So erscheinen die Kultur und Geschichte Deutschlands als ein diabolisch inspiriertes Schuldverhängnis, das sich in der Raserei des Nationalsozialismus vollendet ... und durch die Kriegsgegner verdientermaßen an sein Ende gebracht wird.“
Es blieb den Autoren der Gruppe 47 vorbehalten, diese Grundidee zu verflachen, zu popularisieren und weiter zu entfalten. Alfred Andersch etwa feierte 1952 in den „Kirschen der Freiheit“ seine eigene Desertion bei Kriegsende als notwendige Delegitimation der Loyalität zum eigenen Volk, gerechtfertigt dadurch, daß „die Deutschen als Nation tot sein würden, so wie alle Nationen“. Wolfgang Koeppen gelang in seinem „Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ (1948) zum ersten Mal der Kunstgriff, sich bei der Darstellung der NS-Zeit nachträglich in die Perspektive der Opfer zu versetzen (hier des Juden Jakob Littner), ein Verfahren, das bis heute für sicheren Beifall gut ist. Und Heinrich Böll, der Großmeister der von ihm selbst ausgerufenen „Ästhetik des Humanen“, schaffte in den 60er Jahren den Übergang vom Vergangenheitsbewältiger zum moralisierenden Gesellschaftskritiker: Sein „Clown“ Hans Schnier, der nichts arbeitet, aber die Gesellschaft ständig mit hysterischen Anklagen überzieht, wäre heute als Leiter eines staatlich finanzierten Antirassismus-Projekts prädestiniert. Und die Hauptfigur aus „Gruppenbild mit Dame“, Leni Pfeiffer, nimmt gar die ganze Last der deutschen Geschichte auf sich. Sie bekommt ihr erstes Kind von einem russischen Kriegsgefangenen, ihr zweites von einem türkischen Gastarbeiter. In derartigem Sozialkitsch ruhen unverkennbar die geistigen Fundamente der heutigen Multikulti-Republik.
Das aufschlußreichste Kapitel des Buches behandelt den Schriftsteller Gerd Gaiser, der in den fünfziger Jahren die historischen Ereignisse nicht aus der Perspektive der Sieger, sondern aus einer einer deutschen Binnensicht zu zeichnen versuchte. Das konnte die linke Intelligentsia nicht dulden, und so wurde Gaiser durch eine konzertierte Attacke der Kritiker Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki literarisch vernichtet. An seiner Stelle schob das Literatur-Establishment den mittelmäßigen Böll in den Vordergrund. An diesem Beispiel wird besonders deutlich, wie viel der Siegeszug der Gruppe 47 mit Repression und geistiger Uniformisierung zu tun hatte. Hinz ist ein scharfsinniges, funkelndes Buch gelungen, das trotz seines schmalen Umfangs mehr Erkenntnis vermittelt als manch dickleibiger Germanistenwälzer.

Thorsten Hinz: Literatur aus der Schuldkolonie. Schreiben in Deutschland nach 1945. Schnellroda: Edition Antaios 2010.

Freitag, 18. Juni 2010

Skandale und Skandälchen

Die Macht der Massenmedien stützt sich auf eine gut geölte Empörungsmaschinerie, die mit immer neuen Skandalen gefüttert werden muß. Manche Institutionen geben sich besonders bereitwillig als Skandallieferanten her. Vor allem solche, deren Vertreter das Spiel nicht durchschauen und mitunter sogar glauben, sie könnten mit dem Teufel ins Bett gehen, ohne dabei Schaden zu nehmen.

In anderen Bereichen setzt man auf die Inszenierung von Skandalen, um das Geschäft am Laufen zu halten. Oft verfährt der Kulturbetrieb so.  Manche Strategien, einen Skandal zu lancieren, haben sich freilich abgenutzt: Wenn eine Sängerin sich als Nonne verkleidet auf einem Bett wälzt,  zieht heute kaum jemand auch nur die linke Augenbraue hoch.

Leicht herstellen lassen sich Skandale im Literaturbetrieb. Da reicht es, wenn einer ein Buch über irgendjemanden schreibt, irgendwas zu enthüllen droht, die Gegenseite mit rechtlichen Schritten droht, das Feuilleton eifrig sekundiert...

