Nur jemand, der nicht ganz bei Trost ist, wird heute behaupten, daß er gerne im Mittelalter leben würde. In einer Zeit, in der es noch keine Antibiotika gab, keine Narkose, keine Kopfschmerztabletten, keine Badezimmer und Steckdosen; in einer Zeit, in der die Hygiene schlecht war und man Glück hatte, wenn man nicht vor dem zwanzigsten Lebensjahr an einer Lebensmittelvergiftung gestorben war oder als Frau im Kindbett. Die Vorstellung, daß ein heutiger Europäer in einer solchen Zeit überhaupt lange überleben könnte, ist absurd. Und dann würden wir den mittelalterlichen Menschen mit seinem anderen Denken, seiner anderen Gemütsart auch gar nicht verstehen.
Es ist für die Heutigen unvorstellbar, im Mittelalter zu leben, weil die irdische Existenz nun einmal an Raum und Zeit gebunden ist. Hier gibt es mich nur jetzt.
Und trotzdem: Wenn jemand mit halbem Ohr eine Diskussion über das 19. (!) Jahrhundert verfolgt und dann einwirft: „Ich wollte jedenfalls nicht im Mittelalter leben!“ (sowas habe ich kürzlich erlebt, und diejenige hatte einen Abschluß in Geschichte!), ist das unglaublich dumm. Wer auf sichere Art seine schlechte Bildung unter Beweis stellen möchte, möge einfach das Wort mittelalterlich im Sinne von „rückständig, düster, böse“ benutzen. Oder Sätze sagen wie: „Die Kirche ist im Mittelalter stehengeblieben.“ Oder die Wörter „Mittelalter“ und „Hexenverbrennung“ ständig miteinander in Zusammenhang bringen. (Hexenverbrennungen sind ein Phänomen der Frühen Neuzeit!) Oder, immer wieder schön: „Der Papst fördert mit allen Mitteln die mittelalterliche Tridentinische Messe.“ (Hans K. – Ich frage mich, welches Bewußtsein für Epochengrenzen es heute überhaupt noch gibt. Manchmal habe ich den Eindruck, die Mehrheit kennt nur Mittelalter und Nazizeit.)
Natürlich wollten auch die Menschen des Mittelalters mit Sicherheit nicht heute leben. Sie gehörten ebenfalls in ihre Zeit. Würde man Thomas von Aquin in eine Zeitmaschine setzen, würde ihn allein schon die barbarische Art und Weise, wie heute Debatten geführt werden, daran zweifeln lassen, in der größten, glänzendsten, klügsten und fortschrittlichsten Epoche überhaupt gelandet zu sein – auch wenn die Mehrheit das heute denken mag. Zumal er die Idee des sich immer weiter vollendenden Menschheitsfortschritts sicher befremdlich gefunden hätte. Aber das ist wieder ein anderes Thema.
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Sonntag, 10. Juli 2011
Sonntag, 8. August 2010
Nur für Mädchen: Bella und Edward
Feuilletonisten halten meist nicht viel von ihr. Doch die Leserinnen lieben sie: Stephenie Meyer. Über ihren Erfolg braucht man sich nicht zu wundern. Ihre Zielgruppe sind Mädchen, die etwas jünger sind als ihre 17jährige Heldin Bella, und Stephenie Meyer weiß, was sie lesen wollen: die Geschichte von der Prinzessin, die erweckt wird, von der normalen 17Jährigen, die von einem Mann geliebt wird, mit dem sich der pubertierende Banknachbar in der Schule nicht messen kann.
Meyers altruistischer Vampir mit dem schönem, blassen Gesicht und dem Jane-Austen-Namen Edward ist ein ritterlicher Held, wie er in Liebesgeschichten auftaucht, seit es dieses Genre gibt. Mehr noch: In ihm wird diese Figur auf die Spitze getrieben, denn da er als Vampir unsterblich ist, währt seine Liebe ewig. Sind Meyers Romane, in denen sich alle Topoi der Mädchenliteratur, finden Kitsch? Vielleicht. Doch die meisten Mädchen mögen solche Erzählungen nun einmal.
Stephenie Meyers Geschichten sind also nichts Außergewöhnliches, sie wurden zu allen Zeiten erzählt, und beinahe wirken sie banal. Doch vorgeworfen wird ihnen meist etwas ganz Anderes. So hält die "Welt" Stephenie Meyers Romane für "reaktionär", stört sich an ihrem Mangel an political correctness und wirft ihren Vampiren allzu viel Bürgerlichkeit und Traditionsbewußtsein vor, "da und dort schreiten sie mittlerweile sogar zum Kirchgang":
"Wer die Zeichen in den Romanen richtig liest, erkennt sie als religiöse Unterweisung. Über Homosexuelle etwa mag Stephenie Meyer nicht mal reden, und mit ein bisschen Deutungskraft wird "Twilight" schnell zur Bekehrungsgeschichte. Das moderne Mädchen Bella Swan gibt ihre Karrierepläne auf, nimmt den Glauben patriarchalischer Mormonen an, die hier in Vampirkostümen stecken und gegen Sünden streiten, die der Mehrheit unbekümmerter Leser gar nicht mehr als Sünde gelten: Sex vor der Ehe etwa.
Den Mythos vom Vampir als Antichrist hat Meyer auf den Kopf gestellt, in den Wohnzimmern ihrer Untoten hängen sogar Kreuze. Dafür kehrt "Twilight" zur sexuellen Schwüle des 19. Jahrhunderts zurück. Das Pulsieren des Bluts rührt von der Unterdrückung sündiger Triebe. Kein Wunder, dass Sex mit dem Monster bei Meyer der Fortpflanzung dient. Und niemand stülpt über den Vampirzahn ein Kondom."
Stephenie Meyers Fehler also: Sie unterwirft sich nicht der herrschenden Ideologie.
Ohnehin muß diese Autorin den Feuilletonisten ein Dorn im Auge sein. Junge Schriftstellerinnen sind zwar gefragt, aber sie sollten kaputt aussehen, aus ihrem Sexleben erzählen und den Götzen des Feminismus opfern. Doch Stephenie Meyer ist nicht Charlotte Roche und sieht nicht so aus. Sie schreibt nicht über Körperflüssigkeiten, sondern klassische Jugendbücher. Sie trägt mit Mitte 30 keine Hello Kitty-Taschen mehr spazieren, sondern ist Hausfrau und dreifache Mutter. Noch dazu ist sie religiös. Das Anathema war quasi unvermeidbar.
Doch der Markt gibt den Ideologen wie so oft unrecht, was Stephenie Meyers beinahe märchenhafter Erfolg beweist. Mädchen träumen eben auch heute noch vom Prinzen, und jene Elemente der Mädchenliteratur, die sie dem Feuilleton so verhaßt machen, dürften die Autorin reich gemacht haben: der Traum von der einen großen Liebe und der Wunsch, auf den Richtigen zu warten, gehören dazu.
Doch heute gilt als bedrohlich, was in allen Zeiten selbstverständlich war. Wer träumt und wartet, wird unabhängig von seinen Bedürfnissen. Er läßt sich nicht so leicht zu einem konsumfixierten, von schneller Wunscherfüllung abhängigen Untertanen abrichten. Und wer nicht mehr Sklave seiner Bedürfnisse ist, könnte sich hervorwagen zu Geist und Ideen. Schlimmer noch: Einem Mädchen, das wie Bella über jeden Blick, jede Geste und jedes Wort des Geliebten nachdenkt, könnten die Glücksversprechen einer übersexualisierten Gesellschaft, schnelle Triebbefriedigung also, reizlos erscheinen. Es besteht das Risiko, daß sie die kulturelle Leistung des Wartens zu schätzen lernt, daß sich ihre Gefühlswelt verfeinert und sie die Kunst der Sublimierung lernt. Auch deshalb gehört "Twilight" in den Giftschrank - wenn es nach den linken Ideologen und Sozialingenieuren geht, die Gefühle, Bindungen und Familien zerstören wollen, damit das Individuum allein dem Staat gegenübersteht und ihm ausgeliefert ist. Der Gedanke an dauerhafte Liebe ist für sie so gefährlich wie der Glaube an das objektiv Schöne. Denn auch solche Ideen machen frei, und so ist selbst die Ernüchterung nach einem Traum gefährlich, denn sie setzt das Hohe voraus.
Unsere Zeit bringt nicht viele große Liebesromane hervor, weil die Liebe banalisiert
wurde. Die Unmittelbarkeit der Bedürfnisbefriedigung läßt keine Zeit mehr für Träume, Ideen und Projektionen. Doch wer schon vor Stephenie Meyer warnt, muß Flaubert und Stendhal für Sprengstoff halten.
