Donnerstag, 26. Mai 2011

Der Schrei des Konvertiten zerstört das Minarett

So hat Annemarie Schimmel mal die Frage beantwortet, warum sie nicht zum Islam konvertiere. Ich weiß nicht, ob es sich bei diesem Spruch um eine alte Sufi-Weisheit handelt. Jedenfalls belegt er deutlich, daß auch andere Religionen mit ihren frisch bekehrten Neuanhängern manche Probleme haben.  Schließlich ist der Übereifer des Konvertiten sprichwörtlich geworden.

Konvertiten ... Merkwürdigerweise denke ich bei diesem Wort zuerst an Pierre Vogel. Allerdings zeigt der Ex-Boxer und Salafistenprediger tatsächlich in Reinform einige Auffälligkeiten, die man an Konvertiten öfter beobachten kann: den Wunsch nach der absolut reinen Lehre, das Leugnen von Ambivalenzen, die Gewißheit, selbst zu hundert Prozent den rechten Glauben zu vertreten. Den Wunsch, dies öffentlich zu zeigen. Und nicht zuletzt: das Bedürfnis, sich durch äußere Zeichen wie Kleidung abzugrenzen. (Da hat der Islam freilich ein weiter gefächertes Angebot als das Christentum.) Und das alles, um zu beweisen, daß man wirklich dazugehört.

Doch über einen Kamm scheren kann man die Konvertiten freilich auch nicht. Mein Lieblingskonvertit Evelyn Waugh, der übrigens großartige Bücher geschrieben hat, sagte mal: "Wäre ich nicht Katholik, dann wäre ich noch viel unausstehlicher.“ Und das klingt schließlich gar nicht ostentativ rechtgläubig, sondern ziemlich demütig.

Ja, ich gebe zu: Die exzentrischen, extravaganten, oft sehr spitzzüngigen und geistig unabhängigen Konvertiten aus der Literaturgeschichte sind mir oft lieber als manche der gegenwärtigen Exemplare. Denn es gibt sie tatsächlich: diese Nervensägen, die drei Monate nach der Konversion einem seit zwanzig Jahren mit dem Glauben Ringenden erklären wollen, wie er Glaubenskrisen überwinden kann.  Oder vor Streitsucht überkochen, wenn irgendjemand in einem x-beliebigen Internetforum erwähnt, daß er für das Frauenpriestertum ist.

Aber warum ist das so?

Ich glaube, daß manche Konvertiten einer Gefahr erliegen. Einer Gefahr, der ich selbst bei meiner Rückkehr zur Kirche erlegen bin. Man nimmt den Glauben als Wahrheit an und verliert dann leicht das demütige Wissen, selbst immer wieder Irrtümern zu erliegen. Mit der Folge, daß man anderen Irrenden die Wahrheit wie ein nasses Handtuch um den Kopf schlägt, ganz ohne Selbstzweifel. Eine weitere Gefahr: Der Kopf bekehrt sich schneller als das Herz, so daß man das Wesentliche noch nicht erkennen kann - nämlich, daß die Liebe zu Gott und den Menschen und die persönliche Beziehung zu Christus im Mittelpunkt stehen sollen.

Nun gut, zumindest konnte ich solche Tendenzen an mir beobachten, aber ich bin gar kein Konvertit. Sondern ein Revertit, und das ist anders.

Eine anfängliche Phase hochfliegenden Glaubenseifers gab es für mich auch, direkt nach meiner Rückkehr zur Kirche. Doch dann kam schnell die Ernüchterung: Denn dabei zu bleiben und an sich zu arbeiten ist mühevoll. Die Zweifel sind nicht verschwunden, aber ich will nicht mehr auf sie hören.

Vielleicht haben Konvertiten das Gefühl, erwählt zu sein - ich weiß es nicht. Vielleicht ist es auch wie das Gefühl einer sehr späten Liebe, die verteidigt werden will. Beides ist großartig.

Mein Gefühl war eher: Ich bin wieder da. Es ist alles so wie früher, und diesmal will ich bleiben. Aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe, denn es hat ja schon einmal nicht geklappt.

