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Sonntag, 31. Juli 2011

Dialogprozeß

Das Wort selbst verursacht mir schon Ekel, und erst recht, wenn es mit der Kirche in Zusammenhang gebracht wird: weil hier das Höchste mit dem Banalen, Abgeschmackten und Hohlen vermischt wird, die wichtigsten Fragen überhaupt, nach Gott, Erlösung, Glauben und der Gestalt der Kirche, in die üblichen billigen Dialog- und Betroffenheitsfloskeln gefaßt werden. Die Sprache ist natürlich verräterisch, und man fragt sich, ob die Vertreter der Kirche, die bei dieser Veranstaltung mitmachen, diese überhaupt ernstnehmen. Wäre es vorstellbar, daß Vertreter des Islam mit Gläubigen im Stuhlkreis diskutieren? Und dabei den Anschein erwecken, als stünden auch Glaubenswahrheiten zur Disposition? Natürlich nicht, denn der Islam nimmt sich selbst ernst. Eine weitere Frage, die man sich stellen muß: Welches Ziel wird dabei verfolgt? Nach allem, was ich bisher darüber gelesen habe, kommen vor allem jene Vertreter gestrigen Denkens zu Wort, die seit gefühlten 200 Jahren ihre Forderungen in Dauerschleife wiederholen. Was soll dabei herauskommen? Möglichkeit 1, überflüssig, ineffizient und teuer: "Okay, ihr seht das so, aber Rom sieht das anders, trotzdem schön, daß wir fünf Jahre darüber geredet haben." Möglichkeit b, unerfreulich, teuer, aber leider auch konsequent: "Okay, wir machen jetzt unseren eigenen Laden auf."

Wie dem auch sei: Der normale Laie, das gläubige, kirchentreue Fußvolk kommt nicht zu Wort, sondern nur die üblichen politisierenden Pöstcheninhaber und Gremienhocker. Für eine Reform der deutschen Kirche wäre ich freilich auch und hätte sogar ein paar Vorschläge:

- Unternehmensberatung in die Bistumsverwaltungen,Verbände und katholischen Bildungseinrichtungen, überflüssige Posten abbauen
- das eingesparte Geld in sinnvolle Maßnahmen stecken: Man könnte z.B. Fachkräfte einstellen, die den Pfarrern die Verwaltungsarbeiten abnehmen, damit diese mehr Zeit für die Seelsorge haben
- illoyale Mitarbeiter durch solche ersetzen, die zu der Lehre der Kirche stehen

Wenn die Kirche ein Unternehmen wäre, hätte ich ja noch folgenden Vorschlag: den Deutschland-Chef und einen Teil der Geschäftstführer ablösen. Aber das wäre jetzt sicher respektlos.

Samstag, 30. Juli 2011

Was die Linken besser können

Sich vernetzen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung, obwohl ich nie eine richtige Linke war. Sondern bloß so wie alle, ein bißchen linksliberal, ein bißchen engagiert, ehrgeizig, einverstanden mit dem Mainstream, ansonsten eher unpolitisch. Doch das hat gereicht. Denn wer ungefähr das Richtige denkt, findet seinen Platz. Wer ein bißchen Talent hat, findet sogar leicht einen guten Platz. Ich bekam Stipendien, tolle Praktikumsplätze, verdiente mit Anfang 20 neben dem Studium recht gut mit Zeitungsartikeln und schrieb später für verschiedene große Redaktionen. Zurückblickend weiß ich, daß es ein Netzwerk gab, das mich trug. Ich kam immer weiter, alles erschien durchlässig. Klar ist auch: Im Journalismus und im gesamten Bildungsbereich ist den Linken der Marsch durch die Institutionen bestens gelungen. Dort liegt alles in ihrer Hand. Sie haben viele Pfründe zu verteilen und können sich auf diese Weise immer weiter ausbreiten. Davon habe auch ich profitiert.

Doch dann kam der Bruch, denn ich habe zum katholischen Glauben zurückgefunden. Natürlich habe ich nicht von einem Tag auf den anderen alle meine Kontakte verloren. Von manchen profitiere ich noch heute. Manche Freundschaften sind zu Ende gegangen, weil die gemeinsame Basis nicht mehr da war. Doch mein Problem war: Ich verdiente mein Geld mit Schreiben. Mit Ideen. Als meine Ideen sich änderten, waren sie nicht mehr gefragt. Man bekommt nur einen Platz, wenn man das Richtige sagt. Ein Grund zu verzweifeln ist das freilich nicht. Es gibt schließlich noch andere und wahrscheinlich sogar ehrbarere Berufe als den des Journalisten oder des Hochschulgermanisten, und es schadet nicht, sich manchmal neu zu orientieren.

Aber das journalistische Schreiben wollte ich nicht ganz lassen. Ich hatte am Anfang die Idee, ich könnte mein Wissen und mein journalistisches Können nutzen, um etwas für die Kirche zu tun. Natürlich habe ich nicht erwartet, daß es dort einen großen Markt für Texte gibt. Es ging mir auch nicht ums Verkaufen. Ich wollte einfach nur was Sinnvolles tun, doch eine Möglichkeit dazu zu finden, erwies sich als sehr zähes Unterfangen. Während im linksliberalen Milieu jeder gerne gesehen ist, der ungefähr die richtige Position vertritt und jedes Angebot, etwas für die gute Sache zu tun, mit Freuden angenommen wird, erlebte ich hier das Gegenteil: untereinander zerstrittene Grüppchen, ein Milieu, das in sich abgeschlossen wirkt und von tiefem Mißtrauen Außenstehenden gegenüber geprägt ist – was sich sicher damit erklärt, daß es immer mehr an den Rand gedrängt wird. Da ich aus einem anderen Umfeld kam, war mein Blick scharf für die Unterschiede. Vieles verlief anders, als ich es gewohnt war. Während ich sonst auf Tagungen leicht mit Leuten ins Gespräch komme, erlebte ich z.B. auf einem katholischen Kongreß, wie es ist, unter Menschen richtig allein zu sein. Meine Versuche, mit kleineren katholischen Vereinen in Kontakt zu treten, weil ich gerne geholfen hätte, waren fruchtlos. Ich habe fünf Jahre lang mehrmals in der Woche in einer Gemeinde die Heilige Messe besucht, ohne daß mich irgendjemand angesprochen hätte. Klar, ich habe ab und zu mal jemanden angesprochen. Aber wieso gibt es in katholischen Gemeinden niemanden, der Neue begrüßt? In jeder Freikirche gibt es dafür ganze Teams. Wieso freut man sich nicht, wenn jemand helfen will? Ich habe es mir irgendwann damit erklärt, daß es an mir liegt: Wahrscheinlich fehlt mir der Stallgeruch, ist mein Habitus einfach nicht katholisch genug.

Was soll's. Zuletzt habe ich eine Möglichkeit gefunden, etwas für die Kirche zu tun. Da war viel glückliche Fügung dabei. Vielleicht hat es auch einfach nur seine Zeit gebraucht, wenn auch eine sehr lange Zeit. Den Wunsch, Anschluß an eine Gemeinde zu finden, habe ich nicht mehr. Ich gehe sonntags in die Alte Messe und ab und zu unterhalte ich mich mit einem netten und klugen älteren Herrn. Es ist schön, dafür bin ich dankbar.

Vielleicht machen Andere, die zur Kirche finden, andere Erfahrungen als ich, das würde ich mir wünschen. Dennoch: Ein bißchen was von den Linken abgucken könnte man sich schon.