Meyers altruistischer Vampir mit dem schönem, blassen Gesicht und dem Jane-Austen-Namen Edward ist ein ritterlicher Held, wie er in Liebesgeschichten auftaucht, seit es dieses Genre gibt. Mehr noch: In ihm wird diese Figur auf die Spitze getrieben, denn da er als Vampir unsterblich ist, währt seine Liebe ewig. Sind Meyers Romane, in denen sich alle Topoi der Mädchenliteratur, finden Kitsch? Vielleicht. Doch die meisten Mädchen mögen solche Erzählungen nun einmal.
Stephenie Meyers Geschichten sind also nichts Außergewöhnliches, sie wurden zu allen Zeiten erzählt, und beinahe wirken sie banal. Doch vorgeworfen wird ihnen meist etwas ganz Anderes. So hält die "Welt" Stephenie Meyers Romane für "reaktionär", stört sich an ihrem Mangel an political correctness und wirft ihren Vampiren allzu viel Bürgerlichkeit und Traditionsbewußtsein vor, "da und dort schreiten sie mittlerweile sogar zum Kirchgang":
"Wer die Zeichen in den Romanen richtig liest, erkennt sie als religiöse Unterweisung. Über Homosexuelle etwa mag Stephenie Meyer nicht mal reden, und mit ein bisschen Deutungskraft wird "Twilight" schnell zur Bekehrungsgeschichte. Das moderne Mädchen Bella Swan gibt ihre Karrierepläne auf, nimmt den Glauben patriarchalischer Mormonen an, die hier in Vampirkostümen stecken und gegen Sünden streiten, die der Mehrheit unbekümmerter Leser gar nicht mehr als Sünde gelten: Sex vor der Ehe etwa.
Den Mythos vom Vampir als Antichrist hat Meyer auf den Kopf gestellt, in den Wohnzimmern ihrer Untoten hängen sogar Kreuze. Dafür kehrt "Twilight" zur sexuellen Schwüle des 19. Jahrhunderts zurück. Das Pulsieren des Bluts rührt von der Unterdrückung sündiger Triebe. Kein Wunder, dass Sex mit dem Monster bei Meyer der Fortpflanzung dient. Und niemand stülpt über den Vampirzahn ein Kondom."
Stephenie Meyers Fehler also: Sie unterwirft sich nicht der herrschenden Ideologie.
Ohnehin muß diese Autorin den Feuilletonisten ein Dorn im Auge sein. Junge Schriftstellerinnen sind zwar gefragt, aber sie sollten kaputt aussehen, aus ihrem Sexleben erzählen und den Götzen des Feminismus opfern. Doch Stephenie Meyer ist nicht Charlotte Roche und sieht nicht so aus. Sie schreibt nicht über Körperflüssigkeiten, sondern klassische Jugendbücher. Sie trägt mit Mitte 30 keine Hello Kitty-Taschen mehr spazieren, sondern ist Hausfrau und dreifache Mutter. Noch dazu ist sie religiös. Das Anathema war quasi unvermeidbar.
Doch der Markt gibt den Ideologen wie so oft unrecht, was Stephenie Meyers beinahe märchenhafter Erfolg beweist. Mädchen träumen eben auch heute noch vom Prinzen, und jene Elemente der Mädchenliteratur, die sie dem Feuilleton so verhaßt machen, dürften die Autorin reich gemacht haben: der Traum von der einen großen Liebe und der Wunsch, auf den Richtigen zu warten, gehören dazu.
Doch heute gilt als bedrohlich, was in allen Zeiten selbstverständlich war. Wer träumt und wartet, wird unabhängig von seinen Bedürfnissen. Er läßt sich nicht so leicht zu einem konsumfixierten, von schneller Wunscherfüllung abhängigen Untertanen abrichten. Und wer nicht mehr Sklave seiner Bedürfnisse ist, könnte sich hervorwagen zu Geist und Ideen. Schlimmer noch: Einem Mädchen, das wie Bella über jeden Blick, jede Geste und jedes Wort des Geliebten nachdenkt, könnten die Glücksversprechen einer übersexualisierten Gesellschaft, schnelle Triebbefriedigung also, reizlos erscheinen. Es besteht das Risiko, daß sie die kulturelle Leistung des Wartens zu schätzen lernt, daß sich ihre Gefühlswelt verfeinert und sie die Kunst der Sublimierung lernt. Auch deshalb gehört "Twilight" in den Giftschrank - wenn es nach den linken Ideologen und Sozialingenieuren geht, die Gefühle, Bindungen und Familien zerstören wollen, damit das Individuum allein dem Staat gegenübersteht und ihm ausgeliefert ist. Der Gedanke an dauerhafte Liebe ist für sie so gefährlich wie der Glaube an das objektiv Schöne. Denn auch solche Ideen machen frei, und so ist selbst die Ernüchterung nach einem Traum gefährlich, denn sie setzt das Hohe voraus.
Unsere Zeit bringt nicht viele große Liebesromane hervor, weil die Liebe banalisiert
wurde. Die Unmittelbarkeit der Bedürfnisbefriedigung läßt keine Zeit mehr für Träume, Ideen und Projektionen. Doch wer schon vor Stephenie Meyer warnt, muß Flaubert und Stendhal für Sprengstoff halten.
Freitag, 25. Juni 2010
Selbstbestimmtes Sterben?
Unter dem Jubel der Medien, der Parteien und der evangelischen Kirche hat der Bundesgerichtshof das Tor zur flächendeckenden Anwendung der Euthanasie ein Stück weiter geöffnet. Künftig genügt schon der irgendwann einmal mündlich geäußerte Wille des Patienten, um nicht nur eine medizinische Behandlung, sondern auch die Versorgung mit Nahrung abzubrechen. „BGH stärkt Recht auf selbstbestimmtes Sterben“, frohlockt etwa die FAZ. Mal wieder werden die elementarsten Grundsätze objektiver Berichterstattung außer acht gelassen und die Propagandaparolen der Euthanasie-Lobby bedenkenlos für bare Münze genommen. Laut Urteilsbegründung kommt es auch nicht mehr darauf an, „ob die Grunderkrankung einen irreversibel tödlichen Verlauf genommen hat“. Entscheidend sei allein der Wille des Patienten, schreibt die FAZ. Der Tod als letztes Heilsversprechen einer sich absolut setzenden Selbstbestimmungsideologie.
Das heißt nicht, das ich grundsätzlich gegen Sterbehilfe wäre. Auch heute ist sie ja unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Doch der Anspruch, Anfang und Ende des Lebens selbst zu bestimmen, führt den Menschen in ein fatale Falle. Robert Spaemann hat es so auf den Punkt gebracht: „Macht man aus der Selbsttötung ein Recht, dann hat das schlimme Folgen. Dann trifft den Träger dieses Rechtes die Verantwortung für alle Folgen, alle Belastungen persönlicher und finanzieller Art, die sich daraus ergeben, dass er von diesem Recht keinen Gebrauch macht. Dadurch entsteht mit logischer Notwendigkeit ein unzulässiger Druck auf den Kranken oder Alten. Von der Verantwortung ist der Patient nur frei, wenn es für ihn gar keine rechtliche Möglichkeit gibt, seine Tötung durch andere zu erreichen." (Danke an P. Recktenwald für das Dossier, aus dem das Zitat stammt!) Die Erfahrungen, die man in den Niederlanden und anderswo mit der Liberalisierung der Sterbehilfe gemacht hat, sprechen dafür, daß genau das eintrifft.
Und die katholische Kirche? Von ihr habe ich noch nichts zu dem Fall gehört. Gedemütigt durch die Selbstzerfleischung der letzten Wochen, gejagt durch die Mißbrauchskampagne der Mainstream-Medien, wagt hier offenbar niemand mehr, gesellschaftliche Fehlentwicklungen beim Namen zu nennen.
Das heißt nicht, das ich grundsätzlich gegen Sterbehilfe wäre. Auch heute ist sie ja unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Doch der Anspruch, Anfang und Ende des Lebens selbst zu bestimmen, führt den Menschen in ein fatale Falle. Robert Spaemann hat es so auf den Punkt gebracht: „Macht man aus der Selbsttötung ein Recht, dann hat das schlimme Folgen. Dann trifft den Träger dieses Rechtes die Verantwortung für alle Folgen, alle Belastungen persönlicher und finanzieller Art, die sich daraus ergeben, dass er von diesem Recht keinen Gebrauch macht. Dadurch entsteht mit logischer Notwendigkeit ein unzulässiger Druck auf den Kranken oder Alten. Von der Verantwortung ist der Patient nur frei, wenn es für ihn gar keine rechtliche Möglichkeit gibt, seine Tötung durch andere zu erreichen." (Danke an P. Recktenwald für das Dossier, aus dem das Zitat stammt!) Die Erfahrungen, die man in den Niederlanden und anderswo mit der Liberalisierung der Sterbehilfe gemacht hat, sprechen dafür, daß genau das eintrifft.
