Margaret Atwood wird heute 70, und ich nehme an, daß das vom Feuilleton entsprechend gewürdigt wird. Die Schriftstellerin, Feministin und Umweltaktivistin hat ja immer viel Lob bekommen. „Der Report der Magd“ ("The Handmaid's Tale", 1985, dt. 1987) war ihr großer Wurf, sie stieg beinahe über Nacht zur Starautorin auf und wurde zu einer Ikone der Feministinnen, einschließlich meiner Deutschlehrerin. Wir lasen das Buch Anfang der 90er im Deutschunterricht. Schullektüren verblassen in der Erinnerung oft schnell, und so blieben mir nur wenige Szenen im Gedächtnis, junge Frauen in einem Gemeinschaftsschlafsaal, sadistische Aufseherinnen und die merkwürdigen Hauben, die die Frauen in Atwoods Amerika der Zukunft, der Republik mit dem biblischen Namen Gilead, tragen mußten. Besonders beeindruckt hat mich das Ganze nicht.
Auch nicht nach der zweiten Lektüre, vor einigen Monaten: Das Buch kam mir langatmig und larmoyant vor. „Der Report der Magd“ wird oft zu den großen negativen Utopien des 20. Jahrhunderts gezählt, wie George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“. Zu Unrecht, finde ich. Orwells und Huxleys Entwürfe wirken beklemmend. Die beiden Schriftsteller griffen Tendenzen ihrer Gegenwart auf, dachten sie weiter und formten daraus eine Zukunft, die plausibel erschien „Der Report der Magd“ wirkt im Vergleich dazu eher paranoid, als wäre der Roman dem Albtraum jener Feministinnen entsprungen, die seit langen Jahren vor einem antifeministischen Backlash warnen.
Worum es in dem Buch geht: Eine fundamentalistische Sekte hat sich in Amerika an die Macht geputscht und eine Terrorherrschaft errichtet. Frauen werden brutal unterdrückt. Ich-Erzählerin Desfred hat alles verloren: Mann und Tochter, Beruf und Besitz . Sie dient dem Kommandanten Fred als Zwangskonkubine, ihre Aufgabe ist es, für ihn und seine Ehefrau Kinder auszutragen. Nur noch wenige Frauen sind fruchtbar, weite Landstriche als Folge atomarer Verseuchung unbewohnbar, die Strände voller Giftmüll.
Damit das Schreckensbild von Amerikas Zukunft möglichst viel Eindruck macht, wird ihm in ausufernden Rückblenden das rundum glückliche Leben der Heldin in der Vergangenheit gegenüber gestellt. Dieses Erzählverfahren wirkt nicht nur holzschnittartig, sondern wirft auch zwingend die Frage auf, wie es dazu eigentlich kommen konnte: Daß sich innerhalb weniger Monate eine Gesellschaft, die unserer nicht unähnlich ist, in eine streng abgeschirmte Theokratie verwandelte. Atwood versucht es mit einer Verschwörungstheorie. Die „Söhne Jakobs“, eine bisher weitgehend im Verborgenen agierende Sekte, erschießen alle Mitglieder des Kongresses und unterjochen die Bevölkerung mit Hilfe ihrer eigenen Armee. Den Weg in die Diktatur beschreibt die Autorin nur flüchtig.
Trotz dieser erzählerischen Schwächen machte das Buch die Autorin über Nacht berühmt, es eroberte schnell die Bestsellerlisten. Es traf wohl den Nerv der Zeit. Der Spiegel nahm den Roman mit Begeisterung auf, beschrieb Atwood doch mit Blick auf Chomeinis Iran die drohende „Machtergreifung christlicher Eiferer in den USA“, die „der permissiven Amüsiergesellschaft vom Ende des 20. Jahrhunderts den Garaus machen“ wollen. Die amerikanische Kritik urteilte ebenfalls überwiegend wohlwollend, wenn auch ausgewogener (z.B. Mary McCarthy in The New York Times Review of Books). Denn aus der Nähe betrachtet erschienen Atwoods Warnungen vor einem von Christen geplanten Putsch weitaus weniger plausibel, als es das ferne Europa voller Angstlust herbeiträumte.
Das Buch war erfolgreich, weil es der Autorin gelungen ist, viele der in den 80er-Jahren verbreiteten Ängste zu verschmelzen und in Romanform zubringen: Angst vor Krieg, Terror, einem atomaren Inferno, einer ökologischen Katastrophe und natürlich die Angst der atheistischen Linken vor einem Wiedererstarken der Religion, vor dem mit albtraumhaften Bildern gewarnt wird. So artikuliert sich in dem Roman auch die alte Sorge, daß das Verdrängte zurückschlagen könnte. Daß es unter der schönen Fassade des linksliberalen juste milieu, der Frauenbuchläden-Wunderwelt gären könnte und die Lebensentwürfe der progressiven Linken, die von Politik und Medien propagiert werden, irgendwann einfach hinweggefegt werden. Atwood hat Erfolg, weil sie diese Ängste in Geschichten kleidet. Sie schürt Panik und konstruiert eine gigantische Drohkulisse. So besteht die Religion von Gilead, wie Atwood sie beschreibt, aus entleerten Ritualen ohne Heilsversprechen, aus Zwang und Grausamkeit ohne Nächstenliebe. Religion, so wird suggeriert, führe zu Unfreiheit. Und auf diese Weise schreibt Atwood weiter an dem immer wieder beschworenen Mythos von den religiösen Dunkelmännern - ein Verfahren, das oft angewandt wird, um die Anliegen religiöser Menschen zu diskreditieren. Als Warnung vor Religion wurde ihr Buch leider oft genug rezipiert. Aber immerhin: Die Vorstellung, daß es in Gilead eine baptistische Guerilla gibt, ist ja doch recht charmant.
