Freitag, 29. Oktober 2010

Ich schreibe wie ...

Nachdem Johannes (http://materamata.blogspot.com/2010/10/oy-vey.html) von seinen Erfahrungen mit der FAZ-Seite „Ich schreibe wie“ berichtet hat, mußte ich das auch gleich ausprobieren. Also habe ich zwei Texte eingestellt. Zuerst einen für berufliche Zwecke. Ergebnis: Ich schreibe wie Melinda Nadj Abonji. Upps, wer ist das denn? Ein verbreiteter Internet-Suchdienst verrät mir: Melinda Nadj Abonji ist eine junge Schrifstellerin ungarischer Herkunft, die in der Schweiz lebt und sich vor allem als Performerin von Slam Poetry hervorgetan hat. Das Feuilleton der NZZ rühmt außerdem den Beat ihrer Sprache. Ich bin beeindruckt. Was für ungeahnte Talente schlummern doch in mir! Hoffentlich erfährt das mein Brötchengeber nicht. Slam Poetry ist, glaube ich, nicht das, was er von mir erwartet.

Zweiter Versuch, ein Text aus diesem Blog. Und das Ergebnis: Ich ... ähem ... Räusper ... also, ich ... hüstel ... Doch, es muß heraus: Ich – schreibe – wie – Johann – Wolfgang – naja, ihr wißt schon. Jahahaaa! Wie unser Dichterfürst! Welch ungeahnte Möglichkeiten tun sich da auf! Ich könnte meinen Künstlernamen ändern. „Johnny G.“ - das wäre doch eine passende Kombination meiner beiden literarischen Existenzweisen. Vielleicht sollten wir das Blog nur noch für zahlende Leser öffnen? Mal mit Benita darüber reden. Jetzt muß ich mich erst mal in meine Dichterklause zurückziehen. Und gründlich über meine weitere Karriere nachdenken. Mein seit langem nicht geschriebener Roman harrt der Veröffentlichung.

Jacopone

Sonntag, 24. Oktober 2010

Ein Schutzengel für Deutschland

Daß Deutschland sich abschafft, ist nicht erst seit Thilo Sarrazins Buch mit Händen zu greifen. Im Grunde reicht schon der Gang durch das Zentrum einer beliebigen deutschen Großstadt, um das zu sehen. Sarrazin analysiert diesen Vorgang soziologisch, ökonomisch, politisch, beschäftigt sich mit Bildungswesen, Zuwanderung und Sozialpolitik. Das ist sicher alles richtig und notwendig. Im Grunde aber ist doch die eigentliche Ursache dieser Misere spiritueller Art und mit dem Namen Auschwitz verknüpft.

Auschwitz, so meinte Günter Grass, habe den Deutschen eine privilegierte Erkenntnis verschafft: „Jetzt endlich kennen wir uns.“ In Auschwitz wäre demnach das deutsche Volk zu sich selbst gekommen. Ein monströses Verbrechen soll Kern unserer nationalen Identität sein und uns vor allen anderen Völkern auszeichnen. Kein Wunder, daß die Generationen, denen dieses Denken eingeimpft wurde, von deutscher Kultur nichts mehr wissen wollen und das allmähliche Verschwinden des eigenen Volkes scheinbar klaglos hinnehmen.

Um es gleich zu sagen: Ich möchte weder den Holocaust relativieren noch die Zahl seiner Opfer klein rechnen. Außerdem möchte ich auch keine Diskussion über die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg führen. Ich finde nur, daß die gegenwärtige herrschende Form von „Vergangenheitsbewältigung“ weder menschlich förderlich noch wirklich christlich ist. Und ich frage mich, ob es dazu nicht eine aus dem Glauben entwickelte Alternative geben kann. In dem schönen, wenn auch dogmatisch etwas beliebigen Buch „Das Schweigen der Engel. Einführung in die Angelologie“ von Andrei Plesu (Berlin: University Press 2007) bin ich auf eine Überlieferung gestoßen, die vom Alten Testament bis zu den Kirchenvätern reicht. Demnach haben auch die Nationen ihren Engel, den Gott ihnen zugewiesen hat. Origenes lehrt, daß die menschlichen Sprachen von Engeln geschaffen wurden. Am Ursprung jeder Volksgemeinschaft steht also, schreibt Plesu, „ein Engel, ein spirituelles Prinzip, das in der Seinsweise dieser Gemeinschaft, in ihrem historischen Schicksal, in ihrer Sprache und Kultur seinen Ausdruck findet“. Ein Engel, nicht ein KZ-Wärter, und auch nicht Adolf Hitler.

