Frau X. ist eine Dozentin, die ich an der Uni hatte. Sie gehörte zu den wenigen Lehrern, die durch ihre charismatische Art fast jeden für sich einnehmen, und hatte ein großes pädagogisches Talent. Eine beeindruckende Frau, nicht mehr ganz jung, aber gutaussehend, sehr elegant, klug, eine Dame. Plötzlich war sie verschwunden. Sie hatte öfter gesundheitliche Probleme und kam irgendwann nicht mehr zurück. Es ging das Gerücht um, daß sie eine lebensbedrohliche Krankheit hat. Ich fragte bei der Dekanatssekretärin nach, zu der ich einen guten Draht hatte, und erfuhr, daß Frau X. wegen psychischer Probleme nicht mehr arbeiten konnte. Die Sekretärin deutete an, es hätte mit einer Trennung zu tun.
Ich schrieb Frau X. einen Brief mit Genesungswünschen. Etwa ein Jahr später nahm sie mit mir Kontakt auf, was mich sehr überraschte. Sie lud mich zu sich nach Hause ein. Als ich sie wiedersah, hatte ich nicht den Eindruck, daß sie sich verändert hatte, sie war beeindruckend, gutaussehend, charmant und hatte immer noch diese souveräne Ausstrahlung, die jedem sofort auffiel. Sie suchte meine Freundschaft, ich weiß nicht warum. Ich weiß nur, daß sie mich sehr hübsch fand und mich auch deshalb gerne in ihrer Nähe hatte. Das mag oberflächlich klingen, aber es war so.
Sie war bestimmt 30 Jahre älter als ich, aber es wirkte nicht so, als hätte sie mütterliche Gefühle. Im Gegenteil. Sehr schnell war ich in der Rolle derjenigen, die zuhört und tröstet. Ich lernte sie sehr gut kennen. Schon bald sah ich nicht mehr die beeindruckende Dame in ihr, die von den Studentinnen bewundert worden war. Sie war vollkommen kaputt, ihrem Selbsthaß ausgeliefert, von schrecklichen Verlustängsten und starken Stimmungsschwankungen gequält. Ich erinnere mich an ihre übermäßige Trauer, als eines ihrer Katzenbabies gestorben war. Und ich erinnere mich an den Punkt, auf den sie in unseren Gesprächen oft zurückkam: Er hat sie verlassen. Ihr Ehemann, den sie über alles geliebt hat und dem sie immer den Rücken freigehalten hat.
Nach ihren Erzählungen hatten sie eine ganz normale Ehe geführt. Zwei Töchter bekommen, ein Haus gebaut. Natürlich war es nach einigen Jahren nicht mehr wie am Anfang, aber da war eine tiefe Liebe und Treue, zumindest von ihrer Seite aus. Die Trennung kam für sie wie aus heiterem Himmel. Plötzlich eröffnete er ihr, daß er eine Andere liebt. Eine Jüngere. Dann war er weg. Der Klassiker eben. Ein alternder Mann, der seine Jugend zurückgewinnen will, woran ihn einzig und allein die ebenfalls alternde Frau hindert, der er leider seine Treue versprochen hatte.
Frau X. fragte sich immer wieder, was sie falsch gemacht hatte. Irgendwann kreisten fast alle unsere Gespräche um diesen Punkt. Die Trennung, die Gründe dafür. Ich war völlig überfordert, aber ich verstand, daß die Trennung ihr eine Verletzung zugefügt hatte, die nicht heilen kann.
Einige Jahre später ist unser Kontakt abgebrochen. Doch eins hatte sich mir damals eingeprägt: Das Schlimmste, was ein Mann seiner Frau antun kann, ist genau das. Sie nach einer langen Ehe wegen einer Jüngeren zu verlassen. Das Treueversprechen in schweren Zeiten zu brechen. Oder einfach nur, weil es langweilig geworden war. Weil er sich noch einmal ausleben will. Weil junge Haut und straffe Körper verlockender sind. Mir war klar, daß Männer, die sowas tun, charakterlich verkommen sind, und ich niemals etwas mit einem verheirateten Mann anfangen würde. Damals war ich noch Atheistin, doch die Gemeinheit einer solchen Handlungsweise erschließt sich auch jedem aufrechten Heiden.
Später fand ich zu der Religion zurück, die versprach, auf der Seite der Schwachen zu sein. Der Religion, die Heilige hervorgebracht hatte, die sich lieber zu Tode quälen ließen als falschen Göttern oder dem Kaiser zu opfern.
Wenn damals, in meiner atheistischen Zeit oder kurz danach, ein Bischof einen Mann, der seine Frau wegen einer Jüngeren verlassen hat, als guten Katholiken bezeichnet hätte – und dies auch deshalb, weil dieser ein hohes Amt im Staat hat; wenn ich also erfahren hätte, daß ein Bischof aus Opportunismus die unveränderbare Lehre Christi verrät, um sich den Mächtigen (und natürlich auch dem Zeitgeist) an den Hals zu werfen, dann wäre ich heute nicht katholisch. Ich hätte mich vielleicht einer evangelischen Freikirche angeschlossen. In meiner jugendlichen Urteilshärte hätte ich Verachtung für einen solchen Bischof empfunden. Herr Z. hat zwar nicht Herrn X. als Katholiken bezeichnet, "der seinen Glauben lebt", aber einen Mann, der das Gleiche getan hat und leider das deutsche Staatsoberhaupt ist.
Feminismus hin oder her: Frauen leiden unter dem Verlust ihrer Jugend mehr als Männer. Und wenn ein Mann eine Frau, mit der er ein halbes Leben zusammengelebt hat, wie einen alten Putzlumpen entsorgt, weil er eine Jüngere gefunden hat, tut er ihr unendlich weh. Denn dadurch zeigt er ihr: Alles, was wir zusammen erlebt haben und was du für mich getan hast, kann den Verlust deiner Jugend und Schönheit nicht kompensieren. Ein solcher Mann ist egoistisch und herzlos.
Daß die Kirche unverrückbar auf der Seite dieser Frauen und aller Verlassenen ist, auch der verlassenen Männer, ist ein Trost. Schade nur, wenn irgendwelche lebensfernen alten Männer dies durch ihr verantwortungsloses Gerede verdunkeln.