Wie dem auch sei: Der Siegeszug des Buchs war nicht aufzuhalten, und Margaret Atwood gilt heute als die bedeutendste Autorin Kanadas. Ihre Romane, Erzählungen und Gedichte gehören an amerikanischen Universitäten zur Pflichtlektüre in "Women's Studies". 2003 begeisterte sie die Kritiker mit einem Roman über den Klimawandel. In „Oryx und Crake“ (2003) erzählt sie den Weltuntergang aus der Perspektive des einzigen Überlebenden. Die Menschheit wurde von einem Killervirus dahingerafft, und Atwoods Held muß auf einem Baum sitzen, weil er von genetisch veränderten Schweinen gejagt wird. Nebenbei warnt die Autorin vor Entstaatlichung, dem freien Markt und dem technischen Fortschritt – eine Mixtur mit Erfolgsgarantie. Ihr Gespür für den Zeitgeist und für Themen, die die Kasse klingeln lassen, hat sie also auch im reiferen Alter nicht verloren. Man wird wohl noch von ihr hören.
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Mittwoch, 18. November 2009
Dienstag, 17. November 2009
Schwedenkrimis
Wenn ich krank bin, greife ich immer zu Krimis, und mir ist nicht ganz klar warum. Womöglich stimmt es mich zuversichtlich, wenn am Ende der Täter gefaßt wird - dann werden gewiß auch die Grippeviren ihren Häschern nicht entgehen. Wie dem auch sei: Schwedenkrimis fand ich früher gut, heute zum Davonlaufen.
Früher heißt: als ich Anfang 20 war, immer schwarzgekleidet (aber mit dunkelrot gefärbten Haaren), und fürs Philosophiestudium "Das Sein und das Nichts" und Simone de Beauvoir gelesen habe. Die verregneten Landschaften und graugefärbten Gemütslagen der Schwedenkrimis paßten zu meiner existentialistischen Weltsicht. Ich mochte diesen ganzen Wallanderkram, die depressiven, fetten, geschiedenen Ermittler mit Cholesterin- oder Alkoholproblemen und sogar diese dröhnende Gesellschaftskritik, die diese Bücher so furchtbar klebrig macht. [Also: Es geht immer um Fremdenfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, Umweltverschmutzung, Atomkraft. Der Täter ist ein Nazi. Außer er ist eine Frau oder Vertreter einer Randgruppe, dann ist die Gesellschaft schuld. Linke sind gut. Männer haben einen angeborenen Defekt undsoweiter.]
Heute finde ich das alles so inspirierend wie ein Billy-Regal. Mit einer Ausnahme allerdings: Håkan Nesser. Seine Van Veeteren-Reihe mag ich noch immer. Aber die spielt auch nicht in Schweden, sondern in einem fiktiven Land, und der Kommissar hat einen ziemlich düsteren Charakter. Nesser läßt seinen Figuren ihre Ambivalenzen, er interessiert sich mehr für die menschliche Natur als für Sozialkritik.
Kürzlich habe ich Nessers Barbarotti-Romane gelesen. Der erste ("Mensch ohne Hund") enttäuschte mich, den zweiten ("Eine ganz andere Geschichte") - einen klassischen Whodunnit - fand ich genial. Der dritte ("Das zweite Leben des Herrn Roos") hat mich berührt. Nesser beschreibt, wie ein Sonderling, ein Mann, der von allen in die Rolle des Langweilers gedrängt wurde, mit 59 Jahren zu einem neuen Leben erwacht und zum ersten Mal liebt.
Sein Held, Ante Valdemar Roos, empfindet sein Leben als trostlos. Er arbeitet in einer Firma, die nur Thermoskannen herstellt und ist unglücklich in seiner Ehe. Er gewinnt im Toto und seilt sich ab, kündigt seinen Job und verbringt seine Tage in einer einsamen Waldhütte. Bald begegnet er Anna, einem drogensüchtigen, von allen mißverstandenen Mädchen, das nach einem Drogenentzug aus dem Heim weggelaufen ist.
Das Schöne ist, daß Nesser der Freundschaft zwischen den beiden ihre Zweideutigkeiten läßt: Behutsamkeit trifft auf Selbstsucht, zwei Einsamkeiten treffen aufeinander, und Herr Roos entwickelt eine Blindheit, die Anna in große Gefahr bringt. Und doch wird dabei deutlich, wie sehr eine Freundschaft einen Menschen verändern kann, und so gesehen ist der dritte Roman der Barbarotti-Reihe beinahe eine Bekehrungsgeschichte: Ein verhärtetes Herz wird immer weicher. Der Mordfall spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.
Mit dem Ermittler, Inspektor Barbarotti, kann ich mich allerdings gar nicht anfreunden. Da tappt Nesser leider in die Schwedenkrimi-Falle. Barbarotti erinnert viel zu sehr an Wallander: geschieden, leidenschaftslos und zutiefst darüber betroffen, daß er als Mann leider diesen gewissen emotionalen Defekt hat. Vertrottelt ist er auch: Gerade ist er vom Dach in eine Schubkarre gefallen und hat sich den Fuß gebrochen. Nesser sollte mal probieren, wie die Barbarotti-Reihe ohne Barbarotti wäre.
Früher heißt: als ich Anfang 20 war, immer schwarzgekleidet (aber mit dunkelrot gefärbten Haaren), und fürs Philosophiestudium "Das Sein und das Nichts" und Simone de Beauvoir gelesen habe. Die verregneten Landschaften und graugefärbten Gemütslagen der Schwedenkrimis paßten zu meiner existentialistischen Weltsicht. Ich mochte diesen ganzen Wallanderkram, die depressiven, fetten, geschiedenen Ermittler mit Cholesterin- oder Alkoholproblemen und sogar diese dröhnende Gesellschaftskritik, die diese Bücher so furchtbar klebrig macht. [Also: Es geht immer um Fremdenfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, Umweltverschmutzung, Atomkraft. Der Täter ist ein Nazi. Außer er ist eine Frau oder Vertreter einer Randgruppe, dann ist die Gesellschaft schuld. Linke sind gut. Männer haben einen angeborenen Defekt undsoweiter.]
