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Sonntag, 31. Juli 2011

Dialogprozeß

Das Wort selbst verursacht mir schon Ekel, und erst recht, wenn es mit der Kirche in Zusammenhang gebracht wird: weil hier das Höchste mit dem Banalen, Abgeschmackten und Hohlen vermischt wird, die wichtigsten Fragen überhaupt, nach Gott, Erlösung, Glauben und der Gestalt der Kirche, in die üblichen billigen Dialog- und Betroffenheitsfloskeln gefaßt werden. Die Sprache ist natürlich verräterisch, und man fragt sich, ob die Vertreter der Kirche, die bei dieser Veranstaltung mitmachen, diese überhaupt ernstnehmen. Wäre es vorstellbar, daß Vertreter des Islam mit Gläubigen im Stuhlkreis diskutieren? Und dabei den Anschein erwecken, als stünden auch Glaubenswahrheiten zur Disposition? Natürlich nicht, denn der Islam nimmt sich selbst ernst. Eine weitere Frage, die man sich stellen muß: Welches Ziel wird dabei verfolgt? Nach allem, was ich bisher darüber gelesen habe, kommen vor allem jene Vertreter gestrigen Denkens zu Wort, die seit gefühlten 200 Jahren ihre Forderungen in Dauerschleife wiederholen. Was soll dabei herauskommen? Möglichkeit 1, überflüssig, ineffizient und teuer: "Okay, ihr seht das so, aber Rom sieht das anders, trotzdem schön, daß wir fünf Jahre darüber geredet haben." Möglichkeit b, unerfreulich, teuer, aber leider auch konsequent: "Okay, wir machen jetzt unseren eigenen Laden auf."

Wie dem auch sei: Der normale Laie, das gläubige, kirchentreue Fußvolk kommt nicht zu Wort, sondern nur die üblichen politisierenden Pöstcheninhaber und Gremienhocker. Für eine Reform der deutschen Kirche wäre ich freilich auch und hätte sogar ein paar Vorschläge:

- Unternehmensberatung in die Bistumsverwaltungen,Verbände und katholischen Bildungseinrichtungen, überflüssige Posten abbauen
- das eingesparte Geld in sinnvolle Maßnahmen stecken: Man könnte z.B. Fachkräfte einstellen, die den Pfarrern die Verwaltungsarbeiten abnehmen, damit diese mehr Zeit für die Seelsorge haben
- illoyale Mitarbeiter durch solche ersetzen, die zu der Lehre der Kirche stehen

Wenn die Kirche ein Unternehmen wäre, hätte ich ja noch folgenden Vorschlag: den Deutschland-Chef und einen Teil der Geschäftstführer ablösen. Aber das wäre jetzt sicher respektlos.

Dienstag, 7. Juni 2011

Mutlosigkeit und Fehleinschätzungen

Das ist ja wieder symptomatisch. Wenn der Papst in Berlin die Heilige Messe feiert, sieht man dafür erstmal den Platz vor dem Charlottenburger Schloß vor - weil man befürchtet, daß zu wenig Leute kommen.

Das sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Der Papst kommt! Und die denken ernsthaft, die Leute bleiben dann lieber zuhause auf dem Sofa oder grillen im Garten oder liegen faul am Spreeufer. Woher kommt diese absurde, absurde Fehleinschätzung? Mittwoch für Mittwoch pilgern viele Tausend Menschen - und darunter sehr viele Deutsche - zum Petersplatz, um den Heiligen Vater zu sehen. Weiß man das hier nicht? Und was ist mit den vielen Polen, die sicher auch gerne die Heilige Messe mit dem Papst besuchen würden?

Doch möglicherweise ist es den Verantwortlichen in der deutschen Kirche wirklich entgangen, wie sehr der Heilige Vater in der ganzen Welt, und auch von vielen Deutschen verehrt wird: Denn darüber  pflegt die deutsche Presse ihre Leser nicht zu informieren, und es ist wohl leider zu befürchten, daß Bischof Zollitsch und seine Mitstreiter ihre Informationen über die Gemütslage der deutschen Katholiken vor allem von dort beziehen - außer sie treten gerade mal wieder in einen Dialogprozeß mit irgendwelchen notorischen Quenglern, die hochdotiert auf Lehrstühlen, Beamtenposten oder in Gremien sitzen. Das Resultat: eine verzagte Haltung. Das Zurückschrecken vor deutlichen Worten. Statt Freude und Aufbruchsstimmung eine bleierne Mutlosigkeit, für die obiger Vorgang symbolisch ist.