Und die katholische Kirche? Von ihr habe ich noch nichts zu dem Fall gehört. Gedemütigt durch die Selbstzerfleischung der letzten Wochen, gejagt durch die Mißbrauchskampagne der Mainstream-Medien, wagt hier offenbar niemand mehr, gesellschaftliche Fehlentwicklungen beim Namen zu nennen.
Montag, 14. Juni 2010
Die verlorene Generation
Ich besuche ab und zu katholische Kongresse oder Tagungen, Vorträge oder Einkehrtage. Angebote gibt's genug, doch nie kann ich das Gefühl überwinden, deplaciert zu sein: Denn ich bin oft die einzige Vertreterin meiner Generation. Und wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, finde ich kaum gläubige Katholiken in meinem Alter. Die Jahrgänge zwischen 1970 und 1980 scheinen in Deutschland zu einem großen Teil für die Kirche verloren zu sein. Warum das so ist, kann ich mir leicht erklären, wenn ich über meinen eigenen Glaubensweg nachdenke.
Ich war ein sehr religiöses Kind. Ein kindliches Gespür für das Heilige ließ mich gerne die Heilige Messe besuchen. In Kirchen fühlte ich mich geborgen. Als ich ein paar Jahre älter war, hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Ich war in der katholischen Jugend, und in der Gruppenstunde mußten wir aus alten Nylonstrumpfhosen Tiere basteln. Die sollten auf dem Pfarrfest verkauft werden, der Erlös ging nach Afrika. Kein normal empfindender Jugendlicher gibt sich freiwillig für einen solchen Quatsch her!
Bald fiel mir auf, wie lächerlich die Lieder sind, die in der Kirche gesungen werden. Ich mochte "Großer Gott, wir loben dich". Aber von Liedern wie "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer" - Lieder, die den zeitgeisttrunkenen Religionslehrern gefielen (und unbelehrbaren 68er-Opas wahrscheinlich immer noch gefallen)-, war ich in höchstem Maße peinlich berührt . Kirche verband sich für mich mit einem Gefühl des Uncoolen, des Fremdschämens, des Unauthentischen. Mein Gespür für das Schöne und Wahre, das ich als Jugendliche durchaus hatte, wurde mit Füßen getreten.
Irgendwann blieb ich weg. Von einem Sonntag auf den anderen. Mein Platz in der zweiten Reihe, auf dem ich seit Jahren jeden Sonntag gesessen habe, blieb leer. Niemand hat mich nach den Gründen gefragt oder mich ermuntert zurückzukommen. Auch das war die Kirche in den 80ern: Reisende soll man nicht aufhalten, lautete wohl die Devise.
Ich besuchte noch eine Weile den Religionsunterricht. Gott stand nicht auf dem Lehrplan. Die Themen waren vielmehr: Drogen, Waldsterben, Kalter Krieg, "Der Papst ist an Aids schuld", "Kondome schützen", Nicaragua, "Reagan ist böse", "Wenn Jesus heute leben würde, würde er weder Coca Cola trinken (weil Imperialistenbrause) noch die CDU wählen". Am Rande kam ab und zu die Bibel vor, damit wir lernten, daß nichts, was dort steht, für bare Münze zu nehmen ist. Ich habe mich irgendwann für Ethikunterricht entschieden, habe dadurch aber nichts gewonnen: dieselben Themen und zusätzlich Marx-Lektüre. Meine Lehrer waren eben 68er.
In der Zeit, als ich zur Kirche hätte finden können, fand ich nur von den 68ern inspirierte liturgische Experimente, die selbst die Verirrungen von heute in den Schatten stellen. Mit der Kirche verband ich affige Lieder, Dauerbetroffenheit und alte Leute, die in Straßenkleidung um den Altar tanzen. Ich verstehe auch heute noch gut, wieso ich mich mit 13 schon als Atheistin bezeichnete.
Ich glaube, meine persönliche Erfahrung spiegelt das Erleben einer Generation wider. Die Kirche ist in meiner Generation in Agonie verfallen, um sich in der nächsten wieder zu erneuern. Wer heute jung ist, kann in einer geistlichen Gemeinschaft ein Zuhause zu finden. Damals gab es das noch nicht.
Doch wer holt die 30-40Jährigen zurück? Mein eigener Weg zurück war schwierig, ich näherte mich dem Glauben über den Intellekt an, war dabei lange allein, und noch dazu steckte ich mitten in dem durch und durch glaubensfeindlichen Umfeld der Universität. Ich halte oft Ausschau nach gläubigen Katholiken in meinem Alter. Ich begegne ihnen vor allem in der virtuellen Welt: den Wenigen, die dafür sorgen, daß in einer verlorenen Generation der Glaube nicht erlischt.
Ich war ein sehr religiöses Kind. Ein kindliches Gespür für das Heilige ließ mich gerne die Heilige Messe besuchen. In Kirchen fühlte ich mich geborgen. Als ich ein paar Jahre älter war, hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Ich war in der katholischen Jugend, und in der Gruppenstunde mußten wir aus alten Nylonstrumpfhosen Tiere basteln. Die sollten auf dem Pfarrfest verkauft werden, der Erlös ging nach Afrika. Kein normal empfindender Jugendlicher gibt sich freiwillig für einen solchen Quatsch her!
Bald fiel mir auf, wie lächerlich die Lieder sind, die in der Kirche gesungen werden. Ich mochte "Großer Gott, wir loben dich". Aber von Liedern wie "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer" - Lieder, die den zeitgeisttrunkenen Religionslehrern gefielen (und unbelehrbaren 68er-Opas wahrscheinlich immer noch gefallen)-, war ich in höchstem Maße peinlich berührt . Kirche verband sich für mich mit einem Gefühl des Uncoolen, des Fremdschämens, des Unauthentischen. Mein Gespür für das Schöne und Wahre, das ich als Jugendliche durchaus hatte, wurde mit Füßen getreten.
Irgendwann blieb ich weg. Von einem Sonntag auf den anderen. Mein Platz in der zweiten Reihe, auf dem ich seit Jahren jeden Sonntag gesessen habe, blieb leer. Niemand hat mich nach den Gründen gefragt oder mich ermuntert zurückzukommen. Auch das war die Kirche in den 80ern: Reisende soll man nicht aufhalten, lautete wohl die Devise.
Ich besuchte noch eine Weile den Religionsunterricht. Gott stand nicht auf dem Lehrplan. Die Themen waren vielmehr: Drogen, Waldsterben, Kalter Krieg, "Der Papst ist an Aids schuld", "Kondome schützen", Nicaragua, "Reagan ist böse", "Wenn Jesus heute leben würde, würde er weder Coca Cola trinken (weil Imperialistenbrause) noch die CDU wählen". Am Rande kam ab und zu die Bibel vor, damit wir lernten, daß nichts, was dort steht, für bare Münze zu nehmen ist. Ich habe mich irgendwann für Ethikunterricht entschieden, habe dadurch aber nichts gewonnen: dieselben Themen und zusätzlich Marx-Lektüre. Meine Lehrer waren eben 68er.
In der Zeit, als ich zur Kirche hätte finden können, fand ich nur von den 68ern inspirierte liturgische Experimente, die selbst die Verirrungen von heute in den Schatten stellen. Mit der Kirche verband ich affige Lieder, Dauerbetroffenheit und alte Leute, die in Straßenkleidung um den Altar tanzen. Ich verstehe auch heute noch gut, wieso ich mich mit 13 schon als Atheistin bezeichnete.
Ich glaube, meine persönliche Erfahrung spiegelt das Erleben einer Generation wider. Die Kirche ist in meiner Generation in Agonie verfallen, um sich in der nächsten wieder zu erneuern. Wer heute jung ist, kann in einer geistlichen Gemeinschaft ein Zuhause zu finden. Damals gab es das noch nicht.
Doch wer holt die 30-40Jährigen zurück? Mein eigener Weg zurück war schwierig, ich näherte mich dem Glauben über den Intellekt an, war dabei lange allein, und noch dazu steckte ich mitten in dem durch und durch glaubensfeindlichen Umfeld der Universität. Ich halte oft Ausschau nach gläubigen Katholiken in meinem Alter. Ich begegne ihnen vor allem in der virtuellen Welt: den Wenigen, die dafür sorgen, daß in einer verlorenen Generation der Glaube nicht erlischt.
REICHSPARTEITAG!
Noch ein Grund, warum ich mich in der BRD überhaupt nicht wohl fühle. Ich will ein bißchen Nachrichten lesen und schon springen mich die täglichen Schlagzeilen der Empörungsindustrie an. Diese sind meist so geartet, daß ich mich fragen muß, in was für einem Film ich gelandet bin. Wer führt die Regie? Monty Python oder Bully Herbig? Nun hat also eine Reporterin ein böses Wort gesagt. "Seinen inneren Reichsparteitag haben" ist zwar eine recht alltägliche Redewendung und nicht ungebräuchlich, aber egal. Eine gute Kenntnis der deutschen Sprache ist für Journaillisten ja durchaus entbehrlich, viel wichtiger ist eine genaue Kenntnis der Zensurvorgaben der politischen Korrektheit. Also: Steinigt sie!