Heute finde ich das alles so inspirierend wie ein Billy-Regal. Mit einer Ausnahme allerdings: Håkan Nesser. Seine Van Veeteren-Reihe mag ich noch immer. Aber die spielt auch nicht in Schweden, sondern in einem fiktiven Land, und der Kommissar hat einen ziemlich düsteren Charakter. Nesser läßt seinen Figuren ihre Ambivalenzen, er interessiert sich mehr für die menschliche Natur als für Sozialkritik.
Kürzlich habe ich Nessers Barbarotti-Romane gelesen. Der erste ("Mensch ohne Hund") enttäuschte mich, den zweiten ("Eine ganz andere Geschichte") - einen klassischen Whodunnit - fand ich genial. Der dritte ("Das zweite Leben des Herrn Roos") hat mich berührt. Nesser beschreibt, wie ein Sonderling, ein Mann, der von allen in die Rolle des Langweilers gedrängt wurde, mit 59 Jahren zu einem neuen Leben erwacht und zum ersten Mal liebt.
Sein Held, Ante Valdemar Roos, empfindet sein Leben als trostlos. Er arbeitet in einer Firma, die nur Thermoskannen herstellt und ist unglücklich in seiner Ehe. Er gewinnt im Toto und seilt sich ab, kündigt seinen Job und verbringt seine Tage in einer einsamen Waldhütte. Bald begegnet er Anna, einem drogensüchtigen, von allen mißverstandenen Mädchen, das nach einem Drogenentzug aus dem Heim weggelaufen ist.
Das Schöne ist, daß Nesser der Freundschaft zwischen den beiden ihre Zweideutigkeiten läßt: Behutsamkeit trifft auf Selbstsucht, zwei Einsamkeiten treffen aufeinander, und Herr Roos entwickelt eine Blindheit, die Anna in große Gefahr bringt. Und doch wird dabei deutlich, wie sehr eine Freundschaft einen Menschen verändern kann, und so gesehen ist der dritte Roman der Barbarotti-Reihe beinahe eine Bekehrungsgeschichte: Ein verhärtetes Herz wird immer weicher. Der Mordfall spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.
Mit dem Ermittler, Inspektor Barbarotti, kann ich mich allerdings gar nicht anfreunden. Da tappt Nesser leider in die Schwedenkrimi-Falle. Barbarotti erinnert viel zu sehr an Wallander: geschieden, leidenschaftslos und zutiefst darüber betroffen, daß er als Mann leider diesen gewissen emotionalen Defekt hat. Vertrottelt ist er auch: Gerade ist er vom Dach in eine Schubkarre gefallen und hat sich den Fuß gebrochen. Nesser sollte mal probieren, wie die Barbarotti-Reihe ohne Barbarotti wäre.
Freitag, 28. August 2009
Weltweite Kirche
Gestern habe ich angefangen, die Autobiographie des österreichischen katholischen Publizisten Erik von Kuehnelt-Leddihn (1909-1999) zu lesen. Der Titel seiner Lebensbeschreibung - "Weltweite Kirche" - klingt zunächst rätselhaft, entpuppt sich aber als sehr treffend: Denn die weltweite Kirche war sein Lebensthema. Mit 38 Jahren gab er seinen Beruf als Hochschulprofessor an einer amerikanischen Universität auf, um zu reisen und dabei die weltumspannende Kirche in allen ihren Ausdrucksformen kennenzulernen.
Der Reichtum seiner Beobachtungen, Erlebnisse und seines Wissens, seine Neugier und Entdeckerfreude machen seine Autobiographie zu einer wirklich spannenden Lektüre. Verfaßt hat er sie in seinem letzten Lebensjahr: Ihrem Tonfall ist anzumerken, daß es ihn drängt zu erzählen und zu bekennen. Er schreibt lebendig und heiter, nicht streng auf Form bedacht. Und er schreibt so, daß man ihn beim Lesen unweigerlich lieb gewinnt. Manchmal geht er zwar recht schonungslos mit sich ins Gericht, mit dem egoistischen und boshaften Kind, das er mal war. Aber gerade in diesen Passagen wird sein Lebensbericht transparent für die Tradition, in der er steht: Augustinus hat sie mit seinen "Confessiones" begründet. Wer sein Leben betrachtet, seine Wege und Irrwege, seine geistige Entwicklung beschreibt, muß sich eben auch zu seiner Schuld bekennen.
Ich bin mit der Lektüre noch am Anfang, aber zwei Dinge haben mich schon besonders beeindruckt: die Präzision, mit der sich der 90jährige Details seiner Kindheit in Erinnerung rufen kann und seine so kluge und abwägende Art zu urteilen, die er beibehielt, obwohl er mit vielen Widerständen zu kämpfen hatte - schließlich war er als scharfer Kritiker der Französischen Revolution und ihrer Folgen ein einsamer Rufer in der Wüste.
Es verspricht, spannend zu werden.
Erik von Kuehnelt-Leddihn: Weltweite Kirche. Begegnungen und Erfahrungen in sechs Kontinenten 1909-1999, Stein am Rhein: Christiana 2000.
