Freitag, 23. März 2012

Die Mönche von Tibhirine


Die sieben Trappisten aus dem Kloster „Notre Dame de l'Atlas“ in Algerien sind heute weltberühmt. Im März 1996 wurden sie – während des algerischen Bürgerkrieges - unter ungeklärten Umständen entführt und zwei Monate später ermordet aufgefunden. Das heißt, aufgefunden wurden nur ihre abgetrennten Köpfe.
Sie hatten sich der Aufforderung islamistischer Terroristen, das Land zu verlassen, nicht gefügt, weil sie bei den Menschen bleiben wollten, mit denen sie bislang gelebt hatten: einfachen muslimischen Dorfbewohnern in der Nachbarschaft ihres Klosters. Bis dahin hatte kaum jemand von den sieben Mönchen Notiz genommen. Heute gelten sie als Vorbilder für den sogenannten „christlich-islamischen Dialog“. Spätestens seit dem französischen Kinofilm „Von Menschen und Göttern“ aus dem Jahr 2010 sind sie international bekannt.
Der Film zeigt zu Beginn eine Szene, in der die Mönche an einem islamischen Fest der Dorfbewohner teilnehmen. Das ist wahrscheinlich nicht erfunden, denn die Mönche wollten tatsächlich am Leben der Muslime teilhaben und auch auf den Islam zugehen. In einer Reihe von Schriften hat ihr Prior, Christian de Chergé, dieses Programm dargestellt, und ein anderer der Mönche, Christoph Lebreton, hat seine Berufung in mehreren poetischen Meditationen reflektiert, die heute nach und nach veröffentlicht werden. Auch diese Texte haben zur Bekanntheit der Mönche beigetragen. Christian de Chergé hat sogar im Ramadan gefastet und wollte islamische Gebetsweisen in das Stundengebet integrieren – was allerdings vom Konvent abgelehnt wurde.
Doch Vorsicht – für die heute, auch in kirchlichen Kreisen, verbreitete Dialogseligkeit, die so gerne das Gemeinsame der abrahamitischen Religionen hervorhebt, kann man die Mönche nicht so ohne weiteres in Anspruch nehmen. Denn ihre Haltung zum Islam steht auf dem Boden eines unzweideutigen Bekenntnisses zu Christus. Als die islamistischen Terroristen zum ersten Mal das Kloster überfielen, trat ihnen der Prior entgegen und erklärte ihnen, dass heute der Heilige Abend sei und die Geburt Christi, des Friedensfürsten, gefeiert werde. Deshalb „gezieme“ sich der Überfall nicht. So unwahrscheinlich es klingt: Der Anführer akzeptierte das und zog sich mit seinen Männern zurück.
Das führt zu einem zweiten Punkt – der Bereitschaft, notfalls das eigene Leben hinzugeben. Die Mönche waren sich völlig im klaren darüber, was ihr Bleiben bedeutete, und hatten das in einem inneren Klärungsprozeß akzeptiert. Das ist für mich das wirklich Bewundernswerte an Tibhirine. Es gibt beeindruckende Zeugnisse darüber, so z. B ein Text von Christoph Lebreton: „Wie die Flamme“: „Wie die Flamme so nackt / ihre Nacht / TRAGE / dein Kreuz - / im Schweigen / GIB / dein Blut - / LIEBE bis an den äußersten Rand des / FEUERS.“
Wer von denen, die sich heute in Dialogrunden tummeln, könnte das ehrlicherweise von und für sich sagen? Doch ohne diesen Mut ist die Gefahr der Unterwürfigkeit gegenüber einem gewaltbereiten Gegner riesengroß.
Und das führt mich zu einem letzten Punkt: Die sieben Mönche waren Franzosen. Sie entschieden sich dazu, in Algerien zu bleiben, weil das ihrer perönlichen Berufung entsprach, einer Berufung, die oft mit persönlichen Erfahrungen während des Algerienkrieges der 50er/60er Jahre zu tun hatte. Sie akzeptieren ihre Wehrlosigkeit als Bedingung für ein Opfer der Liebe. In heutigen Dialogrunden geht es um etwas anderes. Es geht um die Zukunft unseres eigenen Landes und Volkes. Kann man darüber auf der Basis der Wehrlosigkeit und Feindesliebe verhandeln?

Nachtrag: Es gibt mittlerweile auch in Deutsch einige Bücher über Tibhirine. Das neueste ist: Iso Baumer: Die Mönche von Tibhirine, Verlag Neue Stadt, 2. Auflage, 2011. Es enthält auch einige Texte der Trappisten. Trotzdem kann ich es nur bedingt empfehlen. Denn es bringt auch sehr viel „Drumherum“, natürlich zum Thema Dialog, Algerien usw., das man anderswo bessser dargestellt findet. Weniger davon und mehr über die Mönche hätte mir besser gefallen.

Autor: Jacopone

Samstag, 3. September 2011

Frau X. und Herr Z.

Frau X. ist eine Dozentin, die ich an der Uni hatte. Sie gehörte zu den wenigen Lehrern, die durch ihre charismatische Art fast jeden für sich einnehmen, und hatte ein großes pädagogisches Talent. Eine beeindruckende Frau, nicht mehr ganz jung, aber gutaussehend, sehr elegant, klug, eine Dame. Plötzlich war sie verschwunden. Sie hatte öfter gesundheitliche Probleme und kam irgendwann nicht mehr zurück. Es ging das Gerücht um, daß sie eine lebensbedrohliche Krankheit hat. Ich fragte bei der Dekanatssekretärin nach, zu der ich einen guten Draht hatte, und erfuhr, daß Frau X. wegen psychischer Probleme nicht mehr arbeiten konnte. Die Sekretärin deutete an, es hätte mit einer Trennung zu tun.

Ich schrieb Frau X. einen Brief mit Genesungswünschen. Etwa ein Jahr später nahm sie mit mir Kontakt auf, was mich sehr überraschte. Sie lud mich zu sich nach Hause ein. Als ich sie wiedersah, hatte ich nicht den Eindruck, daß sie sich verändert hatte, sie war beeindruckend, gutaussehend, charmant und hatte immer noch diese souveräne Ausstrahlung, die jedem sofort auffiel. Sie suchte meine Freundschaft, ich weiß nicht warum. Ich weiß nur, daß sie mich sehr hübsch fand und mich auch deshalb gerne in ihrer Nähe hatte. Das mag oberflächlich klingen, aber es war so.

Sie war bestimmt 30 Jahre älter als ich, aber es wirkte nicht so, als hätte sie mütterliche Gefühle. Im Gegenteil. Sehr schnell war ich in der Rolle derjenigen, die zuhört und tröstet. Ich lernte sie sehr gut kennen. Schon bald sah ich nicht mehr die beeindruckende Dame in ihr, die von den Studentinnen bewundert worden war. Sie war vollkommen kaputt, ihrem Selbsthaß ausgeliefert, von schrecklichen Verlustängsten und starken Stimmungsschwankungen gequält. Ich erinnere mich an ihre übermäßige Trauer, als eines ihrer Katzenbabies gestorben war. Und ich erinnere mich an den Punkt, auf den sie in unseren Gesprächen oft zurückkam: Er hat sie verlassen. Ihr Ehemann, den sie über alles geliebt hat und dem sie immer den Rücken freigehalten hat.

Nach ihren Erzählungen hatten sie eine ganz normale Ehe geführt. Zwei Töchter bekommen, ein Haus gebaut. Natürlich war es nach einigen Jahren nicht mehr wie am Anfang, aber da war eine tiefe Liebe und Treue, zumindest von ihrer Seite aus. Die Trennung kam für sie wie aus heiterem Himmel. Plötzlich eröffnete er ihr, daß er eine Andere liebt. Eine Jüngere. Dann war er weg. Der Klassiker eben. Ein alternder Mann, der seine Jugend zurückgewinnen will, woran ihn einzig und allein die ebenfalls alternde Frau hindert, der er leider seine Treue versprochen hatte.

Frau X. fragte sich immer wieder, was sie falsch gemacht hatte. Irgendwann kreisten fast alle unsere Gespräche um diesen Punkt. Die Trennung, die Gründe dafür. Ich war völlig überfordert, aber ich verstand, daß die Trennung ihr eine Verletzung zugefügt hatte, die nicht heilen kann.