Sonntag, 24. Juli 2011

Ehe als Privileg

Vor kurzem war ich mit einer Freundin in einer Gemäldeausstellung. Ihr fiel auf, daß auf mittelalterlichen Gemälden die körperlichen Proportionen nicht stimmen: Kinder mit den Körpern kleiner Erwachsener, völlig aus den Fugen geratene Körperformen. Sie führte dies darauf zurück, daß die Maler im Mittelalter zu prüde waren, sich nackte Menschen anzusehen und deshalb nicht wußten, wie Körper aussehen. Sie hatte sich freilich nie mit dem Mittelalter beschäftigt, nur die Denkfigur war da: Der glorreichen Ungezwungenheit unserer Tage steht ein düsteres, zwanghaftes Mittelalter gegenüber. Das Fortschrittsparadigma führt eben zu einer selektiven oder verdrehten Wahrnehmung der Vergangenheit. 
Doch sicher pflegt jeder falsche Vorstellungen über die Vergangenheit. Das, was zurückliegt, eröffnet einen unendlichen Raum für Projektionen – gleichgültig, ob man auf düstere oder goldene Zeiten zurückblicken möchte.
Mir sind häufig religiöse Menschen begegnet, die denken, früher hätten fast alle früh geheiratet. Wer ehelos blieb und sich nicht für ein Ordensleben oder das Priestertum entschied, sei ein Außenseiter, eine bedauernswerte, kauzige oder halb komische Figur gewesen. 
Freilich gab es zu allen Zeiten Gesellschaften, in denen eine frühe Heirat gefordert wurde oder erwünscht war. Es gibt sie auch heute. Doch ganz so einfach war es mit dem Heiraten früher nicht. Von der Obrigkeit erlassene Ehebeschränkungen waren bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die Regel. Oft war zum Beispiel die Heirat mit Ortsfremden verboten oder der Nachweis eines Mindestvermögens oder eines bestimmten beruflichen Status notwendig. Das führte dazu, daß viele Menschen ledig blieben oder erst spät heirateten. Das Vorhandensein vieler Singles ist also kein Exklusivmerkmal westlicher Metropolen unserer Zeit. Es gab durchaus Zeiten, in denen es ein Privileg war, heiraten zu dürfen ...
Doch waren auch die Vorstellungen von Ehe anders als heute. Lange Zeit war sie in erster Linie eine wirtschaftliche oder dynastische Angelegenheit. Die Vorstellung, daß Liebe, Ehe und Sexualität untrennbar zusammengehören und die Liebe den familiären Zusammenhalt begründet, wurde erst im ausgehenden 18. Jahrhundert vor allem im aufstrebenden Bürgertum populär. Erst da bekam das Gefühl der Liebe den Status, den es heute hat. Eheliche Liebe wurde zur Herzensangelegenheit. Dabei entstanden neue Zwänge: Das Gefühl, unberechenbar und diktatorisch wie es ist, übernahm die Herrschaft. Doch ein flüchtiges Gefühl kann keine Beständigkeit garantieren, und überall lauert die Gefahr schwerer emotionaler Verletzungen. 
Wie dem auch sei: Es kann sehr schwer sein, einen Ehepartner zu finden. Gründe gibt es viele: Man findet niemanden, wird immer wieder verlassen, hält sich nicht für liebenswert, andere halten einen nicht für liebenswert, man ist zu attraktiv oder zu unattraktiv, zu anspruchsvoll oder zu kompromißbereit, zu zurückhaltend, zu kompliziert, zu ängstlich, hat kein großes Interesse an sexueller Betätigung, keine Gelegenheit, jemanden kennenzulernen, zuviele schlechte Erfahrungen gemacht, ist nur Menschen begegnet, die vollkommene Übereinstimmung suchen. Oft hat man es nicht in der Hand, und selbst eine jahrelange Parship-Mitgliedschaft bietet keine Garantien. Und wer verzweifelt sucht, so lautet die Regel, findet erst recht nicht. Man braucht auch ein bißchen Glück. Und letztlich: Wenn man einen Partner findet, ist das ein Geschenk. Einen Anspruch darauf hat man nicht.
Auf katholischen Veranstaltungen, gerade aus dem sogenannten neokonservativen Spektrum, sehe ich oft viele kinderreiche Familien. (Ich vermute, daß es bei den Traditionalisten ganz ähnlich ist.) Aus meiner Single-Sicht also: reich Beschenkte. Diese wecken oft den Eindruck, daß sie unter sich bleiben wollen, sich nur mit anderen Müttern oder Vätern austauschen wollen. Das verstehe ich, denn wahrscheinlich haben sie in ihrem Lebensumfeld nicht so viel Gelegenheit zum Austausch. Nur würde ich mir wünschen, daß man mich mit dem Klischee vom hedonistischen Single-Leben verschont. Das höre ich einfach zu oft: Singles seien egoistisch, denken nur an Spaß, tun nicht Gottes Willen. Oder man müsse einfach mehr beten, dann wird es schon klappen. 
Doch daß Gott alle Wünsche erfüllt, wäre mir neu. Daß er die, die ihn lieben, mit einem wohlanständigen Familienleben belohnt ebenfalls. Gott ist nicht dazu da, die Glücklichen noch glücklicher und die Erfolgreichen noch erfolgreicher zu machen.
Ich habe schon oft gehört, daß Menschen sich nur in der Liebe verwirklichen können – in der Liebe zu einem Ehepartner oder zu Gott (und mit Liebe zu Gott ist dann in der Regel eine religiöse Berufung gemeint). Das mag sein. Aber in einer gefallenen Welt haben eben nicht alle die Möglichkeit, ihre Bestimmung zu verwirklichen. Im Gegenteil: Die Wenigsten haben diese Möglichkeit. Wieviel Prozent der Menschen führen denn ein Leben, das dazu lang genug ist?
Man muß das nicht begreifen, aber man muß es akzeptieren. Man kann darauf hoffen, getröstet zu werden. Doch wenn das so ist, kann es auch nicht entscheidend sein, daß man sich ein bürgerliches Familienidyll errichtet und auf diese Weise sein gottgefälliges Leben unter Beweis stellt. Es ist schön, wenn man so reich beschenkt wird. Aber entscheidend ist nur der Glaube an Christus.

Sonntag, 10. Juli 2011

Ein leidiges Thema

Auf der Internetseite direktzu.kardinal-meisner.de hat Kardinal Meisner kürzlich die Haltung der Kirche zur Homosexualität erläutert. Er beantwortete damit die Frage eines Lesers. Ich persönlich mag solche Fragen ja eigentlich gar nicht mehr hören, sie gehen mir auf die Nerven, und das geht wohl auch anderen so.

Doch so einfach darf man es sich nicht machen. Kardinal Meisner hat die Frage ernstgenommen und hervorragend beantwortet, und genau dies muß die Kirche tun. Immer und immer wieder. Denn für diejenigen, die solche Fragen stellen, sind diese nicht nur wichtig, sondern oft sogar zwingend. Wenn man ihre Denkvoraussetzungen betrachtet, erscheint das auch logisch. Zu den Dogmen der Zivilreligion gehört es nun einmal, daß Homosexualität nicht nur zu tolerieren ist, sondern in sich gut ist. Niemand, der heute im Westen lebt, kann behaupten, niemals mit solchen Gedanken konfrontiert gewesen zu sein. Es wird tagein, tagaus wiederholt. Und natürlich glaubt man es dann, weil man in der Regel das glaubt, was immer wieder gesagt wird. Die Grundannahme, von der obige Fragesteller ausgehen, ist also: Homosexualität ist gut. Auch anderen Fragen, die mir mittlerweile ziemlich auf die Nerven gehen, liegen solche Lehrsätze zugrunde, etwa: „Alles, was Männer können, können Frauen auch“ (=> Frauenpriestertum) oder: „Wer keinen Sex hat, ist unglücklich“ (=> Zölibat).