Samstag, 12. Juni 2010
In der Ramschecke
Der neue Bücherkatalog der „borro medien gmbh“, hinter der sich trendig-zeitgeistig der Borromäusverein verbirgt, ist da. Neugierig, was diese Dachorganisation katholischer öffentlicher Büchereien den Lesern empfiehlt, blättere ich in dem Heft – und fühle mich in die Ramschecke von „Buch Habel“ oder „Hugendubel“ versetzt. Titel wie „Die Liebeslotterie“, „Der Heiler der Pferde“, „Schneller als der Tod“ oder „Leichenraub“ zählen zu der „sorgfältigen Auswahl aus vielen Neuerscheinungen“. Der Geschmack der Borro-Medien-Macher scheint irgendwo zwischen Dan Brown und Rosamunde Pilcher angesiedelt zu sein. Eine besondere Vorliebe beweisen sie für Profi-Gutmensch und Waffenschmuggler Henning Mankell – denn seinen politkorrekten Krimis widmen sie gleich eine ganze Seite.
Auch eine Zierde für jedes katholische Bücherregal: wohlfundierte historische Romane wie „Die Rebellin des Papstes“ oder „Der Eid der Kreuzritterin“. In letzterem Werk geht es überraschenderweise um eine „Verschwörung, die im Vatikan ihren Ursprung zu haben scheint“. Mysteriös, mysteriös – zumal die Päpste zur Zeit der Kreuzzüge noch gar nicht im Vatikan residierten. Während ich noch überlege, was ich mir unter einer Kreuzritterin vorstellen soll, strahlt mich bereits Alt-Bischöfin Käßmann „In der Mitte des Lebens“ vom Cover ihres neuen Buches an. Und dann, ab S. 68, gibt es tatsächlich noch eine Rubrik „Welt des Glaubens“. Sie besteht hauptsächlich aus dem Jakobsweg und Anselm Grün. Bücher von Paul Badde, Peter Seewald, über oder gar von Papst Benedikt sucht man dagegen vergebens – dort könnte man ja tatsächlich der Welt des Glaubens begegnen. In einer katholischen öffentlichen Bücherei wäre das allerdings eine Sensation.
Auch eine Zierde für jedes katholische Bücherregal: wohlfundierte historische Romane wie „Die Rebellin des Papstes“ oder „Der Eid der Kreuzritterin“. In letzterem Werk geht es überraschenderweise um eine „Verschwörung, die im Vatikan ihren Ursprung zu haben scheint“. Mysteriös, mysteriös – zumal die Päpste zur Zeit der Kreuzzüge noch gar nicht im Vatikan residierten. Während ich noch überlege, was ich mir unter einer Kreuzritterin vorstellen soll, strahlt mich bereits Alt-Bischöfin Käßmann „In der Mitte des Lebens“ vom Cover ihres neuen Buches an. Und dann, ab S. 68, gibt es tatsächlich noch eine Rubrik „Welt des Glaubens“. Sie besteht hauptsächlich aus dem Jakobsweg und Anselm Grün. Bücher von Paul Badde, Peter Seewald, über oder gar von Papst Benedikt sucht man dagegen vergebens – dort könnte man ja tatsächlich der Welt des Glaubens begegnen. In einer katholischen öffentlichen Bücherei wäre das allerdings eine Sensation.
Montag, 7. Juni 2010
Kruzifix-Verzicht auch ohne Verbot
Jacopone war am Samstag in einem Vortrag in einem katholischen Bildungshaus. Wer weiß, vielleicht berichtet er ja noch darüber (herüberwink). Am Ende des Vortrags sollte ein Gebet gesprochen werden, und da stellte man fest: Im ganzen Vortragssaal war kein Kreuz an der Wand. In einem katholischen Bildungshaus!
Die Lage sieht also so aus: Verbietet man den Italienern die Kreuze, stellen sie alle 5 m eins auf. Im EU-Musterland BRD müssen Kreuze noch nicht einmal verboten werden. Zwar wird noch über Kruzifix-Verbote in Gerichtssälen diskutiert, doch die deutsche katholische Kirche zeigt, wie's geht. Man will ja immer progressiv sein, vorwärts immer, rückwärts nimmer, und dem Zeitgeist treu: Wenn man da einmal Vorbildfunktion für den Mainstream haben kann, schafft man sich auch gerne selbst ab. Bin gerade mal wieder so richtig stolz auf mein Heimatland!
Aber wenigstens werden heute in Deutschland keine Kirchen mehr gebaut. Die würden am Ende von innen aussehen wie das Wartezimmer in der Stadtverwaltung. Oder wie ein Klassenzimmer, aber halt: Da hängt ja unter Umständen noch ein Kreuz.
Die Lage sieht also so aus: Verbietet man den Italienern die Kreuze, stellen sie alle 5 m eins auf. Im EU-Musterland BRD müssen Kreuze noch nicht einmal verboten werden. Zwar wird noch über Kruzifix-Verbote in Gerichtssälen diskutiert, doch die deutsche katholische Kirche zeigt, wie's geht. Man will ja immer progressiv sein, vorwärts immer, rückwärts nimmer, und dem Zeitgeist treu: Wenn man da einmal Vorbildfunktion für den Mainstream haben kann, schafft man sich auch gerne selbst ab. Bin gerade mal wieder so richtig stolz auf mein Heimatland!
Aber wenigstens werden heute in Deutschland keine Kirchen mehr gebaut. Die würden am Ende von innen aussehen wie das Wartezimmer in der Stadtverwaltung. Oder wie ein Klassenzimmer, aber halt: Da hängt ja unter Umständen noch ein Kreuz.
Donnerstag, 15. April 2010
Debattenstil
"Du willst doch nicht etwa den Papst verteidigen!" schallte es einem Mitglied einer Journaillistenmailingliste einmütig entgegen. Soweit hatte der Geächtete freilich gar nicht gehen wollen: Er hatte lediglich einen etwas differenzierteren Umgang mit Begriffen angemahnt.
In diesem kleinen Vorgang zeigt sich, warum es mit der Diskussionsfähigkeit, wie sie sich in den Medien präsentiert, bergab geht. Es geht nicht mehr darum, was jemand sagt, sondern auf wessen Seite er steht. Jede Bewegung hin zum Gegner wird sofort sanktioniert. Es geht nicht um Wahrheitsfindung, sondern um Konsens und Gruppenzugehörigkeit. Ist die eigene Postion gefährdet, bedient man sich nur eines einzigen Argumentes: des Argumentum ad hominem. Unlautere Mittel, wie Lüge, sind ebenfalls erlaubt, wenn es gilt, die Mehrheitsmeinung zu verteidigen.
Wer nicht auf der richtigen Seite steht oder nur den Anschein erweckt, sich nicht zu der von der Mehrheit als richtig erkannten Position zu bekennen, wird mit den üblichen Bannformeln belegt: religiös, reaktionär, rechts etc. und mit Gesprächsverweigerung bestraft. Freilich ist jeder Dummkopf dazu fähig, andere auf diese Weise auszugrenzen, und das macht dieses Verfahren für die Journaille so reizvoll.
Alles eine Folge des Relativismus? Wo es keine Wahrheit gibt, wird sie um so verbissener verteidigt? Vielleicht. Solange ein solcher Argumentationsstil herrscht, sind intelligentere Debatten in unseren Medien wohl nicht zu erwarten.
In diesem kleinen Vorgang zeigt sich, warum es mit der Diskussionsfähigkeit, wie sie sich in den Medien präsentiert, bergab geht. Es geht nicht mehr darum, was jemand sagt, sondern auf wessen Seite er steht. Jede Bewegung hin zum Gegner wird sofort sanktioniert. Es geht nicht um Wahrheitsfindung, sondern um Konsens und Gruppenzugehörigkeit. Ist die eigene Postion gefährdet, bedient man sich nur eines einzigen Argumentes: des Argumentum ad hominem. Unlautere Mittel, wie Lüge, sind ebenfalls erlaubt, wenn es gilt, die Mehrheitsmeinung zu verteidigen.
Wer nicht auf der richtigen Seite steht oder nur den Anschein erweckt, sich nicht zu der von der Mehrheit als richtig erkannten Position zu bekennen, wird mit den üblichen Bannformeln belegt: religiös, reaktionär, rechts etc. und mit Gesprächsverweigerung bestraft. Freilich ist jeder Dummkopf dazu fähig, andere auf diese Weise auszugrenzen, und das macht dieses Verfahren für die Journaille so reizvoll.
Alles eine Folge des Relativismus? Wo es keine Wahrheit gibt, wird sie um so verbissener verteidigt? Vielleicht. Solange ein solcher Argumentationsstil herrscht, sind intelligentere Debatten in unseren Medien wohl nicht zu erwarten.
