Ich besuche ab und zu katholische Kongresse oder Tagungen, Vorträge oder Einkehrtage. Angebote gibt's genug, doch nie kann ich das Gefühl überwinden, deplaciert zu sein: Denn ich bin oft die einzige Vertreterin meiner Generation. Und wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, finde ich kaum gläubige Katholiken in meinem Alter. Die Jahrgänge zwischen 1970 und 1980 scheinen in Deutschland zu einem großen Teil für die Kirche verloren zu sein. Warum das so ist, kann ich mir leicht erklären, wenn ich über meinen eigenen Glaubensweg nachdenke.
Ich war ein sehr religiöses Kind. Ein kindliches Gespür für das Heilige ließ mich gerne die Heilige Messe besuchen. In Kirchen fühlte ich mich geborgen. Als ich ein paar Jahre älter war, hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Ich war in der katholischen Jugend, und in der Gruppenstunde mußten wir aus alten Nylonstrumpfhosen Tiere basteln. Die sollten auf dem Pfarrfest verkauft werden, der Erlös ging nach Afrika. Kein normal empfindender Jugendlicher gibt sich freiwillig für einen solchen Quatsch her!
Bald fiel mir auf, wie lächerlich die Lieder sind, die in der Kirche gesungen werden. Ich mochte "Großer Gott, wir loben dich". Aber von Liedern wie "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer" - Lieder, die den zeitgeisttrunkenen Religionslehrern gefielen (und unbelehrbaren 68er-Opas wahrscheinlich immer noch gefallen)-, war ich in höchstem Maße peinlich berührt . Kirche verband sich für mich mit einem Gefühl des Uncoolen, des Fremdschämens, des Unauthentischen. Mein Gespür für das Schöne und Wahre, das ich als Jugendliche durchaus hatte, wurde mit Füßen getreten.
Irgendwann blieb ich weg. Von einem Sonntag auf den anderen. Mein Platz in der zweiten Reihe, auf dem ich seit Jahren jeden Sonntag gesessen habe, blieb leer. Niemand hat mich nach den Gründen gefragt oder mich ermuntert zurückzukommen. Auch das war die Kirche in den 80ern: Reisende soll man nicht aufhalten, lautete wohl die Devise.
Ich besuchte noch eine Weile den Religionsunterricht. Gott stand nicht auf dem Lehrplan. Die Themen waren vielmehr: Drogen, Waldsterben, Kalter Krieg, "Der Papst ist an Aids schuld", "Kondome schützen", Nicaragua, "Reagan ist böse", "Wenn Jesus heute leben würde, würde er weder Coca Cola trinken (weil Imperialistenbrause) noch die CDU wählen". Am Rande kam ab und zu die Bibel vor, damit wir lernten, daß nichts, was dort steht, für bare Münze zu nehmen ist. Ich habe mich irgendwann für Ethikunterricht entschieden, habe dadurch aber nichts gewonnen: dieselben Themen und zusätzlich Marx-Lektüre. Meine Lehrer waren eben 68er.
In der Zeit, als ich zur Kirche hätte finden können, fand ich nur von den 68ern inspirierte liturgische Experimente, die selbst die Verirrungen von heute in den Schatten stellen. Mit der Kirche verband ich affige Lieder, Dauerbetroffenheit und alte Leute, die in Straßenkleidung um den Altar tanzen. Ich verstehe auch heute noch gut, wieso ich mich mit 13 schon als Atheistin bezeichnete.
Ich glaube, meine persönliche Erfahrung spiegelt das Erleben einer Generation wider. Die Kirche ist in meiner Generation in Agonie verfallen, um sich in der nächsten wieder zu erneuern. Wer heute jung ist, kann in einer geistlichen Gemeinschaft ein Zuhause zu finden. Damals gab es das noch nicht.
Doch wer holt die 30-40Jährigen zurück? Mein eigener Weg zurück war schwierig, ich näherte mich dem Glauben über den Intellekt an, war dabei lange allein, und noch dazu steckte ich mitten in dem durch und durch glaubensfeindlichen Umfeld der Universität. Ich halte oft Ausschau nach gläubigen Katholiken in meinem Alter. Ich begegne ihnen vor allem in der virtuellen Welt: den Wenigen, die dafür sorgen, daß in einer verlorenen Generation der Glaube nicht erlischt.
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Montag, 14. Juni 2010
Dienstag, 16. März 2010
Neuevangelisierung
In einem meiner letzten Beiträge habe ich darüber nachgedacht, daß Deutschland eine Neuevangelisierung braucht. Das ist wahr, klingt aber auch ein bißchen großspurig - weil es nur verkürzt und abstrakt zum Ausdruck bringt, worum es eigentlich geht: Wer eine Neuevangelisierung braucht, ist der Einzelne. Also zunächst ich. Ich muß mich immer wieder zu Christus bekehren. Das ist für mich am Einfachsten, wenn ich Christen begegne, die mir ein Beispiel sein können und die mich überzeugen. Meist sind dies gelassene, fröhliche und tatkräftige Menschen, die zu ihrem Glauben stehen. Wer an der Neuevangelisierung mitwirken will, soll also versuchen, seinen Glauben beispielhaft zu leben. Das ist leicht gesagt, aber in der Praxis schwer: Ich selbst gebe kein gutes Beispiel ab, aber das Ideal möchte ich mir vor Augen halten.