Doch dann erfährt man, daß die Kirche das anders sieht. Das ist irritierend. Die erste Reaktion ist natürlich: Die Kirche hat nicht recht. Doch der Fragende fühlt sich auf eine unerklärliche Weise zu der Kirche hingezogen, sie weckt ein leises Interesse. Er wünscht sich dazuzugehören, und er wünscht sich, daß die Kirche gut ist. Doch kann sie das sein, wenn sie den Lehrsätzen widerspricht, die die Gesellschaft für unantastbar hält?

Wenn man sich der Kirche langsam annähert, kann man so in einen Zwiespalt hineingeraten, der einen verwundet oder sogar zerreißt: Weil man auf der Suche nach der Wahrheit nicht weiterkommt. Deshalb ist es wichtig, daß Katholiken, die in ihrem Glauben gefestigt sind, solche Anfragen nicht zurückweisen. Es ist immer richtig, Fragen zu stellen. Und oft will der Fragende der Kirche gar nichts Böses, im Gegenteil. Er will, daß die Kirche gut ist.

Doch wenn er an diesem Punkt weiterdenkt, verfällt er leicht einem Irrtum: Er denkt, daß die Welt vorgeben darf, was gut ist. Die Welt, das heißt in unserem Fall: Gesellschaft, Staat und Medien, linke Ideologie, säkulare Glaubenssätze. Er denkt, die Welt könne nicht irren und die Kirche müsse sich anpassen. Damit ist er freilich gedanklich auf dem Irrweg, der heute von der Mehrheit beschritten wird. Doch auch die Kirche und vor allem einige ihrer Vertreter sind daran schuld, daß dieser Weg heute so verlockend ist: Zu oft haben sie Weltanpassung gesucht, wenn sie Grenzen hätten zeigen müssen. Oder nicht verstanden, daß sie sich zwar immer mit den Machthabern arrangieren müssen, sich ihnen aber nicht immer anpassen dürfen. Sie bieten oft dem Kaiser an, was Gottes ist. Sie scheuen den Konflikt mit dem Staat. Oder sie glauben am Ende selbst, daß die Gesellschaft die Kirche formen darf und daß es richtig ist, daß die Kirche unter die Vormundschaft des Staates gestellt wird. Bis zum bitteren Ende.

Und da hilft nur eins: Die Kirche muß ihre Lehre offen, deutlich und immer wieder in der Welt vertreten. Sie muß die Differenzen zu weltlichen Werten zeigen und nicht verwischen, auch dann, wenn es schmerzlich ist. Wenn sie darauf verzichtet nimmt sie den Suchenden und Fragenden die Chance, zur Wahrheit zu finden.

Sind wir cool?

Nein. Katholiken gelten nicht als cool. Es hat mehrere Gründe. Einmal historische. Die Rückständigkeit und der schlechte Bildungsstand der Katholiken galten lange Zeit als sprichwörtlich. Die Wurzeln dieser Idee sind komplex, reichen hinein bis in die Zeit der Reformation, und sicher kann man eine Linie ziehen über die Aufklärung hin zur Französischen Revolution, zur Zerschlagung des katholischen Bildungswesens, zum Kulturkampf und zum Aufstieg des protestantischen Bürgertums zum Leitmilieu. Doch über die Geschichte dieser Idee möchte ich jetzt nicht nachdenken.

Denn Katholiken haben auch gerade heute oft dieses Image des Biederen und Uncoolen, irgendwie Zurückgebliebenen, hinter der Zeit her Hinkenden. Liegt es an der Lehre? Liegt es daran, daß die katholische Kirche Ideen vertritt, die zur Gegenwart, zu der von den Medien immer wieder beschworenen hedonistischen Konsumgesellschaft nicht passen?

Ich glaube nicht. Denn auch mir war schon in sehr jungen Jahren aufgefallen, daß die katholische Kirche uncool ist. Und zwar deshalb, weil es im Religionsunterricht immer nur um Drogen und Betroffenheit ging und ich Schulgottesdienste besuchen mußte, die vor lauter berufsjugendlicher Anbiederei jeder 13-Jährigen die Schamesröte ins Gesicht trieben. Ich erkannte, daß Lieder, die den Intellekt beleidigen, und das Basteln von Tieren aus Stoffresten für irgendeinen guten Zweck weder cool noch heilsnotwendig sind. Von der „rückständigen“ katholischen Lehre, von einem Gott, dessen Liebe auch streng sein kann, hatte ich bis dahin noch nicht gehört. Ich wandte mich von der Kirche schon vorher ab.

Nicht die Lehre und nicht das vermeintlich Unzeitgemäße der Forderungen machen die katholische Kirche also uncool. Um das zu beweisen, reicht auch ein Seitenblick auf den Islam, dessen Forderungen sich noch viel weniger mit der modernen Gesellschaft in Einklang bringen lassen. Alles Mögliche wird über den Islam gesagt, aber nicht, daß er uncool ist.

Denn uncool ist immer nur das, was der Zeit nicht entspricht. Um uncool zu sein, braucht man also einen Platz in der Zeit, in der Geschichte. Uncool ist entweder Rückständigkeit oder mißlungene Anpassung an den Zeitgeist. Insofern könnte die Kirche gar nicht uncool sein, wenn sie sich selbst treu bliebe: Denn sie vertritt nicht eine beliebige Mode, sondern die Ewigkeit. Ihre Werte bleiben gleich, weil sie schon vor Beginn der Geschichte da waren und nicht im Strom der Zeiten stehen, sondern darüber.

Uncool wird sie, wenn sie ihren transzendenten Charakter verleugnet. Wenn sie versucht, sich bloß als Teil der Welt zu begreifen, der den Bewegungen der Welt unterworfen ist. Wenn sie selbst nicht mehr zeigt, daß sie über die Welt hinausragt. Daß sie Teil der unveränderbaren Wirklichkeit ist. Wenn die Kirche als uncool gilt, ist das allein ihren Vertretern geschuldet, die deren wahren Charakter verkennen. Die glauben, die transzendente Welt für den Zeitgeist vereinnahmen zu können, während die Kirche doch alles umfaßt, auch unsere Zeit.

Die Kirche ist also nicht deshalb uncool, weil sie unmodern ist, sondern weil sie versucht, modern zu sein. Das heißt freilich nicht, daß sie ihre Inhalte in die Sprache der 50er-Jahre packen soll und möglichst bieder und hausbacken auftreten soll. Denn darum geht es nicht: Es geht einzig und allein um die Wahrheit. Die Kirche wirkt uncool, wenn der Bruch spürbar ist zwischen dem, was sie ist, und dem, was sie darzustellen versucht.

Oder, kurz gesagt: Es ist uncool, nicht zu sich selbst zu stehen.

Sonntag, 26. Juni 2011

Zölibat und Frauenpriestertum

Ja, ich gebe es zu: Früher war ich hundertprozentig gegen den Zölibat und für das Frauenpriestertum. Das war aber nicht das Ergebnis eigenen Nachdenkens. Man glaubt eben zunächst das, was man sein Leben lang in der Zeitung liest und in Predigten und im Religionsunterricht hört. Die Gegenposition ist ja in der BRD im öffentlichen Diskurs kaum vertreten. Deshalb ist es für die meisten selbstverständlich, für Frauenpriestertum zu sein, ebenso wie man selbstverständlich Sonnenschein besser findet als Regen.