Mann Mann Mann. Immer diese dumme selektive Wahrnehmung! Ihr solltet echt weniger Zeitung lesen und mehr auf die Menschen zugehen! Jetzt warte ich nur noch auf den Tag, an dem Shakira in der Mehrzweckhalle hinter dem Dorfacker einquartiert wird - aus Angst, daß es auffallen könnte, wenn keiner kommt.

Montag, 21. März 2011

Zurück in Deutschland

Ich war eine Weile unterwegs und bin nach Deutschland zurückgekehrt. Es gibt vieles, was ich neu zu schätzen lerne: die Verläßlichkeit und daß fast alles funktioniert; der Hausarzt ist nur ein paar Schritte von der Wohnung entfernt und man bekommt sofort einen Termin; in den Supermärkten gibt es nicht nur Süßigkeiten, Chips und Softgetränke wie in manchen weit entfernten Ländern; Hotelzimmer ohne Kakerlaken; die Geradlinigkeit hier. Manches funktioniert allerdings nicht mehr so wie früher: Der Taxifahrer, der mich vom Flughafen nach Hause brachte, kannte meine Straße nicht und wußte noch nicht einmal den Weg zum Frankfurter Hauptbahnhof, er sprach kein Deutsch, war schwerhörig und konnte rechts und links nicht unterscheiden. Das habe ich erst gemerkt, nachdem er losgefahren war. Typisch, das ist Frankfurt, ein Taxifahrer als Symbol für die ganze multikultiversessene Unzulänglichkeit der Stadt.

Blickt man nach langer Zeit in deutsche Zeitungen, zeigt das Land sofort seine infamste Seite. Überall auf der Welt liest man von Tsunami und Erdbeben und von Leid und Tapferkeit der Japaner - nur hier gibt‘s einen Atom-Gau, der aus tagespolitischen Gründen beinahe herbeigesehnt wird. Widerlich.

Mir kommt der Gedanke, daß die Deutschen in Ordnung sind. Nur sollten sie sich von dieser durchideologisierten politischen Klasse und der diese begleitenden linken Journaille befreien.

Ist es eine Eigenschaft der Deutschen, sich in Ideologien hineinzusteigern und dabei Herzenskälte zu entwickeln? Blickt man von Außen auf das Land, wirkt es so. Vor allem, wenn man auf die Kirche blickt, und das ist tragisch. Die katholische Kirche in ihrer Ausformung hier würde woanders nur Kopfschütteln hervorrufen. Lieben sie einander? Gewiß nicht. Hier inszeniert man ideologische Grabenkämpfe zwischen Konservativen und Liberalen, veranstaltet Demos, Kundgebungen und erstellt Unterschriftenlisten ... Kann man hier überhaupt katholisch sein, ohne in irgendwelche politisierenden Auseinandersetzungen mit hineingezogen zu werden? Wenn man gesehen hat, mit wieviel Liebe zu Gott und dem Nächsten woanders Messe gefeiert wird, wecken die deutschen Verhältnisse nur noch Ekel. Und doch braucht man nur ein wenig zu verreisen, und die ganzen Auseinandersetzungen hier kommen einem vor wie ein Sturm im Wasserglas.

Montag, 14. Juni 2010

Die verlorene Generation

Ich besuche ab und zu katholische Kongresse oder Tagungen, Vorträge oder Einkehrtage. Angebote gibt's genug, doch nie kann ich das Gefühl überwinden, deplaciert zu sein: Denn ich bin oft die einzige Vertreterin meiner Generation. Und wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, finde ich kaum gläubige Katholiken in meinem Alter. Die Jahrgänge zwischen 1970 und 1980 scheinen in Deutschland zu einem großen Teil für die Kirche verloren zu sein. Warum das so ist, kann ich mir leicht erklären, wenn ich über meinen eigenen Glaubensweg nachdenke.

