Eine Ansage in der Straßenbahn: “Dom / Römer. Zum Frankfurter Weihnachtsmarkt bitte hier aussteigen.” Hat sich jemand im Kalender geirrt? Der Geruch von gebrannten Mandeln und Fritierfett umweht mich, Imbißstände auf dem Römerberg. Und ich fürchte, diesmal fangen sie schon im Hochsommer mit dem Weihnachtsmarkt an. Morgen beginnt der August, bald gibt es wieder Lebkuchen im Supermarkt. Doch diesmal falscher Alarm, das Fest nennt sich “Mainfest”. Besucherströme drängen in Richtung Stände, ich suche mir einen anderen Weg. In der Fußgängerzone Berge von silbernglänzenden, leeren Plastikbechern unter überquellenden Mülleimern. Leute in Gruppen, alle mit einem Becher Eiskaffee in der Hand, es gibt etwas umsonst. Eine Menschentraube, Kartons, eine Frau verteilt angestrengt Kaffeebecher. Sie werden an Ort und Stelle geöffnet, ausgetrunken, fallengelassen. Manche bleiben inmitten von Müllbergen stehen. Lauter trinkende Menschen, die es sich nicht ausgesucht haben, dieses Getränk zu dieser Zeit zu trinken. An einem der Plastiktische eines Schnellrestaurants sitzen zwei Männer, jeder hat drei Becher Eiskaffee vor sich stehen, sie strahlen vor Erobererstolz. Gelungene Werbung. Ich weiche jemandem aus und trete in eine Kaffeepfütze. Ein junger Mann will mir eine Frankfurter Rundschau aufdrängen, “Einmal probelesen, die Dame?”, hält mir die Zeitung direkt vors Gesicht, ich will sie nicht einmal geschenkt. Frankfurt ist heute anstrengend. Und das alles ist der Grund, warum ich gerade Oscar Wildes Gedichte lese: um Lebensekel mit Lebensekel zu vertreiben.
Taedium Vitae
Mir meiner Jugend eigner Mörder sein
In dieses leeren Daseins närrischer Tracht,
Zu fühlen, wie Gemeinheit ärmer macht,
Und wie die Seele krankt in Liebespein,
Und blindem Zufall mich zum Sklaven weihn -
Ich schwör's: ich lieb es nicht! Geringer acht
Ich dies als Schaum, der auf den Wassern lacht,
Als samenlose Distelflocken. Nein,
Viel besser fern von diesen Narren stehn,
Fern ihrem Unverstand und rohen Spotte,
Und sich verkriechen in der tiefsten Grotte,
Als in den heisern Streit zurückzugehn,
Wo mir zum erstenmal der sündigen Lüste
Gemeiner Mund die weiße Seele küsste!
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Samstag, 1. August 2009
Donnerstag, 2. Juli 2009
Und noch eine Lyrikseite
http://www.lyrikline.org. Schon seit 1999 im Netz. Ich kannte die Seite noch nicht, weil es mich eher zu älterer Dichtung hinzieht. Die Seite bringt zeitgenössische Poesie, gesprochen in der Originalsprache. In vielen verschiedenen Sprachen von Albanisch bis Wayuunaiki (eine Sprache die, wie die englische Wikipedia mitteilt, von 305.000 Personen in Venezuela und Kolumbien gesprochen wird). Schön! Dank an Christian für den Hinweis!
Mittwoch, 1. Juli 2009
Poesiealbum
Was man so alles im Netz findet: Erinnerungen an die Musik der 80er, die Serien von damals. Youtube ist reizvoll. Doch im Grunde sind es nur Erinnerungsschatten. Denn die Wirkung damals war anders, das alles gehörte in eine andere Zeit, und was die eigene Erinnerung an Verklärung hinzufügt, hebt das Netz wieder auf. Für Nostalgiker hat das Netz seine Tücken.