Deshalb ärgere ich mich nicht, wenn es immer wieder zu solchen Begegnungen kommt: Man lernt einen Katholiken kennen, und beinahe das Erste, was er sagt ist: "Ich finde, wir brauchen endlich Frauen als Priester." Denn in der Regel geht es ihm nicht um Provokation und auch nicht darum, daß er eine grundsätzliche Diskussion führen oder tatsächlich etwas verändern möchte. Es geht ihm darum, auf einfache Weise einen Konsens mit seinem Gegenüber herzustellen. Er rechnet nicht damit, daß man anderer Meinung sein könnte. Und wenn man dann antwortet: "Finde ich nicht. Die Kirche hat nämlich nicht die Vollmacht, Frauen zu Priestern zu weihen ...", bringt man ihn völlig aus dem Konzept. Ebenso wenig würde ein Engländer, der an der Bushaltestelle zu seinem Nebenmann sagt: "Hoffentlich hört der Regen bald auf", mit der Antwort rechnen: "Ich liebe Regen! Die Natur braucht das, sonst trocknet alles aus".

Man sollte den Zölibatsgegnern und Frauenpriestertumsforderern zunächst also nicht unterstellen,  gründlich darüber nachgedacht zu haben (anders liegt der Fall freilich bei Leuten, die dies systematisch fordern). Zumal noch ein weiterer Aspekt dazukommt: Mit solchen Bekundungen kann man auf einfache und gefahrlose Weise zeigen, daß man ein guter Mensch ist. Denn für Frauenpriestertum zu sein gilt hier ja als gut ...

Doch wie kommt es, daß das Vertreten bestimmter Meinungen als eine solche Selbstverständlichkeit gilt, daß Themen wie der Zölibat sogar Small-Talk-tauglich werden? Sonst heißt es doch, über Politik und Religion redet man beim Small-Talk nicht. Wie ist es zu erklären, daß die meisten denken, mit solchen Meinungsäußerungen Konsens mit dem Gegenüber herstellen zu können, so als würde man über das Wetter sprechen?

Und genau dort liegt der Schlüssel: Das Wetter, Naturgewalten gehören zu den Gegebenheiten, in die man als Mensch hineingestellt ist und die unser körperliches Befinden beeinflussen. Das Empfinden darüber ist allgemein, es ist bei allen gleich: Man friert, wenn es kalt ist, und man fühlt sich wohl, wenn es warm ist. Sonnenschein hebt die Stimmung, Dunkelheit macht müde. Krankheiten sind nicht wünschenswert.

Wenn aber nun bestimmte Meinungen für ebenso allgemeinverbindlich gehalten werden wie natürliche Gegebenheiten, ist das ein sehr schlechtes Zeichen: Es gibt keine offenen Debatten mehr. Was man zu denken und zu meinen hat, gilt als festgelegt, ebenso wie es körperliche Reaktionen sind. Das Denken soll also uniformiert werden, und auf diesem Weg ist die Gesellschaft schon weit vorangeschritten – mit Hilfe der Massenmedien. Zum Glück gibt es noch immer viele Rückzugsräume. Doch läßt sich die Entwicklung hin zu einer totalitären Massengesellschaft noch aufhalten?

Deutschlektion: der, die oder das Kirche? Gar kein Artikel!

Es gibt im Deutschen Nomen, die auch im Singular ohne Artikel stehen. Dabei kann es sich erstens um Stoffbezeichnungen handeln, die eine unbestimmte Menge bezeichnen:

"Pudding macht dick."
"Babys mögen Brei."
"Auf der Straße ist Matsch."
"Das Kind wünscht sich Knete."

Oder zweitens um Sammelbezeichnungen, die ebenfalls eine unbestimmte Menge bezeichnen:

"Obst ist gesund."
"Im Stall steht Vieh."

Oder drittens um Abstrakta:

"Jetzt ist hier endlich Ruhe!"
"Dummheit ist keine Tugend."

Und dann gibt es noch "Kirche", jene Institution, die im Sprachgebrauch der sogenannten Liberalen und Reformorientierten ihren Artikel verloren hat:

"Kirche muss offener, demokratischer, frauenfreundlicher werden, Reformen wagen, zeigen, daß sie nützlich ist ..."

Was hat das zu bedeuten? Aus der klar definierten, konkreten, existierenden Kirche wird also eine unbestimmte Menge gemacht, eine breiartige Masse, die so wenig greifbar ist wie Pudding, keine klaren Grenzen hat, keinen Gesetzen folgt und so formbar ist wie Knete. Etwas, was man selbst gestalten kann. Oder gar ein Abstraktum, das weit entfernt ist, nicht mehr als eine Idee.

Immer geht es bei diesem Sprachgebrauch also darum, der Kirche ihre konkrete Form, jetzt und hier in dieser Zeit, abzusprechen. Sie wird zur willenlosen Masse oder zur Idee und verliert dadurch an Wirklichkeit. Die Kirche: An ihr orientiert man sich, ihre Gesetze gelten, sie ist Heimat. Kirche: etwas, was man nach den eigenen Bedürfnissen gestalten kann.

Sprache ist eben verräterisch.

Volkserzieher

Dieser Irrtum ist weitverbreitet: Glaube bedeutet vor allem, daß man versucht, ein guter Mensch zu sein und moralische Normen einzuhalten. Dieses Mißverständnis wurzelt in der Zeit der Aufklärung. Der Glaube begann, schwächer zu werden. Man suchte nach einer anderen Begründung für den Glauben, oder vielmehr: nach seinem Zweck. Der Gedanke kam auf, Religion sei der beste Garant für Wohlverhalten. Und da begann das Moralisieren.

Die Rolle des Priesters wurde verändert und erweitert: Er wurde mehr und mehr zum Volkserzieher. Wie sehr dies heute nachwirkt, zeigt sich gerade in der Beichte. Das mystische Verständnis geht verloren. Die Aufgabe des Priesters ist es eigentlich, die Sünden von der Seele zu nehmen und den Gläubigen wieder mit Gott zu versöhnen. Doch mit der Zeit wurde aus der Beichte eine Mischung aus psychologischer Beratung, Coaching und nachgeholter Erziehung. Wenn vom Verfall des Bußsakraments die Rede ist, heißt es meistens, die Menschen hätten heute kein Sündenbewußtsein mehr. Möglicherweise ist ihnen aber auch bewußt, daß auf dem Gebiet psychologischer Beratung ein Psychologe nun einmal mehr zu leisten vermag als ein Priester.

Wie dem auch sei, die schwächliche aufgeklärte Vorstellung, man bräuchte den Glauben als moralisches Korsett, hat bei mir vor allem eins bewirkt: Ich verstand Nietzsche besser. Unerlöster kann man kaum wirken als jemand, der eine solche Stütze braucht.

Persönliche Gedanken über den alten Ritus

Die Alte Messe hat mich schon oft getröstet. Wenn ich Glaubenszweifel habe, führt sie mir das vor Augen, was das zweifelnde Ich übersteigt: das Heilige, das überzeitliche Mysterium, die andere Welt, die die Wirklichkeit ist.