Für Plesu sind die Engel der Nationen ein Argument gegen das „nationalistische Ketzertum“: Wer seine eigene Nation über die anderen stellt, der wendet sich gegen alle anderen Engel und damit letzten Endes auch gegen Gott. Das ist richtig, gilt aber auch umgekehrt, für die Verachtung des eigenen Volkes. Denn ebenso wie uns der individuelle Selbstmord nicht gestattet ist, dürfen sich auch die Völker nicht selbst aufgeben. Und über unsere Schuld urteilen nicht wir selbst. Die Engel jedenfalls, so Plesu, identifizieren sich so mit den Völkern, die sie behüten, daß sie mit ihnen gemeinsam vor das Jüngste Gericht treten.

Das mag vielleicht spinnert klingen. In den politischen Diskurs einspeisen kann man es auch nicht. Aber was hindert uns eigentlich daran, unsere spirituelle Tradition ernst zu nehmen? Denn der nationale Selbsthaß könnte doch am ehesten geheilt werden, wenn wir wieder glauben könnten, daß auch unserer Geschichte ein spirituelles Prinzip zugrunde liegt.

Freitag, 8. Oktober 2010

Warum ich nicht mehr gerne in Buchhandlungen gehe

Buchhandlungen habe ich früher geliebt. Stundenlang konnte ich da herumstöbern - wenn mich die Verkäuferin nicht vorher gefragt hat, ob sie mir behilflich sein könne. Heute habe ich für einen Freund ein Buchgeschenk gekauft – und auf einmal wurde mir bewußt, daß mich die Umgebung abstößt. Natürlich habe ich mir überlegt, warum das so ist. Hier das Resultat:
1. der pseudointellektuelle Buchhändler vom Typ Germanistik-Student im 25. Semester, der sich während des Kassierens am Handy lauthals über die furchtbaren Sauereien echauffiert, die zur Zeit in Stuttgart laufen.
2. das linksliberale Mainstream-Sortiment, das einem von den Regalen in seiner ganzen breitspurigen Dürftigkeit entgegenkreischt. Das ist wirklich nichts dabei, was mich interessiert.
3. die Kundschaft, beispielhaft repräsentiert durch jene verhärmt wirkende Mittfünfzigerin mit lederner Haut, grauem Bürstenhaarschnitt und Süddeutscher Zeitung unter dem Arm, die sich beim pseudointellektuellen Buchhändler erkundigt, ob „Sie noch was von 'Ljossa' da haben“ (wahrscheinlich hat sie den Namen gestern in ihrem Kulturradio zum ersten Mal gehört und nur den letzten Bestandteil behalten).
Auf der Flucht gerate ich in einen jener mehrstöckigen Büchertempel, die der gebildete Literaturfreund höchstens mit Naserümpfen betritt. Und was sehe ich da? In der Mitte ein großer Tisch, voll beladen mit den roten Büchertürmen einer gewissen, nicht hilfreichen Neuerscheinung. (Beim pseudointellektuellen Qualitätsbuchhändler gibt's die höchstens ganz oben in der rechten Regalecke - das Geschäft will er sich denn doch nicht ganz entgehen lassen). Und neben den roten Türmen, o Wonne: Udo Ulfkotte! Manchmal verschafft mir sogar eine Buchhandlung meinen inneren Reichsparteitag.

Montag, 27. September 2010

Die kleine Therese, Joseph Roth und – Schnaps

Am 1. Oktober ist das Fest der heiligen Therese von Lisieux. Das weiß ich so genau, weil sie die Patronin der Schule ist, die ich besucht habe. Das hieß jedes Jahr: Patronatsfest, Schulgottesdienst und anschließend meist unterrichtsfrei, neun Jahre lang. Sowas prägt sich ein. Dennoch ist mir die heilige Therese in dieser Zeit nicht nähergekommen.