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Samstag, 3. September 2011
Sonntag, 26. Juni 2011
Frauenfußball
Gefällt mir ja nicht. Ich kann damit nichts anfangen. Fußball mit richtigen Kerlen gucke ich gerne. Nicht, daß ich irgendwas davon verstehe, aber es schaut nett aus. So gesehen brauche ich mich um die Damenmeisterschaft nicht weiter zu kümmern. Soll sich angucken, wer will, ich nicht. Nur diese Dauerwerbung davor ging mir auf die Nerven – sie stand in keinem Verhältnis zu dem Interesse, das dieses Turnier tatsächlich weckt. Und vor allem hat sie in mir den Eindruck geweckt, daß dieses Sportereignis instrumentalisiert werden soll: Es paßt eben allzu gut zu der Gender-Agenda der Regierung.
Doch daß es hier keine Autokorsos gab, obwohl die deutschen Frauen gewonnen haben, kein Gehupe, keinen Torjubel, kein Fahnenmeer, hat mich doch ein bißchen gewundert. Zwar gab es am Main eine Fanmeile, und vor den Leinwänden war es auch ziemlich voll. Doch so voll, daß es kein Durchkommen gegeben hätte, war es nirgends: Kurz vor dem Anpfiff konnte ich dort noch zügig spazierengehen. Und letztlich ist selbst die Menschenmenge, die zusammengekommen ist, kein Indiz für wirkliches Interesse. Bei schönem Wetter ist am Main immer viel los – das ist im Sommer einfach DER Treffpunkt in Frankfurt. Und wenn man dann ein paar Leinwände aufstellt und genug Stände mit Essen und Trinken drumherum, kommen immer Leute und gucken – da könnte man auch live von der Bundesgartenschau übertragen. Fahnen und Fußballtrikots sah ich nur vereinzelt.
Klar, die Presse wird es hochjubeln, aber mein Eindruck ist, daß die Stimmung beim jährlich stattfindenden Ironman besser ist. Scheint ein ziemlicher Rohrkrepierer zu sein, die Frauen-WM. Was ich davon halten soll? Weiß auch nicht. Schadenfreude, weil die Werbung so wenig gebracht hat? Oder doch Bedauern, weil ich große Feste lieber mag als kleine? Ach egal. Ich mach' jetzt erstmal Pilates, ist ja auch Sport.
Doch daß es hier keine Autokorsos gab, obwohl die deutschen Frauen gewonnen haben, kein Gehupe, keinen Torjubel, kein Fahnenmeer, hat mich doch ein bißchen gewundert. Zwar gab es am Main eine Fanmeile, und vor den Leinwänden war es auch ziemlich voll. Doch so voll, daß es kein Durchkommen gegeben hätte, war es nirgends: Kurz vor dem Anpfiff konnte ich dort noch zügig spazierengehen. Und letztlich ist selbst die Menschenmenge, die zusammengekommen ist, kein Indiz für wirkliches Interesse. Bei schönem Wetter ist am Main immer viel los – das ist im Sommer einfach DER Treffpunkt in Frankfurt. Und wenn man dann ein paar Leinwände aufstellt und genug Stände mit Essen und Trinken drumherum, kommen immer Leute und gucken – da könnte man auch live von der Bundesgartenschau übertragen. Fahnen und Fußballtrikots sah ich nur vereinzelt.
Klar, die Presse wird es hochjubeln, aber mein Eindruck ist, daß die Stimmung beim jährlich stattfindenden Ironman besser ist. Scheint ein ziemlicher Rohrkrepierer zu sein, die Frauen-WM. Was ich davon halten soll? Weiß auch nicht. Schadenfreude, weil die Werbung so wenig gebracht hat? Oder doch Bedauern, weil ich große Feste lieber mag als kleine? Ach egal. Ich mach' jetzt erstmal Pilates, ist ja auch Sport.
Donnerstag, 5. Mai 2011
Plastikschrott
Ich liebe mein kleines weißes MacBook. Es ist erst ein halbes Jahr alt und ich gehe mit ihm um wie mit einem rohen Ei. Es thront auf meinem Schreibtisch, wird liebevoll behandelt und muß auch nie im Rucksack verreisen wie mein Dell-Netbook. Als ich zum ersten Mal mit ihm gearbeitet habe, war es eine Offenbarung: endlich Schluß mit diesem ständig abstürzenden, langsamen, von Version zu Version immer schlechter werdenden Windows. (Manchmal denke ich wehmütig an Windows 98 zurück. Damit konnte man noch arbeiten. Windows 7 auf dem Netbook ist eine Katastrophe.) Endlich habe ich ein schnelles, intuitives, sympathisches System ...
Doch leider gönnt Apple meinem MacBook kein vernünftiges Kleidchen. Sein Hochglanz-Weiß in Plastik ist zwar hübsch, aber erinnert von der Qualität her weniger an ein Designerkleid als an ein H&M-T-Shirt, das ich mal hatte: einmal gewaschen, und es war drei Nummern kleiner, hatte eine andere Farbe und ein anderes Muster.
Natürlich kam mein MacBook nie in die Waschmaschine, sondern wurde nur vorsichtig abgestaubt. Und dennoch: Gestern entdeckte ich Risse an den Scharnieren. Sie kamen über Nacht. Für mich war schon fast eine Welt zusammengebrochen, als mein Mac zum ersten Mal abgestürzt war, denn ich dachte, denen passiert das nicht. Und nun das. Ich googelte eine Weile und fand heraus, daß das wohl ein Serienfehler ist, der schon seit einigen Jahren bekannt ist. Sehr aufschlußreich die flickr-Gruppe "My MacBook was cracked by itself".
Apple soll bei solchen Fällen mittlerweile kulant sein. Trotzdem: Apple steht für Qualität, und ich verstehe nicht, wieso für dieses bekannte Problem nicht endlich eine Lösung gesucht wird. So kann man sich halt auch das Image kaputt machen.
Doch leider gönnt Apple meinem MacBook kein vernünftiges Kleidchen. Sein Hochglanz-Weiß in Plastik ist zwar hübsch, aber erinnert von der Qualität her weniger an ein Designerkleid als an ein H&M-T-Shirt, das ich mal hatte: einmal gewaschen, und es war drei Nummern kleiner, hatte eine andere Farbe und ein anderes Muster.