Der Reichtum seiner Beobachtungen, Erlebnisse und seines Wissens, seine Neugier und Entdeckerfreude machen seine Autobiographie zu einer wirklich spannenden Lektüre. Verfaßt hat er sie in seinem letzten Lebensjahr: Ihrem Tonfall ist anzumerken, daß es ihn drängt zu erzählen und zu bekennen. Er schreibt lebendig und heiter, nicht streng auf Form bedacht. Und er schreibt so, daß man ihn beim Lesen unweigerlich lieb gewinnt. Manchmal geht er zwar recht schonungslos mit sich ins Gericht, mit dem egoistischen und boshaften Kind, das er mal war. Aber gerade in diesen Passagen wird sein Lebensbericht transparent für die Tradition, in der er steht: Augustinus hat sie mit seinen "Confessiones" begründet. Wer sein Leben betrachtet, seine Wege und Irrwege, seine geistige Entwicklung beschreibt, muß sich eben auch zu seiner Schuld bekennen.
Ich bin mit der Lektüre noch am Anfang, aber zwei Dinge haben mich schon besonders beeindruckt: die Präzision, mit der sich der 90jährige Details seiner Kindheit in Erinnerung rufen kann und seine so kluge und abwägende Art zu urteilen, die er beibehielt, obwohl er mit vielen Widerständen zu kämpfen hatte - schließlich war er als scharfer Kritiker der Französischen Revolution und ihrer Folgen ein einsamer Rufer in der Wüste.
Es verspricht, spannend zu werden.
Erik von Kuehnelt-Leddihn: Weltweite Kirche. Begegnungen und Erfahrungen in sechs Kontinenten 1909-1999, Stein am Rhein: Christiana 2000.
Montag, 27. Juli 2009
Barbey d'Aurevilly über Goethe
Er mochte Goethe nicht und bemühte sich nicht um ein ausgewogenes Urteil. Gut so. Denn seine Abhandlung „Gegen Goethe“ fällt in die Gattung „Schimpftirade“ und ist als solche brillant. Was wirft Barbey d'Aurevilly Goethe also vor?
Vor allem: Mangel an Originalität. Goethe ist eine „Leseratte, ein Papierkratzer und Papierzuschneider“ (S. 28), „er kompilierte, kompilierte, las viel und erfand nichts.“ (S. 29)
Sein Faust ist bloß eine Bearbeitung von Marlowes Vorlage, die besser war, und „besteht nur aus einem unzusammenhängenden Wust ohne jedwede Art von Komposition“ (S. 16).
Und das war noch sein bestes Stück.
Götz von Berlichingen: „Wie im Kindertheater wechselt der Schauplatz der Handlung in jeder Szene, oder besser gesagt in jedem Szenchen, denn es gibt Szenen von (ich habe gezählt) nicht mehr als sechs Zeilen Dialog zwischen zwei Umbauten.“ (S. 23)
Egmont: „nichts anderes als ein Defilee von längst bekannten Personen und Ereignissen, ein historischer Wandteppich. Die Figuren erreichen nicht einmal ihre natürliche Größe. Das Auge Goethes, auf das er so stolz ist, ist manchmal wie das Augenglas des Kurzsichtigen: Es verkleinert, was er sieht, und das ist eben seine Art, es zu sehen...“ (S. 25)
Torquato Tasso, Iphigenie und Stella: „gehören zu diesen diluvianischen Ergüssen von Langeweile, denen selbst der abgehärteste Leser nicht mehr standhalten kann. Er löst sich in ihnen auf und behält dabei noch das Bewußtsein der Langeweile, die ihn ertränkt und ihn umbringt, ohne ihn umzubringen.“ (S. 32)
Faust II: „ist nicht einmal ansatzweise zu verstehen. Man begreift nicht, wie Goethe sein ganzes Leben lang eine solche Masse an mythologischem Kinderkram in sich aufnehmen konnte, um sein Alter damit zu vertun, sie der menschlichen Gattung ins Gesicht zu rülpsen. Das ist ein Geschwätz ohne Maß.“ (S. 33)
Soviel zu Goethes tragischem Genie. Komödien konnte er leider auch nicht schreiben:
„Wir müssen uns nun mit seinem komischen Genie befassen, denn Goethe hielt sich für eine Doppelbegabung. Der ambitionierte Tausendsassa in ihm versuchte sich auch an der Komödie, und er legte seine deutsche Tatze an dieses Genre wie ein Bär die seine an eine Filigranarbeit. Nun, was ein Komödienschreiber oder -dichter vor allem braucht, dringender sogar als Tiefgang, den er auch haben muß, sind Geist und Heiterkeit, die beiden Dinge, die mit dem Wesen Goethes am allerwenigsten vereinbar waren, und obwohl er eingebildet genug war, sich für einen Aristophanes zu halten, war er so bleiern wie sein Schreibgerät...[...] Dieser deutsche Plumpsack war absolut unfähig, auch nur den kleinsten Harlekin auf die Beine zu stellen.“ (S. 33f.)
Aber vielleicht Romane?
