Die Grüne Jugend hat gestern, am Karfreitag, auf dem Römerplatz in Frankfurt einen Flashmob organisiert: Tanzen gegen die Karfreitagsruhe. Es wundert mich nicht. Wenn man einen Tag lang nicht Party machen darf, kommt man vielleicht ins Nachdenken, und Denken gehört nicht zu den größten Begabungen des grünen Nachwuchses. Ist ja irgendwie auch mit Arbeit verbunden.
Viel eindrücklicher als diese vor sich hin trampelnde Horde:
Die traditionelle Karfreitagsprozession der kroatischen Gemeinde, ein endlos langer Zug durch die ganze Stadt und am Mainufer entlang, an der Spitze ein Priester, der ein Kreuz trägt. Schweigen, Gebete, leise Gesänge. Dadurch wurde ein Zeichen gesetzt an einem Tag, dessen Bedeutung viele vergessen haben. Die Wiesen am Main waren voll mit Leuten, die in der Sonne lagen, tranken, den freien Tag genossen. Und dann zieht das Kreuz vorbei, gefolgt von unzähligen Menschen. Es war beeindruckender als es jede Demonstration und jeder Flashmob sein könnte.
Samstag, 23. April 2011
Freitag, 22. April 2011
Salafisten in Frankfurt
Vorgestern saß ich abends mit einer Freundin im Café, in der Nähe der Hauptwache. Es wurde laut. Von Ferne hörten wir Geräusche wie aus einem Fußballstadion, Schreie, Schlachtengesänge. Je länger wir lauschten, desto deutlicher konnten wir einen Ruf heraushören: allahu akbar. Ich hatte gedacht, daß die geplante Kundgebung mit Pierre Vogel, einem Ex-Boxer und Islam-Konvertiten, von der Stadt verboten worden war. Pierre Vogel gehört zu den Salafisten, einer extremistischen und gefährlichen Ausprägung des Islam. Später erfuhr ich, daß das hessische Verwaltungsgericht das Verbot gekippt hatte. Der fanatische Prediger und seine Anhängerschaft durften sich auf dem Roßmarkt versammeln.
Nach dem Essen wollten wir schauen, was in Frankfurt los war. Überall in den Straßen waren Polizeiautos. Als wir am Roßmarkt ankamen, hatte sich die Versammlung schon weitgehend aufgelöst. Dennoch bot sich auf dem Platz ein Bild, das mit der Modernität der hessischen Bankenstadt merkwürdig kontrastierte: Gruppen von Frauen im Tschador, die uns böse Blicke zuwarfen, bärtige Männer in weißen Gewändern. Es lag Aggressivität in der Luft. Die Menschen, die Frauen in Schwarz wirkten uniformiert, und mir kam der Gedanke, daß der Islam die Religion der Massengesellschaft ist. So wie das Christentum die Religion des bürgerlichen Individuums war, das mehr und mehr durch den Massenmenschen verdrängt wird. Dem Massenmenschen, gesteuert durch die Massenmedien und die Konsumbedürfnisse, die ihm immer wieder neu eingeflüstert werden, sind individualisierende Glaubenspraktiken wie das persönliche Gebet zu einem ihn liebenden Gott fremd. Auch der Islam kennt Derartiges nicht, er kennt nur eine ferne, unnahbare, unberechenbare Gottheit, dem sich alle zu unterwerfen haben, ohne Unterschied. Dieses in den schwarzen Tschador gehüllte Kollektiv ist die religiöse Gestalt der Massengesellschaft.
So gehört die Gefolgschaft des Ex-Boxers natürlich nicht dem untergehenden Bildungsbürgertum an. Später sagte ein Mann in einem Fernseh-Interview, unter den Zuhörern seien Hunderte Kriminelle gewesen, die durch den Islam zu anständigen Menschen geworden seien. Eine ältere Frau, die mit einem Schild allein in einer Ecke stand, noch lange nachdem sich die Gegendemonstration aufgelöst hatte, wurde von mehreren muslimischen Männern aggressiv angegangen. "Menschenrechte statt Scharia" stand auf ihrem Schild, eine Provokation für die Moslems. Die Frau bewies einen Mut, für den ich sie bewunderte. Ebenso ein junger Mann, ein Kroate?, der mit einem Rosenkranz in der Hand mitten auf dem Platz stand. Als ein bärtiger Mann ihm einen Flyer geben wollte, hielt er ihm den Rosenkranz entgegen, deutete auf den Flyer und sagte, sehr ruhig und gelassen: "Das brauche ich nicht."
Und mit diesem Satz machte er deutlich, woran es uns mangelt und was uns helfen könnte, die Ausbreitung des Islam in Deutschland zu verhindern: Mut und Überzeugung. Der Islam hätte keine Chance, wenn es mehr überzeugte Christen gäbe. Christen, die ihren Glauben nicht relativieren, sondern ihn weitergeben wollen. In dem Wissen, daß der Herr jeden retten will. Manchmal denke ich: Die Muslime wurden hierher geschickt, damit sie das Christentum kennenlernen können. Wir versagen und nehmen ihnen die Chance, Christus, der für uns heute am Karfreitag sein Blut vergossen hat, als ihren Erlöser anzunehmen.
Und die deutsche Gesellschaft glaubt immer noch, sie könnte den Islam mit den Verlockungen des Säkularismus neutralisieren. Doch wer gibt schon eine Religion für das Nichts auf?