Natürlich kam mein MacBook nie in die Waschmaschine, sondern wurde nur vorsichtig abgestaubt. Und dennoch: Gestern entdeckte ich Risse an den Scharnieren. Sie kamen über Nacht. Für mich war schon fast eine Welt zusammengebrochen, als mein Mac zum ersten Mal abgestürzt war, denn ich dachte, denen passiert das nicht. Und nun das. Ich googelte eine Weile und fand heraus, daß das wohl ein Serienfehler ist, der schon seit einigen Jahren bekannt ist. Sehr aufschlußreich die flickr-Gruppe "My MacBook was cracked by itself".
Apple soll bei solchen Fällen mittlerweile kulant sein. Trotzdem: Apple steht für Qualität, und ich verstehe nicht, wieso für dieses bekannte Problem nicht endlich eine Lösung gesucht wird. So kann man sich halt auch das Image kaputt machen.
Sonntag, 17. April 2011
Sünde und Arbeit
Ich erinnere mich an einen Professor aus meinen Studienzeiten, einen Alt-68er, der mit triumphalistischem Gesichtsausdruck zu sagen pflegte, die Sünde sei heute abgeschafft. Was er damit ausdrücken wollte, war lediglich, daß er den Bedeutungsverlust der Religion gut fand und sich darüber freute, daß überall mit großer Offenheit über Sex gesprochen wird. Natürlich ist die Sünde nicht abgeschafft, das braucht man religiösen Menschen nicht zu erklären. Den Anderen mag das Wort "Sünde" wie ein Erinnerungsstück aus einer untergegangenen Welt erscheinen - doch auch sie kennen Schuld, Scham und die Angst, daß böse Taten offengelegt werden.
Die Vorstellung von Sünde als Verstoß gegen Gottes Gebote wird jedoch in säkularen Gesellschaften durch andere ersetzt. Man kommt ihnen auf die Spur, wenn man sich fragt, was das größte Tabu ist. Man darf heute über alles Mögliche in größter Offenheit reden, doch eines behält man besser für sich: berufliches Scheitern. Denn der Beruf ist wichtig, sogar entscheidend für das Selbstbild. Man arbeitet nicht nur für den Lebensunterhalt, viele andere Vorstellungen sind daran geknüpft: Erfolg hat, wer Karriere macht und gut verdient. Man braucht den richtigen Beruf, um sich selbst zu verwirklichen. Seine Fähigkeiten hat man bekommen, um sie im Beruf einzusetzen. Man muß immer wieder seine Ziele neu definieren, weiter vom Aufstieg träumen, vom nächsten Karriereschritt, und nie ist man irgendwo angekommen. Das alles ist selbstverständlich, die meisten haben es verinnerlicht. Ein preußisches Arbeitsethos hat die Seelen in Besitz genommen, auch an mir selbst merke ich das oft genug. Mir ist die Vorstellung nicht fremd, ich könnte, wenn ich über mein Leben Rechenschaft ablegen soll, vor allem nach beruflichen Fehlentscheidungen gefragt werden. Warum diese vollkommen unnütze Doktorarbeit, die mich nicht weitergebracht hat? (Sie wäre verzichtbar gewesen, aber das wußte ich erst später.) Warum nicht stattdessen ein Volontariat in einer angesagten Werbeagentur? Ich wäre heute wahrscheinlich irgendwo Creative Director, und da ich das nicht bin, kommt es mir erstrebenswert vor.
Der Erfolgsdruck ruft natürlich Gegenbewegungen hervor. Wenn es mit dem Beruf nicht klappt, reagiert man wie ein ertappter Sünder. Entweder mit einem verzweifelten "Ich war's nicht!" oder mit: "Da sind andere dran schuld." Der Staat, die Gesellschaft und so weiter. Da es nicht leicht ist, Karriere zu machen, und die Arbeitswelt härter geworden ist, braucht man sich nicht darüber zu wundern, daß soviele Menschen Zuflucht bei den Linken suchen. Denn dort wird ihnen genau das gesagt: Daß sie für ihr Scheitern nicht selbst verantwortlich sind, sondern daß es immer die anderen sind, die Umstände, das ungerechte System. Vielleicht ist es der Reiz linken Denkens, daß es auf diese Weise eine Art von Absolution verspricht. Aber wirklich befreiend ist das nicht.
Sonntag, 23. Januar 2011
Jubiläum
Zehnjahresfeier der Firma, in der ich arbeite. Der Chef und Gründer blickt auf die Anfänge zurück, natürlich nicht ohne Stolz. Er erinnert sich, wieviele schlaflose Nächte ihn das Wagnis gekostet hat, wieviele Schulden er machte, wie oft er nicht wußte, wie es weitergehen sollte. Aber er hat an seinem Traum, wie es in diesen Fällen so oft heißt, festgehalten. Mittlerweile arbeiten in dem einstigen Zwei-Mann-Betrieb fast 40 Leute.
Ungefähr so müßte wohl auch ein Christenleben aussehen. Etwas wagen! Nur daß unser Traum kein Unternehmen ist, sondern Gott.
Ungefähr so müßte wohl auch ein Christenleben aussehen. Etwas wagen! Nur daß unser Traum kein Unternehmen ist, sondern Gott.
Freitag, 29. Oktober 2010
Ich schreibe wie ...
Nachdem Johannes (http://materamata.blogspot.com/2010/10/oy-vey.html) von seinen Erfahrungen mit der FAZ-Seite „Ich schreibe wie“ berichtet hat, mußte ich das auch gleich ausprobieren. Also habe ich zwei Texte eingestellt. Zuerst einen für berufliche Zwecke. Ergebnis: Ich schreibe wie Melinda Nadj Abonji. Upps, wer ist das denn? Ein verbreiteter Internet-Suchdienst verrät mir: Melinda Nadj Abonji ist eine junge Schrifstellerin ungarischer Herkunft, die in der Schweiz lebt und sich vor allem als Performerin von Slam Poetry hervorgetan hat. Das Feuilleton der NZZ rühmt außerdem den Beat ihrer Sprache. Ich bin beeindruckt. Was für ungeahnte Talente schlummern doch in mir! Hoffentlich erfährt das mein Brötchengeber nicht. Slam Poetry ist, glaube ich, nicht das, was er von mir erwartet.