Wilhelm Meister und die Wahlverwandschaften sind keine Bücher, „nicht einmal mehr schlechte, sondern nicht mit Namen zu bezeichnende, nicht wiederzugebende, unlesbare Dinge – und das auf jeder Ebene der Texte.“ (S. 54) Wilhelm Meister ist ein „Chaos von Wesen, die keine Figuren sind, die, man weiß nicht mehr recht in was eigentlich, kreisen, inmitten dieses Gewühls von Begriffen, Kenntnissen und Theorien, die den Eindruck eines Narrenspektakels in einem umgekippten Trödelladen machen. Man braucht mit den Worten nicht zu fackeln: Wilhelm Meister und die Wahlverwandschaften sind Phänomene der Dummheit.“ (S. 54)
Doch Goethes größtes Verdienst vermag selbst Barbey d'Aurevilly anzuerkennen: „Und diese unermeßliche Langeweile, in der ich Goethes Stärke sehe, war seine einzige schöpferische Leistung.“ (S. 55)
Und so weiter über knapp hundert Seiten. Man erfährt außerdem, warum Goethes Gedichte nichts taugen, Goethe in der Tiefe seines Wesens ein Hindu war („Es ist etwas Hinduistisches an ihm, aber gemäßigt durch das Sauerkraut“, S. 45), selbst als Reisender nur mittelmäßig war, die transzendenten Schönheiten des katholischen Gottesdienstes nicht erfassen konnte, sein Leben ziemlich blöd war und seine Liebschaften bloß „Kindereien von Hochzeiten zwischen kleinen Jungen und kleinen Mädchen, wenn die Zeit der Puppen und Kasperles vorbei ist.“ (S. 69). Frauenfiguren gibt's in seinem ganzen Werk nur eine, nämlich das Gretchen, „die elementare und deutsche Frau, von der in dieser Studie schon so oft die Rede war, das „Ewig-Weibliche“, wie es Goethe nennt, und das ich zutreffender die „ewige Kaulquappe“ nenne!“ (S. 52)
Da Barbey d'Aurevilly großartig formulieren konnte, ist das Buch ziemlich lustig, und ich beneide alle, die ihn damals in den Pariser Salons erleben durften. Außerdem fühle ich mich nachträglich getröstet, weil ich mich zu Studienzeiten, im Wilhelm Meister-Hauptseminar, ENTSETZLICH gelangweilt habe. Vielleicht lag es also doch nicht an mir!
Barbey d'Aurevilly schimpft, spottet, verunglimpft, und er ist darin unbestritten der Größte. Nett ist das nicht, aber bei ihm ist es eine Kunstform: Goethe ist für ihn der Stoff, mit dem sich diese Form besonders gut ausfüllen läßt.
Freilich darf man Barbey d'Aurevillys flammende Polemik nicht mit gelehrter Kritik verwechseln – sowas fand er ohnehin langweilig. Das Nachwort von Lionel Richard ist zwar aufschlußreich, denn man erfährt, daß sich die Sticheleien gegen Goethe eigentlich noch an eine zweite Adresse richteten: an den Literaturkritiker Charles-Augustin de Saint-Beuve, Barbey d'Aurevillys verhaßten Rivale - ein Goethe-Liebhaber. Dennoch wird Barbey d'Aurevilly hier für meinen Geschmack zu sehr geschulmeistert: Richard möchte Goethe verteidigen, rhetorisch freilich viel schwächer als der wortgewaltige Angreifer, und wirft ihm Ungenauigkeit vor, Ungerechtigkeit, parteiische Lektüre und Schwarzmalerei. Ebenso könnte man freilich einer Satire vorwerfen, daß sie Sachverhalte überspitzt darstellt, oder einem Comic, daß er nicht auf bunte Bilder verzichtet. Denn das alles war des Autors Absicht.
Vorsichtshalber fügt Richard in seine Gedankenkette noch ein paar Totschlagargumente ein, damit der heutige Leser vor dem bösen, großen Literaturkritiker gewarnt ist: Nicht, daß er ihm am Ende noch recht gibt. So erinnert Richard daran, daß Barbey d'Aurevilly Monarchist war und außerdem ziemlich intolerant*, was in unserer Gesellschaft freilich beides zu den größten Häresien gehört. Und fast noch schlimmer:
„Er reiht sich in die Tradition einer katholischen Kritik ein, die aus parteilichen theologischen Gründen in Goethe stets einen gefährlichen Feind gesehen hat: Weder der getaufte Protestant findet Gnade noch der Dilettant, der sich auf der Suche nach einem Synkretismus von allen Religionen und Glaubensrichtungen nährt, bis er im Evolutionismus, dem Freimaurertum und dem Atheismus Halt findet.“
Nun gut, das allein wären für mein Empfinden ja schon genug Gründe, Goethe nicht zu mögen. Was auch immer Barbey d'Aurevilly jedenfalls tat: Er pfiff auf literarische Moden und auf den Zeitgeist, und das gefällt mir.
Ach ja, ich hätte da noch eine ziemlich gut erhaltene (weil lediglich kurz angelesene und dann schnell ins Bücherregal verfrachtete) Insel-Ausgabe von Dichtung und Wahrheit, die ich wirklich nicht mehr brauche. Wenn die also einer haben will...
*Toleranz - da habe ich gerade erst irgendwo eine schöne Definition gelesen: bedeutet heute, sämtliche Meinungen gleichzeitig für wahr zu halten. Wenn ich jetzt nur wüßte, wer das gesagt hat...
Jules Barbey d'Aurevilly: Gegen Goethe, Berlin: Matthes & Seitz, 2006.
Vor allem: Mangel an Originalität. Goethe ist eine „Leseratte, ein Papierkratzer und Papierzuschneider“ (S. 28), „er kompilierte, kompilierte, las viel und erfand nichts.“ (S. 29)
Sein Faust ist bloß eine Bearbeitung von Marlowes Vorlage, die besser war, und „besteht nur aus einem unzusammenhängenden Wust ohne jedwede Art von Komposition“ (S. 16).
Und das war noch sein bestes Stück.