Wenn ich mich in der Kirche heimatlos fühle, gibt sie mir Geborgenheit. Heimatlos fühle ich mich immer dann, wenn ich einen Bruch bemerke zwischen der Gegenwart, meiner Lebenswelt in einer abgeklärten, modernen Großstadt und der Art, wie sich die Kirche in Deutschland oft präsentiert: dieses provinzielle 70er-Jahre-Gefühl, die schief formulierten, gut gemeinten Fürbitten und die Momente der Peinlichkeit, wenn diese vorgetragen werden, die Lieder mit Kindergartentexten, diese heimelige Enge, die mich immer an die DDR erinnert, dieses Anbiedern an einen Zeitgeist, der sich schon längst woandershin bewegt hat, die Lethargie, die schwächliche Prinzipienlosigkeit ...

Doch die Heilige Messe aller Zeiten ist zeitlos: Sie ist auch die Messe unserer  Zeit, weil sie sich immer treu bleibt.

Heute war ich in einer ordentlich gefeierten Messe in der neuen Form, zum ersten Mal seit Längerem. Ich zweifele nicht an der Gültigkeit der neuen Messe. Doch mittlerweile löst sie in mir oft Unbehagen aus. Ich lerne die Alte Messe besser kennen, zu verstehen und zu schätzen. Daneben erscheint mir die neue Messe  so zusammengestrichen, reduziert und zerstückelt  – wie eine kurze Nacherzählung eines Epos. Sie wirkt kalt und wenig anschaulich.

Es bereitet mir ästhetisches Unbehagen, bei der Wandlung das Gesicht des Priesters zu sehen. Oder die Gesichter der Konzelebranten hinter dem Volksaltar, wenn sie sich bemühen, andächtig zu schauen. Wenigstens erinnert das daran, daß man im Moment der Wandlung besser die Augen niederschlägt.

Es bereitet mir auch Unbehagen, daß in der neuen Messe alles so sehr vom Priester abhängt: Nur ein guter Priester kann diese Messe würdig feiern. Doch zu allen Zeiten hat es auch schlechte Priester gegeben. In der Alten Messe geht die Persönlichkeit des Priesters im Ritus auf und wird von ihr überdeckt. Sie ist stärker als die menschliche Schwäche des Zelebranten.

Ich empfinde die Schönheit der Alten Messe als ergreifend. Es fällt mir immer schwerer zu verstehen, was die Liturgiereform Gutes gebracht hat. Mir fällt nichts ein. Ich fange an, die Liturgiereform, diese Reform am Reißbrett, für eine der größten Narrheiten in der Geschichte der Kirche zu halten. Also setze ich meine Hoffnung auf eine Renaissance der jahrhundertealten, bewährten und gewachsenen Form.

Montag, 9. Mai 2011

Singles sind keine Hedonisten

Wenn ich die Wörter Singles und Hedonismus in einem Satz höre, bin ich mittlerweile ziemlich genervt. In sehr frommen Kreisen wird gerne folgende Gleichung aufgemacht: Wer Single ist, führt ein hedonistisches Leben, kreist um sich selbst und denkt nur an Spaß. Familie und Kinderreichtum stehen dagegen für Altruismus. So einfach ist es natürlich nicht. Aber manche denken es wirklich. Auf einem wirklich sehr, sehr frommen Kongreß lernte ich mal einen Mann kennen, der seit Jahren verzweifelt auf der Suche nach einer Partnerin war und sich damit quälte, daß er seinem Schöpfungsauftrag nicht nachkam. Dieser arme Kerl dachte tatsächlich, mit den Singles, die nur ihren Spaß suchen, sei er gemeint. Natürlich ist Derartiges nicht Lehre der Kirche, aber man sollte sich hüten, sowas auch nur anzudeuten, und sei es aus Gründen der Vereinfachung.

Aber wo sind sie eigentlich, die hedonistischen Singles? Selbst Frauenzeitschriften vermitteln da heute ein differenzierteres Bild. Und die Singles, die ich kenne, sind oft religiös oder auf der Suche nach Sinn und Lebensorientierung, vielseitig interessiert, gerne bereit, ein Ehrenamt zu übernehmen, manche glücklich, manche unglücklich, manche zufrieden, manche enttäuscht. Wenn sie sich einen Platz in der Kirche wünschen, dann soll es nicht wie ein Trostpreis aussehen, und sie wollen auch keinen Akt der Barmherzigkeit. Sie wollen außerdem nicht mit der geistlosen Vorstellung konfrontiert werden, jeder, der keinen Partner finde, habe eine religiöse Berufung. (Erinnert sich eigentlich noch einer an die Zeiten, als es den Lehrerinnenzölibat gab?) Gewiß: Nur in den westlichen Gesellschaften, die als materialistisch und konsumorientiert gelten, gibt es einen so hohen Prozentsatz an Singles. Doch der Grund für das Alleinsein ist in der Regel nicht der Wunsch nach einem hedonistischen Leben: Die inneren und äußeren Zwänge, eine Ehe einzugehen, verlieren an Wirkkraft, und die Ansprüche an den möglichen Partner sind gestiegen. Was nicht unbedingt negativ sein muß: ein bewußtes und erfülltes Leben allein ist allemal besser als eine unglückliche Ehe, die zu einem Gefängnis werden kann.

Eine evangelische Freundin, ebenfalls ohne Partner, sagte mir mal, wir hätten es da doch einfacher. Weil die katholische Kirche den Zölibat kennt. Sie ist in ihrer Gemeinde im Kirchenvorstand, als Einzige unverheiratet und stört sich daran, daß manche ihr mit einem vorsichtigen Mitleid begegnen. Doch Mitleid ist nicht angebracht: Viel besser wäre es für die Kirchen, die Singles stärker an sich zu binden. Mit ihren besonderen Fähigkeiten und Bedürfnissen und den Fragen, die sie an den Glauben richten.

Freitag, 6. Mai 2011

Frisch Bekehrte, heilige Spießer und Gescheiterte

Manche Bekehrungsgeschichten, die man hört, variieren folgendes Erzählmuster: „schlechtes Leben – Absturz – Bekehrung – gutes Leben“. Darauf lassen sich viele Geschichten aufbauen, etwa solche: XY hatte eine wilde, rebellische Jugend. Er geriet an die falschen Freunde, nahm Drogen und war irgendwann ganz unten. Oder, eine Nummer kleiner: Schulschwänzer, Sex vor der Ehe, ab und zu einen Joint. Tattoos, Piercings. Partyleben, nur Frauen im Kopf. Oder, die politische Variante: Er wollte die Welt verändern und machte bei irgendwelchen linken Gruppen mit. Wie auch immer: Irgendwann ging es XY schlecht damit. Oder er wurde einfach älter, sein Wunsch nach Rebellion schliff sich ab, er gewann an Lebenserfahrung und durchschaute, wie haltlos seine früheren Ziele und Ideale waren.

Da erinnerte er sich an Gott. Gott verzeiht ihm alles.  XY „prüft seine Berufung“ und entdeckt in den meisten Fällen „seine Berufung zur Ehe“. Er bittet Gott um einen passenden Ehepartner und lernt durch einen Zufall, der natürlich Fügung ist, eine hübsche Frau kennen. Die beiden heiraten, bekommen Kinder, bauen ein Häuschen, engagieren sich für die Kirche und führen ein anständiges Leben.

Solche Geschichten, die ich wirklich schon oft gehört habe, mögen wahr sein. Doch auf mich wirken sie geschönt, glattgebügelt und simplifizierend. Und manchmal hört man sogar einen beinahe schon calvinisitischen Unterton aus ihnen heraus: Wirtschaftlicher Erfolg und privates Glück scheinen sich als Zeichen für den Gnadenstand darzustellen.