Zweiter Versuch, ein Text aus diesem Blog. Und das Ergebnis: Ich ... ähem ... Räusper ... also, ich ... hüstel ... Doch, es muß heraus: Ich – schreibe – wie – Johann – Wolfgang – naja, ihr wißt schon. Jahahaaa! Wie unser Dichterfürst! Welch ungeahnte Möglichkeiten tun sich da auf! Ich könnte meinen Künstlernamen ändern. „Johnny G.“ - das wäre doch eine passende Kombination meiner beiden literarischen Existenzweisen. Vielleicht sollten wir das Blog nur noch für zahlende Leser öffnen? Mal mit Benita darüber reden. Jetzt muß ich mich erst mal in meine Dichterklause zurückziehen. Und gründlich über meine weitere Karriere nachdenken. Mein seit langem nicht geschriebener Roman harrt der Veröffentlichung.
Jacopone
Jacopone
Freitag, 8. Oktober 2010
Warum ich nicht mehr gerne in Buchhandlungen gehe
Buchhandlungen habe ich früher geliebt. Stundenlang konnte ich da herumstöbern - wenn mich die Verkäuferin nicht vorher gefragt hat, ob sie mir behilflich sein könne. Heute habe ich für einen Freund ein Buchgeschenk gekauft – und auf einmal wurde mir bewußt, daß mich die Umgebung abstößt. Natürlich habe ich mir überlegt, warum das so ist. Hier das Resultat:
1. der pseudointellektuelle Buchhändler vom Typ Germanistik-Student im 25. Semester, der sich während des Kassierens am Handy lauthals über die furchtbaren Sauereien echauffiert, die zur Zeit in Stuttgart laufen.
2. das linksliberale Mainstream-Sortiment, das einem von den Regalen in seiner ganzen breitspurigen Dürftigkeit entgegenkreischt. Das ist wirklich nichts dabei, was mich interessiert.
3. die Kundschaft, beispielhaft repräsentiert durch jene verhärmt wirkende Mittfünfzigerin mit lederner Haut, grauem Bürstenhaarschnitt und Süddeutscher Zeitung unter dem Arm, die sich beim pseudointellektuellen Buchhändler erkundigt, ob „Sie noch was von 'Ljossa' da haben“ (wahrscheinlich hat sie den Namen gestern in ihrem Kulturradio zum ersten Mal gehört und nur den letzten Bestandteil behalten).
Auf der Flucht gerate ich in einen jener mehrstöckigen Büchertempel, die der gebildete Literaturfreund höchstens mit Naserümpfen betritt. Und was sehe ich da? In der Mitte ein großer Tisch, voll beladen mit den roten Büchertürmen einer gewissen, nicht hilfreichen Neuerscheinung. (Beim pseudointellektuellen Qualitätsbuchhändler gibt's die höchstens ganz oben in der rechten Regalecke - das Geschäft will er sich denn doch nicht ganz entgehen lassen). Und neben den roten Türmen, o Wonne: Udo Ulfkotte! Manchmal verschafft mir sogar eine Buchhandlung meinen inneren Reichsparteitag.
1. der pseudointellektuelle Buchhändler vom Typ Germanistik-Student im 25. Semester, der sich während des Kassierens am Handy lauthals über die furchtbaren Sauereien echauffiert, die zur Zeit in Stuttgart laufen.
2. das linksliberale Mainstream-Sortiment, das einem von den Regalen in seiner ganzen breitspurigen Dürftigkeit entgegenkreischt. Das ist wirklich nichts dabei, was mich interessiert.
3. die Kundschaft, beispielhaft repräsentiert durch jene verhärmt wirkende Mittfünfzigerin mit lederner Haut, grauem Bürstenhaarschnitt und Süddeutscher Zeitung unter dem Arm, die sich beim pseudointellektuellen Buchhändler erkundigt, ob „Sie noch was von 'Ljossa' da haben“ (wahrscheinlich hat sie den Namen gestern in ihrem Kulturradio zum ersten Mal gehört und nur den letzten Bestandteil behalten).
Auf der Flucht gerate ich in einen jener mehrstöckigen Büchertempel, die der gebildete Literaturfreund höchstens mit Naserümpfen betritt. Und was sehe ich da? In der Mitte ein großer Tisch, voll beladen mit den roten Büchertürmen einer gewissen, nicht hilfreichen Neuerscheinung. (Beim pseudointellektuellen Qualitätsbuchhändler gibt's die höchstens ganz oben in der rechten Regalecke - das Geschäft will er sich denn doch nicht ganz entgehen lassen). Und neben den roten Türmen, o Wonne: Udo Ulfkotte! Manchmal verschafft mir sogar eine Buchhandlung meinen inneren Reichsparteitag.
Donnerstag, 15. Juli 2010
God is not my thing
Ein bißchen Smalltalk in fehlerhaftemEnglisch kann fast jeder, aber wenn Gespräche in internationaler Runde plötzlich ins Ernsthafte abgleiten und sogar die Religion ins Spiel kommt, wird's schwierig. Vor allem für Katholiken, denn unser Glaube weist ja schon einen gewissen Grad an Komplexität auf. Der religiös Desinteressierte sagte, daß er nicht weiß, who God is und wenn er es sich aussuchen würde, würde er a mix from the best of all religions bevorzugen. Die liberale Protestantin dachte ähnlich. Der Evangelikale beeindruckte mit dem klaren Statement, daß jeder must accept Jesus as his saviour. Und dann sagte irgendjemand: "The catholics only believe in the Pope, Mary und God Father, but not in Jesus. Das war dann my turn, und als erstes stieß ich heftig gestikulierend das apodiktische Statement "It's not true!" hervor.
Wer schon mal versucht hat, in einer Sprache, die er nicht richtig beherrscht, den Begriff der Realpräsenz zu erklären, kann sich vielleicht vorstellen, was für eine Katastrophe dann folgte. Der Punkt ging diesmal jedenfalls an den Evangelikalen.
Meine Erklärungen haben mich ein wenig an David Sedaris' Geschichte "Jesus schummelt" erinnert. Dort geht es darum, daß die Schüler einer Pariser Sprachschule in ihrem Französisch-Kurs aufgefordert werden zu erklären, was Ostern ist: "Die Polinnen nahmen sich als erste im Rahmen ihrer Möglichkeiten der Aufgabe an. "Es ist", begann die eine, "eine Party für die kleine Junge von Gott, die heißt Jesus, und... ach Scheiße." Da sie nicht mehr weiterwußte, eilte ihre Landsmännin ihr zu Hilfe. "Die heißt Jesus, und dann ist gestorben an zwei ... Bretten ... aus Holz." usw.
[David Sedaris, Gute-Nackt-Geschichten, Frankfurt am Main 2005, S. 572.]