Einige Jahre später ist unser Kontakt abgebrochen. Doch eins hatte sich mir damals eingeprägt: Das Schlimmste, was ein Mann seiner Frau antun kann, ist genau das. Sie nach einer langen Ehe wegen einer Jüngeren zu verlassen. Das Treueversprechen in schweren Zeiten zu brechen. Oder einfach nur, weil es langweilig geworden war. Weil er sich noch einmal ausleben will. Weil junge Haut und straffe Körper verlockender sind. Mir war klar, daß Männer, die sowas tun, charakterlich verkommen sind, und ich niemals etwas mit einem verheirateten Mann anfangen würde. Damals war ich noch Atheistin, doch die Gemeinheit einer solchen Handlungsweise erschließt sich auch jedem aufrechten Heiden.

Später fand ich zu der Religion zurück, die versprach, auf der Seite der Schwachen zu sein. Der Religion, die Heilige hervorgebracht hatte, die sich lieber zu Tode quälen ließen als falschen Göttern oder dem Kaiser zu opfern.

Wenn damals, in meiner atheistischen Zeit oder kurz danach, ein Bischof einen Mann, der seine Frau wegen einer Jüngeren verlassen hat, als guten Katholiken bezeichnet hätte – und dies auch deshalb, weil dieser ein hohes Amt im Staat hat; wenn ich also erfahren hätte, daß ein Bischof aus Opportunismus die unveränderbare Lehre Christi verrät, um sich den Mächtigen (und natürlich auch dem Zeitgeist) an den Hals zu werfen, dann wäre ich heute nicht katholisch. Ich hätte mich vielleicht einer evangelischen Freikirche  angeschlossen. In meiner jugendlichen Urteilshärte hätte ich Verachtung für einen solchen Bischof empfunden. Herr Z. hat zwar nicht Herrn X. als Katholiken bezeichnet, "der seinen Glauben lebt", aber einen Mann, der das Gleiche getan hat und leider das deutsche Staatsoberhaupt ist.

Feminismus hin oder her: Frauen leiden unter dem Verlust ihrer Jugend mehr als Männer. Und wenn ein Mann eine Frau, mit der er ein halbes Leben zusammengelebt hat, wie einen alten Putzlumpen entsorgt, weil er eine Jüngere gefunden hat, tut er ihr unendlich weh. Denn dadurch zeigt er ihr: Alles, was wir zusammen erlebt haben und was du für mich getan hast, kann den Verlust deiner Jugend und Schönheit nicht kompensieren. Ein solcher Mann ist egoistisch und herzlos.

Daß die Kirche unverrückbar auf der Seite dieser Frauen und aller Verlassenen ist, auch der verlassenen Männer, ist ein Trost. Schade nur, wenn irgendwelche lebensfernen alten Männer dies durch ihr verantwortungsloses Gerede verdunkeln.

Mittwoch, 31. August 2011

Untergegangene deutsche Wörter: Mietling (m.)

1 Knecht, Dienstbote
2 jmd., der gegen Vergünstigungen o. Ä. die (bes. politischen) Interessen eines anderen vertritt
(nach Bertelsmanns Wörterbuch)

"Was fragt ein Mietling nach dem Königreich, das nie sein Eigen sein wird?"
(Schiller, Don Karlos)

Sonntag, 31. Juli 2011

Dialogprozeß

Das Wort selbst verursacht mir schon Ekel, und erst recht, wenn es mit der Kirche in Zusammenhang gebracht wird: weil hier das Höchste mit dem Banalen, Abgeschmackten und Hohlen vermischt wird, die wichtigsten Fragen überhaupt, nach Gott, Erlösung, Glauben und der Gestalt der Kirche, in die üblichen billigen Dialog- und Betroffenheitsfloskeln gefaßt werden. Die Sprache ist natürlich verräterisch, und man fragt sich, ob die Vertreter der Kirche, die bei dieser Veranstaltung mitmachen, diese überhaupt ernstnehmen. Wäre es vorstellbar, daß Vertreter des Islam mit Gläubigen im Stuhlkreis diskutieren? Und dabei den Anschein erwecken, als stünden auch Glaubenswahrheiten zur Disposition? Natürlich nicht, denn der Islam nimmt sich selbst ernst. Eine weitere Frage, die man sich stellen muß: Welches Ziel wird dabei verfolgt? Nach allem, was ich bisher darüber gelesen habe, kommen vor allem jene Vertreter gestrigen Denkens zu Wort, die seit gefühlten 200 Jahren ihre Forderungen in Dauerschleife wiederholen. Was soll dabei herauskommen? Möglichkeit 1, überflüssig, ineffizient und teuer: "Okay, ihr seht das so, aber Rom sieht das anders, trotzdem schön, daß wir fünf Jahre darüber geredet haben." Möglichkeit b, unerfreulich, teuer, aber leider auch konsequent: "Okay, wir machen jetzt unseren eigenen Laden auf."

Wie dem auch sei: Der normale Laie, das gläubige, kirchentreue Fußvolk kommt nicht zu Wort, sondern nur die üblichen politisierenden Pöstcheninhaber und Gremienhocker. Für eine Reform der deutschen Kirche wäre ich freilich auch und hätte sogar ein paar Vorschläge:

- Unternehmensberatung in die Bistumsverwaltungen,Verbände und katholischen Bildungseinrichtungen, überflüssige Posten abbauen
- das eingesparte Geld in sinnvolle Maßnahmen stecken: Man könnte z.B. Fachkräfte einstellen, die den Pfarrern die Verwaltungsarbeiten abnehmen, damit diese mehr Zeit für die Seelsorge haben
- illoyale Mitarbeiter durch solche ersetzen, die zu der Lehre der Kirche stehen

Wenn die Kirche ein Unternehmen wäre, hätte ich ja noch folgenden Vorschlag: den Deutschland-Chef und einen Teil der Geschäftstführer ablösen. Aber das wäre jetzt sicher respektlos.

Samstag, 30. Juli 2011

Was die Linken besser können

Sich vernetzen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung, obwohl ich nie eine richtige Linke war. Sondern bloß so wie alle, ein bißchen linksliberal, ein bißchen engagiert, ehrgeizig, einverstanden mit dem Mainstream, ansonsten eher unpolitisch. Doch das hat gereicht. Denn wer ungefähr das Richtige denkt, findet seinen Platz. Wer ein bißchen Talent hat, findet sogar leicht einen guten Platz. Ich bekam Stipendien, tolle Praktikumsplätze, verdiente mit Anfang 20 neben dem Studium recht gut mit Zeitungsartikeln und schrieb später für verschiedene große Redaktionen. Zurückblickend weiß ich, daß es ein Netzwerk gab, das mich trug. Ich kam immer weiter, alles erschien durchlässig. Klar ist auch: Im Journalismus und im gesamten Bildungsbereich ist den Linken der Marsch durch die Institutionen bestens gelungen. Dort liegt alles in ihrer Hand. Sie haben viele Pfründe zu verteilen und können sich auf diese Weise immer weiter ausbreiten. Davon habe auch ich profitiert.

Doch dann kam der Bruch, denn ich habe zum katholischen Glauben zurückgefunden. Natürlich habe ich nicht von einem Tag auf den anderen alle meine Kontakte verloren. Von manchen profitiere ich noch heute. Manche Freundschaften sind zu Ende gegangen, weil die gemeinsame Basis nicht mehr da war. Doch mein Problem war: Ich verdiente mein Geld mit Schreiben. Mit Ideen. Als meine Ideen sich änderten, waren sie nicht mehr gefragt. Man bekommt nur einen Platz, wenn man das Richtige sagt. Ein Grund zu verzweifeln ist das freilich nicht. Es gibt schließlich noch andere und wahrscheinlich sogar ehrbarere Berufe als den des Journalisten oder des Hochschulgermanisten, und es schadet nicht, sich manchmal neu zu orientieren.