Ich kenne schon den Literatur-Sommerskandal 2010: FAZ und Welt kündigen ihn gleichzeitig an. Ex-Suhrkamp-Autor Norbert Gstrein hat einen Roman über Suhrkamp und Verlegerin Ulla Unseld geschrieben, über jenen Verlag also, der so eng mit dem Zeitgeist der 68er verbunden ist, daß ihm eine Neupositionierung heute nur schwer gelingen kann. Gstrein bezeichnet sein Werk als „Prosa mit schwerem Wirklichkeitsgewicht“, Richard Kämmerlings raunt in der FAZ:

"Wenn man sagt, Gstrein sei mit der Materie vertraut, dann meint das nicht nur die recherchierbaren Fakten, sondern mehr noch die Gerüchte, Mythen und Legenden, die sich um die Gestalt der Verlegerin winden: den immer wieder kolportierten Hang zur schwarzen Magie, die Beschäftigung von Heilern und Wahrsagern, ihr gnostisches Weltbild, das für sie selbst eine heilsgeschichtliche Rolle vorsieht, ihre Paranoia."

Die Welt kündigt den erst in zwei Monaten erscheinenden Roman als "Ulla-Pronographie" an. Ist also alles dabei, Sex, Okkultismus und Intrigen, der Skandal kann kommen.  Doch wer weiß, vielleicht ist das diesmal doch alles zu belanglos, denn nichts ist langweiliger als solche Insider-Geschichten aus einem Milieu, das ohnehin zu nervtötender Selbstbespiegelung neigt. Romane über den Literaturbetrieb sind halt im besten Fall eine Verfallsstufe des Gesellschaftsromans, im schlimmsten Fall eine private Abrechnung. Ich weiß schon, welches Buch so schnell nicht auf meiner Sommer-Leseliste landen wird. Und ich wünsche mir sehnlichst gute Bücher, deren Ruf sich nicht auf Skandälchen gründet.

Montag, 19. April 2010

Gertrud von Le Fort: Die Letzte am Schafott

Kürzlich hat eine amerikanische Journalistin erklärt, daß die derzeitige antiklerikale Stimmung in den Medien an das vorrevolutionäre Frankreich des 18. Jahrhunderts erinnert:

"[Elizabeth] Lev sieht in der derzeitigen Haltung der Medien gegenüber der katholischen Kirche Parallelen zu den „anhaltenden feindlichen Attacken“, denen die katholischen Geistlichen sich vor der französischen Revolution ausgesetzt sahen, nachdem 1789 die Autorität des französischen Königs geschwächt war. Auch damals seien isolierte Einzelfälle von Priestern, die ein unmoralisches Leben führten, aufgebläht worden, um damit den Anschein zu verleihen, dass sich dieses Problem endemisch verbreitet habe und den gesamten Priesterstand betreffe. Ironischerweise sei das in einer Zeit passiert, in der der sexuelle Liberalismus weit verbreitet war."

Daraufhin habe ich noch einmal Gertrud von Le Forts "Die Letzte am Schafott" (1931) gelesen, eine Novelle, deren Stoff in der Zeit der Schreckensherrschaft der Französischen Revolution angesiedelt ist. Am 17. Juli 1794 erlitten sechzehn Schwestern des Karmels von Compiègne das Martyrium. Die Autorin stellt ihnen zwei Mitschwestern zur Seite: die Novizenmeisterin Marie de L'Incarnation, uneheliche Tochter eines Prinzen von Frankreich, eine majestätische und eindrucksvolle Persönlichkeit, und die ängstliche Novizin Blanche de la Force:

"Nie gab es ein an sich wohlgebildetes Kind von Adel, das sich so scheu bewegte und so unglücklich errötete wie Blanche de la Force. Der große Titel ihres Geschlechtes schien wie ein Plakat, das man ihr zu Unrecht angeheftet hatte, der stolze Name La Force geradezu wie ein Hohn. Nur Blanche traute man sich zuversichtlich sie zu rufen, wenn man nämlich an ihr erblassendes Gesichtchen dachte. Aber "Häschen" blieb doch der passendste Name." (S. 11)

Marie sehnt sich schon nach dem Martyrium, als außer ihr noch niemand glaubt, daß die Anhänger der Revolution vor Mord und Terror nicht zurückschrecken:

" Hieß es nicht vielmehr, gerade unsere humanen Zeiten auf das schwerste verkennen, wenn man sie der Blutgedanken zieh? Und war es nicht geradezu ein wenig lächerlich, ihnen die schreckliche Größe des eigentlichen Gotteshasses zuzutrauen, während man doch jedermann nur mit philosophischen  Phrasen und den drückenden Fragen der staatlichen Finanznot beschäftigt sah?" (S. 35)