Geändert hat sich das erst, als ich Joseph Roths Erzählung „Die Legende vom heiligen Trinker“ gelesen habe. Und das, obwohl die heilige Therese darin gar nicht selbst auftritt (oder vielleicht doch?). Es ist Roths letzte Erzählung, geschrieben, als er schon vom jahrelangen Alkoholmißbrauch gezeichnet war, und sie hat nicht mehr ganz den Glanz seiner früheren Werke. Aber die Geschichte ist ergreifend: Ihr Hauptperson ist der Trinker Andreas, ein Stadtstreicher in Paris. Ihm wiederfährt eines Tages – ja, was eigentlich: ein Zufall, ein Wunder? Jedenfalls schenkt ihm ein wohlgekleideter Herr 200 Francs. Und hier kommt die heilige Therese ins Spiel: Denn da Andreas ein Mann von Ehre ist, verabredet er mit dem Herrn, das Geld zurückzuzahlen. Aber nicht dem Spender, sondern der „kleinen Therese“ in ihrer Kapelle Sainte-Marie-de-Batignolles. Insgesamt dreimal widerfahren dem guten Andreas solche Zufälle, dreimal kommt er unversehens in den Besitz großer Geldbeträge. Aber er macht keinen guten Gebrauch davon. Seine schwachen Versuche, sich in die Gesellschaft zurückzuarbeiten, scheitern sehr schnell: an falschen Freunden, leichten Mädchen und vor allem am Schnaps. Nur an die kleine Therese denkt er, denn er macht sich auch dreimal auf in die Kapelle Sainte-Marie-de-Batignolles, um die Schuld zurückzuzahlen. Aber vor der Kirche ist auch eine Kneipe, und so ist der gute Vorsatz rasch vergessen.

Da kommt die kleine Therese selbst zu ihm, in die Kneipe: „In diesem Augenblick tat sich die Tür auf, und während Andreas ein unheimliches Herzweh verspürte und eine große Schwäche im Kopf, sah er, daß ein junges Mädchen hereinkam und sich genau ihm gegenüber auf die Banquette setzte. Sie war sehr jung, so jung, wie er noch nie ein Mädchen gesehen zu glaubte, und sie war ganz himmelblau angezogen. Sie war nämlich blau, wie nur der Himmel blau sein kann, an manchen Tagen, und auch nur an gesegneten.“ Natürlich heißt das kleine Mädchen Therese, und es weiß gar nicht, wie ihm geschieht, als der verwahrloste Mann ihm Geld aufdrängt. Während Andreas noch versucht, seine Schuld zu begleichen, bricht er zusammen, es geht mit ihm zu Ende. „Und man schleppt ihn, weil in der Nähe kein Arzt und keine Apotheke ist, in die Kapelle, und zwar in die Sakristei, weil Priester doch etwas von Sterben und Tod verstehen, wie die ungläubigen Kellner trotzdem glaubten; und das Fräulein, das Therese heißt, kann nicht umhin und geht mit.“ Hier stirbt Andreas.

„Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!“ - das ist der letzte Satz der Geschichte. Roths eigener Tod war leider anders. Er starb in einem Armenhospital, im Delirium tremens, ans Bett festgeschnallt und ganz verlassen. Fast könnte man meinen, daß sein Tod seine Erzählung widerlegt hat. Mir hat sie aber die Augen geöffnet, für die kleine Therese und für das, was sie uns zeigen will: das Wunderbare des Glaubens, das der Alltagsvernunft widerspricht. Das Schwache und Zarte, das doch so stark sein kann. Und die Gnade, die uns nachgeht, auch wenn wir ihr ausweichen.

Sonntag, 19. September 2010

Könnte katholischer Journalismus auch so aussehen?

„Schreiben Sie nichts, was nicht auch von der Jungfrau Maria unterschrieben werden könnte.“ Dieser Satz klingt so hoffnungslos naiv, so weltfremd, daß man fast darüber schmunzeln könnte. Aber er stammt von einem der erfolgreichsten katholischen Journalisten des 20. Jahrhunderts: dem heiligen Maximilian Kolbe. Verehrt wird er ja besonders als Märtyrer im Konzentrationslager Auschwitz. Weniger bekannt ist dagegen, daß dieser schmächtige, ständig von Krankheiten geplagte Franziskaner vor dem Krieg ein weltweit agierendes Presseunternehmen aufbaute. Die erfolgreichste von ihm herausgegebene Zeitschrift trug den wunderbar romantischen Titel „Ritter der Immaculata“ und erreichte immerhin eine Auflage von einer Million Exemplaren. Der „Ritter“, oder, wie er sich nannte, „Halbnarr“ der Immaculata, das war Kolbe selbst. Das Geheimnis seines Erfolges erklärt sein Biograph André Frossard so: „In der kleinformatigen Illustrierten“ wurde „nicht über die Welt für die Welt berichtet ..., sondern über den Himmel, über das Heil, das Leiden und die Hoffnung, eigentlich über all das, wovon die Presse nicht mehr spricht, sollte sie je davon gesprochen haben.“ Kolbe brachte seiner wachsenden Leserschaft das, „was den wenig gefragten Kern der menschlichen Natur ausmacht, nämlich den Wunsch zu glauben, zu hoffen und zu lieben.“