Doch manchmal nutzt auch Sprachbeherrschung nichts. So ging es mir jedenfalls, als ich mal einer Thailänderin, die nur mäßige Deutschkenntnisse hatte, den Begriff des "Gewissens" erklären wollte. Am Ende habe ich einen Kopf gezeichnet, in dem ein kleines Männchen sitzt, das sagt: "Du sollst nicht stehlen." Die Thailänderin schaute mich daraufhin sehr mitleidig an. Wahrscheinlich denkt sie nun, daß alle Deutschen Stimmen im Kopf hören.
Wer schon mal versucht hat, in einer Sprache, die er nicht richtig beherrscht, den Begriff der Realpräsenz zu erklären, kann sich vielleicht vorstellen, was für eine Katastrophe dann folgte. Der Punkt ging diesmal jedenfalls an den Evangelikalen.
Meine Erklärungen haben mich ein wenig an David Sedaris' Geschichte "Jesus schummelt" erinnert. Dort geht es darum, daß die Schüler einer Pariser Sprachschule in ihrem Französisch-Kurs aufgefordert werden zu erklären, was Ostern ist: "Die Polinnen nahmen sich als erste im Rahmen ihrer Möglichkeiten der Aufgabe an. "Es ist", begann die eine, "eine Party für die kleine Junge von Gott, die heißt Jesus, und... ach Scheiße." Da sie nicht mehr weiterwußte, eilte ihre Landsmännin ihr zu Hilfe. "Die heißt Jesus, und dann ist gestorben an zwei ... Bretten ... aus Holz." usw.
[David Sedaris, Gute-Nackt-Geschichten, Frankfurt am Main 2005, S. 572.]
Doch manchmal nutzt auch Sprachbeherrschung nichts. So ging es mir jedenfalls, als ich mal einer Thailänderin, die nur mäßige Deutschkenntnisse hatte, den Begriff des "Gewissens" erklären wollte. Am Ende habe ich einen Kopf gezeichnet, in dem ein kleines Männchen sitzt, das sagt: "Du sollst nicht stehlen." Die Thailänderin schaute mich daraufhin sehr mitleidig an. Wahrscheinlich denkt sie nun, daß alle Deutschen Stimmen im Kopf hören.
Samstag, 17. April 2010
Hilfe, es staubt
Vor ein paar Monaten hatten wir mal wieder richtiges Winterwetter (ganz entgegen der Vorgaben der Klimawandel-Agenda), und gleich wurde Hysterie geschürt: Hamsterkäufe machen! Batteriebetriebenes Radio kaufen! Kerzen und Decken! Zuhause bleiben! Draußen Knochenbruchgefahr! Deshalb wundert's mich nicht, daß die "gigantische" Staubwolke, die nach dem Vulkanausbruch in Island über Europa fliegt, einige Experten gleich wieder in Alarmstimmung versetzt: "WHO rät im Haus zu bleiben", schreibt die NZZ. Und wer nicht zuhause bleiben will, soll Atemschutzmasken tragen.
Ein Blick aus dem Fenster, endlich strahlendes Wetter, blauer Himmel, die Sonne nicht grau verfinstert, es regnet keine Asche, und wenn ich die Hand rausstrecke, legt sich keine Staubschicht drauf. Zum Glück niemand mit Atemschutzmaske auf der Straße. Und ich hole jetzt erstmal meinen Liegestuhl aus dem Keller.
Ein Blick aus dem Fenster, endlich strahlendes Wetter, blauer Himmel, die Sonne nicht grau verfinstert, es regnet keine Asche, und wenn ich die Hand rausstrecke, legt sich keine Staubschicht drauf. Zum Glück niemand mit Atemschutzmaske auf der Straße. Und ich hole jetzt erstmal meinen Liegestuhl aus dem Keller.
Mittwoch, 7. April 2010
Impression
Vor ein paar Tagen war ich wieder einmal an meiner alten Uni. Seltsam: Wenn ich das Campus-Gelände heute betrete, befällt mich jedesmal eine leise Depression. Nicht aus Sehnsucht nach der verflossenen Studentenzeit – es ist eher der Eindruck der Verwahrlosung, ja des Verfalls, der sich überall aufdrängt und den ich früher nicht so wahrnahm. Zwar wird an vielen Stellen gebaut, aber dennoch stellt sich keine Aufbruchstimmung ein, Gleichgültigkeit und Desinteresse überwiegen. An den Baustellen informieren keine Schilder darüber, was hier entstehen soll. Niemand scheint sich dafür zu interessieren. Die Gebäude sind ungepflegt und schmutzig, notdürftig ausgebessert und technisch nachgerüstet, um der wachsenden Zahl der Studenten standzuhalten. Zwischen den halb fertigen oder verfallenden Bauten immer noch die allgegenwärtige linke Propaganda, Plakate, Graffiti, Parolen, die sich anscheinend nirgendwo so zäh halten wie im Bildungswesen. Ob zwischen der um sich greifenden Verwahrlosung und der ungebrochenen Vorherrschaft linker Ideologien nicht ein Zusammenhang besteht? Auch das Konterfei von Karl Marx entdecke ich auf den Plakaten. Und plötzlich weiß ich, woran mich die Szenerie erinnert: an meinen ersten und einzigen Besuch in der real existierenden DDR 1986. Die gleiche graue Trostlosigkeit, die gleichen Parolen. Ein beeinruhigender Gedanke: die Universitäten als Vorgeschmack dessen, was die Bundesrepublik auf ihrem Weg in eine „DDR light“ erwartet.
Sonntag, 10. Januar 2010
Hilfe, es schneit!
Daß es im Winter schneit, sorgt seit Tagen für Schlagzeilen. Nicht etwa, weil Schnee was Schönes ist, man lange Spaziergänge machen kann, es unter den Schritten knirscht, die Welt stiller geworden ist, alles glitzert, und die Kinder ihre Thermohose angezogen bekommen und draußen spielen dürfen. Nein, es geht um die Gefahren, die die weiße Pracht mit sich bringt. Früher hat mal halt mal das Auto in der Garage gelassen, kam ein bißchen zu spät, und das war alles. Im Winter schneit es eben, und das wußten selbst die Journalisten. Heute wird Katastrophenstimmung erzeugt: Man wird aufgefordert, zuhause zu bleiben, sich mit Lebensmitteln einzudecken, Kerzen, Decken und möglichst noch ein batteriebetriebenes Radio zu kaufen. Wer nimmt sowas ernst? Gestern morgen, auf dem Weg zum Supermarkt, fiel mir die irritierende Leere auf den Straßen auf. Im Supermarkt genauso: Ich war fast allein, an einem Samstag. Die Verkäuferin sagte mir, die Leute hätten am Freitag "eingekauft wie verrückt", wegen des Wintersturms.