Doch bald schon ahnen die Schwestern, welches Schicksal ihnen bevorsteht. Während Marie sich auf das Opfer vorbereitet, zeigt sich immer deutlicher Blanches Berufung: Sie folgt Christus in die Todesangst hinein, harrt bei ihm aus, "während andere sich rüsteten, jubelnd [s]einen Tod zu sterben." (S. 42) Doch Blanches Nerven versagen, und sie flieht aus dem Kloster: "Sie allein wollte damals bei unserm Heiland in seiner Todesangst ausharren, und als ihre Kraft zusammenbrach, lief sie gleichsam in diese hinein." (S. 54)

Die Schwestern werden verhaftet, gerade als Marie von den Behörden nach Paris zitiert worden war: Sie bleibt in Freiheit, gegen ihren Willen. Ein Advokat versteckt sie, sie ist vom Opfer ausgeschlossen. Doch gerade dies ist das Opfer, das sie erbringen muß:

"Und doch liegt auch hier ein Todesopfer vor: es handelt sich um das schweigende Versinken dessen, was ein ganzes Menschenleben als seinen Sinn erkannte; es handelt sich um das Opfer des Opfers." (S. 68)

Maries letzte Hoffnung ist es, in der Menschenmenge versteckt ihre Schwestern auf dem Weg zum Schafott zu begleiten. Die Schwestern wollten singend aufs Schafott steigen, Marie möchte ihren Gesang vollenden. Auch diese Hoffnung erfüllt sich nicht, Marie bleibt auf Weisung eines Priesters in ihrem Versteck.

Die Schwestern singen vor ihrer Ermordung das Veni creator. Eine nach der anderen wird getötet, der Gesang wird dünner, ist am Ende nur noch von einer einzigen Stimme getragen. Doch da mischt sich eine "ganz kleine, feine, kindliche Stimme" in den Gesang hinein: Blanche singt das Veni creator ihrer Schwestern zu Ende, ganz allein, mitten im mordlustigen Pöbel, auf "der großen, blutigen, schrecklichen Place de la Révolution".

"Deo patri sit gloria
Et Filio, qui a mortuis
Surrexit ac Paraclito
In saeculorum saecula!"

Blanche darf tun, wonach Marie sich sehnte, was sie selbst aber fürchtete. Am Ende erlebt man nicht den "Sieg einer Heldin, sondern das Wunder in der Schwachen."

Und darin liegt die wichtigste Lehre, die man aus dieser Erzählung ziehen kann: Es geht nicht darum, den eigenen Willen durchzusetzen, die eigenen großartigen Pläne zur Erfüllung zu bringen.Wer Gottes Willen zu tun versucht und ihm gehorsam sein möchte, nähert sich dem Entwurf an, den Gott von ihm hat: Er wird sich selbst ähnlicher, wird so, wie er sein soll. Und dann wird auch das Schwierige, Problematische und Schwache zum Guten gewendet: Die stolze, starke Marie fügt sich demütig in ihr Schweigen. Blanche, die sich am liebsten verstecken würde, bezeugt mit ihrem Gesang mitten in einer zum Bösen entfesselten Menschenmenge ihren Glauben.

Hier noch mein liebstes Zitat:

"Die christliche Idee entzündet sich ja wie keine andere gerade an der Verfolgung;  hier ist der Punkt, wo das natürliche Raffinement jeder Brutalität gegen sie in eine fast übernatürliche Dummheit umschlägt." (S. 29)

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alle Zitate aus: Gertrud von Le Fort: Die Letzte am Schafott, Stuttgart: reclam 2005.

Samstag, 4. Juli 2009

Goethe

Ich hatte ja versprochen, Barbey d'Aurevillys Schrift "Gegen Goethe" zu besprechen. Das dauert leider noch ein bißchen. Deshalb als Vorgeschmack ein Zitat:

"Goethe ist aus den Trümmern zweier großer Männer gemacht: eines großen Dichters und eines großen Gelehrten. Die Natur brachte sie zusammen; doch hat das beiden nicht noch mehr geschadet?"
(Jules Barbey d'Aurevilly: Feinheit des Geistes rührt von Niedertracht, Berlin: Matthes & Seitz 2008, S. 30)

Da mag was dran sein. Mich hat Goethe immer kalt gelassen. Und der penetrante Triumphalismus, mit dem die Germanistik seit gefühlten Jahrhunderten Goethe als ersten Nicht-Christen unter den deutschen Dichtern feiert, ist wirklich enervierend.