Nach dem Essen wollten wir schauen, was in Frankfurt los war. Überall in den Straßen waren Polizeiautos. Als wir am Roßmarkt ankamen, hatte sich die Versammlung schon weitgehend aufgelöst. Dennoch bot sich auf dem Platz ein Bild, das mit der Modernität der hessischen Bankenstadt merkwürdig kontrastierte: Gruppen von Frauen im Tschador, die uns böse Blicke zuwarfen, bärtige Männer in weißen Gewändern. Es lag Aggressivität in der Luft. Die Menschen, die Frauen in Schwarz wirkten uniformiert, und mir kam der Gedanke, daß der Islam die Religion der Massengesellschaft ist. So wie das Christentum die Religion des bürgerlichen Individuums war, das mehr und mehr durch den Massenmenschen verdrängt wird. Dem Massenmenschen, gesteuert durch die Massenmedien und die Konsumbedürfnisse, die ihm immer wieder neu eingeflüstert werden, sind individualisierende Glaubenspraktiken wie das persönliche Gebet zu einem ihn liebenden Gott fremd. Auch der Islam kennt Derartiges nicht, er kennt nur eine ferne, unnahbare, unberechenbare Gottheit, dem sich alle zu unterwerfen haben, ohne Unterschied. Dieses in den schwarzen Tschador gehüllte Kollektiv ist die religiöse Gestalt der Massengesellschaft.
So gehört die Gefolgschaft des Ex-Boxers natürlich nicht dem untergehenden Bildungsbürgertum an. Später sagte ein Mann in einem Fernseh-Interview, unter den Zuhörern seien Hunderte Kriminelle gewesen, die durch den Islam zu anständigen Menschen geworden seien. Eine ältere Frau, die mit einem Schild allein in einer Ecke stand, noch lange nachdem sich die Gegendemonstration aufgelöst hatte, wurde von mehreren muslimischen Männern aggressiv angegangen. "Menschenrechte statt Scharia" stand auf ihrem Schild, eine Provokation für die Moslems. Die Frau bewies einen Mut, für den ich sie bewunderte. Ebenso ein junger Mann, ein Kroate?, der mit einem Rosenkranz in der Hand mitten auf dem Platz stand. Als ein bärtiger Mann ihm einen Flyer geben wollte, hielt er ihm den Rosenkranz entgegen, deutete auf den Flyer und sagte, sehr ruhig und gelassen: "Das brauche ich nicht."
Und mit diesem Satz machte er deutlich, woran es uns mangelt und was uns helfen könnte, die Ausbreitung des Islam in Deutschland zu verhindern: Mut und Überzeugung. Der Islam hätte keine Chance, wenn es mehr überzeugte Christen gäbe. Christen, die ihren Glauben nicht relativieren, sondern ihn weitergeben wollen. In dem Wissen, daß der Herr jeden retten will. Manchmal denke ich: Die Muslime wurden hierher geschickt, damit sie das Christentum kennenlernen können. Wir versagen und nehmen ihnen die Chance, Christus, der für uns heute am Karfreitag sein Blut vergossen hat, als ihren Erlöser anzunehmen.
Und die deutsche Gesellschaft glaubt immer noch, sie könnte den Islam mit den Verlockungen des Säkularismus neutralisieren. Doch wer gibt schon eine Religion für das Nichts auf?
Sonntag, 17. April 2011
Sünde und Arbeit
Ich erinnere mich an einen Professor aus meinen Studienzeiten, einen Alt-68er, der mit triumphalistischem Gesichtsausdruck zu sagen pflegte, die Sünde sei heute abgeschafft. Was er damit ausdrücken wollte, war lediglich, daß er den Bedeutungsverlust der Religion gut fand und sich darüber freute, daß überall mit großer Offenheit über Sex gesprochen wird. Natürlich ist die Sünde nicht abgeschafft, das braucht man religiösen Menschen nicht zu erklären. Den Anderen mag das Wort "Sünde" wie ein Erinnerungsstück aus einer untergegangenen Welt erscheinen - doch auch sie kennen Schuld, Scham und die Angst, daß böse Taten offengelegt werden.
Die Vorstellung von Sünde als Verstoß gegen Gottes Gebote wird jedoch in säkularen Gesellschaften durch andere ersetzt. Man kommt ihnen auf die Spur, wenn man sich fragt, was das größte Tabu ist. Man darf heute über alles Mögliche in größter Offenheit reden, doch eines behält man besser für sich: berufliches Scheitern. Denn der Beruf ist wichtig, sogar entscheidend für das Selbstbild. Man arbeitet nicht nur für den Lebensunterhalt, viele andere Vorstellungen sind daran geknüpft: Erfolg hat, wer Karriere macht und gut verdient. Man braucht den richtigen Beruf, um sich selbst zu verwirklichen. Seine Fähigkeiten hat man bekommen, um sie im Beruf einzusetzen. Man muß immer wieder seine Ziele neu definieren, weiter vom Aufstieg träumen, vom nächsten Karriereschritt, und nie ist man irgendwo angekommen. Das alles ist selbstverständlich, die meisten haben es verinnerlicht. Ein preußisches Arbeitsethos hat die Seelen in Besitz genommen, auch an mir selbst merke ich das oft genug. Mir ist die Vorstellung nicht fremd, ich könnte, wenn ich über mein Leben Rechenschaft ablegen soll, vor allem nach beruflichen Fehlentscheidungen gefragt werden. Warum diese vollkommen unnütze Doktorarbeit, die mich nicht weitergebracht hat? (Sie wäre verzichtbar gewesen, aber das wußte ich erst später.) Warum nicht stattdessen ein Volontariat in einer angesagten Werbeagentur? Ich wäre heute wahrscheinlich irgendwo Creative Director, und da ich das nicht bin, kommt es mir erstrebenswert vor.