Ich war ein sehr religiöses Kind. Ein kindliches Gespür für das Heilige ließ mich gerne die Heilige Messe besuchen. In Kirchen fühlte ich mich geborgen. Als ich ein paar Jahre älter war, hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Ich war in der katholischen Jugend,  und in der Gruppenstunde mußten wir aus alten Nylonstrumpfhosen Tiere basteln. Die sollten auf dem Pfarrfest verkauft werden, der Erlös ging nach Afrika. Kein normal empfindender Jugendlicher gibt sich freiwillig für einen solchen Quatsch her!

Bald fiel mir auf, wie lächerlich die Lieder sind, die in der Kirche gesungen werden. Ich  mochte "Großer Gott, wir loben dich". Aber von Liedern wie "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer" - Lieder, die den zeitgeisttrunkenen Religionslehrern gefielen (und unbelehrbaren 68er-Opas wahrscheinlich immer noch gefallen)-, war ich in höchstem Maße peinlich berührt . Kirche verband sich für mich mit einem Gefühl des Uncoolen, des Fremdschämens, des Unauthentischen. Mein Gespür für das Schöne und Wahre, das ich als Jugendliche durchaus hatte, wurde mit Füßen getreten.

Irgendwann blieb ich weg. Von einem Sonntag auf den anderen. Mein Platz in der zweiten Reihe, auf dem ich seit Jahren jeden Sonntag gesessen habe, blieb leer. Niemand hat mich nach den Gründen gefragt oder mich ermuntert zurückzukommen. Auch das war die Kirche in den 80ern: Reisende soll man nicht aufhalten, lautete wohl die Devise.

Ich besuchte noch eine Weile den Religionsunterricht. Gott stand nicht auf dem Lehrplan. Die Themen waren vielmehr: Drogen, Waldsterben, Kalter Krieg, "Der Papst ist an Aids schuld", "Kondome schützen", Nicaragua, "Reagan ist böse", "Wenn Jesus heute leben würde, würde er weder Coca Cola trinken (weil Imperialistenbrause) noch die CDU wählen". Am Rande kam ab und zu die Bibel vor, damit wir lernten, daß nichts, was dort steht, für bare Münze zu nehmen ist. Ich habe mich irgendwann für Ethikunterricht entschieden, habe dadurch aber nichts gewonnen: dieselben Themen und zusätzlich Marx-Lektüre. Meine Lehrer waren eben 68er.

In der Zeit, als ich zur Kirche hätte finden können, fand ich nur von den 68ern inspirierte liturgische Experimente, die selbst die Verirrungen von heute in den Schatten stellen. Mit der Kirche verband ich affige Lieder, Dauerbetroffenheit und alte Leute, die in Straßenkleidung um den Altar tanzen. Ich verstehe auch heute noch gut, wieso ich mich mit 13 schon als Atheistin bezeichnete. 
 
Ich glaube, meine persönliche Erfahrung spiegelt das Erleben einer Generation wider. Die Kirche ist in meiner Generation in Agonie verfallen, um sich in der nächsten wieder zu erneuern. Wer heute jung ist, kann in einer geistlichen Gemeinschaft ein Zuhause zu finden. Damals gab es das noch nicht.

Doch wer holt die 30-40Jährigen zurück? Mein eigener Weg zurück war schwierig, ich näherte mich dem Glauben über den Intellekt an, war dabei lange allein, und noch dazu steckte ich mitten in dem durch und durch glaubensfeindlichen Umfeld der Universität. Ich halte oft Ausschau nach gläubigen Katholiken in meinem Alter. Ich begegne ihnen vor allem in der virtuellen Welt: den Wenigen, die dafür sorgen, daß in einer verlorenen Generation der Glaube nicht erlischt.

Dienstag, 20. April 2010

Chronik einer Eskalation

Der Versuch zweier atheistischer Fanatiker in England, den Papst verhaften zu lassen, wirkt auf den ersten Blick absurd – und ist es fürderhin wohl auch. Doch für die Zukunft ausgeschlossen ist eine solche Aktion keineswegs. Hitchens und Dawkins wollen mit ihrer Anklage den säkularen Staat gegen die Kirche in Stellung bringen. Solche Konfrontationen gab es in der modernen Geschichte mehrfach, bis hin zur Gefangennahme zweier Päpste im Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons. Deshalb hier aus aktuellem Anlaß: die Chronik einer Eskalation. 