Anders ist es, wenn Erfahrungen durch das Netz aktualisiert werden. Das geschieht selten genug, kommt aber vor. Mitte der Neunziger war ich für eine Lokalzeitung auf einem Lyrikabend mit Lutz Görner, ich war beeindruckt. Lutz Görner trägt Gedichte vor, reist mit seinen außergewöhnlich erfolgreichen Programmen durch Deutschland, bringt so den Leuten Gedichte nahe und kann außerdem singen und mit viel didaktischem Talent erklären. Er leistet damit mehr für die Lyrik als sämtliche Germanistik-Professoren zusammen. Ich habe mir das Programm auf Kassette gekauft. (Ich besitze sie noch.) Heute ist Lutz Görner im Netz gut aufgestellt, mit Website und youtube-Kanal. Es gibt die Rubrik "Gedicht des Tages" und ein Gedichte-Archiv. Das alles ist für mich nicht dasselbe wie der Auftritt damals, der mir so gut gefallen hat. Aber es ist nicht bloß ein Schatten, sondern eben etwas ganz Anderes, ein richtig nettes Fundstück.
Anders ist es, wenn Erfahrungen durch das Netz aktualisiert werden. Das geschieht selten genug, kommt aber vor. Mitte der Neunziger war ich für eine Lokalzeitung auf einem Lyrikabend mit Lutz Görner, ich war beeindruckt. Lutz Görner trägt Gedichte vor, reist mit seinen außergewöhnlich erfolgreichen Programmen durch Deutschland, bringt so den Leuten Gedichte nahe und kann außerdem singen und mit viel didaktischem Talent erklären. Er leistet damit mehr für die Lyrik als sämtliche Germanistik-Professoren zusammen. Ich habe mir das Programm auf Kassette gekauft. (Ich besitze sie noch.) Heute ist Lutz Görner im Netz gut aufgestellt, mit Website und youtube-Kanal. Es gibt die Rubrik "Gedicht des Tages" und ein Gedichte-Archiv. Das alles ist für mich nicht dasselbe wie der Auftritt damals, der mir so gut gefallen hat. Aber es ist nicht bloß ein Schatten, sondern eben etwas ganz Anderes, ein richtig nettes Fundstück.
Montag, 15. Juni 2009
Lyrik im Netz
Ohne das Netz gäbe es auch nicht diese Seiten, die wie ein riesiger Spielplatz oder wie eine Schatzinsel sind, wo man stundelang gucken und suchen kann und so um die Nachtruhe gebracht wird. Hier ist so eine: eine schöne, liebevolle und mit Bedacht zusammengestellte Sammlung deutscher Liebeslyrik. Darunter Abgelegenes ("Altjapanische Frühlingslieder aus der Sammlung Kokinwakashu") und nette Rubriken ("Venus-Bilder alter Meister"). An Online-Anthologien gefällt mir die dynamische Form, deshalb sind sie mir beinahe lieber als Buch-Anthologien. Beinahe. Denn eine richtig gute Buchanthologie überzeugt gerade durch ihre Geschlossenheit. Durch die runde Auswahl. Und wenn es ihr gelingt, die ausgewählten Texte gut anzuordnen und in einen Zusammenhang zu setzen. Nur gelingt das halt nicht immer. Und was immer fehlt, sind die netztypischen Suchfunktionen. Deshalb: 2:1 fürs Netz.
Samstag, 30. Mai 2009
Wieder ein Fundstück
Nach Lord Byron gegoogelt, den Stanzen für Augusta. Auf einer Seite mit einer feinen Auswahl englischer Lyrik gelandet. Erfahren, was ein Byronic Hero ist: ein dunkler Rebell, ein charismatischer Egoist, der Welt abgewandt, alle Regeln verachtend und überzeugt von seiner Größe.
Und weil's so schön ist:
Und weil's so schön ist:
- She walks in beauty, like the night
- Of cloudless climes and starry skies;
- And all that's best of dark and bright
- Meet in her aspect and her eyes:
- Thus mellow'd to that tender light
- Which heaven to gaudy day denies.
- One shade the more, one ray the less,
- Had half impair'd the nameless grace
- Which waves in every raven tress,
- Or softly lightens o'er her face;
- Where thoughts serenely sweet express
- How pure, how dear their dwelling-place.
- And on that cheek, and o'er that brow,
- So soft, so calm, yet eloquent,
- The smiles that win, the tints that glow,
- But tell of days in goodness spent,
- A mind at peace with all below,
- A heart whose love is innocent!
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