Jetzt blicke ich zurück: Wie habe ich zum Glauben gefunden, nach einer langen Zeit des Agnostizismus und Atheismus? Den Anstoß gaben – ausgerechnet – einige liberale Katholiken aus der „Wir-sind-Kirche“ und „Nieder mit dem Zölibat!“-Fraktion. Erstaunlich? Heute wundere ich mich darüber, aber damals erschien mir der Unterschied zwischen liberalen und konservativen Katholiken gar nicht so groß: Denn beide identifizierten sich auf ihre Art mit der Kirche und hatten einen Glauben, den ich damals nicht hatte – und das kam mir so exotisch vor, unverständlich, auf merkwürdige Art altmodisch, daß ich wissen wollte, was dahintersteckt. Wenn ich damals schon gewußt hätte, wie uneins die Katholiken teilweise untereinander sind, hätte ich nur den Kopf geschüttelt. Dies zeigt wohl auch: Wer andere überzeugen will, sollte als Gruppe versuchen, nach außen hin geschlossen aufzutreten. Leicht gesagt, aber nicht umzusetzen, solange man in Zeitungen Schlagzeilen lesen muß wie: „Oberster katholischer Laie kritisiert Papst wegen Zölibat“. Durchaus umzusetzen im Kleinen: indem man vor Außenstehenden betont, wie groß und schön die Kirche ist und nicht, wie sehr einem manche Dinge auf die Nerven gehen.
Die Begegnung mit liberalen Katholiken war die Initialzündung, dann kam bei mir die Lektüre, die intellektuelle Beschäftigung mit dem Glauben, erst dann gelegentliche Besuche der Heiligen Messe. Nach und nach wurde der Glaube fester, gewann er Konturen. Und dennoch gibt es immer wieder Phasen des Zweifels: ein Gefühl der Leere, die Angst, daß Gebete ungehört verklingen und daß kein Gott sei. Am meisten helfen mir dann die Begegnungen mit anderen Menschen, mit ihrer Liebe, ihrer Not, ihrem Glauben. Andere mögen andere Gegenmittel gegen drohenden Glaubensverlust finden.
Bloggend frage ich mich, welche Rolle das Internet bei der Neuevangelisierung spielt. Für mich persönlich eine sehr marginale. Ich konnte einige Informationen herausfischen und erfahren, wann wo welche Veranstaltung stattfindet und wen es da draußen noch so alles gibt. Es ist freilich unverzichtbar als Korrektiv zu der in den meisten Printmedien veröffentlichten Einheitsmeinung.
Doch die entscheidenden Anstöße bekam ich immer woanders, das mag mein eigener, individueller Weg sein. Das Internet ist wichtig, gerade als niedrigschwellige und wenig aufwendige Möglichkeit, sich Informationen zu beschaffen. Deshalb schreibe ich weiter, auch wenn ich denke, daß ich auf andere Weise mehr bewirken kann: in direktem Kontakt mit Menschen in der realen Welt.
Jetzt blicke ich zurück: Wie habe ich zum Glauben gefunden, nach einer langen Zeit des Agnostizismus und Atheismus? Den Anstoß gaben – ausgerechnet – einige liberale Katholiken aus der „Wir-sind-Kirche“ und „Nieder mit dem Zölibat!“-Fraktion. Erstaunlich? Heute wundere ich mich darüber, aber damals erschien mir der Unterschied zwischen liberalen und konservativen Katholiken gar nicht so groß: Denn beide identifizierten sich auf ihre Art mit der Kirche und hatten einen Glauben, den ich damals nicht hatte – und das kam mir so exotisch vor, unverständlich, auf merkwürdige Art altmodisch, daß ich wissen wollte, was dahintersteckt. Wenn ich damals schon gewußt hätte, wie uneins die Katholiken teilweise untereinander sind, hätte ich nur den Kopf geschüttelt. Dies zeigt wohl auch: Wer andere überzeugen will, sollte als Gruppe versuchen, nach außen hin geschlossen aufzutreten. Leicht gesagt, aber nicht umzusetzen, solange man in Zeitungen Schlagzeilen lesen muß wie: „Oberster katholischer Laie kritisiert Papst wegen Zölibat“. Durchaus umzusetzen im Kleinen: indem man vor Außenstehenden betont, wie groß und schön die Kirche ist und nicht, wie sehr einem manche Dinge auf die Nerven gehen.
Die Begegnung mit liberalen Katholiken war die Initialzündung, dann kam bei mir die Lektüre, die intellektuelle Beschäftigung mit dem Glauben, erst dann gelegentliche Besuche der Heiligen Messe. Nach und nach wurde der Glaube fester, gewann er Konturen. Und dennoch gibt es immer wieder Phasen des Zweifels: ein Gefühl der Leere, die Angst, daß Gebete ungehört verklingen und daß kein Gott sei. Am meisten helfen mir dann die Begegnungen mit anderen Menschen, mit ihrer Liebe, ihrer Not, ihrem Glauben. Andere mögen andere Gegenmittel gegen drohenden Glaubensverlust finden.
Bloggend frage ich mich, welche Rolle das Internet bei der Neuevangelisierung spielt. Für mich persönlich eine sehr marginale. Ich konnte einige Informationen herausfischen und erfahren, wann wo welche Veranstaltung stattfindet und wen es da draußen noch so alles gibt. Es ist freilich unverzichtbar als Korrektiv zu der in den meisten Printmedien veröffentlichten Einheitsmeinung.
Doch die entscheidenden Anstöße bekam ich immer woanders, das mag mein eigener, individueller Weg sein. Das Internet ist wichtig, gerade als niedrigschwellige und wenig aufwendige Möglichkeit, sich Informationen zu beschaffen. Deshalb schreibe ich weiter, auch wenn ich denke, daß ich auf andere Weise mehr bewirken kann: in direktem Kontakt mit Menschen in der realen Welt.
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