Das ganze 18. Jahrhundert über verstärkten militante Kirchenfeinde ihre Attacken gegen den katholischen Glauben. Die Stichworte dafür lieferten aufgeklärte Intellektuelle, die aber bald von sogenannten Reformern innerhalb der Kirche unterstützt wurden. Zu ihnen gehörte etwa der Trierer Weihbischof Hontheim, der Küng des 18. Jahrhunderts, der eine größere Unabhängigkeit der Bischöfe von Rom forderte. Das erste Angriffsziel war jedoch der Jesuitenorden. Die Aufklärer hassten ihn, weil die Patres der Gesellschaft Jesu ihnen geistig ebenbürtig waren und zugleich in unbedingter Treue an Papsttum und Kirche festhielten. Als die Aufklärer an den absolutistischen Höfen in Spanien, Frankreich und Portugal zu Einfluss gelangten, wurden die Jesuiten sukzessive aus diesen Ländern vertrieben. Deren Regenten zwangen 1773 den Papst, den gesamten Jesuitenorden aufzuheben. Nachdem dieses Bollwerk gefallen war, richteten sich die Angriffe gegen die Kirche im Allgemeinen. Kaiser Joseph II. löste ab 1780 in Österreich die sogenanten „untätigen“ Orden auf – für das kontemplative Leben hatte er in seinem rationalistischen Nützlichkeitsdenken kein Verständnis. 1300 Klöster wurden damals aufgehoben. 

Eine neue Phase des Kirchenkampfs setzte mit der Französischen Revolution ein: Sie führte von der Einziehung des gesamten Kirchenbesitzes – beschlossen auf Antrag des Bischofs und späteren Außenministers Talleyrand – über die blutige Verfolgung der Priester und Gläubigen bis hin zur offiziellen Abschaffung des Christentums zugunsten eines „Kultes der Vernunft“. 1798 marschierten die Revolutionäre auch nach Rom und riefen dort die Republik aus. Nun bot sich ihnen die Chance, die Spitze der Kirche zu treffen. Hand an den bereits schwerkranken, 80-jährigen Papst Pius VI. zu legen, wagten sie nicht. Doch er sollte aus Rom weggebracht, interniert und so unschädlich gemacht werden. Am 28. Februar 1798, nachts, musste Pius mit einer Eskorte französischer Husaren die Ewige Stadt verlassen. 

Doch was geschah nun? Ein kollektives Aufseufzen der Erleichterung? Allgemeiner Jubel über die Befreiung von Aberglauben und Fanatismus, wie die damaligen Kampfbegriffe lauteten? Wer darauf hoffte, erlebte eine Enttäuschung: Denn überall, wo die päpstliche Wagenkolonne durchkam, bildeten sich gewaltige Menschenaufläufe. Die Massen jubelten dem Heiligen Vater zu, der kaum noch die Hand heben konnte, um sie zu segnen. Als die Menschen den Zustand des Papstes erkannten, richtete sich ihre Empörung auch gegen seine Peiniger. Doch zu Gewalttaten kam es nicht: Glockengeläut, geschmückte Straßen und knieende Menschen am Wegrand blieben die einzigen Formen des Protests. Schon das genügte, um die Franzosen um ihre Macht fürchten zu lassen. Die Revolutionsregierung beschloss, Pius nach Frankreich zu deportieren. Für den bereits vom Tod gezeichneten, schwer leidenden Mann war die Reise über die Alpen eine Tortur. Sie endete im südfranzösischen Valence, wo Papst Pius VI. im Sommer 1799 starb. Auf dem Sterbebett segnete er mit letzter Kraft die Welt, die er zurückließ, und vergab seinen Feinden.