Der Erfolgsdruck ruft natürlich Gegenbewegungen hervor. Wenn es mit dem Beruf nicht klappt, reagiert man wie ein ertappter Sünder. Entweder mit einem verzweifelten "Ich war's nicht!" oder mit: "Da sind andere dran schuld." Der Staat, die Gesellschaft und so weiter. Da es nicht leicht ist, Karriere zu machen, und die Arbeitswelt härter geworden ist, braucht man sich nicht darüber zu wundern, daß soviele Menschen Zuflucht bei den Linken suchen. Denn dort wird ihnen genau das gesagt: Daß sie für ihr Scheitern nicht selbst verantwortlich sind, sondern daß es immer die anderen sind, die Umstände, das ungerechte System. Vielleicht ist es der Reiz linken Denkens, daß es auf diese Weise eine Art von Absolution verspricht. Aber wirklich befreiend ist das nicht.
Samstag, 2. April 2011
2. April 2005
Vor sechs Jahren ging ein Zeitalter zu Ende. Ich schrieb gerade Mails, der Fernseher lief nebenbei. "Wetten dass" wurde abgebrochen, denn der Papst war tot. Es gab eine Liveschaltung zum Petersplatz, die Kommentatorin war völlig überfordert. Ein Kameraschwenk zu der Menge, die Menschen, die gerade die Todesnachricht erhalten hatten, weinten und applaudierten. Anne Will führte ein Interview, ich weiß nicht mehr mit wem, und erklärte, daß dieser Papst ja nicht unumstritten war, wegen Zölibat und Aids. Es verletzte mich, in diesem Moment das übliche dumme Gequatsche zu hören. Ich öffnete das Fenster, weil ich dachte, es müßte Glockengeläut zu hören sein. Draußen war alles still. Ich weinte. Auch in meinem Leben war etwas zu Ende gegangen. In einem Leben, in dem es noch keinen anderen Papst gegeben hatte. Ein Freund, der Theologie studiert hatte, versuchte mich damit zu trösten, daß ein Papst zwar sterben kann, das Papsttum aber bleibt. Er hatte noch mehr geweint als ich.
Am 3. April ging ich früh am Morgen in den Mainzer Dom. Dort stand ein Foto mit Trauerband, davor lagen Blumen. Johannes Paul II. lächelte auf dem Bild. Einige Gläubige knieten sich hin oder verbeugten sich, eine Frau küßte das Bild. Ich dachte, auch ich will mich verabschieden, mit irgendeiner Geste. Küsse, Verbeugungen oder Kniebeugen, das paßte nicht zu mir. Ich blieb eine Weile stehen, und dann nickte ich ihm bloß zu. Der Abschied tat weh.
Am 3. April ging ich früh am Morgen in den Mainzer Dom. Dort stand ein Foto mit Trauerband, davor lagen Blumen. Johannes Paul II. lächelte auf dem Bild. Einige Gläubige knieten sich hin oder verbeugten sich, eine Frau küßte das Bild. Ich dachte, auch ich will mich verabschieden, mit irgendeiner Geste. Küsse, Verbeugungen oder Kniebeugen, das paßte nicht zu mir. Ich blieb eine Weile stehen, und dann nickte ich ihm bloß zu. Der Abschied tat weh.
Eine Bekehrungsgeschichte
Wir gingen in der Grundschule in eine Klasse, waren danach noch befreundet, haben uns nach dem Abitur aus den Augen verloren und vor kurzem wiedergetroffen. Julia, so nenne ich sie jetzt, hat immer alle ihre Ziele erreicht. Sie ist ehrgeizig und klug, hat ein Faible für Mathematik und den Verstand eines Ingenieurs. Sie urteilt nie schnell und denkt über jeden Aspekt eines Problems gründlich nach. So neigt sie nicht zu extremen Positionen. Eine rebellische Phase hatte sie nie. Aber sie hatte immer einen Plan für ihr Leben, ein Ziel, wußte, wo sie hinwollte. Das alles hatte ich nicht, aber jetzt geht es um sie.
Nach dem Einser-Abitur studierte sie sehr schnell, absolvierte ein Auslandssemester und zahlreiche Praktika. Sie fand nach dem Abschluß sofort eine Stelle, arbeitete viel und machte Karriere. Sie hatte immer einen Freund. Als eine langjährige Beziehung zerbrach, fand sie schnell einen neuen Partner. Sie kaufte sich eine Wohnung, verreiste oft, lief Marathon, konnte sich alles kaufen, was sie wollte. Sie gab viel Geld für Business-Kleidung aus. Ihr Besitz wuchs an, gleichzeitig die finanziellen Verpflichtungen. Sie trat aus der evangelischen Kirche aus, weil sie keine Kirchensteuer zahlen wollte. Damals war sie religiös indifferent, die Frage nach Gott kam in ihrem Leben nicht vor. Sie hatte keine Zeit dafür.