Kürzlich sagte mir jemand, daß man "Wilhelm Meisters Lehrjahre" erst zu schätzen lernt, wenn man alt ist. Er meinte wohl: abgekühlt und saturiert. Denn das, was diesen Roman ausmacht, sein nüchternes Bekenntnis zum Vernünftig-Maßvollen – das ist nichts für jemanden, der noch Träume hat, nicht an die reine Gegenwärtigkeit des Lebens glauben will. Mir kam "Wilhelm Meister" immer ziemlich behäbig vor. Dort herrscht die flache Wirklichkeit. Novalis, dieses frühverstorbene Genie, schrieb über Wilhelm Meisters Lehrjahre: Sie seien „durchaus prosaïsch – und modern. Das Romantische geht darin zu Grunde – auch die Naturpoësie, das Wunderbare – Er handelt blos von gewöhnlichen menschlichen Dingen – die Natur und der Mystizism sind ganz vergessen. Es ist eine poëtisierte bürgerliche und häusliche Geschichte. Das Wunderbare darinn wird ausdrücklich, als Poesie und Schwärmerey, behandelt. Künstlerischer Atheïsmus ist der Geist des Buchs. Sehr viel Oeconomie – mit prosaïschem, wohlfeilen Stoff ein poëtischer Effect erreicht.“(HKA III, S. 638f.)
Doch, er hat recht!

Samstag, 13. Juni 2009

Sterbekunst

Gerade habe ich vergeblich im Netz nach einem Artikel gesucht, den ich vor einigen Jahren irgendwo - ich glaube in der "Zeit" - gelesen habe.  Dort hieß es sinngemäß: Früher mußten gute Schriftsteller möglichst präzise und ausführlich über Tod und Sterben schreiben können, heute über Sex.  Natürlich braucht ein guter Schriftsteller sich seine Themen nicht von Rezensenten vorgeben zu lassen. Eine solche Aussage erlaubt eher Rückschlüsse auf den Zeitgeist, spiegelt eine Gesellschaft wider, die viele Tabus hat verschwindenlassen, andere Bereiche wiederum mit Verboten eingehegt hat.  Der Tod, nicht mehr als Übergang, sondern als schreckliches Ende gedacht, weckt soviel Grauen, daß er sich hinter Eros verbergen muß.

Tatsache ist: Die größten Sterbeszenen der Weltliteratur sind nicht in unserer Gegenwart entstanden - erstaunlich viele jedoch noch im 20. Jahrhundert. Ein ganzes  Kapitel widmet Tomasi di Lampedusa im "Leopard" (posthum 1958) dem Tod des Fürsten Salina. Im Augenblick des Todes erscheint ihm die Venus als Geleiterin ins Jenseits. Oder der "Bericht von Mont-kaws bescheidenem Sterben" aus Thomas Manns Joseph-Tetralogie, seiner 2000 Seiten zählenden Bearbeitung der alttestamentlichen Joseph-Erzählung. Josephs Worte an den sterbenden Mont-kaw, seinen Vorgänger als Potiphars Verwalter, sind tröstlich:

„Ruhe selig, mein Vater, zur Nacht! Siehe, ich wache und sorge für deine Glieder, während du völlig sorglos den Pfad des Trostes dahinziehen magst und dich um nichts mehr zu kümmern brauchst, denke doch nur und sei heiter: um gar nichts mehr! Um deine Glieder nicht, noch um die Geschäfte des Hauses, noch um dich selbst und was aus dir werden soll und wie es sein mag mit dem Leben nach diesem Leben, - das ist es ja eben, daß alles dies und das Ganze nicht deine Sache und Sorge ist und keinerlei Unruhe dich deswegen zu plagen braucht, sondern du's alles sein lassen kannst, wie es ist … es ist dafür bestens gesorgt, du aber hast ausgesorgt und kannst dich einfach betten ins Vorgesorgte. Ist das nicht herrlich bequem und beruhigend? ... Du wandelst hinaus und schlenderst heil und ledig dahin die Pfade des Trostes, die tiefer ins Tröstliche führen mit jedem Schritt. … Fahr wohl denn, mein Vater und Vorsteher! Im Lichte und in der Leichtigkeit sehen wir beide uns wieder."