Und doch wird es immer etwas geben, was mich zur Kirche zurückziehen wird. Eine Bindung, die früh gelegt wurde, sehr früh. Bei mir hat es damit zu tun, daß ich als Kind oft in der Heiligen Messe war, dort glücklich war und sich mir der ganze Ablauf tief eingeprägt hat. Es ist tatsächlich eine Prägung, ein Brandzeichen in der Seele. Wie sonst wäre es zu erklären, daß es Katholiken gibt, die mit der Kirche überhaupt nicht im Reinen sind - und trotzdem bleiben wollen. (Aus diesem Grund ist es lieblos, solchen Zweifelnden zu erklären, sie sollten doch einfach evangelisch werden. Das geht eben nicht!)

Und weil es dieses Band gibt, bin ich froh, kein Konvertit zu sein. Denn es gibt mir auch die Sicherheit, daß ich unwiderruflich dazugehöre, egal wie schwach ich bin. Ich weiß, daß mein Glaube höchst defizitär ist, aber ich muß mir nichts beweisen und werde ihn nie ganz verlieren.

Und die nervigen Konvertiten? Stehen eigentlich unter Welpenschutz, denn sie sind ja noch ganz neu dabei. Und natürlich ist es schön, wenn jemand zum Glauben findet. Im heutigen Deutschland ist das sicher eine ungewöhnliche, schwierige, von viel Mut und geistiger Unabhängigkeit getragene Entscheidung und damit auch ziemlich rebellisch und subversiv.

Wobei: Subversiver sind doch wir Revertiten, denn wir zeigen einen äußerst unzeitgemäßen Gehorsam: indem  wir einfach zu dem Glauben zurückkehren, den Andere für uns ausgesucht haben.

Montag, 9. Mai 2011

Singles sind keine Hedonisten

Wenn ich die Wörter Singles und Hedonismus in einem Satz höre, bin ich mittlerweile ziemlich genervt. In sehr frommen Kreisen wird gerne folgende Gleichung aufgemacht: Wer Single ist, führt ein hedonistisches Leben, kreist um sich selbst und denkt nur an Spaß. Familie und Kinderreichtum stehen dagegen für Altruismus. So einfach ist es natürlich nicht. Aber manche denken es wirklich. Auf einem wirklich sehr, sehr frommen Kongreß lernte ich mal einen Mann kennen, der seit Jahren verzweifelt auf der Suche nach einer Partnerin war und sich damit quälte, daß er seinem Schöpfungsauftrag nicht nachkam. Dieser arme Kerl dachte tatsächlich, mit den Singles, die nur ihren Spaß suchen, sei er gemeint. Natürlich ist Derartiges nicht Lehre der Kirche, aber man sollte sich hüten, sowas auch nur anzudeuten, und sei es aus Gründen der Vereinfachung.

Aber wo sind sie eigentlich, die hedonistischen Singles? Selbst Frauenzeitschriften vermitteln da heute ein differenzierteres Bild. Und die Singles, die ich kenne, sind oft religiös oder auf der Suche nach Sinn und Lebensorientierung, vielseitig interessiert, gerne bereit, ein Ehrenamt zu übernehmen, manche glücklich, manche unglücklich, manche zufrieden, manche enttäuscht. Wenn sie sich einen Platz in der Kirche wünschen, dann soll es nicht wie ein Trostpreis aussehen, und sie wollen auch keinen Akt der Barmherzigkeit. Sie wollen außerdem nicht mit der geistlosen Vorstellung konfrontiert werden, jeder, der keinen Partner finde, habe eine religiöse Berufung. (Erinnert sich eigentlich noch einer an die Zeiten, als es den Lehrerinnenzölibat gab?) Gewiß: Nur in den westlichen Gesellschaften, die als materialistisch und konsumorientiert gelten, gibt es einen so hohen Prozentsatz an Singles. Doch der Grund für das Alleinsein ist in der Regel nicht der Wunsch nach einem hedonistischen Leben: Die inneren und äußeren Zwänge, eine Ehe einzugehen, verlieren an Wirkkraft, und die Ansprüche an den möglichen Partner sind gestiegen. Was nicht unbedingt negativ sein muß: ein bewußtes und erfülltes Leben allein ist allemal besser als eine unglückliche Ehe, die zu einem Gefängnis werden kann.

