Donnerstag, 26. November 2009

Thomas Mann und die Verdrängung

Immer und immer wieder hatte ich es zu Studienzeiten gelesen und gehört - so oft, daß ich es einfach als gegeben hinnahm: die Rede ist von Thomas Manns verdrängter Homosexualität. Aber stimmt das überhaupt? Hat Thomas Mann seine Homosexualität verdrängt? Verdrängung bedeutet, streng nach Freud, daß unerwünschte, bedrohliche oder verbotene Vorstellungen von der bewußten Wahrnehmung ausgeschlossen und in für das Bewußtsein nicht zugängliche Bereiche abgeschoben werden. Geht man von dieser Definition aus, hat Thomas Mann seine Homo- bzw. Bisexualität selbstverständlich nicht verdrängt. Denn es kann nicht der geringste Zweifel daran bestehen, daß er sich seiner Veranlagung vollkommen bewußt war - als Beleg genügt ein Blick in seine Tagebücher oder Werke.

Wieso wird ihm also nachgesagt, seine Homosexualität verdrängt zu haben? Die Literaturwissenschaftler sprechen oder schreiben gelegentlich gar von Thomas Manns "bewußt verdrängter Homosexualität": auf den ersten Blick eine contradictio in adiecto. Doch gemeint ist etwas ganz Anderes: kein Abwehrmechanismus der Psyche, sondern eine bewußte Willensentscheidung. Thomas Mann hat seine Homosexualität nicht ausgelebt, sondern sich für ein bürgerliches Leben als Familienvater und Schriftsteller entschieden. Doch die Vorstellung, daß Menschen ihrer Sexualität nicht willenlos ausgeliefert sind, sie kontrollieren, formen, für sie Verantwortung übernehmen, sie gar etwas Höherem opfern können oder ihr in ihrem Leben einfach keine Prioriät einräumen wollen und sexuelle Erfüllung womöglich nicht für den höchsten Wert halten, ist heute, in unserer übersexualisierten Gesellschaft, höchst unerwünscht. Lieber sieht man den Menschen als Spielball unkontrollierbarer Triebmächte. Wer ein solches Menschenbild vertritt, wird von Thomas Mann freilich vor ein Rätsel gestellt.

Also versucht man, ihn auf die Maßstäbe unserer Zeit zurechtzustutzen. Und spricht nicht von seiner Entscheidung für die Ehe, auch nicht von einer nicht ausgelebten homosexuellen Veranlagung, noch nicht einmal von einer unterdrückten, sondern gleich von einer "verdrängten Homosexualität". Seine bewußte Entscheidung wird damit pathologisiert und umgedeutet zu einem mehr oder weniger behandlungsbedürftigen Mechanismus, einem krankhaften Akt der Verdrängung. Wo freier Wille war, soll nun Krankheit sein.

Wahr ist freilich, daß Thomas Mann in seinem Werk immer wieder beschrieben hat, wie die unterdrückte Triebwelt zurückschlägt und wie der Rausch zu Untergang führt, in der Novelle "Der Tod in Venedig" ebenso wie später in seiner großen Roman-Tetralogie "Joseph und seine Brüder". Doch Thomas Mann selbst hatte sich für ein bürgerliches Dasein entschieden und blieb dabei. Er entging den Gefahren, die er in seinen Büchern beschrieb, er verbannte sie in sein Werk. Wer da von Verdrängung redet, respektiert nicht das Bewußte und Entschiedene dieser Vorgehensweise. So gespalten mein Verhältnis zu Thomas Mann auch ist: Ein bißchen mehr Respekt verdient er schon. Und Freuds Begriffe sollten mit größerer Vorsicht verwendet werden.

Kommentare:

  1. interessanter aspekt, benita.

    trifft auch zu, wenn man homosexualität nur auf den sexuellen akt reduziert. passiert leicht in einer übersexualisierten gesellschaft, auch in einer literarischen abhandlung.

    homosexualität umfasst aber mehr, nämlich die liebe zwischen zwei menschen gleichen geschlechts.

    spricht thomas mann in seinen tagebüchern vielleicht auch darüber?

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  2. Thomas Mann hat nie eine Beziehung zu einem Mann gehabt, in seinen Tagebüchern schreibt er gelegentlich über die Faszination, die viel jüngere Männer auf ihn ausübten. Wie TM Homosexualität und die Ehe bewertete, kann man am besten in seinem Essay "Über die Ehe" nachlesen. Mit Liebe zwischen zwei Menschen, einer reifen und verantwortungsvollen Partnerschaft, hat er Homosexualität nicht verbunden - das verortete er in der Ehe. Homosexualität assoziierte er mit Rausch und Unordnung, Künstlertum und Tod - sie fiel in den Bereich der Triebwelt, der er in seinem Leben nicht zuviel Macht geben wollte.
    Daß Du mir vorwirfst, ich reduziere das auf den sexuellen Aspekt, ist ungerecht und falsch, aber ich weiß auch, daß es bei diesem Thema vielen schwerfällt, sachlich zu bleiben. Es geht mir um etwas ganz Anderes: nämlich darum, daß seine freie Entscheidung, diese Neigung nicht auszuleben, durch die Benutzung eines bestimmten Vokabulars pathologisiert wird. Seine Freiheit soll man ihm gefälligst zugestehen, auch wenn es heute als unzeitgemäß gilt, in der Sexualität nicht alles auszuleben. Und noch schwerer fällt es wohl manchen zu akzeptieren, daß Homosexualität für TM eben nicht denselben Rang hatte wie die Ehe. Auch wenn er sich für die Entkriminalisierung der Homosexualität eingesetzt hatte - in seiner eigenen Neigung erkannte er etwas, was nur in seinem Werk, nicht in seinem Leben Platz haben durfte. Als homosexuelle Ikone taugt er deshalb ganz und gar nicht.

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  3. Ein hübscher Artikel. Die Bemerkung in Rubins Kommentar, Homosexualität sei nicht nur auf die Sexualität bezogen, sondern umfasse mehr, nämlich die Liebe zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts, halte ich aber für falsch.

    Liebe zwischen Menschen auch des gleichen Geschlechts hat erstmal nichts mit Homosexualität zu tun. Zum Beispiel die romantische Literatur ist voll von solchen liebenden Beziehungen, Freundschaften, allein schon bei Jean Paul finden sie sich zuhauf, und sie können durchaus auch körperliche Nähe, Händchenhalten, gegenseitiges Tränen-aus-den-Augen-Wischen usw. umfassen.

    Sie sind aber keine sexuellen Beziehungen und werden erst durch die Brille der Homosexuellenideologie zu homosexuellen Beziehungen verfälscht. Aus sich heraus sind sie das nicht.

    Es ist nicht so, dass Homosexualität mehr umfasst als Sexualität, sondern die Ideologie wirkt gerade andersherum: Wer einen Menschen liebt -- egal welchen Geschlechts --, wird verführt anzunehmen, da gehöre notwendigerweise auch die Sexualität mit dazu.

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  4. Danke, so ist es, das hast Du genau auf den Punkt gebracht! Auch Deinen Hinweis auf die Freundschaften der Romantiker finde ich interessant. Ich erinnere mich düster daran, daß in der Germanistik Fragestellungen wie: "War Kleist homosexuell?" ziemlich beliebt sind. Da werden innige Freundschaften, wie sie damals üblich waren, durch die Brille der heutigen Ideologie betrachtet.

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