Und nun Werfel. Zwei sehr unterschiedliche Sterbeszenen finden sich in "Der veruntreute Himmel" . Einmal der plötzliche Tod des 19-jährigen Philipp am Rande einer Feier. "Ich bin nämlich so furchtbar gern auf der Welt!" sagt er am Abend vor seinem Unfall, der ihn dem Leben regelrecht entreißt.  Sein Tod weckt  bei den Angehörigen Verzweiflung, die alte Magd Teta ist die Einzige "die mit dem Tode auskam": "Wer verhielt sich zur Frage aller Fragen geistiger, wir, die sogenannten Intellektuellen, die im Tode nur die Verwesung anerkannten, oder diese einfältige Köchin, die in ihm die bedenkenswerteste Stufe eines klaren und leuchtenden Weltenbaues sah? Ihre Vorstellungen von dieser lichten Architektur nannten wir kindlich und primitiv, wir aber, wir hatten nicht einmal kindliche und primitive Vorstellungen in uns, sondern das geistige Garnichts wie die Tiere. Wir klammerten uns mit ausgelöschten Seelen an überlieferte Gebräuche aus gedankenreicherer Zeit, um unsere Toten nicht sang- und klanglos einscharren zu müssen, wie sie und wir es verdient hätten." (S. 102)

Und dann Tetas Tod. Ihr ganzes Leben ist Vorbereitung auf das Jenseits, sie lebt "im Hinblick auf das Bleibende". Sie finanziert ihrem Neffen Mojmir, der Priester werden soll, das Theologiestudium. Auf diese Weise will sie sich, berechnend und lieblos, ihren Platz im Himmel sichern. Doch sie scheitert, wird von ihrem Neffen, der nicht Priester geworden ist, grausam betrogen. Sie fühlt sich schuldig, verstrickt in die Betrügereien ihres Neffen. Ihre Pilgerfahrt nach Rom dient der Läuterung; ihre letzten Tage gestalten sich als sanfter Übergang. Sie wird befreit von ihrem falschen Ehrgeiz, kann loslassen und wird getröstet.

 Philipps Tod ist erschütternd, Tetas Tod anrührend und friedlich, so friedlich, daß man sich fragt: Ist uns das gestattet?  Dieser versöhnte Blick und soviel Hoffnung?  Ungewohnt ist das, doch Werfel stellt sich mit der Beschreibung von Tetas Sterben in eine Tradition, die heute vergessen ist: Man fühlt sich erinnert an die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche "Ars moriendi", die geistliche "Sterbekunst" - Erbauungsschriften, die einen Leitfaden gaben für einen guten Tod, auf das Sterben vorbereiteten und die Menschen lehrten, den Anfechtungen im Tod, den letzten Versuchungen, zu begegnen.

Ist das nicht viel besser als das heutige Verstummen vor dem Tod? Nicht nur der Umgang mit dem Tod hat sich gewandelt, sondern auch die Vorstellung des "schönen Todes": Während sich heute viele einen plötzlichen Tod, möglichst im Schlaf, wünschen, wäre dies in vergangenen Zeiten, die in vielen Fragen vernünftiger waren, eine grauenhafte Vorstellung gewesen.  Der schöne Tod war der bewußte, der vorbereitete Tod, und dies klingt  auch in der Allerheiligenlitanei an: "A subitanae et improvisa morte, libera nos Domine ."

Dienstag, 19. Mai 2009

Mal wieder Mosebach...

Bei Mosebach brauche ich immer eine Weile , um mich einzulesen,  und dann will ich nicht mehr aufhören. Gerade lese ich "Ruppertshain". Es ist wie immer bei Mosebach: Ich liebe das Buch, aber ich habe noch nie eine seiner Figuren gemocht. Ihnen haftet etwas an, was mir fremd ist und was ich nur mit Widerstand betrachte. Was genau? Schwer zu sagen. Vielleicht das Maßvolle, Satte, Abgeklärte. Sie schonen sich vor großen Gesten, hausieren mit ihren Kräften. Sie scheitern nicht großartig, sondern gehen dezent und leise unter. Sie wirken wie Protestanten ohne Ehrgeiz. Deren Streben nach Erfolg in der Welt heruntergeschliffen wurde auf eine Unbeweglichkeit des Gemüts, die vor allzu tiefem Fall schützt. Fanatismus ist ihnen fremd. Gewiß, Maß ist eine Tugend. Und es verrät vor allem etwas über mich selbst, wenn ich Figuren bevorzuge, die Grenzen überschreiten, verschieben wollen und daran scheitern.