Sturm? Hier jedenfalls kein Lüftchen. Und der Schnee? Schön, aber nichts im Vergleich zu den Schneemengen, die ich aus meiner Kindheit noch kenne. Ein ganz normaler Winter eben, und die Österreicher würden darüber nur lachen. Immerhin, im Laufe des Tages wagten sich doch einige Spaziergänger auf die Straßen, und so wurde zumindest meine Befürchtung zerstreut, daß die letzten Überlebenden der Schweinegrippe von der Kälte dahingerafft wurden. Aber was ist das bloß für eine Gesellschaft, die mit Panik und Hysterie auf alles reagiert, was nur ein wenig vom Alltäglichen abweicht, und seien es ein paar Schneeflocken, und deren Hauptanliegen es zu sein scheint, jedes Risiko zu minimieren? Eine ziemlich labile jedenfalls. Täusche ich mich, wenn ich denke, daß sowas ein Zeichen von Orientierungslosigkeit und metaphysischer Verunsicherung ist?
Samstag, 28. November 2009
Das Kreuz
Man hört und weiß ja, daß in Italien allerorten Kreuze hängen, in Schulen, Geschäften, Restaurants - nach dem skandalösen Straßburger Urteil sind es noch mehr geworden. In der deutschen Stadt, in der ich lebe, könnte man hingegen einen Preis ausschreiben: Wer als Erster ein Geschäft entdeckt, in dem ein Kruzifix hängt, bekommt 1000 €, eine Reise nach Rom oder was auch immer. Nun, heute hätte ich gewonnen. Bei meiner Friseurin, im Eingangsbereich, für alle sichtbar: ein großes Kruzifix. Ich hatte sie bisher für eine Muslima gehalten. Heute erfuhr ich, daß sie mit ihrer Familie ihr arabisches Heimatland verlassen mußte, weil sie als Christin ständig unter Repressionen zu leiden hatte. Als sie das erzählte, standen mir fast die Tränen in den Augen. Wir verbannen hier unsere Religion aus dem öffentlichen Raum, stehen ihr gleichgültig gegenüber oder vergessen sie einfach: Und dann kommt eine Frau aus einem Land zu uns, in dem Christen verfolgt werden, und bringt uns das Kreuz zurück. Danke dafür!
Frühreif
Noch vor einer Woche wollte mich Emil , der Dreijährige einer meiner Freundinnen, mit seinem Plastikschwert und seinem Kinderbesen verhauen. Gestern hat er mich schon ganz gentlemanlike mit blauem Eßpapier verwöhnt und mir Kußhände zugeworfen. So schnell kann's gehen. Ich find's ja rührend, wenn so ein Kleiner sich wie ein großer Mann benehmen will. Muß man ihm nur noch sagen, daß nicht alle Mädchen auf blaues Eßpapier stehen - dann wird aus ihm mal ein richtiger Herzensbrecher.
Donnerstag, 26. November 2009
Die Feminisierung des Bildungswesens
... wird ja oft beklagt. Nun habe ich auch einmal ihre praktischen Folgen kennengelernt. Ich wollte einem neunjährigen Jungen den Unterschied zwischen du und Sie erklären. Etwa so:
Ich: "Also, du sagst du zu deinen Eltern, zum Lukas, zu den Jungs im Fußballverein, zu den Jungen und Mädchen in deiner Klasse. Klar?"
Der Junge: "Ja. Sie sage ich zu Frauen."
Ich: "Ähm, nur zu Frauen?"
Er: "Ja, zu der Lehrerin sage ich Sie."
Ich: "Und zu den Lehrern?"
Er (riesiges Fragezeichen im Gesicht): "Lehrer?"
Ich: "Ja, Lehrer, Männer halt, bei denen du Unterricht hast..."
Er (nach einem Augenblick des Nachdenkens): "Ich habe nur Lehrerinnen. Aber das wäre cool. Lehrer."
Ich: "Im Gymnasium kriegst du bestimmt welche. Und was sagst du dann zu denen?"
Er (nach einem noch längeren Augenblick des Nachdenkens, sehr siegessicher): "Er."
Ich: "Also, du sagst du zu deinen Eltern, zum Lukas, zu den Jungs im Fußballverein, zu den Jungen und Mädchen in deiner Klasse. Klar?"
Der Junge: "Ja. Sie sage ich zu Frauen."
Ich: "Ähm, nur zu Frauen?"
Er: "Ja, zu der Lehrerin sage ich Sie."
Ich: "Und zu den Lehrern?"
Er (riesiges Fragezeichen im Gesicht): "Lehrer?"
Ich: "Ja, Lehrer, Männer halt, bei denen du Unterricht hast..."
Er (nach einem Augenblick des Nachdenkens): "Ich habe nur Lehrerinnen. Aber das wäre cool. Lehrer."
Ich: "Im Gymnasium kriegst du bestimmt welche. Und was sagst du dann zu denen?"
Er (nach einem noch längeren Augenblick des Nachdenkens, sehr siegessicher): "Er."
Mittwoch, 23. September 2009
Beauty-Tag
Zum Frühstück gesundes Zeug gegessen, das von innen schön macht (Ananas, rechtsdrehenden Joghurt), keinen Kaffee dazu getrunken sondern warmes Wasser (wozu war das nochmal gut?), geduscht, am Main entlanggelaufen, wieder geduscht, Körperpeeling, Haare gewaschen, Haarkur rein, gewartet und dabei Fingernägel gefeilt, Haarkur ausgewaschen, Gesichtsmaske aufgelegt, mit Gesichtsmaske im Gesicht und Handtuch um die Haare und im Bademantel auf dem Sofa gesessen und Blogs gelesen, Gesichtsmaske abgewaschen, Augenbrauen gezupft, Haare gefönt, Haare auf Lockenwickler aufgedreht, mit Lockenwicklern auf dem Kopf zum Briefkasten gegangen und gehofft, daß mich niemand sieht, Fingernägel lackiert, mich mächtig in Schale geworfen, obwohl ich bloß in die Stadt wollte, Lidschatten (lila!) aufgetragen, Lidschatten wieder abgewaschen, weil er doof aussah, Wimpern getuscht, Lippenstift aufgetragen, losgezogen, um Schuhe zu kaufen und noch mehr Lippenstifte und goldenen Lidschatten und parfümierte Bodylotion. Und da habe ich mich dann doch gefragt: Zeige ich heute etwa eine übertriebene Neigung zur Putzsucht?