„Anstatt das Böse zu fördern, indem man über es schreibt, gilt es, das Gute hervorzuheben, um es dadurch um so begehrenswerter zu machen. Wenn schon die Aufmerksamkeit der Gesellschaft oder der Autoritäten auf irgendetwas Böses gelenkt werden muß, dann muß dies mit Liebe und Diskretion für die darin verwickelten Personen geschehen; man darf nicht übertreiben, niemals weiter als notwendig in die Einzelheiten des Bösen vordringen, um es zu beseitigen.“ Auch das ist eine Anweisung Kolbes für seine Redakteure. Ich muß gestehen, daß mich solche Sätze ein wenig beschämen. Ich bin kein Journalist, aber einiges, was ich hier geschrieben habe, ist von diesem Maßstab ziemlich weit entfernt. Könnte katholischer Journalismus heute noch so funktionieren? Ich glaube, daß der Kern der menschlichen Natur, von dem Frossard spricht, immer noch darauf wartet, angesprochen zu werden. Aber dazu müßte man wohl den den Glauben und die Unbekümmertheit eines Kolbe haben, der, so Frossard, einfach das „wiederholte ..., was ihm sein Herz eingab.“ Man müßte Sätze formulieren können wie diesen: „Ein einziger Akt vollkommener Liebe läßt die Seele wiedererstehen.“ Und man müßte so etwas nicht nur schreiben, sondern tun. So wie Kolbe es getan hat, als er in Auschwitz sein Leben für einen anderen, ihm völlig fremden Menschen opferte. Man müßte ... ja, müßte man das wirklich: ein Heiliger sein?

Alle Zitate aus dem Buch „Die Leidenschaft des Maximilian Kolbe: Eine Biographie“ von André Frossard (Kreuz-Verlag Stuttgart 1988).

PS. Allerdings brauche ich morgens nur fünf Minuten Frühstücksfernsehen zu gucken, um mir sofort einen ganz anderen katholischen Journalismus zu wünschen: einen, der der medialen Einheitsfront kräftig Contra gibt. Und das so aggressiv und polemisch wie möglich.