Irgendwann kam ein Kind. Es war ungeplant, aber das warf Julia nicht aus der Bahn. Ich weiß nicht, wie sie sich gefühlt hat, als sie schwanger wurde. Ich vermute, daß sie alles genau durchgerechnet und geplant hat, denn so ist sie. Ihre Tochter Lilli kam zur Welt. Nach der Geburt stieg Julia so schnell wie möglich wieder in den Beruf ein, Vollzeit. Natürlich dachte sie nicht daran, Lilli taufen zu lassen, denn sie war ja aus der Kirche ausgetreten. Und dann heißt es ja auch immer, man soll Kindern den Glauben nicht aufdrängen.
Das Leben wurde noch anstrengender. Die Tage gehörten dem Job, die Abende und Nächte und Wochenenden dem Baby. Sie brachte Lilli morgens in die Kita und hatte dabei das Gefühl, daß das alles richtig ist oder, genauer: daß eine Frau es nur auf diese Weise richtig machen kann. Daß die Gesellschaft das von ihr erwartet: Vollzeit arbeiten und ein Kind haben und immer alles geben. Julia war in den nächsten Jahren oft am Rande völliger Erschöpfung.
Sie hätte vielleicht so weitergemacht, aber ihr fiel auf, daß Lilli sich veränderte. Wenn sie sie abends aus der Kita abholte, war sie überdreht und unruhig. Am Wochenende war Lilli anders, gelassener, glücklicher. Da spielte Julia mit ihr, machte mit ihr Ausflüge, war ganz für sie da. Die Beziehung zu Lillis Vater, eine Wochenendbeziehung, war zu diesem Zeitpunkt längst zerbrochen. Lilli wurde immer nervöser und aggressiver. Als Julia nach der Ursache forschte, wurde ihr klar, daß Lilli sie braucht. Daß sie Lilli zu wenig Platz in ihrem Leben einräumte, obwohl sie für sie doch das Wichtigste war. Sie dachte nach und prüfte alle Möglichkeiten. Dann nahm sie ihr Elternjahr, Lilli war da drei Jahre alt.
In den ersten Monaten war Julia sehr müde. Sie merkte, daß auch sie selbst dieses Jahr brauchte, um innerlich zur Ruhe zu kommen. So erschöpft war sie. Sie und Lilli, sie mußten beide wieder ihr inneres Gleichgewicht finden, sagt sie. Erst wieder zu Kräften kommen, dann überlegen, wie es weitergeht. Ihr wurde klar, daß sie nicht mehr so leben wollte wie vorher. Sie wollte miterleben, wie Lilli groß wird.
Lilli kam bald in die Phase, in der Kinder ihre Eltern von morgens bis abends mit Fragen löchern und alles genau wissen wollen. Warum regnet es? Warum ist der Mann da so dick? Warum ist es nachts dunkel? Wo ist der Mond, wenn es hell ist? Geht das Sandmännchen schlafen? Und natürlich kam irgendwann die Frage: "Wer hat die Welt gemacht?"
Da mußte Julia wieder abwägen. Denn sie wußte ja selbst nicht, was sie glauben sollte. Der Urknall oder Gott? Über solche Fragen dachte sie sonst nicht nach. Überhaupt, sollte sie Lilli von Gott erzählen? Man soll einem Kind den Glauben nicht aufdrängen, dachte sie, aber ihm Wissen vorzuenthalten, wäre auch falsch. Letztlich entschied sie sich für die Antwort, die sie als besonders kindgerecht empfand und die ihr in diesem Moment, nach langem Nachdenken, gar nicht so unwahrscheinlich vorkam: nicht etwa "Das Universum ist durch den Urknall entstanden", sondern: "Der liebe Gott hat die Welt gemacht."
Julia merkte schnell, daß sie aus dieser Nummer nicht mehr herauskam. "Wer ist der liebe Gott?" "Warum hat er die Welt gemacht?" "Kann man mit ihm reden?" "Wo wohnt er?" "Wann gehen wir ihn besuchen?" Lilli wollte mit Gott reden. Also beschloß Julia, vor dem Schlafengehen mit ihr zu beten. Sie sagte sich, ein solches Ritual, das dem Tag eine Struktur gibt, kann nicht schaden.
Sie beteten jeden Abend, und Julia merkte, daß es Lilli beruhigte. Julia fing an, sich über den Glauben zu informieren, um Lilli besser antworten zu können. Denn Lilli hörte nicht auf zu fragen. Die Sache mit Gott interessierte sie.
Dann kam jener Moment, der sich jeder Analyse, jedem Kalkulieren und Abwägen entzog. Nach dem Abendgebet hatte Julia auf einmal den Gedanken: "Ich glaube an Gott."
Mehr war da nicht, keine Erschütterung, kein plötzlicher Umbruch, keine großen Gesten oder Bilder, sondern nur eine leise Stimme in ihr. Diese Bekehrung löste keine Lebenswende aus, denn Julia hatte schon längst, in kleinen Schritten, ihr Leben geändert. Nach dem Elternjahr arbeitete sie halbtags, Lilli ging in den Kindergarten. Geld und Karriere sind für Julia nicht mehr so wichtig. Sie will lieber bei ihrem Kind sein, mehr lesen, sich Wissen aneignen, Zeit haben, um nachzudenken und für andere da zu sein. Sie sucht nach der Wahrheit und stellt sich nun dieselben Fragen wie Lilli. Julia ist wieder in die evangelische Kirche eingetreten. Lilli wurde vor kurzem getauft. Sie hat verstanden, was da passiert, und hat sich gefreut.