Dienstag, 13. April 2010
Die Stunde des Thomas Morus
Ein englischer Anwalt will den Papst verhaften lassen. Das erinnert daran, dass im Vereinigten Königreich die Katholiken für Jahrhunderte ihrer Bürgerrechte beraubt wurden, nachdem König Heinrich VIII. sich selbst an Stelle des Papstes als Kirchenoberhaupt eingesetzt hatte. Aus gegebenem Anlass daher die Buchempfehlung „Die Stunde des Thomas Morus – Einer gegen die Macht“ von Peter Berglar.
Zur Begründung ein Auszug aus dem Vorwort: „Die Geschichte Thomas Mores, allein schon als historisch-biographischer Stoff, ist fesselnd und erzählenswert. Aber darüber hinaus ist sie geeignet, uns persönlich zu treffen; sie ist im besten Sinne „aktuell“ ... Der Sache nach ging es um die Scheidung und Wiederverheiratung des Königs und, damit verknüpft, um die Trennung der englischen Kirche von Rom ... Aber es ging noch um anderes: um den Anspruch der staatlichen Macht nicht bloß auf faktischen Gehorsam, sondern auf aktive Zustimmung. Erstmals sollte es nicht nur genügen, obrigkeitliche Entscheidungen einfach hinzunehmen, sondern gefordert war, sie ausdrücklich gutzuheißen. Nicht Rebellion wurde verfolgt, sondern bloße Gesinnung“.
Und weiter: „Noch ist in der westlichen Welt unser Freiraum unvergleichlich größer als der Mores. Wir sind nicht auf das bloße Nicht-Zustimmen zu Unrecht oder, allgemein, zu dem, was unseren Überzeugungen entgegenläuft, angewiesen, sondern wir können unsere Standpunkte aktiv vertreten und brauchen – noch – keinen Konsens zu heucheln, der nicht vorhanden ist. Wir wissen aber, daß das nicht überall auf der Welt so ist. Und auch um uns, in den freien und offenen Gesellschaften, wächst die Tendenz zur Uniformität der artikulierten Meinungen: möge jeder „glauben“, was er will – sagen soll er, was gefällt. Die Zwänge, welche die Konformität der Äußerungen und der sichtbaren Verhaltensweisen ohne Rücksicht auf innere Überzeugungen und persönliche Wahrhaftigkeit herbeiführen sollen, nehmen ohne Zweifel weltweit zu und sie sind keineswegs nur physisch-machtmäßiger Art. Damit aber gewinnt die „Stunde des Thomas Morus“ für uns den Rang von Beispiel und Programm.“
Geschrieben 1978 – und aktueller denn je.
Zur Begründung ein Auszug aus dem Vorwort: „Die Geschichte Thomas Mores, allein schon als historisch-biographischer Stoff, ist fesselnd und erzählenswert. Aber darüber hinaus ist sie geeignet, uns persönlich zu treffen; sie ist im besten Sinne „aktuell“ ... Der Sache nach ging es um die Scheidung und Wiederverheiratung des Königs und, damit verknüpft, um die Trennung der englischen Kirche von Rom ... Aber es ging noch um anderes: um den Anspruch der staatlichen Macht nicht bloß auf faktischen Gehorsam, sondern auf aktive Zustimmung. Erstmals sollte es nicht nur genügen, obrigkeitliche Entscheidungen einfach hinzunehmen, sondern gefordert war, sie ausdrücklich gutzuheißen. Nicht Rebellion wurde verfolgt, sondern bloße Gesinnung“.
Und weiter: „Noch ist in der westlichen Welt unser Freiraum unvergleichlich größer als der Mores. Wir sind nicht auf das bloße Nicht-Zustimmen zu Unrecht oder, allgemein, zu dem, was unseren Überzeugungen entgegenläuft, angewiesen, sondern wir können unsere Standpunkte aktiv vertreten und brauchen – noch – keinen Konsens zu heucheln, der nicht vorhanden ist. Wir wissen aber, daß das nicht überall auf der Welt so ist. Und auch um uns, in den freien und offenen Gesellschaften, wächst die Tendenz zur Uniformität der artikulierten Meinungen: möge jeder „glauben“, was er will – sagen soll er, was gefällt. Die Zwänge, welche die Konformität der Äußerungen und der sichtbaren Verhaltensweisen ohne Rücksicht auf innere Überzeugungen und persönliche Wahrhaftigkeit herbeiführen sollen, nehmen ohne Zweifel weltweit zu und sie sind keineswegs nur physisch-machtmäßiger Art. Damit aber gewinnt die „Stunde des Thomas Morus“ für uns den Rang von Beispiel und Programm.“
Geschrieben 1978 – und aktueller denn je.
Mittwoch, 18. November 2009
Atwood
Margaret Atwood wird heute 70, und ich nehme an, daß das vom Feuilleton entsprechend gewürdigt wird. Die Schriftstellerin, Feministin und Umweltaktivistin hat ja immer viel Lob bekommen. „Der Report der Magd“ ("The Handmaid's Tale", 1985, dt. 1987) war ihr großer Wurf, sie stieg beinahe über Nacht zur Starautorin auf und wurde zu einer Ikone der Feministinnen, einschließlich meiner Deutschlehrerin. Wir lasen das Buch Anfang der 90er im Deutschunterricht. Schullektüren verblassen in der Erinnerung oft schnell, und so blieben mir nur wenige Szenen im Gedächtnis, junge Frauen in einem Gemeinschaftsschlafsaal, sadistische Aufseherinnen und die merkwürdigen Hauben, die die Frauen in Atwoods Amerika der Zukunft, der Republik mit dem biblischen Namen Gilead, tragen mußten. Besonders beeindruckt hat mich das Ganze nicht.
Auch nicht nach der zweiten Lektüre, vor einigen Monaten: Das Buch kam mir langatmig und larmoyant vor. „Der Report der Magd“ wird oft zu den großen negativen Utopien des 20. Jahrhunderts gezählt, wie George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“. Zu Unrecht, finde ich. Orwells und Huxleys Entwürfe wirken beklemmend. Die beiden Schriftsteller griffen Tendenzen ihrer Gegenwart auf, dachten sie weiter und formten daraus eine Zukunft, die plausibel erschien „Der Report der Magd“ wirkt im Vergleich dazu eher paranoid, als wäre der Roman dem Albtraum jener Feministinnen entsprungen, die seit langen Jahren vor einem antifeministischen Backlash warnen.
Worum es in dem Buch geht: Eine fundamentalistische Sekte hat sich in Amerika an die Macht geputscht und eine Terrorherrschaft errichtet. Frauen werden brutal unterdrückt. Ich-Erzählerin Desfred hat alles verloren: Mann und Tochter, Beruf und Besitz . Sie dient dem Kommandanten Fred als Zwangskonkubine, ihre Aufgabe ist es, für ihn und seine Ehefrau Kinder auszutragen. Nur noch wenige Frauen sind fruchtbar, weite Landstriche als Folge atomarer Verseuchung unbewohnbar, die Strände voller Giftmüll.
Damit das Schreckensbild von Amerikas Zukunft möglichst viel Eindruck macht, wird ihm in ausufernden Rückblenden das rundum glückliche Leben der Heldin in der Vergangenheit gegenüber gestellt. Dieses Erzählverfahren wirkt nicht nur holzschnittartig, sondern wirft auch zwingend die Frage auf, wie es dazu eigentlich kommen konnte: Daß sich innerhalb weniger Monate eine Gesellschaft, die unserer nicht unähnlich ist, in eine streng abgeschirmte Theokratie verwandelte. Atwood versucht es mit einer Verschwörungstheorie. Die „Söhne Jakobs“, eine bisher weitgehend im Verborgenen agierende Sekte, erschießen alle Mitglieder des Kongresses und unterjochen die Bevölkerung mit Hilfe ihrer eigenen Armee. Den Weg in die Diktatur beschreibt die Autorin nur flüchtig.
Trotz dieser erzählerischen Schwächen machte das Buch die Autorin über Nacht berühmt, es eroberte schnell die Bestsellerlisten. Es traf wohl den Nerv der Zeit. Der Spiegel nahm den Roman mit Begeisterung auf, beschrieb Atwood doch mit Blick auf Chomeinis Iran die drohende „Machtergreifung christlicher Eiferer in den USA“, die „der permissiven Amüsiergesellschaft vom Ende des 20. Jahrhunderts den Garaus machen“ wollen. Die amerikanische Kritik urteilte ebenfalls überwiegend wohlwollend, wenn auch ausgewogener (z.B. Mary McCarthy in The New York Times Review of Books). Denn aus der Nähe betrachtet erschienen Atwoods Warnungen vor einem von Christen geplanten Putsch weitaus weniger plausibel, als es das ferne Europa voller Angstlust herbeiträumte.