Ohne Oberhaupt, in weiten Teilen Europas verfolgt und zerrüttet – so beendete die katholische Kirche das 18. Jahrhundert. Doch regten sich bereits die Kräfte für einen neuen Anfang. 1798 begann Francois de Chataeubriand, der brillanteste junge Dichter Frankreichs, die Arbeit an seinem Buch „Génie du Christianisme“, der Genius des Christentums. Darin beschrieb er in mitreißender Sprache die kulturellen, ethischen und geistigen Leistungen der Kirche. Unter den jungen Intellektuellen Europas setzte eine Trendwende ein. Sie wandten sich vom Rationalismus ab. Der Katholizismus, jahrzenhtelang nur Objekt für Haß und Spott, faszinierte sie. „Angewandtes, lebendig gewordenes Christentum war der alte katholische Glaube“, schrieb der junge deutsche Protestant Friedrich von Hardenberg, der unter dem Namen Novalis bekannt wurde. „Seine Allgegenwart im Leben, seine Liebe zur Kunst, seine tiefe Humanität, die Unverbrüchlichkeit seiner Ehen, seine menschenfreundliche Mitteilsamkeit, seine Freude an der Armut, Gehorsam und Treue machen ihn als echte Religion erkennbar und enthalten die Grundzüge seiner Verfassung.“ Das 19. Jahrhundert begann mit einer Wellle aufsehenerregender Konversionen: Der Dichter Friedrich von Stolberg trat 1800 zum katholischen Glauben über – und handelte sich dafür eine wütende Kritik seines Freundes Gottfried August Bürger ein: „Wie Fritz Stolberg ein Knecht geworden ist“. Doch andere folgten diesem Beispiel, so die romantischen Schriftsteller Friedrich Schlegel und Zacharias Werner oder die Staatstheoretiker Adam Müller und Karl Ludwig Haller. Eine neue katholische geistige Elite begann sich zu bilden.

Auch organisatorisch gelang der Kirche ein Befreiungsschlag. Noch vor seinem Tod hatte Pius VI. die Voraussetzungen für den Zusammentritt eines Not-Konklaves außerhalb von Rom getroffen. Es wählte im Jahr 1800 in Venedig einen neuen Papst, Pius VII. Ein Durchbruch war auch das 1801 mit dem neuen französischen Machthaber, Napoleon Bonaparte, geschlossene Konkordat, das die Verfolgung der Kirche in Frankreich beendete: Die französische Republik erkennt an, „dass die katholische, apostolische und römische Religion die Religion der großen Mehrheit der französischen Bürger ist“, lautet die erste Bestimmung. Die Erkenntnis, auf Dauer nicht gegen diese Mehrheit regieren zu können, bewog Napoleon zum Einlenken. Freilich sicherte er sich im Gegenzug weitreichenden Einfluß, von der Ernennung der Bischöfe bis zur Besoldung der Pfarrer. Und je mehr sein Regime in Europa unter Druck geriet, desto härter wurde sein Zugriff auf die Kirche. Hinter den Volksaufständen in Spanien ab 1808 und in Tirol 1809 stand auch der Protest gegen die kirchenfeindlichen Schikanen der von den Franzosen eingesetzten aufgeklärten Bürokraten. So ließ Napoleon 1809 erneut den Kirchenstaat besetzen, Pius VII. verhaften und nach Frankreich bringen. Nicht ideologische Motive, sondern pure Machtpolitik stand hinter dieser zweiten Verhaftung eines Papstes innerhalb von zehn Jahren. Sie währte bis zur Abdankung des Franzosenkaisers im Jahr 1814. Im selben Jahr kehrte Pius VII. nach Rom zurück. Zu seinen ersten Maßnahmen gehörte die Wiederherstellung des Jesuitenordens.

Was ist aus diesen Vorgängen zu lernen? Die katholische Kirche, zum Ende des 18. Jahrhunderts ähnlich in der Defensive wie im heutigen (West-)Europa, ging aus der Konfrontation gestärkt hervor. „Sanguis martyrum semen christianorum“ – dieser Satz bewahrheitete sich wieder. Doch ist er auch auf heute, auf den steinigen, ausgedörrten Boden der westlichen Länder übertragbar? Denn wir müssen wohl auch mit der Möglichkeit rechnen, dass die heutigen Angriffe gegen die Kirche noch zunehmen und der Konflikt seinen Höhepunkt noch nicht erreicht hat.