Nach dem Einser-Abitur studierte sie sehr schnell, absolvierte ein Auslandssemester und zahlreiche Praktika. Sie fand nach dem Abschluß sofort eine Stelle, arbeitete viel und machte Karriere. Sie hatte immer einen Freund. Als eine langjährige Beziehung zerbrach, fand sie schnell einen neuen Partner. Sie kaufte sich eine Wohnung, verreiste oft, lief Marathon, konnte sich alles kaufen, was sie wollte. Sie gab viel Geld für Business-Kleidung aus. Ihr Besitz wuchs an, gleichzeitig die finanziellen Verpflichtungen. Sie trat aus der evangelischen Kirche aus, weil sie keine Kirchensteuer zahlen wollte. Damals war sie religiös indifferent, die Frage nach Gott kam in ihrem Leben nicht vor. Sie hatte keine Zeit dafür.
Irgendwann kam ein Kind. Es war ungeplant, aber das warf Julia nicht aus der Bahn. Ich weiß nicht, wie sie sich gefühlt hat, als sie schwanger wurde. Ich vermute, daß sie alles genau durchgerechnet und geplant hat, denn so ist sie. Ihre Tochter Lilli kam zur Welt. Nach der Geburt stieg Julia so schnell wie möglich wieder in den Beruf ein, Vollzeit. Natürlich dachte sie nicht daran, Lilli taufen zu lassen, denn sie war ja aus der Kirche ausgetreten. Und dann heißt es ja auch immer, man soll Kindern den Glauben nicht aufdrängen.
Das Leben wurde noch anstrengender. Die Tage gehörten dem Job, die Abende und Nächte und Wochenenden dem Baby. Sie brachte Lilli morgens in die Kita und hatte dabei das Gefühl, daß das alles richtig ist oder, genauer: daß eine Frau es nur auf diese Weise richtig machen kann. Daß die Gesellschaft das von ihr erwartet: Vollzeit arbeiten und ein Kind haben und immer alles geben. Julia war in den nächsten Jahren oft am Rande völliger Erschöpfung.
Sie hätte vielleicht so weitergemacht, aber ihr fiel auf, daß Lilli sich veränderte. Wenn sie sie abends aus der Kita abholte, war sie überdreht und unruhig. Am Wochenende war Lilli anders, gelassener, glücklicher. Da spielte Julia mit ihr, machte mit ihr Ausflüge, war ganz für sie da. Die Beziehung zu Lillis Vater, eine Wochenendbeziehung, war zu diesem Zeitpunkt längst zerbrochen. Lilli wurde immer nervöser und aggressiver. Als Julia nach der Ursache forschte, wurde ihr klar, daß Lilli sie braucht. Daß sie Lilli zu wenig Platz in ihrem Leben einräumte, obwohl sie für sie doch das Wichtigste war. Sie dachte nach und prüfte alle Möglichkeiten. Dann nahm sie ihr Elternjahr, Lilli war da drei Jahre alt.
In den ersten Monaten war Julia sehr müde. Sie merkte, daß auch sie selbst dieses Jahr brauchte, um innerlich zur Ruhe zu kommen. So erschöpft war sie. Sie und Lilli, sie mußten beide wieder ihr inneres Gleichgewicht finden, sagt sie. Erst wieder zu Kräften kommen, dann überlegen, wie es weitergeht. Ihr wurde klar, daß sie nicht mehr so leben wollte wie vorher. Sie wollte miterleben, wie Lilli groß wird.
Lilli kam bald in die Phase, in der Kinder ihre Eltern von morgens bis abends mit Fragen löchern und alles genau wissen wollen. Warum regnet es? Warum ist der Mann da so dick? Warum ist es nachts dunkel? Wo ist der Mond, wenn es hell ist? Geht das Sandmännchen schlafen? Und natürlich kam irgendwann die Frage: "Wer hat die Welt gemacht?"
Da mußte Julia wieder abwägen. Denn sie wußte ja selbst nicht, was sie glauben sollte. Der Urknall oder Gott? Über solche Fragen dachte sie sonst nicht nach. Überhaupt, sollte sie Lilli von Gott erzählen? Man soll einem Kind den Glauben nicht aufdrängen, dachte sie, aber ihm Wissen vorzuenthalten, wäre auch falsch. Letztlich entschied sie sich für die Antwort, die sie als besonders kindgerecht empfand und die ihr in diesem Moment, nach langem Nachdenken, gar nicht so unwahrscheinlich vorkam: nicht etwa "Das Universum ist durch den Urknall entstanden", sondern: "Der liebe Gott hat die Welt gemacht."
Julia merkte schnell, daß sie aus dieser Nummer nicht mehr herauskam. "Wer ist der liebe Gott?" "Warum hat er die Welt gemacht?" "Kann man mit ihm reden?" "Wo wohnt er?" "Wann gehen wir ihn besuchen?" Lilli wollte mit Gott reden. Also beschloß Julia, vor dem Schlafengehen mit ihr zu beten. Sie sagte sich, ein solches Ritual, das dem Tag eine Struktur gibt, kann nicht schaden.
Sie beteten jeden Abend, und Julia merkte, daß es Lilli beruhigte. Julia fing an, sich über den Glauben zu informieren, um Lilli besser antworten zu können. Denn Lilli hörte nicht auf zu fragen. Die Sache mit Gott interessierte sie.
Dann kam jener Moment, der sich jeder Analyse, jedem Kalkulieren und Abwägen entzog. Nach dem Abendgebet hatte Julia auf einmal den Gedanken: "Ich glaube an Gott."