Eine evangelische Freundin, ebenfalls ohne Partner, sagte mir mal, wir hätten es da doch einfacher. Weil die katholische Kirche den Zölibat kennt. Sie ist in ihrer Gemeinde im Kirchenvorstand, als Einzige unverheiratet und stört sich daran, daß manche ihr mit einem vorsichtigen Mitleid begegnen. Doch Mitleid ist nicht angebracht: Viel besser wäre es für die Kirchen, die Singles stärker an sich zu binden. Mit ihren besonderen Fähigkeiten und Bedürfnissen und den Fragen, die sie an den Glauben richten.

Freitag, 6. Mai 2011

Frisch Bekehrte, heilige Spießer und Gescheiterte

Manche Bekehrungsgeschichten, die man hört, variieren folgendes Erzählmuster: „schlechtes Leben – Absturz – Bekehrung – gutes Leben“. Darauf lassen sich viele Geschichten aufbauen, etwa solche: XY hatte eine wilde, rebellische Jugend. Er geriet an die falschen Freunde, nahm Drogen und war irgendwann ganz unten. Oder, eine Nummer kleiner: Schulschwänzer, Sex vor der Ehe, ab und zu einen Joint. Tattoos, Piercings. Partyleben, nur Frauen im Kopf. Oder, die politische Variante: Er wollte die Welt verändern und machte bei irgendwelchen linken Gruppen mit. Wie auch immer: Irgendwann ging es XY schlecht damit. Oder er wurde einfach älter, sein Wunsch nach Rebellion schliff sich ab, er gewann an Lebenserfahrung und durchschaute, wie haltlos seine früheren Ziele und Ideale waren.

Da erinnerte er sich an Gott. Gott verzeiht ihm alles.  XY „prüft seine Berufung“ und entdeckt in den meisten Fällen „seine Berufung zur Ehe“. Er bittet Gott um einen passenden Ehepartner und lernt durch einen Zufall, der natürlich Fügung ist, eine hübsche Frau kennen. Die beiden heiraten, bekommen Kinder, bauen ein Häuschen, engagieren sich für die Kirche und führen ein anständiges Leben.

Solche Geschichten, die ich wirklich schon oft gehört habe, mögen wahr sein. Doch auf mich wirken sie geschönt, glattgebügelt und simplifizierend. Und manchmal hört man sogar einen beinahe schon calvinisitischen Unterton aus ihnen heraus: Wirtschaftlicher Erfolg und privates Glück scheinen sich als Zeichen für den Gnadenstand darzustellen.

Bei mir war das alles nicht so eindeutig. Ich war auch in meiner atheistischen Zeit ehrgeizig, hatte nur abwaschbare Tattoos und habe in meinem Leben nicht viele Joints geraucht. Ich fand zum Glauben zurück, weil ich viel darüber gelesen hatte und irgendwann merkte, daß ich mich wohlfühle, wenn ich in einer Kirche bin. Lebenskrisen und so weiter: Das alles erlebte ich auch danach. Es ist nicht alles gut geworden, ich kenne Langeweile, Zweifel, innere Leere, Ambivalenzen, die ich aushalten muß, Wege, die verschlossen sind und Kontingenzerfahrungen. Deshalb höre ich lieber andere Bekehrungsgeschichten. Etwa von Leuten, die ohne Lebenskrise zu Gott gefunden haben. Sondern weil sie von Bachs Musik angerührt waren, von der Schönheit eines Vogels oder eines Wasserfalls. Oder weil sie viel Glück hatten und jemandem dafür danken wollten. Oder Geschichten von Bekehrungen, die nicht zu spektakulären Änderungen führten. Wenn jemand einfach sein Leben weiterführt, seine Pflicht tut, das alles aber in Gott aufgehoben weiß.