Trotzdem war mir Mosebachs Antonia gerade für einen Augenblick richtig sympathisch, und zwar, als sie ihrem langjährigen Geliebten Albrecht, der ihr ein halbes Leben lang verschwiegen hat, daß er verheiratet ist, folgende Sätze ins Gesicht schleudert:

"Es war mir immer egal, ob du verheiratet warst oder nicht. Es war mir alles egal. Du bist nicht besonders interessant, Albrecht. Du bist uninteressant. Du bist langweilig. Du bist der langweiligste Mann, den ich je gesehen habe. Wenn ich mir vorstelle, wie langweilig du bist, dann muß ich an den Kosmos denken. Ich muß mir die Unendlichkeit vorstellen, damit ich die Langeweile, die du verströmst, hinreichend erfasse."

Da sprengen Wut und Enttäuschung jedes Maß, und das ist schön!

Samstag, 25. April 2009

Der Tunnel

Die Erinnerung ist ein großer Gleichmacher. Stimmungen, Eindrücke bleiben haften, und Details, die nicht passen, werden passend gemacht. So geht es mir auch mit meinen Erinnerungen an den Deutschunterricht damals im Gymnasium. Die Grundstimmung, die haften geblieben ist, trifft die Sache gewiß gut: eine einzige Betroffenheitssuppe, in der Günther Wallraff und Dorothée Sölle schwimmen, und die wir essen sollten, um zu besseren Menschen zu werden. Literatur, so mußten wir damals vermuten, hatte den Zweck, das Problembewußtsein zu schärfen und das Weltbild der Schüler mit einfachen Wahrheiten einzuzäunen. So konnte zuletzt sogar der "Faust" heruntergebrochen werden auf Gretchens mißlungene Emanzipation. Den "Faust" freilich liest man erst kurz vor dem Abitur, und da wußte ich schon, daß Goethe nichts dafür konnte. Um andere Autoren mache ich noch immer einen großen Bogen. So bisher auch um Dürrenmatt.  Wie allen Autoren, die ich in der Mittelstufe lesen mußte, brachte ich ihm  Mißtrauen entgegen. Zu Unrecht, wie ich gestern erkannte. Ich las noch einmal seine Erzählung "Der Tunnel".  Ein 24-jähriger Student , "fett, damit das Schreckliche hinter den Kulissen, welches er sah (das war seine Fähigkeit, vielleicht seine einzige) nicht allzu nah an ihn herankomme" , steigt in den Zug nach Zürich. Der Zug gerät in einen nicht endenden Tunnel und rast, immer schneller, in einen Abgrund.  Der Lokführer ist, wie der Student feststellen muß, längst abgesprungen, der Führerstand leer.

Die Vielzahl der Deutungen, die diese kurze Erzählung hervorgerufen hat, zeigt, daß sie sich nicht auf einen Begriff bringen läßt, sich nicht von einem Begriff  unterwerfen läßt. In den Alltag bricht ein unverständliches Geschehen ein, das Schreckliche, vor dem man sich nicht abschirmen kann; das Unerklärliche, vor dem man sich vergeblich mit Erklärungen zu schützen versucht: "Wir bewegen uns auf Schienen, der Tunnel muß also irgendwohin führen. Nichts beweist, daß am Tunnel etwas nicht in Ordnung ist, außer natürlich, daß er nicht aufhört."

Und so verweist diese kurze Erzählung zugleich auf die Grenzen menschlicher Erkenntnis wie auch auf die Freiheit der Literatur, Dinge zu sagen, die sich nicht ohne weiteres in einfache Welterklärungsmuster oder gar Handlungsanweisungen übersetzen lassen.

Sonntag, 15. Februar 2009

Joseph Roth lesen...

"Der Kaiser war ein alter Mann. Er war der älteste Kaiser der Welt. Rings um ihn wandelte der Tod im Kreis, im Kreis und mähte und mähte. Schon war das ganze Feld leer, und nur der Kaiser, wie ein vergessener silberner Halm, stand noch da und wartete."

Nicht in den "Buddenbrooks", sondern in dem anderen großen Verfallsroman der deutschen Literatur stehen diese vier Sätze: in Joseph Roths "Radetzkymarsch". Die "Buddenbrooks" wurden gerade wieder verfilmt.  Weniger bekannt ist die von Roth erzählte Geschichte der Familie Trotta, in  deren Geschicken sich der Niedergang der alten Donaumonarchie spiegelt. Groß und fern erscheint dieser Roman, vieles ist den heutigen Lesern fremd geworden: Denn er verlangt nicht nur Kenntnis der Geschichte, sondern auch ein Verständnis für den Begriff des Verfalls, ein Gespür also für den Wert des Verlorengegangenen und sich Verlierenden. Eines aber erschließt sich jedem Leser sofort: Bei Roth wird schön gestorben.