Bei mir war das alles nicht so eindeutig. Ich war auch in meiner atheistischen Zeit ehrgeizig, hatte nur abwaschbare Tattoos und habe in meinem Leben nicht viele Joints geraucht. Ich fand zum Glauben zurück, weil ich viel darüber gelesen hatte und irgendwann merkte, daß ich mich wohlfühle, wenn ich in einer Kirche bin. Lebenskrisen und so weiter: Das alles erlebte ich auch danach. Es ist nicht alles gut geworden, ich kenne Langeweile, Zweifel, innere Leere, Ambivalenzen, die ich aushalten muß, Wege, die verschlossen sind und Kontingenzerfahrungen. Deshalb höre ich lieber andere Bekehrungsgeschichten. Etwa von Leuten, die ohne Lebenskrise zu Gott gefunden haben. Sondern weil sie von Bachs Musik angerührt waren, von der Schönheit eines Vogels oder eines Wasserfalls. Oder weil sie viel Glück hatten und jemandem dafür danken wollten. Oder Geschichten von Bekehrungen, die nicht zu spektakulären Änderungen führten. Wenn jemand einfach sein Leben weiterführt, seine Pflicht tut, das alles aber in Gott aufgehoben weiß.

Oder auch: Jemand entdeckt nach der Bekehrung nicht seine Berufung zur Ehe oder etwas Höherem, sondern lernt, sich anzunehmen, weil Gott ihn annimmt. Auch mit einer peinlichen Tätowierung am Fußknöchel, einer Neigung zu Depressionen, der Unfähigkeit, das eigene Leben in geordnete Bahnen zu lenken und dem Wunsch, ganz allein durch die Welt zu reisen. Schließlich hat Jesus nicht gesagt: Kommt zu mir, die ihr Spießer werden wollt, ich werde euch dabei helfen. Was er dagegen sagte, war: Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach.

Bei uns in der Kirche sitzt eine Frau, die ihre Bekehrungsgeschichte nie vor einem Publikum wird erzählen können. Denn sie ist schwer alkoholkrank, redet unzusammenhängend und wird schnell aggressiv. Ich weiß nicht, worum sie Gott bittet. Von ihrer Krankheit hat er sie jedenfalls nicht befreit. Sie ist ganz unten, kann schon lange nicht mehr arbeiten, und der Alkohol hat ihr Gesicht zerstört. Einmal fragte sie jemand, warum sie jeden Tag in die Kirche ginge. Sie antwortete: „Das ist das Einzige, was mir guttut.“

Ich glaube, daß sie noch hofft, und ihr Beispiel gibt mir mehr Kraft als der Überschwang mancher frisch Bekehrter. Denn wenn Christus in ein Leben hineinleuchtet, das jeder Außenstehende als gescheitert betrachtet, darf ich auch hoffen, daß er für meine Mittelmäßigkeit, Zweifel und Schwächen einen Weg finden wird.

Samstag, 23. April 2011

Dumm tanzt gut

Die Grüne Jugend hat gestern, am Karfreitag, auf dem Römerplatz in Frankfurt einen Flashmob organisiert:  Tanzen gegen die Karfreitagsruhe. Es wundert mich nicht. Wenn man einen Tag lang nicht Party machen darf, kommt man vielleicht ins Nachdenken, und Denken gehört nicht zu den größten Begabungen des grünen Nachwuchses. Ist ja irgendwie auch mit Arbeit verbunden.

Viel eindrücklicher als diese vor sich hin trampelnde Horde:

Die traditionelle Karfreitagsprozession der kroatischen Gemeinde, ein endlos langer Zug durch die ganze Stadt und am Mainufer entlang, an der Spitze ein Priester, der ein Kreuz trägt. Schweigen, Gebete, leise Gesänge. Dadurch wurde ein Zeichen gesetzt an einem Tag, dessen Bedeutung viele vergessen haben. Die Wiesen am Main waren voll mit Leuten, die in der Sonne lagen, tranken, den freien Tag genossen. Und dann zieht das Kreuz vorbei, gefolgt von unzähligen Menschen. Es war beeindruckender als es jede Demonstration und jeder Flashmob sein könnte.

Samstag, 2. April 2011

2. April 2005

Vor sechs Jahren ging ein Zeitalter zu Ende. Ich schrieb gerade Mails, der Fernseher lief nebenbei. "Wetten dass" wurde abgebrochen, denn der Papst war tot. Es gab eine Liveschaltung zum Petersplatz, die Kommentatorin war völlig überfordert. Ein Kameraschwenk zu der Menge, die Menschen, die gerade die Todesnachricht erhalten hatten, weinten und applaudierten. Anne Will führte ein Interview, ich weiß nicht mehr mit wem, und erklärte, daß dieser Papst ja nicht unumstritten war, wegen Zölibat und Aids. Es verletzte mich, in diesem Moment das übliche dumme Gequatsche zu hören. Ich öffnete das Fenster, weil ich dachte, es müßte Glockengeläut zu hören sein. Draußen war alles still. Ich weinte. Auch in meinem Leben war etwas zu Ende gegangen. In einem Leben, in dem es noch keinen anderen Papst gegeben hatte. Ein Freund, der Theologie studiert hatte, versuchte mich damit zu trösten, daß ein Papst zwar sterben kann, das Papsttum aber bleibt. Er hatte noch mehr geweint als ich.

Am 3. April ging ich früh am Morgen in den Mainzer Dom. Dort stand ein Foto mit Trauerband, davor lagen Blumen. Johannes Paul II. lächelte auf dem Bild. Einige Gläubige knieten sich hin oder verbeugten sich, eine Frau küßte das Bild. Ich dachte, auch ich will mich verabschieden, mit irgendeiner Geste. Küsse, Verbeugungen oder Kniebeugen, das paßte nicht zu mir. Ich blieb eine Weile stehen, und dann nickte ich ihm bloß zu. Der Abschied tat weh.

Eine Bekehrungsgeschichte

Wir gingen in der Grundschule in eine Klasse, waren danach noch befreundet, haben uns nach dem Abitur aus den Augen verloren und vor kurzem wiedergetroffen. Julia, so nenne ich sie jetzt, hat immer alle ihre Ziele erreicht. Sie ist ehrgeizig und klug, hat ein Faible für Mathematik und den Verstand eines Ingenieurs. Sie urteilt nie schnell und denkt über jeden Aspekt eines Problems gründlich nach. So neigt sie nicht zu extremen Positionen. Eine rebellische Phase hatte sie nie. Aber sie hatte immer einen Plan für ihr Leben, ein Ziel, wußte, wo sie hinwollte. Das alles hatte ich nicht, aber jetzt geht es um sie.

Nach dem Einser-Abitur studierte sie sehr schnell, absolvierte ein Auslandssemester und zahlreiche Praktika. Sie fand nach dem Abschluß sofort eine Stelle, arbeitete viel und machte Karriere. Sie hatte immer einen Freund. Als eine langjährige Beziehung zerbrach, fand sie schnell einen neuen Partner. Sie kaufte sich eine Wohnung, verreiste oft, lief Marathon, konnte sich alles kaufen, was sie wollte. Sie gab viel Geld für Business-Kleidung aus. Ihr Besitz wuchs an, gleichzeitig die finanziellen Verpflichtungen. Sie trat aus der evangelischen Kirche aus, weil sie keine Kirchensteuer zahlen wollte. Damals war sie religiös indifferent, die Frage nach Gott kam in ihrem Leben nicht vor. Sie hatte keine Zeit dafür.