Mehr war da nicht, keine Erschütterung, kein plötzlicher Umbruch, keine großen Gesten oder Bilder, sondern nur eine leise Stimme in ihr. Diese Bekehrung löste keine Lebenswende aus, denn Julia hatte schon längst, in kleinen Schritten, ihr Leben geändert. Nach dem Elternjahr arbeitete sie halbtags, Lilli ging in den Kindergarten. Geld und Karriere sind für Julia nicht mehr so wichtig. Sie will lieber bei ihrem Kind sein, mehr lesen, sich Wissen aneignen, Zeit haben, um nachzudenken und für andere da zu sein. Sie sucht nach der Wahrheit und stellt sich nun dieselben Fragen wie Lilli. Julia ist wieder in die evangelische Kirche eingetreten. Lilli wurde vor kurzem getauft. Sie hat verstanden, was da passiert, und hat sich gefreut.
Freitag, 25. März 2011
Haie
Anfang Februar hat ein Hai am Strand von Cancún eine kanadische Touristin angefallen. Die mexikanischen Zeitungen widmeten diesem Vorfall viele Artikel: Ist doch ein Haiangriff für den Tourismus dort ein großer Unglücksfall. Die örtlichen Behörden reagierten schnell. Sie erlaubten schon am nächsten Tag den Fischern, soviele Haie wie möglich zu töten.
Die Fischer töteten 70 Haie. Diese Tat erscheint zugleich vernunftwidrig, nachvollziehbar und ohnmächtig. Vernunftwidrig, weil sie keine Wirkung zeigen kann, es war ein sinnloses Schlachten. Nachvollziehbar als Zeichen, nicht nur, um die Touristen zu beruhigen, sondern auch aus gewichtigeren Gründen: Durch den Akt der Tötung versuchte man die Haie und damit die Natur der menschlichen Ordnung zu unterwerfen – einer Ordnung also, die Krieg, Gerechtigkeit, Rache, Strafe und Abschreckung kennt. „Ihr habt einen von uns angegriffen, wir töten 70 von euch.“ Eine solche Tat wäre kraftvoll und überzeugend, wenn sie auf einen vernünftigen Gegner stoßen würde.
Doch gerade dies ist nicht der Fall. Durch die Tötung der Haie wird die Ohnmacht des Menschen sichtbar, denn man tröstete sich einen Moment lang mit der Illusion, die Natur sei beherrschbar. Dabei bleibt sie bedrohlich. Und gerade heute, wo die Natur vergöttert wird und der Ökologismus längst den Rang einer Ersatzreligion hat, schadet es nicht, daran zu erinnern, daß die Natur nicht nur schön, sondern auch ein übermächtiger Gegner des Menschen sein kann. Jede Freiheit mußte er ihr erst abringen. Das vergißt man leicht, solange man sich in Sicherheit wiegt.
Haiangriffe erschrecken, selbst dann, wenn sie glimpflich verlaufen: Dies ist ihrem symbolischen Charakter geschuldet. Denn sie machen sichtbar, wie brüchig die Schutzzonen sind, die die Menschen sich geschaffen haben. Vor der Natur gibt es keine Rettung. Und wenn in den deutschen Medien weniger von dem Erdbeben und dem Tsunami die Rede ist, die in Japan viele Tausend Menschen das Leben gekostet haben, sondern ein damit verbundener Atomunfall geradezu hysterische Reaktionen hervorruft, mag nicht nur Berechnung dahinterstecken (auch wenn ein solcher Vorfall hier leider sehr vielen gut ins Konzept paßt). Vielleicht ist auch das ein schwächlicher Versuch, eine Naturkatastrophe vor dem Hintergrund einer von Menschen erschaffenen Ordnung zu betrachten. Denn Atomkraftwerke lassen sich abstellen, Erdbeben nicht. Die Ohnmacht des Menschen wird um so deutlicher sichtbar.
Die Fischer töteten 70 Haie. Diese Tat erscheint zugleich vernunftwidrig, nachvollziehbar und ohnmächtig. Vernunftwidrig, weil sie keine Wirkung zeigen kann, es war ein sinnloses Schlachten. Nachvollziehbar als Zeichen, nicht nur, um die Touristen zu beruhigen, sondern auch aus gewichtigeren Gründen: Durch den Akt der Tötung versuchte man die Haie und damit die Natur der menschlichen Ordnung zu unterwerfen – einer Ordnung also, die Krieg, Gerechtigkeit, Rache, Strafe und Abschreckung kennt. „Ihr habt einen von uns angegriffen, wir töten 70 von euch.“ Eine solche Tat wäre kraftvoll und überzeugend, wenn sie auf einen vernünftigen Gegner stoßen würde.
Doch gerade dies ist nicht der Fall. Durch die Tötung der Haie wird die Ohnmacht des Menschen sichtbar, denn man tröstete sich einen Moment lang mit der Illusion, die Natur sei beherrschbar. Dabei bleibt sie bedrohlich. Und gerade heute, wo die Natur vergöttert wird und der Ökologismus längst den Rang einer Ersatzreligion hat, schadet es nicht, daran zu erinnern, daß die Natur nicht nur schön, sondern auch ein übermächtiger Gegner des Menschen sein kann. Jede Freiheit mußte er ihr erst abringen. Das vergißt man leicht, solange man sich in Sicherheit wiegt.