Götz von Berlichingen: „Wie im Kindertheater wechselt der Schauplatz der Handlung in jeder Szene, oder besser gesagt in jedem Szenchen, denn es gibt Szenen von (ich habe gezählt) nicht mehr als sechs Zeilen Dialog zwischen zwei Umbauten.“ (S. 23)
Egmont: „nichts anderes als ein Defilee von längst bekannten Personen und Ereignissen, ein historischer Wandteppich. Die Figuren erreichen nicht einmal ihre natürliche Größe. Das Auge Goethes, auf das er so stolz ist, ist manchmal wie das Augenglas des Kurzsichtigen: Es verkleinert, was er sieht, und das ist eben seine Art, es zu sehen...“ (S. 25)
Torquato Tasso, Iphigenie und Stella: „gehören zu diesen diluvianischen Ergüssen von Langeweile, denen selbst der abgehärteste Leser nicht mehr standhalten kann. Er löst sich in ihnen auf und behält dabei noch das Bewußtsein der Langeweile, die ihn ertränkt und ihn umbringt, ohne ihn umzubringen.“ (S. 32)
Faust II: „ist nicht einmal ansatzweise zu verstehen. Man begreift nicht, wie Goethe sein ganzes Leben lang eine solche Masse an mythologischem Kinderkram in sich aufnehmen konnte, um sein Alter damit zu vertun, sie der menschlichen Gattung ins Gesicht zu rülpsen. Das ist ein Geschwätz ohne Maß.“ (S. 33)
Soviel zu Goethes tragischem Genie. Komödien konnte er leider auch nicht schreiben:
„Wir müssen uns nun mit seinem komischen Genie befassen, denn Goethe hielt sich für eine Doppelbegabung. Der ambitionierte Tausendsassa in ihm versuchte sich auch an der Komödie, und er legte seine deutsche Tatze an dieses Genre wie ein Bär die seine an eine Filigranarbeit. Nun, was ein Komödienschreiber oder -dichter vor allem braucht, dringender sogar als Tiefgang, den er auch haben muß, sind Geist und Heiterkeit, die beiden Dinge, die mit dem Wesen Goethes am allerwenigsten vereinbar waren, und obwohl er eingebildet genug war, sich für einen Aristophanes zu halten, war er so bleiern wie sein Schreibgerät...[...] Dieser deutsche Plumpsack war absolut unfähig, auch nur den kleinsten Harlekin auf die Beine zu stellen.“ (S. 33f.)
Aber vielleicht Romane?
Wilhelm Meister und die Wahlverwandschaften sind keine Bücher, „nicht einmal mehr schlechte, sondern nicht mit Namen zu bezeichnende, nicht wiederzugebende, unlesbare Dinge – und das auf jeder Ebene der Texte.“ (S. 54) Wilhelm Meister ist ein „Chaos von Wesen, die keine Figuren sind, die, man weiß nicht mehr recht in was eigentlich, kreisen, inmitten dieses Gewühls von Begriffen, Kenntnissen und Theorien, die den Eindruck eines Narrenspektakels in einem umgekippten Trödelladen machen. Man braucht mit den Worten nicht zu fackeln: Wilhelm Meister und die Wahlverwandschaften sind Phänomene der Dummheit.“ (S. 54)
Doch Goethes größtes Verdienst vermag selbst Barbey d'Aurevilly anzuerkennen: „Und diese unermeßliche Langeweile, in der ich Goethes Stärke sehe, war seine einzige schöpferische Leistung.“ (S. 55)
Und so weiter über knapp hundert Seiten. Man erfährt außerdem, warum Goethes Gedichte nichts taugen, Goethe in der Tiefe seines Wesens ein Hindu war („Es ist etwas Hinduistisches an ihm, aber gemäßigt durch das Sauerkraut“, S. 45), selbst als Reisender nur mittelmäßig war, die transzendenten Schönheiten des katholischen Gottesdienstes nicht erfassen konnte, sein Leben ziemlich blöd war und seine Liebschaften bloß „Kindereien von Hochzeiten zwischen kleinen Jungen und kleinen Mädchen, wenn die Zeit der Puppen und Kasperles vorbei ist.“ (S. 69). Frauenfiguren gibt's in seinem ganzen Werk nur eine, nämlich das Gretchen, „die elementare und deutsche Frau, von der in dieser Studie schon so oft die Rede war, das „Ewig-Weibliche“, wie es Goethe nennt, und das ich zutreffender die „ewige Kaulquappe“ nenne!“ (S. 52)
Da Barbey d'Aurevilly großartig formulieren konnte, ist das Buch ziemlich lustig, und ich beneide alle, die ihn damals in den Pariser Salons erleben durften. Außerdem fühle ich mich nachträglich getröstet, weil ich mich zu Studienzeiten, im Wilhelm Meister-Hauptseminar, ENTSETZLICH gelangweilt habe. Vielleicht lag es also doch nicht an mir!
Barbey d'Aurevilly schimpft, spottet, verunglimpft, und er ist darin unbestritten der Größte. Nett ist das nicht, aber bei ihm ist es eine Kunstform: Goethe ist für ihn der Stoff, mit dem sich diese Form besonders gut ausfüllen läßt.
Freilich darf man Barbey d'Aurevillys flammende Polemik nicht mit gelehrter Kritik verwechseln – sowas fand er ohnehin langweilig. Das Nachwort von Lionel Richard ist zwar aufschlußreich, denn man erfährt, daß sich die Sticheleien gegen Goethe eigentlich noch an eine zweite Adresse richteten: an den Literaturkritiker Charles-Augustin de Saint-Beuve, Barbey d'Aurevillys verhaßten Rivale - ein Goethe-Liebhaber. Dennoch wird Barbey d'Aurevilly hier für meinen Geschmack zu sehr geschulmeistert: Richard möchte Goethe verteidigen, rhetorisch freilich viel schwächer als der wortgewaltige Angreifer, und wirft ihm Ungenauigkeit vor, Ungerechtigkeit, parteiische Lektüre und Schwarzmalerei. Ebenso könnte man freilich einer Satire vorwerfen, daß sie Sachverhalte überspitzt darstellt, oder einem Comic, daß er nicht auf bunte Bilder verzichtet. Denn das alles war des Autors Absicht.