Freitag, 10. September 2010

Kitsch, Intrigen, Mittelmaß: die deutsche Nachkriegsliteratur

Wer etwa noch Illusionen über die deutsche Nachkriegsliteratur hatte, dem werden sie durch den neuesten Essay von Thorsten Hinz, dem wortgewaltigen Autor der Jungen Freiheit, gründlich geraubt. In dem Bändchen „Literatur aus der Schuldkolonie“ präsentiert er die erste Garde der Nachkriegsautoren als einen Klüngel von Zeitgeistrittern, der seine Quasimonopolstellung durch eine Mischung aus Doppelmoral, Opportunismus und handfester Intrige errungen hat. Gemeint sind die Autoren der sogenannten Gruppe 47, deren jahrzehntelange Vormachtstellung erst heute allmählich durch den (über-)fälligen Generationenwechsel zu Ende geht.
Hinz' gedankliche Grundfigur ist in dem Begriff der Schuldtranszendez ausgedrückt. Er meint die Verabsolutierung des Holocaust zum Menschheitsverbrechen, die den Deutschen nach '45 eine unlebbare Negatividentität aufgezwungen habe. Das ist natürlich starker Tobak und für die Jünger der Political Correctness eine Blasphemie. Aber es erweist sich als probater Schlüssel für die Irrungen und Wirrungen deutscher Literatur nach 1945. Hinz macht für die Entstehung dieses Vorstellungskomplexes zwei Urheber verantwortlich: Die Amerikaner und Thomas Mann. Die Amerikaner mit ihrem Versuch der „Re-Education“ der Deutschen, Thomas Mann mit seinem Roman „Doktor Faustus“. Er appliziert das Motiv des Teufelspaktes auf den vermeintlich zum Diabolischen geneigten deutschen Nationalcharakter und gelangt so zur Gleichsetzung alles Deutschen mit dem absolut Bösen. Die Konsequenz, nach Hinz: „So erscheinen die Kultur und Geschichte Deutschlands als ein diabolisch inspiriertes Schuldverhängnis, das sich in der Raserei des Nationalsozialismus vollendet ... und durch die Kriegsgegner verdientermaßen an sein Ende gebracht wird.“
Es blieb den Autoren der Gruppe 47 vorbehalten, diese Grundidee zu verflachen, zu popularisieren und weiter zu entfalten. Alfred Andersch etwa feierte 1952 in den „Kirschen der Freiheit“ seine eigene Desertion bei Kriegsende als notwendige Delegitimation der Loyalität zum eigenen Volk, gerechtfertigt dadurch, daß „die Deutschen als Nation tot sein würden, so wie alle Nationen“. Wolfgang Koeppen gelang in seinem „Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ (1948) zum ersten Mal der Kunstgriff, sich bei der Darstellung der NS-Zeit nachträglich in die Perspektive der Opfer zu versetzen (hier des Juden Jakob Littner), ein Verfahren, das bis heute für sicheren Beifall gut ist. Und Heinrich Böll, der Großmeister der von ihm selbst ausgerufenen „Ästhetik des Humanen“, schaffte in den 60er Jahren den Übergang vom Vergangenheitsbewältiger zum moralisierenden Gesellschaftskritiker: Sein „Clown“ Hans Schnier, der nichts arbeitet, aber die Gesellschaft ständig mit hysterischen Anklagen überzieht, wäre heute als Leiter eines staatlich finanzierten Antirassismus-Projekts prädestiniert. Und die Hauptfigur aus „Gruppenbild mit Dame“, Leni Pfeiffer, nimmt gar die ganze Last der deutschen Geschichte auf sich. Sie bekommt ihr erstes Kind von einem russischen Kriegsgefangenen, ihr zweites von einem türkischen Gastarbeiter. In derartigem Sozialkitsch ruhen unverkennbar die geistigen Fundamente der heutigen Multikulti-Republik.
Das aufschlußreichste Kapitel des Buches behandelt den Schriftsteller Gerd Gaiser, der in den fünfziger Jahren die historischen Ereignisse nicht aus der Perspektive der Sieger, sondern aus einer einer deutschen Binnensicht zu zeichnen versuchte. Das konnte die linke Intelligentsia nicht dulden, und so wurde Gaiser durch eine konzertierte Attacke der Kritiker Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki literarisch vernichtet. An seiner Stelle schob das Literatur-Establishment den mittelmäßigen Böll in den Vordergrund. An diesem Beispiel wird besonders deutlich, wie viel der Siegeszug der Gruppe 47 mit Repression und geistiger Uniformisierung zu tun hatte. Hinz ist ein scharfsinniges, funkelndes Buch gelungen, das trotz seines schmalen Umfangs mehr Erkenntnis vermittelt als manch dickleibiger Germanistenwälzer.

Thorsten Hinz: Literatur aus der Schuldkolonie. Schreiben in Deutschland nach 1945. Schnellroda: Edition Antaios 2010.

Dienstag, 24. August 2010

Tempelritter, Dandys und Gelehrte: G. A. Oblinger über Konvertiten

Benita hat ja angekündigt, mit dem Bloggen eine Pause zu machen. Obwohl ich ihre Beiträge sicher nicht ersetzen kann, werde ich hier in Zukunft hin und wieder doch etwas veröffentlichen: Buchbesprechungen, Leseeindrücke oder was mir sonst so durch den Kopf geht. Heute also eine Buchvorstellung. Sie beginnt mit einem Zitat. Der französische Autor André Frossard schreibt in seiner Autobiographie „Gott existiert. Ich bin ihm begegnet“: „Dieses Buch erzählt nicht, wie ich zum katholischen Glauben kam, sondern wie ich nicht dorthin ging und mich plötzlich dort befand. Es ist nicht die Darstellung einer geistigen Evolution, sondern ... so etwas wie die Zeugenaussage über einen Unfall.“ Gelesen habe ich das in dem Buch „Gesucht – gefunden. Bedeutende Konversionen“ von Georg Alois Oblinger, seines Zeichens Pfarrer und nebenher Autor für verschiedene Zeitungen, darunter die Junge Freiheit. Frossard beschreibt damit das völlig Unterwartete seiner Konversion, und für Oblinger illustriert das Zitat eine seiner Leitthesen: Daß Konversionen, Bekehrungen, geistige Lebenswenden nicht nur das Ergebnis einer religiösen Suche sind, sondern oft auch des unvermuteten, pötzlichen Einbruchs der göttlichen Gnade.