Haiangriffe erschrecken, selbst dann, wenn sie glimpflich verlaufen: Dies ist ihrem symbolischen Charakter geschuldet. Denn sie machen sichtbar, wie brüchig die Schutzzonen sind, die die Menschen sich geschaffen haben. Vor der Natur gibt es keine Rettung. Und wenn in den deutschen Medien weniger von dem Erdbeben und dem Tsunami die Rede ist, die in Japan viele Tausend Menschen das Leben gekostet haben, sondern ein damit verbundener Atomunfall geradezu hysterische Reaktionen hervorruft, mag nicht nur Berechnung dahinterstecken (auch wenn ein solcher Vorfall hier leider sehr vielen gut ins Konzept paßt). Vielleicht ist auch das ein schwächlicher Versuch, eine Naturkatastrophe vor dem Hintergrund einer von Menschen erschaffenen Ordnung zu betrachten. Denn Atomkraftwerke lassen sich abstellen, Erdbeben nicht. Die Ohnmacht des Menschen wird um so deutlicher sichtbar.
Dienstag, 22. März 2011
Zweifel und Bestandsaufnahme
Im Zweifeln ist die Urangst aufgehoben, daß kein Gott ist, wir verwaist sind und das Universum leer ist. Doch Zweifel sind auch die Flügel, die dem Glauben helfen, sich fortzubewegen.
Meine letzte Glaubenskrise ist schon ein paar Monate her. Ich war kurz davor, den Glauben zu verlieren - weil ich den Glauben verlieren wollte. Doch waren nicht Zweifel an der Wahrheit des Glaubens der Grund, sondern Abneigung gegen die verschiedenen katholischen Milieus. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir das eingestanden habe. Doch dann konnte ich auch mit dem konservativen Katholizismus in seiner deutschen Ausprägung endgültig brechen. Dort begegnete mir das Christentum zu oft in Gestalt eines einseitigen Moralismus.
Zum Glück ist der Glaube größer als das alles. Ich dachte darüber nach, was Glaube nicht ist, um mich dem annähern zu können was Glaube ist.
Ein erster Schritt war es für mich zu erkennen, daß Glaube und Gruppenidentität nicht identisch sind. Es ist leicht, sich als der bessere Christ zu fühlen, weil man eine bestimmte Meinung vertritt, konservativ ist oder liberal, sich mit anderen verbündet im Kampf gegen den Gegner. Doch letztlich weiß ich nicht, ob die alte Frau, die denkt, die Abschaffung des Zölibats wäre gut für die Kirche, Christus nicht mehr liebt als ich. Die Erkenntnis ist schwach, jeder pflegt seine Irrtümer und nur Gott kennt die Herzen.
Glaube ist nicht Ideologie. Er ist nicht identisch mit dem Fortschrittsglauben, der die Grundmelodie der säkularen Welt bildet - auch wenn oft versucht wird, diesen in den religiösen Bereich hineinzutransportieren. Zum Scheitern verurteilt ist aber auch der Traum, hinter die Moderne zurückzugehen. Mir begegneten Menschen, die von vergangenen goldenen Zeiten träumen, und ich gebe zu, daß dies reizvoll sein kann. Allerdings gibt es in der Geschichte keine goldenen Zeiten. Die Welt war auch 1950 schon gefallen, sie war es in der Barockzeit und im Mittelalter.
Sicher darf man Glauben auch nicht verwechseln mit der Begeisterung in den ersten Jahren nach der Re- oder Konversion. Der anfängliche Überschwang vergeht wie Verliebtheit. Ich merkte plötzlich: Da ist kein Gefühl mehr, nur Pflicht.
Die ästhetische Ergriffenheit, wenn man etwas sieht oder hört, was einem gefällt, seien es alte Choräle oder neue geistliche Lieder, seien es gotische Kathedralen oder karge neue Kirchenbauten, ist auch kein Glaube. Kunst kann zum Glauben führen, doch sie ist bloß Mittel und Weg. Ich war in der tridentinischen Messe, hörte gregorianischen Choral und es hat mich nicht berührt. Es war gut, denn ich gewann dadurch Freiheit.
Glaube ist nicht die gute Atmosphäre, die von einzelnen Personen geschaffen wird. Sie verschwindet, wenn diese Personen gehen, und man ist traurig. Dann zu bleiben ist wirklich schwer.
Glaube ist nicht Erkenntnisgewinn. Wenn man, frisch bekehrt, den Glauben entdeckt hat, droht die größte Gefahr: Hochmut. Es entfernt einen von Gott, wenn man anfängt zu denken, man sei anderen im Glauben voraus, weil diese sich in dem einen oder anderen Punkt irren. Wenn man versucht, mit Hilfe des Glaubens das Selbstwertgefühl aufzumöbeln. Sich wünscht, daß andere sehen, daß man mehr kniet als sie, demütiger ist als sie, die Kommunion würdiger empfängt, mehr und inniger betet, angemessener gekleidet ist. Wenn man zu glauben anfängt, man sei Gott näher als der Banknachbar.
Wenn Hochmut so gefährlich ist, liegt der Kern des Glaubens vielleicht in der Demut. Es schadet also nicht zu erkennen, wie wenig man weiß und wie schwach der eigene Glaube ist. Es schadet auch nicht, wenn das Vertrauen in die eigene Standfestigkeit erschüttert wird. Deshalb können Phasen der Dunkelheit und Müdigkeit ein Geschenk sein. Wenn Kleinigkeiten genügen, um Zweifel zu wecken; wenn man nicht mehr beten will und sich in die Sonntagsmesse zwingt; wenn man erkennt: hier gehöre ich nicht hin; wenn man 100 Mal am Tag denkt: ohne Glauben ginge es mir besser. Und wenn am Ende die Erkenntnis bleibt: Ich bin zu schwach zu glauben. Ich kann es nicht. Nicht ohne Deine Hilfe. Wenn man erkennt, daß man sich selbst nicht retten kann ...