Donnerstag, 25. März 2010

Bekennermut

Im Kommentarbereich von Kewil brachte Anna Luehse kürzlich einen Hinweis auf einen Spiegel-Artikel vom 11.10. 1971. Unter dem Titel "Sumpf und Sitte" ist dort beschrieben, wie die Medien unter den Nationalsozialisten gegen die Kirche hetzten:

"Als “Sexualsumpf” galt Hitlers Propagandisten der Klerus. Mit Serien von Sitten-Prozessen versuchten sie Gläubige von der Kirche abzuspalten.
[...]
Sämtliche Zeitungen im Reich (täglich etwa 14 Millionen Exemplare) mußten über die Prozesse berichten. Aufmachung, Überschrift und Tendenz der Artikel wurden auf den täglichen Pressekonferenzen im Propaganda- Ministerium bis ins Detail vorgeschrieben.

Mit der Sprachregelung dieser Aktion beauftragte Goebbels den Ministerialdirektor Berndt, der täglich neue Schmäh-Sentenzen auszubrüten hatte. Berndts jeweilige Einfälle wurden von allen Zeitungen pflichtgemäß gedruckt -- jeweils mit dem obligaten Zusatz, derartige "Schweinereien" seien typisch für die katholische Kirche. Beispiele:

* Die Sakristei sei generell "zum Bordell" geworden.

* Klöster seien "wahre Brutstätten der Homosexualität".

* Die Kirche kämpfe nur für die Konfessionsschule. weil "das Treiben der Ordensbrüder auf den katholischen Toiletten nicht so beobachtet werden könne".

Doch was selbst der Spiegel damals noch offen aussprach, wird heute gerne verschwiegen: Katholiken als Opfer des nationalsozialistischen Regimes - das paßt so gar nicht ins politisch korrekte Geschichtsbild.

Auf Ähnlichkeiten zwischen der nationalsozialistischen, gegen die Kirche gerichteten Propaganda und der heutigen Berichterstattung großer Teile der deutschen Medien haben zahlreiche Blogs schon hingewiesen - ein Gedanke, der sich aufdrängt, wenn man das Titelbild des Spiegel vor Augen hat, das einen kirchlichen Würdenträger zeigt, der sich mit eindeutiger Geste unter die Soutane greift. Hätte sich ein solcher Angriff gegen irgendeine andere religiöse Minderheit in Deutschland gerichtet, hätte man zu Recht von Volksverhetzung gesprochen.

Dann gibt es aber noch einen großen Unterschied zur damaligen Zeit. So schrieb der Spiegel 1971, Goebbels habe bald erkennen müssen, "daß sein Grimm ebenso ohnmächtig blieb wie sein Propaganda-Wirbel: Das Kirchenvolk wandte sich keineswegs von seinen Hirten ab. Nie waren die Gotteshäuser voller und die Prozessionen länger gewesen. "

Das wäre auch heute wünschenswert, und es zeigt uns den richtigen Weg, wie mit Hetze gegen die Kirche umzugehen ist: Gefragt ist das persönliche Bekenntnis zum Glauben, das heute durchaus gelegentlich Courage erfordert - vor allem, wenn man unbedarften und vollkommen verhetzten Zeitungslesern gegenübersteht, die alles, was die Medien verbreiten, für bare Münze nehmen.

Vorgemacht hat es kürzlich Heinz Bude, der während einer Diskussionsveranstaltung der SPD-Bundestagsfraktion sagte, er sei Katholik und habe sich lange nicht mehr seiner Kirche so zugehörig gefühlt wie im Augenblick.» Dazu zähle auch der «Gehorsam gegenüber dem Heiligen Vater».

Sonntag, 14. Februar 2010

Glaubenszweifel

Als ich vor ein paar Tagen in einem Eintrag über meine Glaubenszweifel sprach, bekam ich daraufhin viele private Mails, die mich sehr berührt haben. Ich sehe, daß ich mit meinen Gefühlen nicht alleine bin, daß ein Unbehagen am Zustand der deutschen katholischen Kirche weit verbreitet ist, im progressiven wie im konservativen Lager, und daß es viele gibt, die gerne irgendwo einen Platz finden würden, ein Zuhause, Gemeinschaft mit anderen Katholiken, und traurig darüber sind, daß das hier oft so schwer ist. An den Reaktionen sehe ich aber auch: Es gibt viele, die auch dann durchhalten, wenn sie sich einsam fühlen. Das stimmt mich optimistisch.