Irgendwann kam ein Kind. Es war ungeplant, aber das warf Julia nicht aus der Bahn. Ich weiß nicht, wie sie sich gefühlt hat, als sie schwanger wurde. Ich vermute, daß sie alles genau durchgerechnet und geplant hat, denn so ist sie. Ihre Tochter Lilli kam zur Welt. Nach der Geburt stieg Julia so schnell wie möglich wieder in den Beruf ein, Vollzeit. Natürlich dachte sie nicht daran, Lilli taufen zu lassen, denn sie war ja aus der Kirche ausgetreten. Und dann heißt es ja auch immer, man soll Kindern den Glauben nicht aufdrängen.

Das Leben wurde noch anstrengender. Die Tage gehörten dem Job, die Abende und Nächte und Wochenenden dem Baby. Sie brachte Lilli morgens in die Kita und hatte dabei das Gefühl, daß das alles richtig ist oder, genauer: daß eine Frau es nur auf diese Weise richtig machen kann. Daß die Gesellschaft das von ihr erwartet: Vollzeit arbeiten und ein Kind haben und immer alles geben. Julia war in den nächsten Jahren oft am Rande völliger Erschöpfung.

Sie hätte vielleicht so weitergemacht, aber ihr fiel auf, daß Lilli sich veränderte. Wenn sie sie abends aus der Kita abholte, war sie überdreht und unruhig. Am Wochenende war Lilli anders, gelassener, glücklicher. Da spielte Julia mit ihr, machte mit ihr Ausflüge, war ganz für sie da. Die Beziehung zu Lillis Vater, eine Wochenendbeziehung, war zu diesem Zeitpunkt längst zerbrochen. Lilli wurde immer nervöser und aggressiver. Als Julia nach der Ursache forschte, wurde ihr klar, daß Lilli sie braucht. Daß sie Lilli zu wenig Platz in ihrem Leben einräumte, obwohl sie für sie doch das Wichtigste war. Sie dachte nach und prüfte alle Möglichkeiten. Dann nahm sie ihr Elternjahr, Lilli war da drei Jahre alt.

In den ersten Monaten war Julia sehr müde. Sie merkte, daß auch sie selbst dieses Jahr brauchte, um innerlich zur Ruhe zu kommen. So erschöpft war sie. Sie und Lilli, sie mußten beide wieder ihr inneres Gleichgewicht finden, sagt sie. Erst wieder zu Kräften kommen, dann überlegen, wie es weitergeht. Ihr wurde klar, daß sie nicht mehr so leben wollte wie vorher. Sie wollte miterleben, wie Lilli groß wird.

Lilli kam bald in die Phase, in der Kinder ihre Eltern von morgens bis abends mit Fragen löchern und alles genau wissen wollen. Warum regnet es? Warum ist der Mann da so dick? Warum ist es nachts dunkel? Wo ist der Mond, wenn es hell ist? Geht das Sandmännchen schlafen? Und natürlich kam irgendwann die Frage: "Wer hat die Welt gemacht?"

Da mußte Julia wieder abwägen. Denn sie wußte ja selbst nicht, was sie glauben sollte. Der Urknall oder Gott? Über solche Fragen dachte sie sonst nicht nach. Überhaupt, sollte sie Lilli von Gott erzählen? Man soll einem Kind den Glauben nicht aufdrängen, dachte sie, aber ihm Wissen vorzuenthalten, wäre auch falsch. Letztlich entschied sie sich für die Antwort, die sie als besonders kindgerecht empfand und die ihr in diesem Moment, nach langem Nachdenken, gar nicht so unwahrscheinlich vorkam: nicht etwa "Das Universum ist durch den Urknall entstanden", sondern: "Der liebe Gott hat die Welt gemacht."

Julia merkte schnell, daß sie aus dieser Nummer nicht mehr herauskam. "Wer ist der liebe Gott?" "Warum hat er die Welt gemacht?" "Kann man mit ihm reden?" "Wo wohnt er?" "Wann gehen wir ihn besuchen?" Lilli wollte mit Gott reden. Also beschloß Julia, vor dem Schlafengehen mit ihr zu beten. Sie sagte sich, ein solches Ritual, das dem Tag eine Struktur gibt, kann nicht schaden.

Sie beteten jeden Abend, und Julia merkte, daß es Lilli beruhigte. Julia fing an, sich über den Glauben zu informieren, um Lilli besser antworten zu können. Denn Lilli hörte nicht auf zu fragen. Die Sache mit Gott interessierte sie.

Dann kam jener Moment, der sich jeder  Analyse, jedem Kalkulieren und Abwägen entzog. Nach dem Abendgebet hatte Julia auf einmal den Gedanken: "Ich glaube an Gott."

Mehr war da nicht, keine Erschütterung, kein plötzlicher Umbruch, keine großen Gesten oder Bilder, sondern nur eine leise Stimme in ihr. Diese Bekehrung löste keine Lebenswende aus, denn Julia hatte schon längst, in kleinen Schritten, ihr Leben geändert. Nach dem Elternjahr arbeitete sie halbtags, Lilli ging in den Kindergarten. Geld und Karriere sind für Julia nicht mehr so wichtig. Sie will lieber bei ihrem Kind sein, mehr lesen, sich Wissen aneignen, Zeit haben, um nachzudenken und für andere da zu sein. Sie sucht nach der Wahrheit und stellt sich nun dieselben Fragen wie Lilli. Julia ist wieder in die evangelische Kirche eingetreten. Lilli wurde vor kurzem getauft. Sie hat verstanden, was da passiert, und hat sich gefreut.

Dienstag, 22. März 2011

Zweifel und Bestandsaufnahme

Im Zweifeln ist die Urangst aufgehoben, daß kein Gott ist, wir verwaist sind und das Universum leer ist. Doch Zweifel sind auch die Flügel, die dem Glauben helfen, sich fortzubewegen.

Meine letzte Glaubenskrise ist schon ein paar Monate her. Ich war kurz davor, den Glauben zu verlieren - weil ich den Glauben verlieren wollte. Doch waren nicht Zweifel an der Wahrheit des Glaubens der Grund, sondern Abneigung gegen die verschiedenen katholischen Milieus. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir das eingestanden habe. Doch dann konnte ich auch mit dem konservativen Katholizismus in seiner deutschen Ausprägung endgültig brechen. Dort begegnete mir das Christentum zu oft in Gestalt eines einseitigen Moralismus.

Zum Glück ist der Glaube größer als das alles. Ich dachte darüber nach, was Glaube nicht ist, um mich dem annähern zu können was Glaube ist.

Ein erster Schritt war es für mich zu erkennen, daß Glaube und Gruppenidentität nicht identisch sind. Es ist leicht, sich als der bessere Christ zu fühlen, weil man eine bestimmte Meinung vertritt, konservativ ist oder liberal, sich mit anderen verbündet im Kampf gegen den Gegner. Doch letztlich weiß ich nicht, ob die alte Frau, die denkt, die Abschaffung des Zölibats wäre gut für die Kirche, Christus nicht mehr liebt als ich. Die Erkenntnis ist schwach, jeder pflegt seine Irrtümer und nur Gott kennt die Herzen.