... dann ist man vielleicht bereit zum nächsten Schritt: zu erkennen, daß man den eigenen Willen aufgeben muß, um Seinen tun zu können. Kann man jemals soweit kommen?
Meine letzte Glaubenskrise ist schon ein paar Monate her. Ich war kurz davor, den Glauben zu verlieren - weil ich den Glauben verlieren wollte. Doch waren nicht Zweifel an der Wahrheit des Glaubens der Grund, sondern Abneigung gegen die verschiedenen katholischen Milieus. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir das eingestanden habe. Doch dann konnte ich auch mit dem konservativen Katholizismus in seiner deutschen Ausprägung endgültig brechen. Dort begegnete mir das Christentum zu oft in Gestalt eines einseitigen Moralismus.
Zum Glück ist der Glaube größer als das alles. Ich dachte darüber nach, was Glaube nicht ist, um mich dem annähern zu können was Glaube ist.
Ein erster Schritt war es für mich zu erkennen, daß Glaube und Gruppenidentität nicht identisch sind. Es ist leicht, sich als der bessere Christ zu fühlen, weil man eine bestimmte Meinung vertritt, konservativ ist oder liberal, sich mit anderen verbündet im Kampf gegen den Gegner. Doch letztlich weiß ich nicht, ob die alte Frau, die denkt, die Abschaffung des Zölibats wäre gut für die Kirche, Christus nicht mehr liebt als ich. Die Erkenntnis ist schwach, jeder pflegt seine Irrtümer und nur Gott kennt die Herzen.
Glaube ist nicht Ideologie. Er ist nicht identisch mit dem Fortschrittsglauben, der die Grundmelodie der säkularen Welt bildet - auch wenn oft versucht wird, diesen in den religiösen Bereich hineinzutransportieren. Zum Scheitern verurteilt ist aber auch der Traum, hinter die Moderne zurückzugehen. Mir begegneten Menschen, die von vergangenen goldenen Zeiten träumen, und ich gebe zu, daß dies reizvoll sein kann. Allerdings gibt es in der Geschichte keine goldenen Zeiten. Die Welt war auch 1950 schon gefallen, sie war es in der Barockzeit und im Mittelalter.
Sicher darf man Glauben auch nicht verwechseln mit der Begeisterung in den ersten Jahren nach der Re- oder Konversion. Der anfängliche Überschwang vergeht wie Verliebtheit. Ich merkte plötzlich: Da ist kein Gefühl mehr, nur Pflicht.
Die ästhetische Ergriffenheit, wenn man etwas sieht oder hört, was einem gefällt, seien es alte Choräle oder neue geistliche Lieder, seien es gotische Kathedralen oder karge neue Kirchenbauten, ist auch kein Glaube. Kunst kann zum Glauben führen, doch sie ist bloß Mittel und Weg. Ich war in der tridentinischen Messe, hörte gregorianischen Choral und es hat mich nicht berührt. Es war gut, denn ich gewann dadurch Freiheit.
Glaube ist nicht die gute Atmosphäre, die von einzelnen Personen geschaffen wird. Sie verschwindet, wenn diese Personen gehen, und man ist traurig. Dann zu bleiben ist wirklich schwer.
Glaube ist nicht Erkenntnisgewinn. Wenn man, frisch bekehrt, den Glauben entdeckt hat, droht die größte Gefahr: Hochmut. Es entfernt einen von Gott, wenn man anfängt zu denken, man sei anderen im Glauben voraus, weil diese sich in dem einen oder anderen Punkt irren. Wenn man versucht, mit Hilfe des Glaubens das Selbstwertgefühl aufzumöbeln. Sich wünscht, daß andere sehen, daß man mehr kniet als sie, demütiger ist als sie, die Kommunion würdiger empfängt, mehr und inniger betet, angemessener gekleidet ist. Wenn man zu glauben anfängt, man sei Gott näher als der Banknachbar.
Wenn Hochmut so gefährlich ist, liegt der Kern des Glaubens vielleicht in der Demut. Es schadet also nicht zu erkennen, wie wenig man weiß und wie schwach der eigene Glaube ist. Es schadet auch nicht, wenn das Vertrauen in die eigene Standfestigkeit erschüttert wird. Deshalb können Phasen der Dunkelheit und Müdigkeit ein Geschenk sein. Wenn Kleinigkeiten genügen, um Zweifel zu wecken; wenn man nicht mehr beten will und sich in die Sonntagsmesse zwingt; wenn man erkennt: hier gehöre ich nicht hin; wenn man 100 Mal am Tag denkt: ohne Glauben ginge es mir besser. Und wenn am Ende die Erkenntnis bleibt: Ich bin zu schwach zu glauben. Ich kann es nicht. Nicht ohne Deine Hilfe. Wenn man erkennt, daß man sich selbst nicht retten kann ...
... dann ist man vielleicht bereit zum nächsten Schritt: zu erkennen, daß man den eigenen Willen aufgeben muß, um Seinen tun zu können. Kann man jemals soweit kommen?
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