Aber das journalistische Schreiben wollte ich nicht ganz lassen. Ich hatte am Anfang die Idee, ich könnte mein Wissen und mein journalistisches Können nutzen, um etwas für die Kirche zu tun. Natürlich habe ich nicht erwartet, daß es dort einen großen Markt für Texte gibt. Es ging mir auch nicht ums Verkaufen. Ich wollte einfach nur was Sinnvolles tun, doch eine Möglichkeit dazu zu finden, erwies sich als sehr zähes Unterfangen. Während im linksliberalen Milieu jeder gerne gesehen ist, der ungefähr die richtige Position vertritt und jedes Angebot, etwas für die gute Sache zu tun, mit Freuden angenommen wird, erlebte ich hier das Gegenteil: untereinander zerstrittene Grüppchen, ein Milieu, das in sich abgeschlossen wirkt und von tiefem Mißtrauen Außenstehenden gegenüber geprägt ist – was sich sicher damit erklärt, daß es immer mehr an den Rand gedrängt wird. Da ich aus einem anderen Umfeld kam, war mein Blick scharf für die Unterschiede. Vieles verlief anders, als ich es gewohnt war. Während ich sonst auf Tagungen leicht mit Leuten ins Gespräch komme, erlebte ich z.B. auf einem katholischen Kongreß, wie es ist, unter Menschen richtig allein zu sein. Meine Versuche, mit kleineren katholischen Vereinen in Kontakt zu treten, weil ich gerne geholfen hätte, waren fruchtlos. Ich habe fünf Jahre lang mehrmals in der Woche in einer Gemeinde die Heilige Messe besucht, ohne daß mich irgendjemand angesprochen hätte. Klar, ich habe ab und zu mal jemanden angesprochen. Aber wieso gibt es in katholischen Gemeinden niemanden, der Neue begrüßt? In jeder Freikirche gibt es dafür ganze Teams. Wieso freut man sich nicht, wenn jemand helfen will? Ich habe es mir irgendwann damit erklärt, daß es an mir liegt: Wahrscheinlich fehlt mir der Stallgeruch, ist mein Habitus einfach nicht katholisch genug.

Was soll's. Zuletzt habe ich eine Möglichkeit gefunden, etwas für die Kirche zu tun. Da war viel glückliche Fügung dabei. Vielleicht hat es auch einfach nur seine Zeit gebraucht, wenn auch eine sehr lange Zeit. Den Wunsch, Anschluß an eine Gemeinde zu finden, habe ich nicht mehr. Ich gehe sonntags in die Alte Messe und ab und zu unterhalte ich mich mit einem netten und klugen älteren Herrn. Es ist schön, dafür bin ich dankbar.

Vielleicht machen Andere, die zur Kirche finden, andere Erfahrungen als ich, das würde ich mir wünschen. Dennoch: Ein bißchen was von den Linken abgucken könnte man sich schon.

Sonntag, 24. Juli 2011

Ehe als Privileg

Vor kurzem war ich mit einer Freundin in einer Gemäldeausstellung. Ihr fiel auf, daß auf mittelalterlichen Gemälden die körperlichen Proportionen nicht stimmen: Kinder mit den Körpern kleiner Erwachsener, völlig aus den Fugen geratene Körperformen. Sie führte dies darauf zurück, daß die Maler im Mittelalter zu prüde waren, sich nackte Menschen anzusehen und deshalb nicht wußten, wie Körper aussehen. Sie hatte sich freilich nie mit dem Mittelalter beschäftigt, nur die Denkfigur war da: Der glorreichen Ungezwungenheit unserer Tage steht ein düsteres, zwanghaftes Mittelalter gegenüber. Das Fortschrittsparadigma führt eben zu einer selektiven oder verdrehten Wahrnehmung der Vergangenheit. 
Doch sicher pflegt jeder falsche Vorstellungen über die Vergangenheit. Das, was zurückliegt, eröffnet einen unendlichen Raum für Projektionen – gleichgültig, ob man auf düstere oder goldene Zeiten zurückblicken möchte.
Mir sind häufig religiöse Menschen begegnet, die denken, früher hätten fast alle früh geheiratet. Wer ehelos blieb und sich nicht für ein Ordensleben oder das Priestertum entschied, sei ein Außenseiter, eine bedauernswerte, kauzige oder halb komische Figur gewesen. 
Freilich gab es zu allen Zeiten Gesellschaften, in denen eine frühe Heirat gefordert wurde oder erwünscht war. Es gibt sie auch heute. Doch ganz so einfach war es mit dem Heiraten früher nicht. Von der Obrigkeit erlassene Ehebeschränkungen waren bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die Regel. Oft war zum Beispiel die Heirat mit Ortsfremden verboten oder der Nachweis eines Mindestvermögens oder eines bestimmten beruflichen Status notwendig. Das führte dazu, daß viele Menschen ledig blieben oder erst spät heirateten. Das Vorhandensein vieler Singles ist also kein Exklusivmerkmal westlicher Metropolen unserer Zeit. Es gab durchaus Zeiten, in denen es ein Privileg war, heiraten zu dürfen ...
Doch waren auch die Vorstellungen von Ehe anders als heute. Lange Zeit war sie in erster Linie eine wirtschaftliche oder dynastische Angelegenheit. Die Vorstellung, daß Liebe, Ehe und Sexualität untrennbar zusammengehören und die Liebe den familiären Zusammenhalt begründet, wurde erst im ausgehenden 18. Jahrhundert vor allem im aufstrebenden Bürgertum populär. Erst da bekam das Gefühl der Liebe den Status, den es heute hat. Eheliche Liebe wurde zur Herzensangelegenheit. Dabei entstanden neue Zwänge: Das Gefühl, unberechenbar und diktatorisch wie es ist, übernahm die Herrschaft. Doch ein flüchtiges Gefühl kann keine Beständigkeit garantieren, und überall lauert die Gefahr schwerer emotionaler Verletzungen. 
Wie dem auch sei: Es kann sehr schwer sein, einen Ehepartner zu finden. Gründe gibt es viele: Man findet niemanden, wird immer wieder verlassen, hält sich nicht für liebenswert, andere halten einen nicht für liebenswert, man ist zu attraktiv oder zu unattraktiv, zu anspruchsvoll oder zu kompromißbereit, zu zurückhaltend, zu kompliziert, zu ängstlich, hat kein großes Interesse an sexueller Betätigung, keine Gelegenheit, jemanden kennenzulernen, zuviele schlechte Erfahrungen gemacht, ist nur Menschen begegnet, die vollkommene Übereinstimmung suchen. Oft hat man es nicht in der Hand, und selbst eine jahrelange Parship-Mitgliedschaft bietet keine Garantien. Und wer verzweifelt sucht, so lautet die Regel, findet erst recht nicht. Man braucht auch ein bißchen Glück. Und letztlich: Wenn man einen Partner findet, ist das ein Geschenk. Einen Anspruch darauf hat man nicht.
Auf katholischen Veranstaltungen, gerade aus dem sogenannten neokonservativen Spektrum, sehe ich oft viele kinderreiche Familien. (Ich vermute, daß es bei den Traditionalisten ganz ähnlich ist.) Aus meiner Single-Sicht also: reich Beschenkte. Diese wecken oft den Eindruck, daß sie unter sich bleiben wollen, sich nur mit anderen Müttern oder Vätern austauschen wollen. Das verstehe ich, denn wahrscheinlich haben sie in ihrem Lebensumfeld nicht so viel Gelegenheit zum Austausch. Nur würde ich mir wünschen, daß man mich mit dem Klischee vom hedonistischen Single-Leben verschont. Das höre ich einfach zu oft: Singles seien egoistisch, denken nur an Spaß, tun nicht Gottes Willen. Oder man müsse einfach mehr beten, dann wird es schon klappen. 
Doch daß Gott alle Wünsche erfüllt, wäre mir neu. Daß er die, die ihn lieben, mit einem wohlanständigen Familienleben belohnt ebenfalls. Gott ist nicht dazu da, die Glücklichen noch glücklicher und die Erfolgreichen noch erfolgreicher zu machen.
Ich habe schon oft gehört, daß Menschen sich nur in der Liebe verwirklichen können – in der Liebe zu einem Ehepartner oder zu Gott (und mit Liebe zu Gott ist dann in der Regel eine religiöse Berufung gemeint). Das mag sein. Aber in einer gefallenen Welt haben eben nicht alle die Möglichkeit, ihre Bestimmung zu verwirklichen. Im Gegenteil: Die Wenigsten haben diese Möglichkeit. Wieviel Prozent der Menschen führen denn ein Leben, das dazu lang genug ist?
Man muß das nicht begreifen, aber man muß es akzeptieren. Man kann darauf hoffen, getröstet zu werden. Doch wenn das so ist, kann es auch nicht entscheidend sein, daß man sich ein bürgerliches Familienidyll errichtet und auf diese Weise sein gottgefälliges Leben unter Beweis stellt. Es ist schön, wenn man so reich beschenkt wird. Aber entscheidend ist nur der Glaube an Christus.