Vorsichtshalber fügt Richard in seine Gedankenkette noch ein paar Totschlagargumente ein, damit der heutige Leser vor dem bösen, großen Literaturkritiker gewarnt ist: Nicht, daß er ihm am Ende noch recht gibt. So erinnert Richard daran, daß Barbey d'Aurevilly Monarchist war und außerdem ziemlich intolerant*, was in unserer Gesellschaft freilich beides zu den größten Häresien gehört. Und fast noch schlimmer:
„Er reiht sich in die Tradition einer katholischen Kritik ein, die aus parteilichen theologischen Gründen in Goethe stets einen gefährlichen Feind gesehen hat: Weder der getaufte Protestant findet Gnade noch der Dilettant, der sich auf der Suche nach einem Synkretismus von allen Religionen und Glaubensrichtungen nährt, bis er im Evolutionismus, dem Freimaurertum und dem Atheismus Halt findet.“
Nun gut, das allein wären für mein Empfinden ja schon genug Gründe, Goethe nicht zu mögen. Was auch immer Barbey d'Aurevilly jedenfalls tat: Er pfiff auf literarische Moden und auf den Zeitgeist, und das gefällt mir.
Ach ja, ich hätte da noch eine ziemlich gut erhaltene (weil lediglich kurz angelesene und dann schnell ins Bücherregal verfrachtete) Insel-Ausgabe von Dichtung und Wahrheit, die ich wirklich nicht mehr brauche. Wenn die also einer haben will...
*Toleranz - da habe ich gerade erst irgendwo eine schöne Definition gelesen: bedeutet heute, sämtliche Meinungen gleichzeitig für wahr zu halten. Wenn ich jetzt nur wüßte, wer das gesagt hat...
Jules Barbey d'Aurevilly: Gegen Goethe, Berlin: Matthes & Seitz, 2006.
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Wiederentdeckung
Montag, 20. Juli 2009
Immaculée Ilibagiza: Aschenblüte
Noch einmal Ruanda: Jean Hatzfeld hat die Täter-Perspektive untersucht, „Aschenblüte“ ist der Bericht einer Überlebenden des Völkermords. Immaculée Ilibagiza, eine Tutsi, hielt sich im Haus eines Hutu-Pfarrers versteckt. Mit sieben anderen Frauen verbrachte die junge Studentin drei Monate in einem winzigen Toilettenraum, vor dessen Eingang ein Kleiderschrank geschoben worden war. Das klingt unvorstellbar und ist es auch: acht Frauen drei Monate lang in einem Raum von nicht einmal zwei Quadratmetern. Sie durften nicht reden, konnten sich kaum bewegen, hatten wenig zu essen. Noch nicht einmal die Familie des Pfarrers durfte von ihnen wissen: „Sobald Blutgier in der Luft liegt, kann man niemandem mehr trauen, nicht einmal den eigenen Kindern,“ (S. 99) sagte der Pfarrer. Von draußen hörten die Frauen die schrecklichen Stimmen der Mörderbanden:
„Wir jagen sie in den Wäldern, auf Seen und Hügeln! Wir finden sie in der Kirche! Wir fegen sie vom Angesicht der Erde!“ [...] Hunderte von Männern umstanden das Haus, viele als Dämonen verkleidet, mit Röcken aus Baumrinde und Hemden aus getrockneten Bananenblättern, manche hatten sich sogar Ziegenhörner auf den Kopf gebunden. Ihre Gesichter waren trotz der gruseligen Kostümierung leicht zu erkennen und es stand Mordlust in ihren Augen. Sie johlten und brüllten. Wild mit ihren Speeren, Macheten und Messern fuchtelnd, vollführten sie eine Art Todestanz und sangen dabei das schaurige Lied des Völkermords: „Tötet sie, tötet sie, tötet sie alle. Tötet die Großen und die Kleinen! Tötet die Alten und die Jungen! Auch eine kleine Schlange ist eine Schlange, töte auch sie, lass sie nicht entkommen! Tötet sie, tötet sie, tötet sie alle!“ (S. 110f.)
Immaculée erlebte, wie Nachbarn und Freunde zu Mördern wurden, Menschen, die früher bei ihren Eltern zu Abend gegessen hatten. Ihre Eltern und zwei ihrer Brüder wurden ermordet. Doch Immaculée überlebte in ihrem Versteck, ohne Unterlaß betend. Die Mörder fanden sie nicht, obwohl sie das Haus des Pfarrers durchsuchten.
„Aschenblüte“ ist ein Buch über das Böse, das den immer gleichen Mustern folgt, egal wo es sich ereignet. Angst und Haß werden geschürt, das Opfer wird entmenschlicht, zu Ungeziefer erklärt, alle Schranken der Zivilisation fallen:
„Jungen Hutu wurde von Kindesbeinen an beigebracht, daß Tutsi minderwertig waren, daß man ihnen nicht trauen durfte und daß sie in Ruanda nichts zu suchen hatten. Die Hutu erlebten jeden Tag, wie Tutsi diskriminiert wurden, erst auf dem Schulhof, dann am Arbeitsplatz, und sie lernten, uns aller menschlichen Züge zu berauben, indem sie uns „Schlangen“ und „Kakerlaken“ nannten. Kein Wunder, daß sie uns so leicht töten konnten - Schlangen mußten schließlich getötet, Kakerlaken vernichtet werden!“ (S. 121)
Vor allem aber ist „Aschenblüte“ ein Buch über Vergebung. Es klingt unvorstellbar, daß sie dazu fähig war: Aber Immaculée hat den Mördern ihrer Familie vergeben – mit Gottes Hilfe.