Oder auch: Jemand entdeckt nach der Bekehrung nicht seine Berufung zur Ehe oder etwas Höherem, sondern lernt, sich anzunehmen, weil Gott ihn annimmt. Auch mit einer peinlichen Tätowierung am Fußknöchel, einer Neigung zu Depressionen, der Unfähigkeit, das eigene Leben in geordnete Bahnen zu lenken und dem Wunsch, ganz allein durch die Welt zu reisen. Schließlich hat Jesus nicht gesagt: Kommt zu mir, die ihr Spießer werden wollt, ich werde euch dabei helfen. Was er dagegen sagte, war: Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach.

Bei uns in der Kirche sitzt eine Frau, die ihre Bekehrungsgeschichte nie vor einem Publikum wird erzählen können. Denn sie ist schwer alkoholkrank, redet unzusammenhängend und wird schnell aggressiv. Ich weiß nicht, worum sie Gott bittet. Von ihrer Krankheit hat er sie jedenfalls nicht befreit. Sie ist ganz unten, kann schon lange nicht mehr arbeiten, und der Alkohol hat ihr Gesicht zerstört. Einmal fragte sie jemand, warum sie jeden Tag in die Kirche ginge. Sie antwortete: „Das ist das Einzige, was mir guttut.“

Ich glaube, daß sie noch hofft, und ihr Beispiel gibt mir mehr Kraft als der Überschwang mancher frisch Bekehrter. Denn wenn Christus in ein Leben hineinleuchtet, das jeder Außenstehende als gescheitert betrachtet, darf ich auch hoffen, daß er für meine Mittelmäßigkeit, Zweifel und Schwächen einen Weg finden wird.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Plastikschrott

Ich liebe mein kleines weißes MacBook. Es ist erst ein halbes Jahr alt und ich gehe mit ihm um wie mit einem rohen Ei. Es thront auf meinem Schreibtisch, wird liebevoll behandelt und muß auch nie im Rucksack verreisen wie mein Dell-Netbook. Als ich zum ersten Mal mit ihm gearbeitet habe, war es eine Offenbarung: endlich Schluß mit diesem ständig abstürzenden, langsamen, von Version zu Version immer schlechter werdenden Windows. (Manchmal denke ich wehmütig an Windows 98 zurück. Damit konnte man noch arbeiten. Windows 7 auf dem Netbook ist eine Katastrophe.) Endlich habe ich ein schnelles, intuitives, sympathisches System ...

Doch leider gönnt Apple meinem MacBook kein vernünftiges Kleidchen. Sein Hochglanz-Weiß in Plastik ist zwar hübsch, aber erinnert von der Qualität her weniger an ein Designerkleid als an ein H&M-T-Shirt, das ich mal hatte: einmal gewaschen, und es war drei Nummern kleiner, hatte eine andere Farbe und ein anderes Muster.

Natürlich kam mein MacBook nie in die Waschmaschine, sondern wurde nur vorsichtig abgestaubt. Und dennoch: Gestern entdeckte ich Risse an den Scharnieren. Sie kamen über Nacht. Für mich war schon fast eine Welt zusammengebrochen, als mein Mac zum ersten Mal abgestürzt war, denn ich dachte, denen passiert das nicht. Und nun das. Ich googelte eine Weile und fand heraus, daß das wohl ein Serienfehler ist, der schon seit einigen Jahren bekannt ist. Sehr aufschlußreich die flickr-Gruppe "My MacBook was cracked by itself".

Apple soll bei solchen Fällen mittlerweile kulant sein. Trotzdem: Apple steht für Qualität, und ich verstehe nicht, wieso für dieses bekannte Problem nicht endlich eine Lösung gesucht wird. So kann man sich halt auch das Image kaputt machen.

Samstag, 23. April 2011

Dumm tanzt gut

Die Grüne Jugend hat gestern, am Karfreitag, auf dem Römerplatz in Frankfurt einen Flashmob organisiert:  Tanzen gegen die Karfreitagsruhe. Es wundert mich nicht. Wenn man einen Tag lang nicht Party machen darf, kommt man vielleicht ins Nachdenken, und Denken gehört nicht zu den größten Begabungen des grünen Nachwuchses. Ist ja irgendwie auch mit Arbeit verbunden.