Samstag, 16. Juli 2011

Der letzte Kaiser

Heute ist in Wien Otto von Habsburg beigesetzt worden. Er hat die Kaiserkrone nie getragen, und doch hat ihn zeitlebens so etwas wie eine Aura, ein Abglanz der Kaiserwürde umgeben – und das nicht nur, weil er noch in die letzten Jahre der Donaumonarchie hineingeboren wurde. Auch im Zeremoniell der Beisetzung ist die Idee des Kaisertums noch einmal lebendig geworden. Christen, Juden und selbst Muslime haben an seinem Sarg gebetet – eine Vision der Einheit, die an den tiefsten Kern der Kaiseridee erinnert: nicht die Herrschaft einer Nation über andere, sondern die Einheit der Völker in einem gemeinsamen Glauben. Das Anklopfen an der Pforte des Kapuzinerklosters erinnert an zwei Elemente, die für das alte, monarchische Europa konstitutiv waren: Das Bewußtsein für Rang und Würde einerseits – deshalb wurden seine Ämter und Würden alle noch einmal aufgezählt –, die Demut andererseits: Nur als „Otto, ein sterblicher Mensch“, durfte er die Pforte überschreiten. Eines kann ohne das andere nicht sein: Wo alle gleich sind oder sein sollen, da verliert auch die Demut ihren Sinn. Doch wo keine Demut ist, schwindet am Ende auch die Menschlichkeit.
Fast hundert Jahre ist Otto von Habsburg alt geworden, ein wahrer Zeuge des Jahrhunderts. Doch war er viel mehr als ein lebendes Relikt der Vergangenheit. Er hat gegen die großen Verbrechersysteme seines Jahrhunderts gekämpft, gegen Nationalsozialismus und Kommunismus. Als Hitler den Anschluss Österreichs plante, wollte er sich an die Spitze des Landes stellen und das Volk zum Widerstand aufrufen. Das war vielleicht unrealistisch, vielleicht aber auch nicht, auf jeden Fall aber sehr mutig. Die Geschichte hätte anders verlaufen können, wenn es gelungen wäre. Um so berührender ist es, dass sein Name auch mit dem Ende des Kommunismus verbunden ist: mit dem berühmten Paneuropa-Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze, das er mitorganisierte und das das erste Loch in den Eisernen Vorhang riss. Und damit auch den ersten Stein aus der Berliner Mauer löste. Wer ein bißchen Sinn für geschichtliche Zusammenhänge hat, ist fast schon gezwungen, darin so etwas wie Fügung zu erkennen.
Dieser freundliche ältere Herr, der so viele Sprachen fließend beherrschte und mit so vielen Völkern verbunden war, hat noch einmal die Werte verkörpert, die den Glanz Europas ausmachen. Wenn ich mir einen Kaiser wünschen könnte, dann müsste er wohl so sein wie Otto von Habsburg. Der Dichter Franz Grillparzer, der über die historische Mission der Habsburger viel nachgedacht hat, hat den Sinn der Monarchie einmal so beschrieben: Nicht „in Voraussicht lauter Herrschergrößen ward Erbrecht eingeführt in Reich und Staat. Vielmehr nur: weil ein Mittelpunkt vonnöten, um den sich alles schart, was gut und recht und widersteht dem Falschen und dem Schlimmen, hat in der Zukunft zweifelhaftes Reich den Samen man geworfen einer Ernte.“ In diesem Sinn ist Otto von Habsburg wirklich ein Monarch gewesen.
Und wer wirft nun den Samen in die zweifelhafte Zukunft, die uns bevorstehen mag?

Sonntag, 10. Juli 2011

Der Papst und ...

Der Sendezeit-Blog hatte einige Blogger gebeten, über ihr persönliches Verhältnis zu Papst Benedikt zu schreiben. Die Idee ist schön, sie hat mich zum Nachdenken angeregt. Auch wenn ich nicht sehr viel dazu zu sagen habe. Ich bin Papst Benedikt oder damals noch Kardinal Ratzinger weder, wie einige Verfasser der Beiträge, persönlich begegnet, noch bin ich die eifrigste Leserin seiner Schriften.

Früher wußte ich von ihm nur, daß er der „Panzerkardinal“ ist. Ein unmißverständliches, brutales Wort, ein Wort wie ein Hammerschlag, ein Wort, das den Bezeichneten auf eine Rolle festnagelt. Doch die Bilder spielten nicht mit. Auf vielen Photos wurde er ungünstig gezeigt, und doch hat jedes einzelne das Klischee vom Panzerkardinal widerlegt. Ich wußte damals noch nichts über seine Theologie, und es interessierte mich auch nicht. Doch ich interessierte mich für die Medien und ihre Wirkung, ich hörte das Wort „Panzerkardinal“ und es weckte in mir Assoziationen von Unerbittlichkeit, Härte und martialischer Stärke. Auf den Photos sah ich jedoch einen kleinen, sanft und zerbrechlich wirkenden Mann, dessen Augen liebevoll blickten und immer so aussahen, als würde er über irgendetwas ein wenig staunen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich noch nicht weiter mit seinen Gedanken oder seiner Person beschäftigt. Aber er weckte in mir Sympathie. Nur eine winzige Andeutung seiner Persönlichkeit konnte auf den Photos eingefangen werden, und doch setzte sie ein Fragezeichen hinter das Bild, das von ihm verbreitet wurde und das die Medien kreiert hatten.

Erst nach dem Tod von Johannes Paul II. rückte er wieder in mein Blickfeld. Ich weiß nicht warum, aber von Anfang an wünschte ich ihn mir als neuen Papst. Seine Predigt zur Eröffnung des Konklaves beeindruckte mich. Aber seine Art zu sprechen berührte mich: seine sanfte, leise, manchmal stockende Stimme. Nicht die Stimme eines Menschen, der dazu geschaffen ist, vor einem Millionenpublikum zu sprechen. Oder eines Menschen, der redet, weil er sich gerne reden hört, der gerne im Mittelpunkt steht, andere übertönt, ein Medienstar sein will. Einer Gesellschaft, in der sich die Lauten durchsetzen, die abgebrühten Profis der Selbstvermarktung, hielt dieser zurückhaltend, beinahe schüchtern wirkende Mann leise seine Analysen entgegen.

Nach der Wahl zeigte er sich auf dem Balkon. Er kam nicht wie ein triumphierender Sieger, sondern sah ein wenig erstaunt auf die Menge, die ihm zujubelte. Es wirkte noch nicht routiniert, als er seine Hände zum Winken erhob.  Hatte er sich nicht gewünscht, endlich Zeit zum Nachdenken und Schreiben zu haben und den Rest seines Lebens mit seinem Bruder zu verbringen? Er sah nachdenklich aus, als er sprach. Ein Mensch, dem eine Aufgabe auferlegt worden war, die ohne Beistand nicht zu schaffen ist. Und der mit jedem Blick, jeder Bewegung signalisiert, daß er das nie vergessen wird. Kein Sieg, kein Triumph, sondern wunderbar erhöht. Ein Mann mit scheuer Ausstrahlung und leiser Stimme, der nicht dazu prädestiniert schien, Stadien zu füllen. In dem Moment, als ich ihn auf dem Balkon sah, war ich tief bewegt. Es war, als wäre eine Verheißung wahrgeworden, eine Verheißung für die Stillen, Nachdenklichen und Zurückhaltenden, zu denen auch ich gehöre: Die Leisen werden gehört werden.

Ein leidiges Thema

Auf der Internetseite direktzu.kardinal-meisner.de hat Kardinal Meisner kürzlich die Haltung der Kirche zur Homosexualität erläutert. Er beantwortete damit die Frage eines Lesers. Ich persönlich mag solche Fragen ja eigentlich gar nicht mehr hören, sie gehen mir auf die Nerven, und das geht wohl auch anderen so.