Das Buch war erfolgreich, weil es der Autorin gelungen ist, viele der in den 80er-Jahren verbreiteten Ängste zu verschmelzen und in Romanform zubringen: Angst vor Krieg, Terror, einem atomaren Inferno, einer ökologischen Katastrophe und natürlich die Angst der atheistischen Linken vor einem Wiedererstarken der Religion, vor dem mit albtraumhaften Bildern gewarnt wird. So artikuliert sich in dem Roman auch die alte Sorge, daß das Verdrängte zurückschlagen könnte. Daß es unter der schönen Fassade des linksliberalen juste milieu, der Frauenbuchläden-Wunderwelt gären könnte und die Lebensentwürfe der progressiven Linken, die von Politik und Medien propagiert werden, irgendwann einfach hinweggefegt werden. Atwood hat Erfolg, weil sie diese Ängste in Geschichten kleidet. Sie schürt Panik und konstruiert eine gigantische Drohkulisse. So besteht die Religion von Gilead, wie Atwood sie beschreibt, aus entleerten Ritualen ohne Heilsversprechen, aus Zwang und Grausamkeit ohne Nächstenliebe. Religion, so wird suggeriert, führe zu Unfreiheit. Und auf diese Weise schreibt Atwood weiter an dem immer wieder beschworenen Mythos von den religiösen Dunkelmännern - ein Verfahren, das oft angewandt wird, um die Anliegen religiöser Menschen zu diskreditieren. Als Warnung vor Religion wurde ihr Buch leider oft genug rezipiert. Aber immerhin: Die Vorstellung, daß es in Gilead eine baptistische Guerilla gibt, ist ja doch recht charmant.
Wie dem auch sei: Der Siegeszug des Buchs war nicht aufzuhalten, und Margaret Atwood gilt heute als die bedeutendste Autorin Kanadas. Ihre Romane, Erzählungen und Gedichte gehören an amerikanischen Universitäten zur Pflichtlektüre in "Women's Studies". 2003 begeisterte sie die Kritiker mit einem Roman über den Klimawandel. In „Oryx und Crake“ (2003) erzählt sie den Weltuntergang aus der Perspektive des einzigen Überlebenden. Die Menschheit wurde von einem Killervirus dahingerafft, und Atwoods Held muß auf einem Baum sitzen, weil er von genetisch veränderten Schweinen gejagt wird. Nebenbei warnt die Autorin vor Entstaatlichung, dem freien Markt und dem technischen Fortschritt – eine Mixtur mit Erfolgsgarantie. Ihr Gespür für den Zeitgeist und für Themen, die die Kasse klingeln lassen, hat sie also auch im reiferen Alter nicht verloren. Man wird wohl noch von ihr hören.
Auch nicht nach der zweiten Lektüre, vor einigen Monaten: Das Buch kam mir langatmig und larmoyant vor. „Der Report der Magd“ wird oft zu den großen negativen Utopien des 20. Jahrhunderts gezählt, wie George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“. Zu Unrecht, finde ich. Orwells und Huxleys Entwürfe wirken beklemmend. Die beiden Schriftsteller griffen Tendenzen ihrer Gegenwart auf, dachten sie weiter und formten daraus eine Zukunft, die plausibel erschien „Der Report der Magd“ wirkt im Vergleich dazu eher paranoid, als wäre der Roman dem Albtraum jener Feministinnen entsprungen, die seit langen Jahren vor einem antifeministischen Backlash warnen.
Worum es in dem Buch geht: Eine fundamentalistische Sekte hat sich in Amerika an die Macht geputscht und eine Terrorherrschaft errichtet. Frauen werden brutal unterdrückt. Ich-Erzählerin Desfred hat alles verloren: Mann und Tochter, Beruf und Besitz . Sie dient dem Kommandanten Fred als Zwangskonkubine, ihre Aufgabe ist es, für ihn und seine Ehefrau Kinder auszutragen. Nur noch wenige Frauen sind fruchtbar, weite Landstriche als Folge atomarer Verseuchung unbewohnbar, die Strände voller Giftmüll.
Damit das Schreckensbild von Amerikas Zukunft möglichst viel Eindruck macht, wird ihm in ausufernden Rückblenden das rundum glückliche Leben der Heldin in der Vergangenheit gegenüber gestellt. Dieses Erzählverfahren wirkt nicht nur holzschnittartig, sondern wirft auch zwingend die Frage auf, wie es dazu eigentlich kommen konnte: Daß sich innerhalb weniger Monate eine Gesellschaft, die unserer nicht unähnlich ist, in eine streng abgeschirmte Theokratie verwandelte. Atwood versucht es mit einer Verschwörungstheorie. Die „Söhne Jakobs“, eine bisher weitgehend im Verborgenen agierende Sekte, erschießen alle Mitglieder des Kongresses und unterjochen die Bevölkerung mit Hilfe ihrer eigenen Armee. Den Weg in die Diktatur beschreibt die Autorin nur flüchtig.
Trotz dieser erzählerischen Schwächen machte das Buch die Autorin über Nacht berühmt, es eroberte schnell die Bestsellerlisten. Es traf wohl den Nerv der Zeit. Der Spiegel nahm den Roman mit Begeisterung auf, beschrieb Atwood doch mit Blick auf Chomeinis Iran die drohende „Machtergreifung christlicher Eiferer in den USA“, die „der permissiven Amüsiergesellschaft vom Ende des 20. Jahrhunderts den Garaus machen“ wollen. Die amerikanische Kritik urteilte ebenfalls überwiegend wohlwollend, wenn auch ausgewogener (z.B. Mary McCarthy in The New York Times Review of Books). Denn aus der Nähe betrachtet erschienen Atwoods Warnungen vor einem von Christen geplanten Putsch weitaus weniger plausibel, als es das ferne Europa voller Angstlust herbeiträumte.
Das Buch war erfolgreich, weil es der Autorin gelungen ist, viele der in den 80er-Jahren verbreiteten Ängste zu verschmelzen und in Romanform zubringen: Angst vor Krieg, Terror, einem atomaren Inferno, einer ökologischen Katastrophe und natürlich die Angst der atheistischen Linken vor einem Wiedererstarken der Religion, vor dem mit albtraumhaften Bildern gewarnt wird. So artikuliert sich in dem Roman auch die alte Sorge, daß das Verdrängte zurückschlagen könnte. Daß es unter der schönen Fassade des linksliberalen juste milieu, der Frauenbuchläden-Wunderwelt gären könnte und die Lebensentwürfe der progressiven Linken, die von Politik und Medien propagiert werden, irgendwann einfach hinweggefegt werden. Atwood hat Erfolg, weil sie diese Ängste in Geschichten kleidet. Sie schürt Panik und konstruiert eine gigantische Drohkulisse. So besteht die Religion von Gilead, wie Atwood sie beschreibt, aus entleerten Ritualen ohne Heilsversprechen, aus Zwang und Grausamkeit ohne Nächstenliebe. Religion, so wird suggeriert, führe zu Unfreiheit. Und auf diese Weise schreibt Atwood weiter an dem immer wieder beschworenen Mythos von den religiösen Dunkelmännern - ein Verfahren, das oft angewandt wird, um die Anliegen religiöser Menschen zu diskreditieren. Als Warnung vor Religion wurde ihr Buch leider oft genug rezipiert. Aber immerhin: Die Vorstellung, daß es in Gilead eine baptistische Guerilla gibt, ist ja doch recht charmant.
Wie dem auch sei: Der Siegeszug des Buchs war nicht aufzuhalten, und Margaret Atwood gilt heute als die bedeutendste Autorin Kanadas. Ihre Romane, Erzählungen und Gedichte gehören an amerikanischen Universitäten zur Pflichtlektüre in "Women's Studies". 2003 begeisterte sie die Kritiker mit einem Roman über den Klimawandel. In „Oryx und Crake“ (2003) erzählt sie den Weltuntergang aus der Perspektive des einzigen Überlebenden. Die Menschheit wurde von einem Killervirus dahingerafft, und Atwoods Held muß auf einem Baum sitzen, weil er von genetisch veränderten Schweinen gejagt wird. Nebenbei warnt die Autorin vor Entstaatlichung, dem freien Markt und dem technischen Fortschritt – eine Mixtur mit Erfolgsgarantie. Ihr Gespür für den Zeitgeist und für Themen, die die Kasse klingeln lassen, hat sie also auch im reiferen Alter nicht verloren. Man wird wohl noch von ihr hören.
Freitag, 11. September 2009
Knien und Stehen
Vor kurzem wurde ich in eine Diskussion über das Knien verwickelt. Während die einen das Knien ablehnten, weil es „ja nur auf die innere Haltung“ ankäme, beharrten die anderen mit einer gewissen Erbitterung darauf, daß „mündige Christinnen und Christen“ solche „anachronistischen Unterwerfungsgesten“ nicht nötig hätten und sich doch besser als „gleichberechtigte TeilnehmerInnen“ im „gesamtgesellschaftlichen Diskurs“ „einbringen“ sollten. Und zwar im Stehen. Und so weiter. Natürlich ging es wieder nur um „Machtverhältnisse“, die „ungerecht“ sind und geändert werden müssen, und zwar zugunsten dessen, der sie kritisiert.