Viel eindrücklicher als diese vor sich hin trampelnde Horde:

Die traditionelle Karfreitagsprozession der kroatischen Gemeinde, ein endlos langer Zug durch die ganze Stadt und am Mainufer entlang, an der Spitze ein Priester, der ein Kreuz trägt. Schweigen, Gebete, leise Gesänge. Dadurch wurde ein Zeichen gesetzt an einem Tag, dessen Bedeutung viele vergessen haben. Die Wiesen am Main waren voll mit Leuten, die in der Sonne lagen, tranken, den freien Tag genossen. Und dann zieht das Kreuz vorbei, gefolgt von unzähligen Menschen. Es war beeindruckender als es jede Demonstration und jeder Flashmob sein könnte.

Freitag, 22. April 2011

Salafisten in Frankfurt

Vorgestern saß ich abends mit einer Freundin im Café, in der Nähe der Hauptwache. Es wurde laut. Von Ferne hörten wir Geräusche wie aus einem Fußballstadion, Schreie, Schlachtengesänge. Je länger wir lauschten, desto deutlicher konnten wir einen Ruf heraushören: allahu akbar. Ich hatte gedacht, daß die geplante Kundgebung mit Pierre Vogel, einem Ex-Boxer und Islam-Konvertiten, von der Stadt verboten worden war. Pierre Vogel gehört zu den Salafisten, einer extremistischen und gefährlichen Ausprägung des Islam. Später erfuhr ich, daß das hessische Verwaltungsgericht das Verbot gekippt hatte. Der fanatische Prediger und seine Anhängerschaft durften sich auf dem Roßmarkt versammeln.

Nach dem Essen wollten wir schauen, was in Frankfurt los war. Überall in den Straßen waren Polizeiautos. Als wir am Roßmarkt ankamen, hatte sich die Versammlung schon weitgehend aufgelöst. Dennoch bot sich auf dem Platz ein Bild, das mit der Modernität der hessischen Bankenstadt merkwürdig kontrastierte: Gruppen von Frauen im Tschador, die uns böse Blicke zuwarfen, bärtige Männer in weißen Gewändern. Es lag Aggressivität in der Luft. Die Menschen, die Frauen in Schwarz wirkten uniformiert, und mir kam der Gedanke, daß der Islam die Religion der Massengesellschaft ist. So wie das Christentum die Religion des bürgerlichen Individuums war, das mehr und mehr durch den Massenmenschen verdrängt wird. Dem Massenmenschen, gesteuert durch die Massenmedien und die Konsumbedürfnisse, die ihm immer wieder neu eingeflüstert werden, sind individualisierende Glaubenspraktiken wie das persönliche Gebet zu einem ihn liebenden Gott fremd. Auch der Islam kennt Derartiges nicht, er kennt nur eine ferne, unnahbare, unberechenbare Gottheit, dem sich alle zu unterwerfen haben, ohne Unterschied. Dieses in den schwarzen Tschador gehüllte Kollektiv ist die religiöse Gestalt der Massengesellschaft.

So gehört die Gefolgschaft des Ex-Boxers natürlich nicht dem untergehenden Bildungsbürgertum an. Später sagte ein Mann in einem Fernseh-Interview, unter den Zuhörern seien Hunderte Kriminelle gewesen, die durch den Islam zu anständigen Menschen geworden seien. Eine ältere Frau, die mit einem Schild allein in einer Ecke stand, noch lange nachdem sich die Gegendemonstration aufgelöst hatte, wurde von mehreren muslimischen Männern aggressiv angegangen. "Menschenrechte statt Scharia" stand auf ihrem Schild, eine Provokation für die Moslems. Die Frau bewies einen Mut, für den ich sie bewunderte. Ebenso ein junger Mann, ein Kroate?, der mit einem Rosenkranz in der Hand mitten auf dem Platz stand. Als ein bärtiger Mann ihm einen Flyer geben wollte, hielt er ihm den Rosenkranz entgegen, deutete auf den Flyer und sagte, sehr ruhig und gelassen: "Das brauche ich nicht."