Über Putzsucht spricht heute niemand mehr, als Laster ist das in unserer vom Körperkult geprägten Zeit ziemlich aus der Mode gekommen. Dabei klagten schon die alten Römer über die Putzsucht der Frauen, und Tertullian widmete ihr eine ganze Schrift (De cultu feminarum), in der man nebenbei viel über die damaligen Frisurenmoden erfährt:
„Außerdem bringt Ihr noch Gott weiß was für Ungetüme von geflochtenem und gewebtem Haarwerk an, bald in der Form eines Hutes, gleichsam als Futteral für den Kopf und zur Bedeckung für den Scheitel, bald hinten als Wulst auf dem Nacken. Ein Wunder nur, daß nicht gegen Vorschriften des Herrn angegangen wird. Es gibt einen Ausspruch, niemand könne seinem Körpermaße etwas hinzufügen. Ihr fügt Eurem Gewichte noch eine Art von Kopfputz in der Form von Borten und Schildbuckeln hinzu, die am Nacken angeheftet werden müssen.“
(Tertullian, private und katechetische Schriften. Aus dem Lateinischen übersetzt von Dr. K. A. Heinrich Kellner. [Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 7] München 1912, S. 193f.)
Der Barockdichter Friedrich von Logau geißelte die Putzsucht ebenso wie der wortgewaltige Abraham a Sancta Clara. Die heilige Paula soll putzsüchtig gewesen sein, wurde aber durch Buße und ernsthafte Predigt davon abgebracht, Mozarts Stanzerl war auch putzsüchtig.
Da fällt mir ein, daß ich vor einiger Zeit ein altes, von den Jesuiten herausgegebenes Handbuch für Beichtväter durchgeblättert habe, in dem alle Fälle genauestens aufgeschlüsselt waren. Der Artikel über die Putzsucht dürfte die meisten Frauen beruhigen. Ich kann es jetzt nur sinngemäß wiedergeben, aber schlimm ist es nur dann, wenn eine Frau sich, kalt berechnend, für die Männer aufbrezelt. Wenn sie es aus einem angeborenen Drang heraus tut und weil sie sich halt gerne schön macht und wenn das Ganze nicht ausartet, ist es halbwegs okay. Gut. Aber ich würde schon gerne wissen, was die Jesuiten des 17. Jahrhunderts zum putzsüchtigen metrosexuellen Mann des 21. Jahrhunderts sagen würden. Empfehle jedenfalls erweiterte Neuauflage des Handbuchs.
Und mein Programm demnächst: Beauty-Tag für die Seele. Da bin ich dann hundertprozentig auf der sicheren Seite.
Über Putzsucht spricht heute niemand mehr, als Laster ist das in unserer vom Körperkult geprägten Zeit ziemlich aus der Mode gekommen. Dabei klagten schon die alten Römer über die Putzsucht der Frauen, und Tertullian widmete ihr eine ganze Schrift (De cultu feminarum), in der man nebenbei viel über die damaligen Frisurenmoden erfährt:
„Außerdem bringt Ihr noch Gott weiß was für Ungetüme von geflochtenem und gewebtem Haarwerk an, bald in der Form eines Hutes, gleichsam als Futteral für den Kopf und zur Bedeckung für den Scheitel, bald hinten als Wulst auf dem Nacken. Ein Wunder nur, daß nicht gegen Vorschriften des Herrn angegangen wird. Es gibt einen Ausspruch, niemand könne seinem Körpermaße etwas hinzufügen. Ihr fügt Eurem Gewichte noch eine Art von Kopfputz in der Form von Borten und Schildbuckeln hinzu, die am Nacken angeheftet werden müssen.“
(Tertullian, private und katechetische Schriften. Aus dem Lateinischen übersetzt von Dr. K. A. Heinrich Kellner. [Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 7] München 1912, S. 193f.)
Der Barockdichter Friedrich von Logau geißelte die Putzsucht ebenso wie der wortgewaltige Abraham a Sancta Clara. Die heilige Paula soll putzsüchtig gewesen sein, wurde aber durch Buße und ernsthafte Predigt davon abgebracht, Mozarts Stanzerl war auch putzsüchtig.
Da fällt mir ein, daß ich vor einiger Zeit ein altes, von den Jesuiten herausgegebenes Handbuch für Beichtväter durchgeblättert habe, in dem alle Fälle genauestens aufgeschlüsselt waren. Der Artikel über die Putzsucht dürfte die meisten Frauen beruhigen. Ich kann es jetzt nur sinngemäß wiedergeben, aber schlimm ist es nur dann, wenn eine Frau sich, kalt berechnend, für die Männer aufbrezelt. Wenn sie es aus einem angeborenen Drang heraus tut und weil sie sich halt gerne schön macht und wenn das Ganze nicht ausartet, ist es halbwegs okay. Gut. Aber ich würde schon gerne wissen, was die Jesuiten des 17. Jahrhunderts zum putzsüchtigen metrosexuellen Mann des 21. Jahrhunderts sagen würden. Empfehle jedenfalls erweiterte Neuauflage des Handbuchs.
Und mein Programm demnächst: Beauty-Tag für die Seele. Da bin ich dann hundertprozentig auf der sicheren Seite.
Freitag, 18. September 2009
Endlich
...hat im Supermarkt die Weihnachtszeit begonnen: Lebkuchen, Spekulatius, Dominosteine, Schoko-Weihnachtsmänner und -Tannenzapfen, Zimtsterne, eßbarer Baumbehang, Schokolade mit Glühweingeschmack. Das größte Rätsel dabei, wie jedes Jahr im Spätsommer: Wer will sowas bei diesen Außentemperaturen überhaupt schon essen? Ich hoffe jedenfalls, daß es mir nicht geht wie letztes Jahr: im Advent gefastet, zwei Tage vor Weihnachten losgezogen, um kiloweise Weihnachtssüßigkeiten zu kaufen - aber: es gab nichts mehr. Weit und breit rein gar nichts! Alle Regale leergeräumt. Mit großer Mühe konnte ich noch irgendwo ein paar reduzierte Lindt-Schoko-Pinguine auftreiben. Und das war's dann.