Ich frage mich, ob das Unbehagen an der Kirche in Deutschland nicht auch der Grund für die Festungsmentalität ist, die sich in den verschiedenen Lagern oft ausbildet. Man spürt, daß etwas nicht in Ordnung ist und hat zugleich den Wunsch, den eigenen Glauben zu schützen, vor Zweifeln wie vor Anfechtungen. Da ist es vielleicht am einfachsten, sich in die kuschelige Enge eines Milieus zurückzuziehen. Doch ein Gefühl der Gefährdung bleibt, und die Schuld daran gibt man leicht den Anderen, die den Glauben auf eine andere Art leben als man selbst. Und wenn man nicht aufpaßt, prügelt man irgendwann schon auf den Nächsten ein, weil er andere Lieder schön findet als man selbst.

Doch wir sollten besser über jeden froh sein, der unter den schwierigen Bedingungen hier zu Christus findet. Und dabei nicht vergessen, daß es die Weite ist, die die weltweite katholische Kirche prägt - eine Weite, die nichts mit Relativismus zu tun hat, sondern mit Liebe zum Nächsten und der Größe des Herzens.

Donnerstag, 11. Februar 2010

Nun doch noch zu den Mißbrauchsfällen

Die Mißbrauchsfälle, die zwangsläufig daraus folgende Medienkampagne gegen die Kirche, die sinnbildlich zum Ausdruck kommt auf dem Titelblatt des "Spiegel" (des selbsternannten Sturmgeschützes der Demokratie, das einer der Kommentatoren von Lichtschlags hervorragendem Artikel sehr treffend als "Zeitgeist-Dreckschleuder" bezeichnet), die Fehlinterpretation eindeutiger Statistiken, Opi Geißlers Einlassungen und letztlich die Verweigerung der Medien und vieler anderer, den tatsächlichen Ursachen dieser widerwärtigen Verfehlungen einiger Priester nachzugehen, weil man unbedingt den Zölibat als Hauptschuldigen ausmachen will: Das alles hat bei mir zunächst ein Gefühl des Überdrusses hervorgerufen. Diese alle paar Monate aufbrandenden Kampagnen - wir kommen wohl nicht um sie herum, solange die Kirche wie ein Fels in der Brandung des Zeitgeists steht und unser Heiliger Vater trotz oder gerade wegen seiner sanften, leisen, klug abwägenden Art der größte Gegner der neuen Zivilreligion ist.

Dennoch: Das Ganze hat mir wieder gezeigt, wo ich stehe. Denn ich hatte in letzter Zeit oft mit Glaubenszweifeln zu kämpfen. Aber ist Zweifel überhaupt das richtige Wort? Ich habe über eine intellektuelle Auseinandersetzung zum Glauben gefunden. Doch so sehr ich auch intellektuell überzeugt bin, so schwer fällt es mir, gerade hier in Deutschland emotional dabei zu bleiben. Ich beobachte wie die Kirche in verschiedene Lager zerfällt, die einander bekämpfen. Und wie sehr das in das Leben jeder Gemeinde hineinwirkt. Vor einiger Zeit erzählte mir ein Meßdiener einer liberalen Gemeinde voller Schadenfreude, wie ein Priester einmal einer älteren Dame die Mundkommunion verweigerte. Empörend genug. Dann lerne ich zufällig jene ältere Dame kennen, sie erzählt mir diese Geschichte ebenfalls. Und einige weitere. Sie verfolgt jenen Priester, der ihr Unrecht getan hat, seitdem voller Haß. Und diese Episode scheint mir charakteristisch zu sein für den Zustand vieler Teile der Kirche in Deutschland. Da frage ich mich: Muß das wirklich sein? Aber auch: Wie kann ich da Heimat finden? Will ich das überhaupt?

Ich lerne in der Kirche viele Menschen kennen, die sich an ihrem antirömischen Affekt abarbeiten. Ich lerne aber auch "Konservative" kennen, die sich verbissen und voller Haß auf die Welt in ihr Milieu zurückziehen, die den Eindruck erwecken, als würden sie nicht an Gott glauben, sondern an den Glauben glauben, die überall den Teufel vermuten, nur nicht in ihren eigenen Angelegenheiten, und denen keine Verschwörungstheorie dumm genug ist (z.B. die "Gänswein-ist-ein -Freimaurer-Theorie"). Und ich lerne, leider, viel zu wenige fröhliche und gelassene Katholiken kennen: Denn fröhlich und gelassen sollte man sein, wenn man seinen Glauben richtig verstanden hat. Fröhlich und gelassen, nicht verkrampft, bedrückt und voller Haß.