Und mit diesem Satz machte er deutlich, woran es uns mangelt und was uns helfen könnte, die Ausbreitung des Islam in Deutschland zu verhindern: Mut und Überzeugung. Der Islam hätte keine Chance, wenn es mehr überzeugte Christen gäbe. Christen, die ihren Glauben nicht relativieren, sondern ihn weitergeben wollen. In dem Wissen, daß der Herr jeden retten will. Manchmal denke ich: Die Muslime wurden hierher geschickt, damit sie das Christentum kennenlernen können. Wir versagen und nehmen ihnen die Chance, Christus, der für uns heute am Karfreitag sein Blut vergossen hat, als ihren Erlöser anzunehmen.

Und die deutsche Gesellschaft glaubt immer noch, sie könnte den Islam mit den Verlockungen des Säkularismus neutralisieren. Doch wer gibt schon eine Religion für das Nichts auf?

Sonntag, 17. April 2011

Sünde und Arbeit

Ich erinnere mich an einen Professor aus meinen Studienzeiten, einen Alt-68er, der mit triumphalistischem Gesichtsausdruck zu sagen pflegte, die Sünde sei heute abgeschafft. Was er damit ausdrücken wollte, war lediglich, daß er den Bedeutungsverlust der Religion gut fand und sich darüber freute, daß überall mit großer Offenheit über Sex gesprochen wird. Natürlich ist die Sünde nicht abgeschafft, das braucht man religiösen Menschen nicht zu erklären. Den Anderen mag das Wort "Sünde" wie ein Erinnerungsstück aus einer untergegangenen Welt erscheinen - doch auch sie kennen Schuld, Scham und die Angst, daß böse Taten offengelegt werden. 

Die Vorstellung von Sünde als Verstoß gegen Gottes Gebote wird jedoch in säkularen Gesellschaften durch andere ersetzt. Man kommt ihnen auf die Spur, wenn man sich fragt, was das größte Tabu ist. Man darf heute über alles Mögliche in größter Offenheit reden, doch eines behält man besser für sich: berufliches Scheitern. Denn der Beruf ist wichtig, sogar entscheidend für das Selbstbild. Man arbeitet nicht nur für den Lebensunterhalt, viele andere Vorstellungen sind daran geknüpft: Erfolg hat, wer Karriere macht und gut verdient. Man braucht den richtigen Beruf, um sich selbst zu verwirklichen.  Seine Fähigkeiten hat man bekommen, um sie im Beruf einzusetzen. Man muß immer wieder seine Ziele neu definieren, weiter vom Aufstieg träumen, vom nächsten Karriereschritt, und nie ist man irgendwo angekommen. Das alles ist selbstverständlich, die meisten haben es verinnerlicht. Ein preußisches Arbeitsethos hat die Seelen in Besitz genommen, auch an mir selbst merke ich das oft genug. Mir ist die Vorstellung nicht fremd, ich könnte, wenn ich über mein Leben Rechenschaft ablegen soll, vor allem nach beruflichen Fehlentscheidungen gefragt werden. Warum diese vollkommen unnütze Doktorarbeit, die mich nicht weitergebracht hat? (Sie wäre verzichtbar gewesen, aber das wußte ich erst später.) Warum nicht stattdessen ein Volontariat in einer angesagten Werbeagentur? Ich wäre heute wahrscheinlich irgendwo Creative Director, und da ich das nicht bin, kommt es mir erstrebenswert vor. 

Der Erfolgsdruck ruft natürlich Gegenbewegungen hervor. Wenn es mit dem Beruf nicht klappt, reagiert man wie ein ertappter Sünder. Entweder mit einem verzweifelten "Ich war's nicht!" oder mit: "Da sind andere dran schuld." Der Staat, die Gesellschaft und so weiter. Da es nicht leicht ist, Karriere zu machen, und die Arbeitswelt härter geworden ist, braucht man sich nicht darüber zu wundern, daß soviele Menschen Zuflucht bei den Linken suchen. Denn dort wird ihnen genau das gesagt: Daß sie für ihr Scheitern nicht selbst verantwortlich sind, sondern daß es immer die anderen sind, die Umstände, das ungerechte System. Vielleicht ist es der Reiz linken Denkens, daß es auf diese Weise eine Art von Absolution verspricht. Aber wirklich befreiend ist das nicht.