Theologische Reflexionen stehen aber nicht im Mittelpunkt dieses Buchs, sondern flott geschriebene Porträts, Lebensskizzen, angefangen von der biblischen Sünderin Maria Magdalena und endend bei Ernst Jünger. Und Oblinger versteht unter Konversion nicht nur formelle Konfessionswechsel, sondern auch Bekehrungen, die zu einem vertieften Verhältnis zum „ererbten“ Glaubens führten wie etwa bei Blaise Pascal. Eine wahrlich bunte Schar zieht da am Leser vorüber; große Kirchenmänner wie Augustinus oder Kardinal Newman, Gelehrte wie Jacques Maritain oder C. S. Lewis, Dandys wie Jules Barbey d'Aurevilly. Oblingers besondere Liebe gehört dabei den Intellektuellen und Schriftstellern, den Querköpfen und Unruhestiftern.

Drei Porträts, die ich besonders interessant fand, möchte ich hervorheben. Da ist zunächst der französische Schriftsteller Joris-Karl Huysmans, der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in seinen Skandalromanen „A rebours“ und „La-bas“ Ästhetizimus wie Okkultimus literarisch durchspielte. 1892 trat er in ein Trappistenkloster ein, später lebte er in einem Benediktinerkloster und schrieb weitere Romane wie „En route“ und „La Cathédrale“, in denen er über die Beschäftigung mit Mystik und monastischer Liturgie zum Wesen des Glaubens vordringt. Der deutsche Schriftsteller Hugo Ball, Gründungsvater des Dadaismus, konvertierte 1920 zum Katholizismus. Danach schrieb er unter anderem über die griechischen Kirchenväter das Buch „Byzantinisches Christentum“, das Hermann Hesse als „das schönste mir bekannte religiöse Buch“ bezeichnet hat. Die expressionistische Lyrikerin Claire Goll schrieb über Ball: „Hugo Ball hatte etwas von einem Mönch, einem Tempelritter, der sich auf einen Kreuzzug begab, um die Menschheit zu retten.“ Und schließlich als Kontrast der englische Satiriker Evelyn Waugh, der auch nach der Konversion sein Partyleben fortsetzte, freilich mit dem Unterschied, daß er jetzt regelmäßig zur Beichte ging. Seine Romane wie „Wiedersehen in Brideshead“ oder „Scoop“ (eine Abrechnung mit dem Sensationsjournlismus) sind ganz der Gegenwart verhaftet, deren Hedonismus Waugh attackiert, und gegen deren Orientierungslosigkeit er Halt in der katholischen Kirche suchte. So kritisierte Waugh auch die Liturgiereform nach dem Konzil: „Ich habe mich getäuscht und habe dort, wo ich Unwandelbares vermutete, Spuren einer Revolution wahrgenommen.“

Oblinger beherrscht die Kunst, sein Thema leicht und eingängig zu servieren. Das geht zwar manchmal auf Kosten des Tiefgangs, aber das macht nichts, interessant ist es allemal. Dafür sorgen auch die Zitate, die meist relativ unverbunden, aber gut ausgewählt am Ende der Porträts stehen. Deshab noch eine kleine Kostprobe:

„Die einzige Frage, die wirklich zählt – ob die Kirche tatsächlich verrückter ist als die Welt.“ (Gilbert Keith Chesterton)

„Um nicht in den Verdacht des Fanatismus zu geraten, haben sich die modernen Prediger etwas ausgedacht, was sie mit Bescheidenheit das Wort Gottes nennen. Es besteht darin, stundenlang zu salbadern und sich mit vollendeter Geschicklichkeit um das Ja und Nein herumzudrücken.“ (Léon Bloy)

„Wäre ich nicht Katholik, dann wäre ich noch viel unaustehlicher.“ (Evelyn Waugh)

Georg Alois Oblinger: Gesucht – gefunden. Bedeutende Konversionen. Kissleg: Fe-medien 2009.