Dienstag, 4. August 2009
Anzüge
Gestern in der Stadt, gegen halb sieben, das Mainfest voll mit Leuten, die wohl gerade von der Arbeit kamen. Das konnte man an der Kleidung erkennen: diese typischen schlecht sitzenden Clownsanzüge des höheren Angestellten, aufgehübscht mit Krawatten, die irgendwie Individualität demonstrieren sollen, und der ebenso typische Schrebergärtnerstil, dem man meist in Amtsstuben begegnet. Wenigstens das machen die Frauen trotz aller Bemühungen um Gleichheit noch nicht in demselben Maße mit. (Kann aber noch kommen.) Gerade habe ich geguckt, wer schon mal was über Männerkleidung geschrieben hat: Michael Klonovsky hier.
Samstag, 1. August 2009
Heute in Frankfurt
Eine Ansage in der Straßenbahn: “Dom / Römer. Zum Frankfurter Weihnachtsmarkt bitte hier aussteigen.” Hat sich jemand im Kalender geirrt? Der Geruch von gebrannten Mandeln und Fritierfett umweht mich, Imbißstände auf dem Römerberg. Und ich fürchte, diesmal fangen sie schon im Hochsommer mit dem Weihnachtsmarkt an. Morgen beginnt der August, bald gibt es wieder Lebkuchen im Supermarkt. Doch diesmal falscher Alarm, das Fest nennt sich “Mainfest”. Besucherströme drängen in Richtung Stände, ich suche mir einen anderen Weg. In der Fußgängerzone Berge von silbernglänzenden, leeren Plastikbechern unter überquellenden Mülleimern. Leute in Gruppen, alle mit einem Becher Eiskaffee in der Hand, es gibt etwas umsonst. Eine Menschentraube, Kartons, eine Frau verteilt angestrengt Kaffeebecher. Sie werden an Ort und Stelle geöffnet, ausgetrunken, fallengelassen. Manche bleiben inmitten von Müllbergen stehen. Lauter trinkende Menschen, die es sich nicht ausgesucht haben, dieses Getränk zu dieser Zeit zu trinken. An einem der Plastiktische eines Schnellrestaurants sitzen zwei Männer, jeder hat drei Becher Eiskaffee vor sich stehen, sie strahlen vor Erobererstolz. Gelungene Werbung. Ich weiche jemandem aus und trete in eine Kaffeepfütze. Ein junger Mann will mir eine Frankfurter Rundschau aufdrängen, “Einmal probelesen, die Dame?”, hält mir die Zeitung direkt vors Gesicht, ich will sie nicht einmal geschenkt. Frankfurt ist heute anstrengend. Und das alles ist der Grund, warum ich gerade Oscar Wildes Gedichte lese: um Lebensekel mit Lebensekel zu vertreiben.
Taedium Vitae
Mir meiner Jugend eigner Mörder sein
In dieses leeren Daseins närrischer Tracht,
Zu fühlen, wie Gemeinheit ärmer macht,
Und wie die Seele krankt in Liebespein,
Und blindem Zufall mich zum Sklaven weihn -
Ich schwör's: ich lieb es nicht! Geringer acht
Ich dies als Schaum, der auf den Wassern lacht,
Als samenlose Distelflocken. Nein,
Viel besser fern von diesen Narren stehn,
Fern ihrem Unverstand und rohen Spotte,
Und sich verkriechen in der tiefsten Grotte,
Als in den heisern Streit zurückzugehn,
Wo mir zum erstenmal der sündigen Lüste
Gemeiner Mund die weiße Seele küsste!
Taedium Vitae
Mir meiner Jugend eigner Mörder sein
In dieses leeren Daseins närrischer Tracht,
Zu fühlen, wie Gemeinheit ärmer macht,
Und wie die Seele krankt in Liebespein,
Und blindem Zufall mich zum Sklaven weihn -
Ich schwör's: ich lieb es nicht! Geringer acht
Ich dies als Schaum, der auf den Wassern lacht,
Als samenlose Distelflocken. Nein,
Viel besser fern von diesen Narren stehn,
Fern ihrem Unverstand und rohen Spotte,
Und sich verkriechen in der tiefsten Grotte,
Als in den heisern Streit zurückzugehn,
Wo mir zum erstenmal der sündigen Lüste
Gemeiner Mund die weiße Seele küsste!
Dienstag, 28. Juli 2009
Bücherflohmarkt
Lange Zeit habe ich jedes Buch aufbewahrt, aus Respekt vor dem geschriebenen Wort oder warum auch immer. Dann habe ich mal meine Bücherregale inspiziert, ganze Regalmeter mit Büchern entdeckt, in die ich nie mehr reinschauen werde und das alles bei Amazon eingestellt. Hier nun die Sparten, die sich am besten und schnellsten verkaufen:
1. Tierbücher, alles über Meerschweine, das geht weg wie warme Semmeln.
Es folgen mit weitem Abstand:
2. Fachbücher, die irgendwer noch an der Uni braucht.
3. Psycho-Literatur, angefangen mit Freud
4. amerikanische Schriftsteller
5. Bücher über Vegetarismus und Frauenrechte
6. Philosophie, vor allem über Poststrukturalismus und solchen Kram
Ladenhüter: eindeutig deutsche Belletristik. Goethe.
1. Tierbücher, alles über Meerschweine, das geht weg wie warme Semmeln.
Es folgen mit weitem Abstand:
2. Fachbücher, die irgendwer noch an der Uni braucht.
3. Psycho-Literatur, angefangen mit Freud
4. amerikanische Schriftsteller
5. Bücher über Vegetarismus und Frauenrechte
6. Philosophie, vor allem über Poststrukturalismus und solchen Kram
Ladenhüter: eindeutig deutsche Belletristik. Goethe.
Samstag, 4. Juli 2009
Vertrauenerweckend
Heute nachmittag mal wieder gemerkt, wie wichtig für Blogger eine funktionierende Kamera wäre. Meine ist schon lange kaputt, sonst hätte ich das Schild photographiert, das ich an einem Juwelierladen im Bahnhofsviertel gesehen habe:
"Ohrloch und Nase stechen mit Infektionsmittel!"
Aber ohne Photo glaubt mir das ja sowieso niemand.
"Ohrloch und Nase stechen mit Infektionsmittel!"
Aber ohne Photo glaubt mir das ja sowieso niemand.
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