Das übliche Gequassel also und die übliche Vermischung von Glauben und Politik. Doch dann nahm das Gespräch eine unerwartete Wendung – man kann auch sagen: glitt es vollkommen ins Närrische ab. Denn nachdem irgendjemand darauf hingewiesen hatte, daß der Kniefall in der Messe ein Überbleibsel des spätantiken Hofzeremoniells sei, empörte man sich kollektiv darüber, daß die Kirche ja ohnehin ziemlich viel aus dem Sprachgebrauch der Monarchie übernommen habe und sich dadurch selbst entlarve: Denn darin artikulierten sich, so meinte man, überkommene und heute vollkommen untragbare Vorstellungen von Herrschaft! Es sei ja schon symptomatisch, daß Christus immer als König, aber nie als Präsident bezeichnet wird. (Doch, das war ernst gemeint!) Einer der Schlaumeier fand schließlich eine Lösung: Dann müsse man die Texte halt alle demokratisch umschreiben.
Gerade weil das alles so absurd klingt, ist es entlarvend. Es führt direkt zum Kern des Problems: Wer nicht anerkennen will, daß Christus sein König ist, möchte logischerweise auch nicht vor ihm niederknien. Richtig, K-Ö-N-I-G! Nicht Präsident oder Kanzler, nicht nach ein paar Jahren abwählbar und auch nicht durch Stimmenmehrheit ins Amt gekommen. Er hat uns erwählt, nicht wir ihn. Da gibt es nichts zu relativieren. Und ein wirklich mündiger Christ sollte wissen, wo seine Grenzen sind. Er sollte wissen, daß er sich seinen Erlöser nicht selbst gewählt hat und sich nicht selbst retten kann. Und daß er vor seinem Retter, Herrn, Richter, Erlöser und Geliebten niederknien darf. Ihn verehren und sich hingeben darf. Und sich keine Gedanken machen muß, daß ihm dabei ein Zacken aus der Krone bricht. Denn der König hat sich hinabgebeugt, sich klein gemacht, um uns zu retten. Sich erniedrigt, um uns zu sich hinaufzuziehen. Ich will mich gerne vor dieser Liebe klein machen, die mich so groß gemacht hat. Das ist ein Ausdruck von Freiheit, nicht von Unterwerfung. Und das Niederknien ist ja durchaus biblisch bezeugt. Der geheilte Blinde war nur einer von vielen, die sich vor Ihm niederwarfen, als sie in Ihm den Menschensohn erkannten. Wer könnte in einem solchen Moment der Überwältigung schon stehenbleiben?
Noch eine kleine Geschichte: Vor einiger Zeit war ich in einer Anbetungsstunde in einer Art „Meditationsraum“, mit Teppich und Stuhlkreis. Als Altar diente ein ziemlich niedriger Tisch, nicht höher als ein Couchtisch. Die (schmucklose Holz-) Monstranz stand auf diesem Tisch in der Mitte. Die meisten lümmelten bequem auf ihren Stühlen drumherum und blickten auf IHN herab. Die Atmosphäre in dem Raum war nicht sehr andächtig: keine Stille, keine Sammlung, Flüstern, Stuhlgerücke und Geraschel. Deutlich zeigte sich: Die äußere Haltung ist eben nicht egal. Denn sie spiegelt die innere Haltung nicht nur wieder, sondern formt sie auch. Und wer vor dem Herrn sitzenbleibt, erweist ihm letztlich weniger Respekt als einem demokratisch gewählten Präsidenten oder selbst der Kanzlerin: Vor denen würde man nämlich stehen.
P.S.: Natürlich ist auch das Stehen eine Gebetshaltung. Und ich weiß auch, daß die frühen Christen bei der Feier der Liturgie standen. Doch wer nimmt das Stehen heute schon noch als Ausdruck von Ehrfurcht und Andacht wahr? Ist es nicht eher, und das im besten Falle, Zeichen des Respekts und der Höflichkeit? Zweifellos wirkt das Stehen heute weniger ehrfürchtig als das Knien. Und gerade das demonstrative Stehenbleiben bei der Wandlung kann, im schlimmsten Fall, etwas ganz Anderes signalisieren als Ehrfurcht: nämlich Distanz, bewußtes Abstandnehmen. Es kann sich darin ausdrücken, daß der Glaube an die Gegenwart Christi in der Eucharistie verschwunden ist.
Das übliche Gequassel also und die übliche Vermischung von Glauben und Politik. Doch dann nahm das Gespräch eine unerwartete Wendung – man kann auch sagen: glitt es vollkommen ins Närrische ab. Denn nachdem irgendjemand darauf hingewiesen hatte, daß der Kniefall in der Messe ein Überbleibsel des spätantiken Hofzeremoniells sei, empörte man sich kollektiv darüber, daß die Kirche ja ohnehin ziemlich viel aus dem Sprachgebrauch der Monarchie übernommen habe und sich dadurch selbst entlarve: Denn darin artikulierten sich, so meinte man, überkommene und heute vollkommen untragbare Vorstellungen von Herrschaft! Es sei ja schon symptomatisch, daß Christus immer als König, aber nie als Präsident bezeichnet wird. (Doch, das war ernst gemeint!) Einer der Schlaumeier fand schließlich eine Lösung: Dann müsse man die Texte halt alle demokratisch umschreiben.
Gerade weil das alles so absurd klingt, ist es entlarvend. Es führt direkt zum Kern des Problems: Wer nicht anerkennen will, daß Christus sein König ist, möchte logischerweise auch nicht vor ihm niederknien. Richtig, K-Ö-N-I-G! Nicht Präsident oder Kanzler, nicht nach ein paar Jahren abwählbar und auch nicht durch Stimmenmehrheit ins Amt gekommen. Er hat uns erwählt, nicht wir ihn. Da gibt es nichts zu relativieren. Und ein wirklich mündiger Christ sollte wissen, wo seine Grenzen sind. Er sollte wissen, daß er sich seinen Erlöser nicht selbst gewählt hat und sich nicht selbst retten kann. Und daß er vor seinem Retter, Herrn, Richter, Erlöser und Geliebten niederknien darf. Ihn verehren und sich hingeben darf. Und sich keine Gedanken machen muß, daß ihm dabei ein Zacken aus der Krone bricht. Denn der König hat sich hinabgebeugt, sich klein gemacht, um uns zu retten. Sich erniedrigt, um uns zu sich hinaufzuziehen. Ich will mich gerne vor dieser Liebe klein machen, die mich so groß gemacht hat. Das ist ein Ausdruck von Freiheit, nicht von Unterwerfung. Und das Niederknien ist ja durchaus biblisch bezeugt. Der geheilte Blinde war nur einer von vielen, die sich vor Ihm niederwarfen, als sie in Ihm den Menschensohn erkannten. Wer könnte in einem solchen Moment der Überwältigung schon stehenbleiben?
Noch eine kleine Geschichte: Vor einiger Zeit war ich in einer Anbetungsstunde in einer Art „Meditationsraum“, mit Teppich und Stuhlkreis. Als Altar diente ein ziemlich niedriger Tisch, nicht höher als ein Couchtisch. Die (schmucklose Holz-) Monstranz stand auf diesem Tisch in der Mitte. Die meisten lümmelten bequem auf ihren Stühlen drumherum und blickten auf IHN herab. Die Atmosphäre in dem Raum war nicht sehr andächtig: keine Stille, keine Sammlung, Flüstern, Stuhlgerücke und Geraschel. Deutlich zeigte sich: Die äußere Haltung ist eben nicht egal. Denn sie spiegelt die innere Haltung nicht nur wieder, sondern formt sie auch. Und wer vor dem Herrn sitzenbleibt, erweist ihm letztlich weniger Respekt als einem demokratisch gewählten Präsidenten oder selbst der Kanzlerin: Vor denen würde man nämlich stehen.
P.S.: Natürlich ist auch das Stehen eine Gebetshaltung. Und ich weiß auch, daß die frühen Christen bei der Feier der Liturgie standen. Doch wer nimmt das Stehen heute schon noch als Ausdruck von Ehrfurcht und Andacht wahr? Ist es nicht eher, und das im besten Falle, Zeichen des Respekts und der Höflichkeit? Zweifellos wirkt das Stehen heute weniger ehrfürchtig als das Knien. Und gerade das demonstrative Stehenbleiben bei der Wandlung kann, im schlimmsten Fall, etwas ganz Anderes signalisieren als Ehrfurcht: nämlich Distanz, bewußtes Abstandnehmen. Es kann sich darin ausdrücken, daß der Glaube an die Gegenwart Christi in der Eucharistie verschwunden ist.
Montag, 17. August 2009
Goldene Zukunft?