Glaube ist nicht Ideologie. Er ist nicht identisch mit dem Fortschrittsglauben, der die Grundmelodie der säkularen Welt bildet - auch wenn oft versucht wird, diesen in den religiösen Bereich hineinzutransportieren. Zum Scheitern verurteilt ist aber auch der Traum, hinter die Moderne zurückzugehen. Mir begegneten Menschen, die von vergangenen goldenen Zeiten träumen, und ich gebe zu, daß dies reizvoll sein kann. Allerdings gibt es in der Geschichte keine goldenen Zeiten. Die Welt war auch 1950 schon gefallen, sie war es in der Barockzeit und im Mittelalter.

Sicher darf man Glauben auch nicht verwechseln mit der Begeisterung in den ersten Jahren nach der Re- oder Konversion. Der anfängliche Überschwang vergeht wie Verliebtheit. Ich merkte plötzlich: Da ist kein Gefühl mehr, nur Pflicht.

Die ästhetische Ergriffenheit, wenn man etwas sieht oder hört, was einem gefällt, seien es alte Choräle oder neue geistliche Lieder, seien es gotische Kathedralen oder karge neue Kirchenbauten, ist auch kein Glaube. Kunst kann zum Glauben führen, doch sie ist bloß Mittel und Weg. Ich war in der tridentinischen Messe, hörte gregorianischen Choral und es hat mich nicht berührt. Es war gut, denn ich gewann dadurch Freiheit.

Glaube ist nicht die gute Atmosphäre, die von einzelnen Personen geschaffen wird. Sie verschwindet, wenn diese Personen gehen, und man ist traurig. Dann zu bleiben ist wirklich schwer.

Glaube ist nicht Erkenntnisgewinn. Wenn man, frisch bekehrt, den Glauben entdeckt hat, droht die größte Gefahr: Hochmut. Es entfernt einen von Gott, wenn man anfängt zu denken, man sei anderen im Glauben voraus, weil diese sich in dem einen oder anderen Punkt irren. Wenn man versucht, mit Hilfe des Glaubens das Selbstwertgefühl aufzumöbeln. Sich wünscht, daß andere sehen, daß man mehr kniet als sie, demütiger ist als sie, die Kommunion würdiger empfängt, mehr und inniger betet, angemessener gekleidet ist. Wenn man zu glauben anfängt, man sei Gott näher als der Banknachbar.

Wenn Hochmut so gefährlich ist, liegt der Kern des Glaubens vielleicht in der Demut. Es schadet also nicht zu erkennen, wie wenig man weiß und wie schwach der eigene Glaube ist. Es schadet auch nicht, wenn das Vertrauen in die eigene Standfestigkeit erschüttert wird. Deshalb können Phasen der Dunkelheit und Müdigkeit ein Geschenk sein. Wenn Kleinigkeiten genügen, um Zweifel zu wecken; wenn man nicht mehr beten will und sich in die Sonntagsmesse zwingt; wenn man erkennt: hier gehöre ich nicht hin; wenn man 100 Mal am Tag denkt: ohne Glauben ginge es mir besser. Und wenn am Ende die Erkenntnis bleibt: Ich bin zu schwach zu glauben. Ich kann es nicht. Nicht ohne Deine Hilfe. Wenn man erkennt, daß man sich selbst nicht retten kann ...

... dann ist man vielleicht bereit zum nächsten Schritt: zu erkennen, daß man den eigenen Willen aufgeben muß, um Seinen tun zu können. Kann man jemals soweit kommen?

Sonntag, 20. Juni 2010

Mir nach, spricht Christus

Manche Lieder, die früher bei vielen verpönt waren, kommen in der jetzigen Situation der Kirche wieder zu Ehren. Zum Beispiel „Mir nach, spricht Christus unser Held“, heute zum Schluss der Messe gesungen. Okay, eigentlich gehört da ein Marienlied hin, aber gepasst hat's trotzdem. Ausgewählt wurde es sicher auch wegen seiner Beziehung zum Tagesevangelium, aber daran haben vermutlich die wenigsten beim Singen gedacht. Zum Schluss dann der wunderbare Vers: „Wer nicht gekämpft, trägt auch die Kron' Des ew'gen Lebens nicht davon.“ Ich muss zugeben, daß mir da die Stimme weggeblieben ist. Naja, für den Gemeindegesang war's kein Verlust.

Hingabe

In seinem Buch über „The Jesuits in North America“ schreibt der amerikanische Historiker Francis Parkman:

„Pater Noël Chabanel kam später in die Mission, da er erst 1643 im Huronenland eintraf. Er verabscheute die Lebensweise der Indianer – den Rauch, das Ungeziefer, die eklige Nahrung, die Unmöglichkeit, sich zurückzuziehen. An ihren rauchenden Holzfeuern, umgeben von lärmenden Männern und Squaws mit ihren Hunden und den unablässig kreischenden Kindern, konnte er sich nicht konzentrieren. Er hatte von Natur aus nicht die Gabe, ihre Sprache zu erlernen, und mühte sich fünf Jahre ohne nennenswerte Fortschritte mit ihr ab. Da flüsterte ihm der Teufel ins Ohr, er möge um Ablösung von dieser tristen, widerwärtigen Mühsal bitten und nach Frankreich zurückkehren, wo ihn eine ihm gemäße und nützliche Arbeit erwarte. Chabanel wollte davon nichts hören, und als die Versuchung ihn weiter plagte, tat er ein feierliches Gelübde, bis zu seinem Todestag in Kanada zu bleiben.“

Die Weltmission der Jesuiten im 17. und 18. Jahrhundert hat mich schon immer fasziniert. In einer Ausstellung in der Bibliothek des Mainzer Priesterseminars habe ich vor Jahren einen großformatigen Kupferstich gesehen, der mir im Gedächtnis geblieben ist. Er zeigte den heiligen Franz Xaver inmitten einer figurenreichen, dramatischen Szenerie, wie er sich über einen Kranken beugt – und ihm die Pestbeulen küßt. Vielleicht war es ein solches Bild, das der Laienbruder Nicolaus Obracht aus Ingolstadt vor Augen hatte, als er 1720 an den Ordensgeneral nach Rom schrieb: „Ich habe mich aus anblick einer bildnuß des h. Xaverii, da ich noch weltlich war, entschlosen und gesprochen: Wo diser gestorben will ich auch sterben. Und darüber mit solchem himlichen trost übergoßen worden, daß ich fast nit mächtig war die Zeher [Tränen] zu verhalten.“

Ich muss gestehen, dass mich solche Zeugnisse noch immer sehr beeindrucken – als Audruck einer Liebe und Hingabe, die, so glaubte ich lange, wir heutigen Christen nicht mehr besitzen. Aber das stimmt nicht: Pater Luigi Padovese, der ermordete Bischof von Iskenderun, hat mich eines Besseren belehrt. Er war ein Gelehrter, Kenner der Kirchenväter und der Geschichte der frühen Kirche. Doch seine Professur in Rom, eine ihm gemäße und nützliche Arbeit, gab er auf, um nach Iskenderun zu gehen, in den äußersten Südosten Anatoliens. Er wollte lieber eine kleine christliche Gemeinde inmitten einer feindlichen Umgebung betreuen. Er hat sich für die Armen, auch die anderen Glaubens, eingesetzt. Und er hat sein Glaubenszeugnis mit einem furchbaren Tod besiegelt.

Hat er uns moderne Skeptiker damit nicht zutiefst beschämt? Ich glaube, wir sind Pater Luigi Padovese großen Dank schuldig. Er hat uns gezeigt, wieviel Glaube, Liebe und Hoffnung auch heute, im materialistischen, wohlstandverwöhnten Europa, noch in der Kirche leben. Und das ist doch, obwohl sein Tod so schrecklich war, ein Grund zur Hoffnung.