Doch so einfach darf man es sich nicht machen. Kardinal Meisner hat die Frage ernstgenommen und hervorragend beantwortet, und genau dies muß die Kirche tun. Immer und immer wieder. Denn für diejenigen, die solche Fragen stellen, sind diese nicht nur wichtig, sondern oft sogar zwingend. Wenn man ihre Denkvoraussetzungen betrachtet, erscheint das auch logisch. Zu den Dogmen der Zivilreligion gehört es nun einmal, daß Homosexualität nicht nur zu tolerieren ist, sondern in sich gut ist. Niemand, der heute im Westen lebt, kann behaupten, niemals mit solchen Gedanken konfrontiert gewesen zu sein. Es wird tagein, tagaus wiederholt. Und natürlich glaubt man es dann, weil man in der Regel das glaubt, was immer wieder gesagt wird. Die Grundannahme, von der obige Fragesteller ausgehen, ist also: Homosexualität ist gut. Auch anderen Fragen, die mir mittlerweile ziemlich auf die Nerven gehen, liegen solche Lehrsätze zugrunde, etwa: „Alles, was Männer können, können Frauen auch“ (=> Frauenpriestertum) oder: „Wer keinen Sex hat, ist unglücklich“ (=> Zölibat).

Doch dann erfährt man, daß die Kirche das anders sieht. Das ist irritierend. Die erste Reaktion ist natürlich: Die Kirche hat nicht recht. Doch der Fragende fühlt sich auf eine unerklärliche Weise zu der Kirche hingezogen, sie weckt ein leises Interesse. Er wünscht sich dazuzugehören, und er wünscht sich, daß die Kirche gut ist. Doch kann sie das sein, wenn sie den Lehrsätzen widerspricht, die die Gesellschaft für unantastbar hält?

Wenn man sich der Kirche langsam annähert, kann man so in einen Zwiespalt hineingeraten, der einen verwundet oder sogar zerreißt: Weil man auf der Suche nach der Wahrheit nicht weiterkommt. Deshalb ist es wichtig, daß Katholiken, die in ihrem Glauben gefestigt sind, solche Anfragen nicht zurückweisen. Es ist immer richtig, Fragen zu stellen. Und oft will der Fragende der Kirche gar nichts Böses, im Gegenteil. Er will, daß die Kirche gut ist.

Doch wenn er an diesem Punkt weiterdenkt, verfällt er leicht einem Irrtum: Er denkt, daß die Welt vorgeben darf, was gut ist. Die Welt, das heißt in unserem Fall: Gesellschaft, Staat und Medien, linke Ideologie, säkulare Glaubenssätze. Er denkt, die Welt könne nicht irren und die Kirche müsse sich anpassen. Damit ist er freilich gedanklich auf dem Irrweg, der heute von der Mehrheit beschritten wird. Doch auch die Kirche und vor allem einige ihrer Vertreter sind daran schuld, daß dieser Weg heute so verlockend ist: Zu oft haben sie Weltanpassung gesucht, wenn sie Grenzen hätten zeigen müssen. Oder nicht verstanden, daß sie sich zwar immer mit den Machthabern arrangieren müssen, sich ihnen aber nicht immer anpassen dürfen. Sie bieten oft dem Kaiser an, was Gottes ist. Sie scheuen den Konflikt mit dem Staat. Oder sie glauben am Ende selbst, daß die Gesellschaft die Kirche formen darf und daß es richtig ist, daß die Kirche unter die Vormundschaft des Staates gestellt wird. Bis zum bitteren Ende.

Und da hilft nur eins: Die Kirche muß ihre Lehre offen, deutlich und immer wieder in der Welt vertreten. Sie muß die Differenzen zu weltlichen Werten zeigen und nicht verwischen, auch dann, wenn es schmerzlich ist. Wenn sie darauf verzichtet nimmt sie den Suchenden und Fragenden die Chance, zur Wahrheit zu finden.

„Im Mittelalter wollte ich aber nicht leben.“

Nur jemand, der nicht ganz bei Trost ist, wird heute behaupten, daß er gerne im Mittelalter leben würde. In einer Zeit, in der es noch keine Antibiotika gab, keine Narkose, keine Kopfschmerztabletten, keine Badezimmer und Steckdosen; in einer Zeit, in der die Hygiene schlecht war und man Glück hatte, wenn man nicht vor dem zwanzigsten Lebensjahr an einer Lebensmittelvergiftung gestorben war oder als Frau im Kindbett. Die Vorstellung, daß ein heutiger Europäer in einer solchen Zeit überhaupt lange überleben könnte, ist absurd. Und dann würden wir den mittelalterlichen Menschen mit seinem anderen Denken, seiner anderen Gemütsart auch gar nicht verstehen.

Es ist für die Heutigen unvorstellbar, im Mittelalter zu leben, weil die irdische Existenz nun einmal an Raum und Zeit gebunden ist. Hier gibt es mich nur jetzt.

Und trotzdem: Wenn jemand mit halbem Ohr eine Diskussion  über das 19. (!) Jahrhundert verfolgt und dann einwirft: „Ich wollte jedenfalls nicht im Mittelalter leben!“ (sowas habe ich kürzlich erlebt, und diejenige hatte einen Abschluß in Geschichte!), ist das unglaublich dumm. Wer auf sichere Art seine schlechte Bildung unter Beweis stellen möchte, möge einfach das Wort mittelalterlich im Sinne von „rückständig, düster, böse“ benutzen. Oder Sätze sagen wie: „Die Kirche ist im Mittelalter stehengeblieben.“ Oder die Wörter „Mittelalter“ und „Hexenverbrennung“ ständig miteinander in Zusammenhang bringen. (Hexenverbrennungen sind ein Phänomen der Frühen Neuzeit!) Oder, immer wieder schön: „Der Papst fördert mit allen Mitteln die mittelalterliche Tridentinische Messe.“ (Hans K. – Ich frage mich, welches Bewußtsein für Epochengrenzen es heute überhaupt noch gibt. Manchmal habe ich den Eindruck, die Mehrheit kennt nur Mittelalter und Nazizeit.)

Natürlich wollten auch die Menschen des Mittelalters mit Sicherheit nicht heute leben.  Sie gehörten ebenfalls in ihre Zeit. Würde man Thomas von Aquin in eine Zeitmaschine setzen, würde ihn allein schon die barbarische Art und Weise, wie heute Debatten geführt werden, daran zweifeln lassen, in der größten, glänzendsten, klügsten und fortschrittlichsten Epoche überhaupt gelandet zu sein – auch wenn die Mehrheit das heute denken mag. Zumal er die Idee des sich immer weiter vollendenden Menschheitsfortschritts sicher befremdlich gefunden hätte. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Sind wir cool?

Nein. Katholiken gelten nicht als cool. Es hat mehrere Gründe. Einmal historische. Die Rückständigkeit und der schlechte Bildungsstand der Katholiken galten lange Zeit als sprichwörtlich. Die Wurzeln dieser Idee sind komplex, reichen hinein bis in die Zeit der Reformation, und sicher kann man eine Linie ziehen über die Aufklärung hin zur Französischen Revolution, zur Zerschlagung des katholischen Bildungswesens, zum Kulturkampf und zum Aufstieg des protestantischen Bürgertums zum Leitmilieu. Doch über die Geschichte dieser Idee möchte ich jetzt nicht nachdenken.

Denn Katholiken haben auch gerade heute oft dieses Image des Biederen und Uncoolen, irgendwie Zurückgebliebenen, hinter der Zeit her Hinkenden. Liegt es an der Lehre? Liegt es daran, daß die katholische Kirche Ideen vertritt, die zur Gegenwart, zu der von den Medien immer wieder beschworenen hedonistischen Konsumgesellschaft nicht passen?

Ich glaube nicht. Denn auch mir war schon in sehr jungen Jahren aufgefallen, daß die katholische Kirche uncool ist. Und zwar deshalb, weil es im Religionsunterricht immer nur um Drogen und Betroffenheit ging und ich Schulgottesdienste besuchen mußte, die vor lauter berufsjugendlicher Anbiederei jeder 13-Jährigen die Schamesröte ins Gesicht trieben. Ich erkannte, daß Lieder, die den Intellekt beleidigen, und das Basteln von Tieren aus Stoffresten für irgendeinen guten Zweck weder cool noch heilsnotwendig sind. Von der „rückständigen“ katholischen Lehre, von einem Gott, dessen Liebe auch streng sein kann, hatte ich bis dahin noch nicht gehört. Ich wandte mich von der Kirche schon vorher ab.