„Die Killer waren ja wie Kinder. Ja, sie waren barbarische Geschöpfe, die für ihr Tun hart bestraft werden mußten, aber dennoch Kinder. Sie waren grausam, bösartig und brutal, wie Kinder manchmal sind, aber dennoch - sie waren Kinder. Sie sahen, verstanden aber nicht, welch schreckliches Leid sie anderen zufügten. Sie schlugen auf andere ein, ohne nachzudenken, sie mordeten ihre Tutsi-Brüder und -Schwestern, sie verletzten Gott - und sie begriffen nicht, wie sehr sie sich damit selbst schadeten. Ihr Geist hatte sich mit dem Bösen infiziert, das sich über das Land ausgebreitet hatte, aber ihre Seele war nicht böse. Trotz der Gräueltaten, die sie verübten, waren sie Kinder Gottes, und einem Kind konnte ich vergeben, auch wenn es nicht leicht sein würde - vor allem da dieses Kind mich umzubringen versuchte.“ (130f.)
Als Immaculée vergeben konnte, hat sie ihren Zorn und ihre Bitterkeit verloren. Sie begegnet den Mördern mit bedingungsloser Liebe. „Ich wurde gerettet, damit ich erzählen kann“ lautet der Untertitel ihres Buchs. Und sie erzählt, wie Liebe und Vergebung über den Haß siegen können und daß alles möglich ist, wenn man auf Gott vertraut. Ihr Bericht hat mich tief berührt.
Immaculée Ilibagiza: Aschenblüte. Ich wurde gerettet, damit ich erzählen kann, Berlin: Ullstein 2008.
„Wir jagen sie in den Wäldern, auf Seen und Hügeln! Wir finden sie in der Kirche! Wir fegen sie vom Angesicht der Erde!“ [...] Hunderte von Männern umstanden das Haus, viele als Dämonen verkleidet, mit Röcken aus Baumrinde und Hemden aus getrockneten Bananenblättern, manche hatten sich sogar Ziegenhörner auf den Kopf gebunden. Ihre Gesichter waren trotz der gruseligen Kostümierung leicht zu erkennen und es stand Mordlust in ihren Augen. Sie johlten und brüllten. Wild mit ihren Speeren, Macheten und Messern fuchtelnd, vollführten sie eine Art Todestanz und sangen dabei das schaurige Lied des Völkermords: „Tötet sie, tötet sie, tötet sie alle. Tötet die Großen und die Kleinen! Tötet die Alten und die Jungen! Auch eine kleine Schlange ist eine Schlange, töte auch sie, lass sie nicht entkommen! Tötet sie, tötet sie, tötet sie alle!“ (S. 110f.)
Immaculée erlebte, wie Nachbarn und Freunde zu Mördern wurden, Menschen, die früher bei ihren Eltern zu Abend gegessen hatten. Ihre Eltern und zwei ihrer Brüder wurden ermordet. Doch Immaculée überlebte in ihrem Versteck, ohne Unterlaß betend. Die Mörder fanden sie nicht, obwohl sie das Haus des Pfarrers durchsuchten.
„Aschenblüte“ ist ein Buch über das Böse, das den immer gleichen Mustern folgt, egal wo es sich ereignet. Angst und Haß werden geschürt, das Opfer wird entmenschlicht, zu Ungeziefer erklärt, alle Schranken der Zivilisation fallen:
„Jungen Hutu wurde von Kindesbeinen an beigebracht, daß Tutsi minderwertig waren, daß man ihnen nicht trauen durfte und daß sie in Ruanda nichts zu suchen hatten. Die Hutu erlebten jeden Tag, wie Tutsi diskriminiert wurden, erst auf dem Schulhof, dann am Arbeitsplatz, und sie lernten, uns aller menschlichen Züge zu berauben, indem sie uns „Schlangen“ und „Kakerlaken“ nannten. Kein Wunder, daß sie uns so leicht töten konnten - Schlangen mußten schließlich getötet, Kakerlaken vernichtet werden!“ (S. 121)
Vor allem aber ist „Aschenblüte“ ein Buch über Vergebung. Es klingt unvorstellbar, daß sie dazu fähig war: Aber Immaculée hat den Mördern ihrer Familie vergeben – mit Gottes Hilfe.
„Die Killer waren ja wie Kinder. Ja, sie waren barbarische Geschöpfe, die für ihr Tun hart bestraft werden mußten, aber dennoch Kinder. Sie waren grausam, bösartig und brutal, wie Kinder manchmal sind, aber dennoch - sie waren Kinder. Sie sahen, verstanden aber nicht, welch schreckliches Leid sie anderen zufügten. Sie schlugen auf andere ein, ohne nachzudenken, sie mordeten ihre Tutsi-Brüder und -Schwestern, sie verletzten Gott - und sie begriffen nicht, wie sehr sie sich damit selbst schadeten. Ihr Geist hatte sich mit dem Bösen infiziert, das sich über das Land ausgebreitet hatte, aber ihre Seele war nicht böse. Trotz der Gräueltaten, die sie verübten, waren sie Kinder Gottes, und einem Kind konnte ich vergeben, auch wenn es nicht leicht sein würde - vor allem da dieses Kind mich umzubringen versuchte.“ (130f.)
Als Immaculée vergeben konnte, hat sie ihren Zorn und ihre Bitterkeit verloren. Sie begegnet den Mördern mit bedingungsloser Liebe. „Ich wurde gerettet, damit ich erzählen kann“ lautet der Untertitel ihres Buchs. Und sie erzählt, wie Liebe und Vergebung über den Haß siegen können und daß alles möglich ist, wenn man auf Gott vertraut. Ihr Bericht hat mich tief berührt.
Immaculée Ilibagiza: Aschenblüte. Ich wurde gerettet, damit ich erzählen kann, Berlin: Ullstein 2008.
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Ruanda
Montag, 25. Mai 2009
Fundstück
"Die Romane von früher (von vor fünfundvierzig Jahren) überhöhten das Leben, die heutigen würdigen es herab. Man nennt es näher an der Wahrheit bleiben. Kann sein."
Jules Barbey d'Aurevilly (1808-1889)
Jules Barbey d'Aurevilly (1808-1889)
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