Ob C.S. Lewis hierbei nicht vielleicht an seine Kollegen an der Universität gedacht hat?
Teufel zum Unterteufel:
"Aber der größte Triumph in diesem ganzen Unternehmen ist die Erhebung dieses Schreckens vor "immer denselben alten Dingen" zu einer Philosophie, so daß intellektueller Unsinn die Verderbnis des Willens noch verstärkt. Hier nun erweist sich der allgemein verbreitete evolutionistische oder historische Charakter des modernen europäischen Denkens (zum großen Teil unser Werk) als überaus nützlich. Der Feind [also: Gott] liebt Plattheiten. Er verlangt Menschen, die, soweit ich das zu erkennen vermag, an ein Vorhaben sehr einfache Fragen stellen wie: Ist es gerecht? Ist es klug? Ist es möglich? - Gelingt es uns nun, die Menschen statt dessen fragen zu lassen: Ist es in Übereinstimmung mit dem allgemeinen Zug unserer Zeit? Ist es fortschrittlich oder reaktionär? Bewegt sich die Geschichte in dieser Richtung? - dann werden sie die eigentlichen Fragen vernachlässigen, und die Fragen, die sie stellen, sind natürlich unbeantwortbar, denn sie kennen ja die Zukunft nicht. [...] Es gab eine Zeit, da wußten sie, daß gewisse Änderungen zum Besseren, andere zum Schlimmeren führen und wieder andere gleichgültig sind. Wir haben ihnen dieses Wissen zum guten Teil geraubt. An die Stelle des beschreibenden Eigenschaftswortes "unverändert" haben wir das gefühlsmäßige Adjektiv "stagnierend" gesetzt. Wir lehrten sie, die Zukunft als ein verheißenes Land anzusehen, das nur begünstigte Helden erreichen, niemals aber als etwas, das jeder, möge er sein oder tun, was er wolle, mit der Geschwindigkeit von sechzig Minuten in der Stunde erreicht."
(C.S. Lewis: Dienstanweisung für einen Unterteufel, Freiburg i. Br.: Herder 1992, S. 110f.)
Mich zumindest erinnert das an jene germanistischen Studien, denen ich die langweiligsten Stunden meines Lebens verdanke. Langweilig vor allem, weil sie mich immer wieder mit derselben fortschrittsseligen Geschichtsdeutung konfrontiert haben. Und die läßt sich meistens leider auf eine sehr schlichte Formel bringen, etwa so: Was früher anders war als heute, ist veraltet und zu verachten. In den letzten Wochen habe ich einige Arbeiten über Schnitzler gelesen. Kaum eine hat darauf verzichtet, die "repressive Sexualmoral" der Zeit um 1900 zu beklagen. (Vor Puritanismus muß heute eben dringend gewarnt werden!) Da wird dann die Vergangenheit an heutigen Maßstäben gemessen, nähert man sich ihr mit erhobenem Zeigefinger und sagt ihr so richtig schön die Meinung. Wäre es nicht besser, die Vergangenheit unvoreingenommen zu betrachten?
Außerdem würde ich gerne mal was Anderes lesen. Es könnte doch mal einer die Sache umdrehen und sich fragen, was Novalis, Proust, Thomas Mann oder Andreas Gryphius sagen würden, wenn man sie in unsere Zeit versetzen würde. Würde Kierkegaard sich vor dem Poststrukturalismus verneigen? Würde Oscar Wilde sich gerne kleiden wie die Männer heute? Wäre unsere Gegenwart von der Vergangenheit aus betrachtet tatsächlich das Land der Verheißung? Schon diese einfachen Fragen zeigen, daß der zivilreligiöse Fortschrittsglaube der Wirklichkeit nur schwer standhält und im Übrigen doch recht einfältig ist. Und wenn man noch weiter fragt, sieht es nicht besser aus. Ich würde mich z.B. freuen, wenn auch nur einer ernsthaft – wirklich ernsthaft - versuchen würde darzulegen, warum das blutige 20. Jahrhundert soviel besser war als meinetwegen das 13. Oder ob der Glaube der Aufklärer an den stets wachsenden sittlichen Fortschritt der Menschheit sich bewährt hat – ist das Böse in den letzten 200 Jahren weniger geworden? Ich meine damit nicht, daß man dem Fortschrittsglauben zwangsläufig die Vorstellung des Verfalls entgegensetzen muß. Aber ein bißchen mehr Demut bei der Betrachtung von Geschichte würde nicht schaden: Statt „Wir sind besser“ könnte man doch einfach sagen: "Damals war es anders als heute."
Teufel zum Unterteufel:
"Aber der größte Triumph in diesem ganzen Unternehmen ist die Erhebung dieses Schreckens vor "immer denselben alten Dingen" zu einer Philosophie, so daß intellektueller Unsinn die Verderbnis des Willens noch verstärkt. Hier nun erweist sich der allgemein verbreitete evolutionistische oder historische Charakter des modernen europäischen Denkens (zum großen Teil unser Werk) als überaus nützlich. Der Feind [also: Gott] liebt Plattheiten. Er verlangt Menschen, die, soweit ich das zu erkennen vermag, an ein Vorhaben sehr einfache Fragen stellen wie: Ist es gerecht? Ist es klug? Ist es möglich? - Gelingt es uns nun, die Menschen statt dessen fragen zu lassen: Ist es in Übereinstimmung mit dem allgemeinen Zug unserer Zeit? Ist es fortschrittlich oder reaktionär? Bewegt sich die Geschichte in dieser Richtung? - dann werden sie die eigentlichen Fragen vernachlässigen, und die Fragen, die sie stellen, sind natürlich unbeantwortbar, denn sie kennen ja die Zukunft nicht. [...] Es gab eine Zeit, da wußten sie, daß gewisse Änderungen zum Besseren, andere zum Schlimmeren führen und wieder andere gleichgültig sind. Wir haben ihnen dieses Wissen zum guten Teil geraubt. An die Stelle des beschreibenden Eigenschaftswortes "unverändert" haben wir das gefühlsmäßige Adjektiv "stagnierend" gesetzt. Wir lehrten sie, die Zukunft als ein verheißenes Land anzusehen, das nur begünstigte Helden erreichen, niemals aber als etwas, das jeder, möge er sein oder tun, was er wolle, mit der Geschwindigkeit von sechzig Minuten in der Stunde erreicht."
(C.S. Lewis: Dienstanweisung für einen Unterteufel, Freiburg i. Br.: Herder 1992, S. 110f.)
Mich zumindest erinnert das an jene germanistischen Studien, denen ich die langweiligsten Stunden meines Lebens verdanke. Langweilig vor allem, weil sie mich immer wieder mit derselben fortschrittsseligen Geschichtsdeutung konfrontiert haben. Und die läßt sich meistens leider auf eine sehr schlichte Formel bringen, etwa so: Was früher anders war als heute, ist veraltet und zu verachten. In den letzten Wochen habe ich einige Arbeiten über Schnitzler gelesen. Kaum eine hat darauf verzichtet, die "repressive Sexualmoral" der Zeit um 1900 zu beklagen. (Vor Puritanismus muß heute eben dringend gewarnt werden!) Da wird dann die Vergangenheit an heutigen Maßstäben gemessen, nähert man sich ihr mit erhobenem Zeigefinger und sagt ihr so richtig schön die Meinung. Wäre es nicht besser, die Vergangenheit unvoreingenommen zu betrachten?
Außerdem würde ich gerne mal was Anderes lesen. Es könnte doch mal einer die Sache umdrehen und sich fragen, was Novalis, Proust, Thomas Mann oder Andreas Gryphius sagen würden, wenn man sie in unsere Zeit versetzen würde. Würde Kierkegaard sich vor dem Poststrukturalismus verneigen? Würde Oscar Wilde sich gerne kleiden wie die Männer heute? Wäre unsere Gegenwart von der Vergangenheit aus betrachtet tatsächlich das Land der Verheißung? Schon diese einfachen Fragen zeigen, daß der zivilreligiöse Fortschrittsglaube der Wirklichkeit nur schwer standhält und im Übrigen doch recht einfältig ist. Und wenn man noch weiter fragt, sieht es nicht besser aus. Ich würde mich z.B. freuen, wenn auch nur einer ernsthaft – wirklich ernsthaft - versuchen würde darzulegen, warum das blutige 20. Jahrhundert soviel besser war als meinetwegen das 13. Oder ob der Glaube der Aufklärer an den stets wachsenden sittlichen Fortschritt der Menschheit sich bewährt hat – ist das Böse in den letzten 200 Jahren weniger geworden? Ich meine damit nicht, daß man dem Fortschrittsglauben zwangsläufig die Vorstellung des Verfalls entgegensetzen muß. Aber ein bißchen mehr Demut bei der Betrachtung von Geschichte würde nicht schaden: Statt „Wir sind besser“ könnte man doch einfach sagen: "Damals war es anders als heute."
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