Nicht die Lehre und nicht das vermeintlich Unzeitgemäße der Forderungen machen die katholische Kirche also uncool. Um das zu beweisen, reicht auch ein Seitenblick auf den Islam, dessen Forderungen sich noch viel weniger mit der modernen Gesellschaft in Einklang bringen lassen. Alles Mögliche wird über den Islam gesagt, aber nicht, daß er uncool ist.

Denn uncool ist immer nur das, was der Zeit nicht entspricht. Um uncool zu sein, braucht man also einen Platz in der Zeit, in der Geschichte. Uncool ist entweder Rückständigkeit oder mißlungene Anpassung an den Zeitgeist. Insofern könnte die Kirche gar nicht uncool sein, wenn sie sich selbst treu bliebe: Denn sie vertritt nicht eine beliebige Mode, sondern die Ewigkeit. Ihre Werte bleiben gleich, weil sie schon vor Beginn der Geschichte da waren und nicht im Strom der Zeiten stehen, sondern darüber.

Uncool wird sie, wenn sie ihren transzendenten Charakter verleugnet. Wenn sie versucht, sich bloß als Teil der Welt zu begreifen, der den Bewegungen der Welt unterworfen ist. Wenn sie selbst nicht mehr zeigt, daß sie über die Welt hinausragt. Daß sie Teil der unveränderbaren Wirklichkeit ist. Wenn die Kirche als uncool gilt, ist das allein ihren Vertretern geschuldet, die deren wahren Charakter verkennen. Die glauben, die transzendente Welt für den Zeitgeist vereinnahmen zu können, während die Kirche doch alles umfaßt, auch unsere Zeit.

Die Kirche ist also nicht deshalb uncool, weil sie unmodern ist, sondern weil sie versucht, modern zu sein. Das heißt freilich nicht, daß sie ihre Inhalte in die Sprache der 50er-Jahre packen soll und möglichst bieder und hausbacken auftreten soll. Denn darum geht es nicht: Es geht einzig und allein um die Wahrheit. Die Kirche wirkt uncool, wenn der Bruch spürbar ist zwischen dem, was sie ist, und dem, was sie darzustellen versucht.

Oder, kurz gesagt: Es ist uncool, nicht zu sich selbst zu stehen.

Sonntag, 26. Juni 2011

Frauenfußball

Gefällt mir ja nicht. Ich kann damit nichts anfangen. Fußball mit richtigen Kerlen gucke ich gerne. Nicht, daß ich irgendwas davon verstehe, aber es schaut nett aus. So gesehen brauche ich mich um die Damenmeisterschaft nicht weiter zu kümmern. Soll sich angucken, wer will, ich nicht. Nur diese Dauerwerbung davor ging mir auf die Nerven – sie stand in keinem Verhältnis zu dem Interesse, das dieses Turnier tatsächlich weckt. Und vor allem hat sie in mir den Eindruck geweckt, daß dieses Sportereignis instrumentalisiert werden soll: Es paßt eben allzu gut zu der Gender-Agenda der Regierung.

Doch daß es hier keine Autokorsos gab, obwohl die deutschen Frauen gewonnen haben, kein Gehupe, keinen Torjubel, kein Fahnenmeer, hat mich doch ein bißchen gewundert. Zwar gab es am Main eine Fanmeile, und vor den Leinwänden war es auch ziemlich voll. Doch so voll, daß es kein Durchkommen gegeben hätte, war es nirgends: Kurz vor dem Anpfiff konnte ich dort noch zügig spazierengehen. Und letztlich ist selbst die Menschenmenge, die zusammengekommen ist, kein Indiz für wirkliches Interesse. Bei schönem Wetter ist am Main immer viel los – das ist im Sommer einfach DER Treffpunkt in Frankfurt. Und wenn man dann ein paar Leinwände aufstellt und genug Stände mit Essen und Trinken drumherum, kommen immer Leute und gucken – da könnte man auch live von der Bundesgartenschau übertragen. Fahnen und Fußballtrikots sah ich nur vereinzelt.

Klar, die Presse wird es hochjubeln, aber mein Eindruck ist, daß die Stimmung beim jährlich stattfindenden Ironman besser ist. Scheint ein ziemlicher Rohrkrepierer zu sein, die Frauen-WM. Was ich davon halten soll? Weiß auch nicht. Schadenfreude, weil die Werbung so wenig gebracht hat? Oder doch Bedauern, weil ich große Feste lieber mag als kleine? Ach egal. Ich mach' jetzt erstmal Pilates, ist ja auch Sport.

Zölibat und Frauenpriestertum

Ja, ich gebe es zu: Früher war ich hundertprozentig gegen den Zölibat und für das Frauenpriestertum. Das war aber nicht das Ergebnis eigenen Nachdenkens. Man glaubt eben zunächst das, was man sein Leben lang in der Zeitung liest und in Predigten und im Religionsunterricht hört. Die Gegenposition ist ja in der BRD im öffentlichen Diskurs kaum vertreten. Deshalb ist es für die meisten selbstverständlich, für Frauenpriestertum zu sein, ebenso wie man selbstverständlich Sonnenschein besser findet als Regen.

Deshalb ärgere ich mich nicht, wenn es immer wieder zu solchen Begegnungen kommt: Man lernt einen Katholiken kennen, und beinahe das Erste, was er sagt ist: "Ich finde, wir brauchen endlich Frauen als Priester." Denn in der Regel geht es ihm nicht um Provokation und auch nicht darum, daß er eine grundsätzliche Diskussion führen oder tatsächlich etwas verändern möchte. Es geht ihm darum, auf einfache Weise einen Konsens mit seinem Gegenüber herzustellen. Er rechnet nicht damit, daß man anderer Meinung sein könnte. Und wenn man dann antwortet: "Finde ich nicht. Die Kirche hat nämlich nicht die Vollmacht, Frauen zu Priestern zu weihen ...", bringt man ihn völlig aus dem Konzept. Ebenso wenig würde ein Engländer, der an der Bushaltestelle zu seinem Nebenmann sagt: "Hoffentlich hört der Regen bald auf", mit der Antwort rechnen: "Ich liebe Regen! Die Natur braucht das, sonst trocknet alles aus".

Man sollte den Zölibatsgegnern und Frauenpriestertumsforderern zunächst also nicht unterstellen,  gründlich darüber nachgedacht zu haben (anders liegt der Fall freilich bei Leuten, die dies systematisch fordern). Zumal noch ein weiterer Aspekt dazukommt: Mit solchen Bekundungen kann man auf einfache und gefahrlose Weise zeigen, daß man ein guter Mensch ist. Denn für Frauenpriestertum zu sein gilt hier ja als gut ...

Doch wie kommt es, daß das Vertreten bestimmter Meinungen als eine solche Selbstverständlichkeit gilt, daß Themen wie der Zölibat sogar Small-Talk-tauglich werden? Sonst heißt es doch, über Politik und Religion redet man beim Small-Talk nicht. Wie ist es zu erklären, daß die meisten denken, mit solchen Meinungsäußerungen Konsens mit dem Gegenüber herstellen zu können, so als würde man über das Wetter sprechen?

Und genau dort liegt der Schlüssel: Das Wetter, Naturgewalten gehören zu den Gegebenheiten, in die man als Mensch hineingestellt ist und die unser körperliches Befinden beeinflussen. Das Empfinden darüber ist allgemein, es ist bei allen gleich: Man friert, wenn es kalt ist, und man fühlt sich wohl, wenn es warm ist. Sonnenschein hebt die Stimmung, Dunkelheit macht müde. Krankheiten sind nicht wünschenswert.

Wenn aber nun bestimmte Meinungen für ebenso allgemeinverbindlich gehalten werden wie natürliche Gegebenheiten, ist das ein sehr schlechtes Zeichen: Es gibt keine offenen Debatten mehr. Was man zu denken und zu meinen hat, gilt als festgelegt, ebenso wie es körperliche Reaktionen sind. Das Denken soll also uniformiert werden, und auf diesem Weg ist die Gesellschaft schon weit vorangeschritten – mit Hilfe der Massenmedien. Zum Glück gibt es noch immer viele Rückzugsräume. Doch läßt sich die Entwicklung hin zu einer totalitären Massengesellschaft noch aufhalten?