Natürlich darf man nicht von Einzelbeobachtungen auf das Ganze schließen, von persönlichen Erfahrungen auf die Richtigkeit der Lehre. Und dennoch kann man seine Gefühle nicht ausschalten. Ich fühle mich oft heimatlos. Ich helfe mir damit, daß ich die vielen guten Erfahrungen mit Katholiken, die es natürlich auch gibt, aufschreibe - gerade wenn die negativen überwiegen. Aber manchmal frage ich mich: Muß ich auswandern, um katholisch bleiben zu können, um mit dem Herzen und nicht nur dem Verstand dabei bleiben zu können?

Und dann kommen eben diese ekelhaften Mißbrauchsfälle und die Medienkampagne, die mir zwei Dinge zeigen:

1. daß es wirklich schwer ist, in Deutschland katholisch zu sein und gelassen und fröhlich zu bleiben. Da werden gewisse Rückzugstendenzen für mich gleich wieder verständlicher.
2. noch viel wichtiger: Ich sehe wieder, wie sehr gelogen wird, wenn es um die Kirche geht. Daß Fakten bewußt verdreht werden, um der Kirche zu schaden. Wie kaltblütig die Opfer des Mißbrauchs instrumentalisiert werden für den Kampf gegen den Zölibat. Ich vergleiche den Artikel im "Spiegel" mit Lichtschlags Artikel. Ich denke wieder daran, wie sehr der Papst Fels in der Brandung des Zeitgeists ist.

Und dann weiß ich wieder, wo ich stehe und wo ich stehen will, selbst wenn ich Zweifel habe. Dann weiß ich auch wieder, daß ich um meinen Glauben kämpfen will, selbst wenn ich irgendwann denken sollte, daß ich ihn verloren habe. Einfach deshalb, weil schlechte Gefühle und Erfahrungen nicht das Wesentliche sind. Ihr Zweck ist allein, mich zum Durchhalten aufzufordern.

Dienstag, 29. September 2009

Der Küster

Nostalgische Erinnerungen überfallen einen ja meistens, wenn irgendwas nicht so gut läuft. So ging es mir gestern, als ich nach einer Kirche suchte, in der es still ist. Gar nicht so einfach, der Dom fällt ja ohnehin flach wegen der Touristenströme, in den anderen Kirchen, die für mich leicht erreichbar sind, ist es kaum anders, und da fiel mir eine abgelegene und gewöhnlich sehr schlecht besuchte Kirche ein. Ich war tatsächlich die Einzige, die dort beten wollte. Aber: Ganz vorne saß ein Häuflein wohl ehrenamtlicher Mitarbeiter, die gerade in ein lautes und wohl ziemlich lustiges Gespräch verstrickt waren. Als ich kam, haben sie mich angestarrt wie einen Außerirdischen, als ich mich hinkniete erst recht. Die Truppe hatte wohl den Auftrag, Kerzen aus einem Karton zu räumen, was nicht ohne hitzige Diskussionen bewerkstelligt werden konnte. Irgendwann haben zwei von ihnen angefangen, sich zu streiten wie die Kesselflicker, weil ein Schlüssel abhanden gekommen war. Ihr verbales Gefecht hallte beeindruckend durch den Kirchenraum.

Und da habe ich mich an den Küster erinnert, der damals in meiner Kindheit in der Dorfkirche seinen Dienst verrichtet hat. Er trug immer einen schwarzen Anzug, im Dorf fiel er schon durch sein aristokratisches, beinahe britisches Aussehen auf - ein hagerer Mann, den man sich auch am englischen Königshof hätte vorstellen können. Wenn man die Kirche betrat, saß er meistens in einer Bank, und er sorgte dafür, daß es immer leise war. Er selbst sprach fast immer im Flüsterton, aber mit großer Autorität. Nie hätte er sich benommen, als würde ihm die Kirche gehören. Er wußte, daß sein Dienst ein Dienst war. Heute kommt er mir vor wie einer der letzten Vertreter einer ausgestorbenen Gattung, und ich vermisse ihn.