Deutschlektion: der, die oder das Kirche? Gar kein Artikel!

Es gibt im Deutschen Nomen, die auch im Singular ohne Artikel stehen. Dabei kann es sich erstens um Stoffbezeichnungen handeln, die eine unbestimmte Menge bezeichnen:

"Pudding macht dick."
"Babys mögen Brei."
"Auf der Straße ist Matsch."
"Das Kind wünscht sich Knete."

Oder zweitens um Sammelbezeichnungen, die ebenfalls eine unbestimmte Menge bezeichnen:

"Obst ist gesund."
"Im Stall steht Vieh."

Oder drittens um Abstrakta:

"Jetzt ist hier endlich Ruhe!"
"Dummheit ist keine Tugend."

Und dann gibt es noch "Kirche", jene Institution, die im Sprachgebrauch der sogenannten Liberalen und Reformorientierten ihren Artikel verloren hat:

"Kirche muss offener, demokratischer, frauenfreundlicher werden, Reformen wagen, zeigen, daß sie nützlich ist ..."

Was hat das zu bedeuten? Aus der klar definierten, konkreten, existierenden Kirche wird also eine unbestimmte Menge gemacht, eine breiartige Masse, die so wenig greifbar ist wie Pudding, keine klaren Grenzen hat, keinen Gesetzen folgt und so formbar ist wie Knete. Etwas, was man selbst gestalten kann. Oder gar ein Abstraktum, das weit entfernt ist, nicht mehr als eine Idee.

Immer geht es bei diesem Sprachgebrauch also darum, der Kirche ihre konkrete Form, jetzt und hier in dieser Zeit, abzusprechen. Sie wird zur willenlosen Masse oder zur Idee und verliert dadurch an Wirklichkeit. Die Kirche: An ihr orientiert man sich, ihre Gesetze gelten, sie ist Heimat. Kirche: etwas, was man nach den eigenen Bedürfnissen gestalten kann.

Sprache ist eben verräterisch.

Volkserzieher

Dieser Irrtum ist weitverbreitet: Glaube bedeutet vor allem, daß man versucht, ein guter Mensch zu sein und moralische Normen einzuhalten. Dieses Mißverständnis wurzelt in der Zeit der Aufklärung. Der Glaube begann, schwächer zu werden. Man suchte nach einer anderen Begründung für den Glauben, oder vielmehr: nach seinem Zweck. Der Gedanke kam auf, Religion sei der beste Garant für Wohlverhalten. Und da begann das Moralisieren.

Die Rolle des Priesters wurde verändert und erweitert: Er wurde mehr und mehr zum Volkserzieher. Wie sehr dies heute nachwirkt, zeigt sich gerade in der Beichte. Das mystische Verständnis geht verloren. Die Aufgabe des Priesters ist es eigentlich, die Sünden von der Seele zu nehmen und den Gläubigen wieder mit Gott zu versöhnen. Doch mit der Zeit wurde aus der Beichte eine Mischung aus psychologischer Beratung, Coaching und nachgeholter Erziehung. Wenn vom Verfall des Bußsakraments die Rede ist, heißt es meistens, die Menschen hätten heute kein Sündenbewußtsein mehr. Möglicherweise ist ihnen aber auch bewußt, daß auf dem Gebiet psychologischer Beratung ein Psychologe nun einmal mehr zu leisten vermag als ein Priester.

Wie dem auch sei, die schwächliche aufgeklärte Vorstellung, man bräuchte den Glauben als moralisches Korsett, hat bei mir vor allem eins bewirkt: Ich verstand Nietzsche besser. Unerlöster kann man kaum wirken als jemand, der eine solche Stütze braucht.

Persönliche Gedanken über den alten Ritus

Die Alte Messe hat mich schon oft getröstet. Wenn ich Glaubenszweifel habe, führt sie mir das vor Augen, was das zweifelnde Ich übersteigt: das Heilige, das überzeitliche Mysterium, die andere Welt, die die Wirklichkeit ist.

Wenn ich mich in der Kirche heimatlos fühle, gibt sie mir Geborgenheit. Heimatlos fühle ich mich immer dann, wenn ich einen Bruch bemerke zwischen der Gegenwart, meiner Lebenswelt in einer abgeklärten, modernen Großstadt und der Art, wie sich die Kirche in Deutschland oft präsentiert: dieses provinzielle 70er-Jahre-Gefühl, die schief formulierten, gut gemeinten Fürbitten und die Momente der Peinlichkeit, wenn diese vorgetragen werden, die Lieder mit Kindergartentexten, diese heimelige Enge, die mich immer an die DDR erinnert, dieses Anbiedern an einen Zeitgeist, der sich schon längst woandershin bewegt hat, die Lethargie, die schwächliche Prinzipienlosigkeit ...

Doch die Heilige Messe aller Zeiten ist zeitlos: Sie ist auch die Messe unserer  Zeit, weil sie sich immer treu bleibt.

Heute war ich in einer ordentlich gefeierten Messe in der neuen Form, zum ersten Mal seit Längerem. Ich zweifele nicht an der Gültigkeit der neuen Messe. Doch mittlerweile löst sie in mir oft Unbehagen aus. Ich lerne die Alte Messe besser kennen, zu verstehen und zu schätzen. Daneben erscheint mir die neue Messe  so zusammengestrichen, reduziert und zerstückelt  – wie eine kurze Nacherzählung eines Epos. Sie wirkt kalt und wenig anschaulich.

Es bereitet mir ästhetisches Unbehagen, bei der Wandlung das Gesicht des Priesters zu sehen. Oder die Gesichter der Konzelebranten hinter dem Volksaltar, wenn sie sich bemühen, andächtig zu schauen. Wenigstens erinnert das daran, daß man im Moment der Wandlung besser die Augen niederschlägt.

Es bereitet mir auch Unbehagen, daß in der neuen Messe alles so sehr vom Priester abhängt: Nur ein guter Priester kann diese Messe würdig feiern. Doch zu allen Zeiten hat es auch schlechte Priester gegeben. In der Alten Messe geht die Persönlichkeit des Priesters im Ritus auf und wird von ihr überdeckt. Sie ist stärker als die menschliche Schwäche des Zelebranten.

Ich empfinde die Schönheit der Alten Messe als ergreifend. Es fällt mir immer schwerer zu verstehen, was die Liturgiereform Gutes gebracht hat. Mir fällt nichts ein. Ich fange an, die Liturgiereform, diese Reform am Reißbrett, für eine der größten Narrheiten in der Geschichte der Kirche zu halten. Also setze ich meine Hoffnung auf eine Renaissance der jahrhundertealten, bewährten und gewachsenen Form.

Montag, 13. Juni 2011

Mein Preis

... geht an den Blog http://nachdenker-edsches.blogspot.com/, der sich politisch, katholisch, scharfsinnig und sachkundig mit dem (grünen) Zeitgeist auseinadersetzt - und die beste Antwort auf die Frage gibt: Können Katholiken grün sein? Für mich derzeit ein Licht in dunkler Geistesnacht!

Wie hübsch!

Unser kleines Blog hat einen Preis bekommen! Danke, Ulrich!





Dann muß ich jetzt nur noch diesen Text in den Beitrag kopieren ...

"Erstelle einen Post, in dem du das Award-Bild postest und die Anleitung reinkopierst (= dieser Text). Außerdem solltest du zum Blog der Person verlinken, die dir den Award verliehen hat und sie per Kommentar in ihrem Blog informieren, daß du den Award annimmst und ihr den Link deines Award-Posts hinterlassen. Danach überlegst du dir 3- 5 Lieblingsblogs, die du ebenfalls in deinem Post verlinkst & die Besitzer jeweils per Kommentar-Funktion informierst, daß sie getaggt wurden und hier ebenfalls den Link des Posts angibst, in dem die Erklärung steht.
Liebe Blogger: Das Ziel dieser Aktion ist, daß wir unbekannte, gute Blogs ans Licht bringen. Deswegen würde ich euch bitten, keine Blogs zu posten, die ohnehin schon 3000 Leser haben, sondern talentierte Anfänger & Leute, die zwar schon eine Weile bloggen, aber immer noch nicht so bekannt sind."

... und den Preis an drei Lieblingsblogs weitergeben. Da wären:

- eines meiner liebsten katholischen Blogs: http://summa-summarum.blogspot.com/. Ein katholischer Blogger, der unaufgeregt schreibt, ohne Polemik und verletzende Polarisierungen, mit viel Wissen und Gespür für Zwischentöne.

- Dort ist es still geworden, aber auch das ist ein Zeichen: Denn tiefgründige, kluge Beiträge brauchen Zeit, und es gibt nun einmal wirklich keinen Grund, um des Bloggens willen zu bloggen. Also keinen Preis für im Zehn-Minutentakt ausgestoßene Beiträge mit geringer Halbwertzeit, sondern für schöne Texte, die auch nach einem Jahr nicht an Aktualität verloren haben: http://geist-und-feuer.blogspot.com/

Und den dritten Link (und vielleicht auch den vierten und fünften) darf sich Jacopone überlegen ...

Dienstag, 7. Juni 2011

Mutlosigkeit und Fehleinschätzungen

Das ist ja wieder symptomatisch. Wenn der Papst in Berlin die Heilige Messe feiert, sieht man dafür erstmal den Platz vor dem Charlottenburger Schloß vor - weil man befürchtet, daß zu wenig Leute kommen.

Das sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Der Papst kommt! Und die denken ernsthaft, die Leute bleiben dann lieber zuhause auf dem Sofa oder grillen im Garten oder liegen faul am Spreeufer. Woher kommt diese absurde, absurde Fehleinschätzung? Mittwoch für Mittwoch pilgern viele Tausend Menschen - und darunter sehr viele Deutsche - zum Petersplatz, um den Heiligen Vater zu sehen. Weiß man das hier nicht? Und was ist mit den vielen Polen, die sicher auch gerne die Heilige Messe mit dem Papst besuchen würden?

Doch möglicherweise ist es den Verantwortlichen in der deutschen Kirche wirklich entgangen, wie sehr der Heilige Vater in der ganzen Welt, und auch von vielen Deutschen verehrt wird: Denn darüber  pflegt die deutsche Presse ihre Leser nicht zu informieren, und es ist wohl leider zu befürchten, daß Bischof Zollitsch und seine Mitstreiter ihre Informationen über die Gemütslage der deutschen Katholiken vor allem von dort beziehen - außer sie treten gerade mal wieder in einen Dialogprozeß mit irgendwelchen notorischen Quenglern, die hochdotiert auf Lehrstühlen, Beamtenposten oder in Gremien sitzen. Das Resultat: eine verzagte Haltung. Das Zurückschrecken vor deutlichen Worten. Statt Freude und Aufbruchsstimmung eine bleierne Mutlosigkeit, für die obiger Vorgang symbolisch ist.

Mann Mann Mann. Immer diese dumme selektive Wahrnehmung! Ihr solltet echt weniger Zeitung lesen und mehr auf die Menschen zugehen! Jetzt warte ich nur noch auf den Tag, an dem Shakira in der Mehrzweckhalle hinter dem Dorfacker einquartiert wird - aus Angst, daß es auffallen könnte, wenn keiner kommt.

Montag, 30. Mai 2011

Wo ist unser Israel?

Der kleine Sharuz ist ein ganz normales Kind. Zwar ist er dunkelhäutig, hat schwarze Haare und braune Augen, denn seine Familie stammt aus dem Iran. Aber beim Spielen mit den Nachbarskindern in Berlin-Spandau interessiert das niemand. Erst als die Familie in den Stadtteil Wedding umzieht, ändert sich das. Zuerst freut sich Sharuz über viele neue Spielkameraden, die genauso aussehen wie er: dunkelhäutig und scharzhaarig. Doch über die Standardfrage der Gleichaltrigen beim Fußball- oder Basketball wundert er sich: „Bist Du auch ein Muslim?“ Sharuz weiß nichts über Religionen, er ist säkular erzogen und glaubt nicht an Gott. Was die Frage zu bedeuten hat, erfährt er erst, als er eines Tages mit einer Halskette in der Schule erscheint, an der ein Davidstern hängt: ein Mitbringsel aus den Sommerferien in Israel. Sharuz ist Jude – und wird für die überwiegende Mehrzal seiner Mitschüler zum Feind, zum Ausgestoßenen, mit dem sie nichts mehr zu tun haben wollen, ja, den sie hassen und verabscheuen. Von einem Tag auf den andern.

Arye Sharuz Shalicar ist heute Pressesprecher der israelischen Armee. Er hat Deutschland den Rücken gekehrt. doch seine Kindheitserinnerungen hat er in deutscher Sprache veröffentlicht, unter dem provokanten Titel „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ (dtv 24797). Es zeigt dem Leser eine Welt, von der die meisten Deutschen, (noch dazu diejenigen, die Bücher lesen und sich für informiert halten), keine Ahnung haben. Es zeigt ein Deutschland, in dem Deutsche nur noch als entrückte Vertreter der Staatsmacht oder in Straßennamen vorkommen.

Schön ist nicht, diese „Bunte Republik Deutschland“. Der junge Sharuz erlebt sie als einen Dschungel von Gewalt und Anfeindungen, ein tägliches Spießrutenlaufen. Er wird gedemütigt und gejagt, bedroht und geschlagen: „Jude, du hast mit gesenktem Kopf durch die Schule zu laufen!“ - unverhüllter Antisemitismus mitten in Deutschland, aber nicht von deutschen Neonazis ausgehend, sondern von türkischen, kurdischen und arabischen Jugendlichen, die den Nahostkonflikt in unsere Städte importieren. Schließlich findet Sharuz so etwas wie Zuflucht in einer kriminellen Jugendgang. Er verschafft sich Respekt als Graffiti-Sprayer, ist bei Schlägereien und Messerstechereien vorn dabei. Doch bevor er völlig abstürzt, findet er Halt genau dort,wo die Ursache seiner Verfolgungen liegt: in seinem Jüdischsein. Er wird Zionist und wandert nach Israel aus.
Ein Vorzug des Buches liegt darin, daß Shalicar seine Erlebnise (fast) ohne Bitterkeit schildert. Er berichtet auch von Freunden, die er unter den Muslimen findet, wie etwa den frommen Türken Sahin, der auch in bedrohlichen Situaltionen zu ihm hält. Eine präzisere und zugleich lebendigere Schilderung der muslimischen „Kieze“ düfte in Deutschland derzeit nicht zu finden sein. Doch das Buch ist mehr als ein Beitrag zur „Integrationsdebatte“. Es ist zugleich eine Refexion über Identität und – wenn auch eher unausgesprochen – über den Glauben. Shalicar wird nicht nur Zionist, er beginnt auch, die jüdischen Gebote zu beachten, in die Synagoge zu gehen, den Sabbat zu feiern. Deutsche Identität begegnete ihm vorwiegend an der Schule, vor allem in Gestalt der „Vergangenheitsbewältigung“. Von einem Besuch seiner Grundschulklasse in einer Ausstellung über Anne Frank verdrückt er sich vorzeitig – er will lieber mit seinen Kumpels Fußball spielen. Die Pädagogik der Vergangenheitsbewältigung bleibt gegenwartsblind: die Drangsalierung eines lebendigen Juden scheint sich nicht wahrzunehmen. Seine Identität findet der junge Shalicar denn auch nicht in Deutschland, sondern in Israel, für ihn der Inbegriff eines stolzen, selbstbewußten Judentums, das sich gegen seine Feinde zur Wehr setzt.
Als deutscher Leser wird man spätestens hier sehr nachdenklich: Der Wedding ist mittlerweile nicht nur in Berlin, sondern auch in Köln oder Frankfurt, Duisburg oder Hamburg. Ich denke an die deutschen Kinder, die in den Schulen unserer Problemviertel vielleicht ähnliches erleben wie Sharuz Shalicar im Berlin der 90er Jahre. Ich denke auch an die Christen im Orient, die so tapfer in ihre belagerten Kirchen gehen, während die Kirchen hierzulande leer bleiben. Und ich frage mich: Woraus können wir in Deutschland eigentlich noch Halt, Orientierung und Stärke ziehen? Wo ist unser „Israel“?