Dienstag, 24. August 2010

Tempelritter, Dandys und Gelehrte: G. A. Oblinger über Konvertiten

Benita hat ja angekündigt, mit dem Bloggen eine Pause zu machen. Obwohl ich ihre Beiträge sicher nicht ersetzen kann, werde ich hier in Zukunft hin und wieder doch etwas veröffentlichen: Buchbesprechungen, Leseeindrücke oder was mir sonst so durch den Kopf geht. Heute also eine Buchvorstellung. Sie beginnt mit einem Zitat. Der französische Autor André Frossard schreibt in seiner Autobiographie „Gott existiert. Ich bin ihm begegnet“: „Dieses Buch erzählt nicht, wie ich zum katholischen Glauben kam, sondern wie ich nicht dorthin ging und mich plötzlich dort befand. Es ist nicht die Darstellung einer geistigen Evolution, sondern ... so etwas wie die Zeugenaussage über einen Unfall.“ Gelesen habe ich das in dem Buch „Gesucht – gefunden. Bedeutende Konversionen“ von Georg Alois Oblinger, seines Zeichens Pfarrer und nebenher Autor für verschiedene Zeitungen, darunter die Junge Freiheit. Frossard beschreibt damit das völlig Unterwartete seiner Konversion, und für Oblinger illustriert das Zitat eine seiner Leitthesen: Daß Konversionen, Bekehrungen, geistige Lebenswenden nicht nur das Ergebnis einer religiösen Suche sind, sondern oft auch des unvermuteten, pötzlichen Einbruchs der göttlichen Gnade.

Theologische Reflexionen stehen aber nicht im Mittelpunkt dieses Buchs, sondern flott geschriebene Porträts, Lebensskizzen, angefangen von der biblischen Sünderin Maria Magdalena und endend bei Ernst Jünger. Und Oblinger versteht unter Konversion nicht nur formelle Konfessionswechsel, sondern auch Bekehrungen, die zu einem vertieften Verhältnis zum „ererbten“ Glaubens führten wie etwa bei Blaise Pascal. Eine wahrlich bunte Schar zieht da am Leser vorüber; große Kirchenmänner wie Augustinus oder Kardinal Newman, Gelehrte wie Jacques Maritain oder C. S. Lewis, Dandys wie Jules Barbey d'Aurevilly. Oblingers besondere Liebe gehört dabei den Intellektuellen und Schriftstellern, den Querköpfen und Unruhestiftern.

Drei Porträts, die ich besonders interessant fand, möchte ich hervorheben. Da ist zunächst der französische Schriftsteller Joris-Karl Huysmans, der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in seinen Skandalromanen „A rebours“ und „La-bas“ Ästhetizimus wie Okkultimus literarisch durchspielte. 1892 trat er in ein Trappistenkloster ein, später lebte er in einem Benediktinerkloster und schrieb weitere Romane wie „En route“ und „La Cathédrale“, in denen er über die Beschäftigung mit Mystik und monastischer Liturgie zum Wesen des Glaubens vordringt. Der deutsche Schriftsteller Hugo Ball, Gründungsvater des Dadaismus, konvertierte 1920 zum Katholizismus. Danach schrieb er unter anderem über die griechischen Kirchenväter das Buch „Byzantinisches Christentum“, das Hermann Hesse als „das schönste mir bekannte religiöse Buch“ bezeichnet hat. Die expressionistische Lyrikerin Claire Goll schrieb über Ball: „Hugo Ball hatte etwas von einem Mönch, einem Tempelritter, der sich auf einen Kreuzzug begab, um die Menschheit zu retten.“ Und schließlich als Kontrast der englische Satiriker Evelyn Waugh, der auch nach der Konversion sein Partyleben fortsetzte, freilich mit dem Unterschied, daß er jetzt regelmäßig zur Beichte ging. Seine Romane wie „Wiedersehen in Brideshead“ oder „Scoop“ (eine Abrechnung mit dem Sensationsjournlismus) sind ganz der Gegenwart verhaftet, deren Hedonismus Waugh attackiert, und gegen deren Orientierungslosigkeit er Halt in der katholischen Kirche suchte. So kritisierte Waugh auch die Liturgiereform nach dem Konzil: „Ich habe mich getäuscht und habe dort, wo ich Unwandelbares vermutete, Spuren einer Revolution wahrgenommen.“

Oblinger beherrscht die Kunst, sein Thema leicht und eingängig zu servieren. Das geht zwar manchmal auf Kosten des Tiefgangs, aber das macht nichts, interessant ist es allemal. Dafür sorgen auch die Zitate, die meist relativ unverbunden, aber gut ausgewählt am Ende der Porträts stehen. Deshab noch eine kleine Kostprobe:

„Die einzige Frage, die wirklich zählt – ob die Kirche tatsächlich verrückter ist als die Welt.“ (Gilbert Keith Chesterton)

„Um nicht in den Verdacht des Fanatismus zu geraten, haben sich die modernen Prediger etwas ausgedacht, was sie mit Bescheidenheit das Wort Gottes nennen. Es besteht darin, stundenlang zu salbadern und sich mit vollendeter Geschicklichkeit um das Ja und Nein herumzudrücken.“ (Léon Bloy)

„Wäre ich nicht Katholik, dann wäre ich noch viel unaustehlicher.“ (Evelyn Waugh)

Georg Alois Oblinger: Gesucht – gefunden. Bedeutende Konversionen. Kissleg: Fe-medien 2009.

Sonntag, 8. August 2010

Was uns die Bienen sagen

Neben dem Faulenzen gehört es zu meinen liebsten Urlaubsbeschäftigungen, Wissen zu erwerben, das ich nicht brauche. Deshalb habe ich mir einen Vortrag über Bienen angehört. Bienen sind so, wie die Deutschen mal waren: arbeitsam, durchorganisiert und undemokratisch. Aber sie sind auch poetisch: Blumenfreunde und Honigliebhaber wissen sie zu schätzen. Romatischerweise haben sie eine Königin. Und die Kunstfertigkeit, mit der sie ihre Waben errichten - jede einzelne exakt gleich groß - finde ich faszinierend. Irgendwie sind sie mir sympathisch, die Bienen. Jetzt sind sie vom Aussterben bedroht. Die Varroa-Milbe, ein Schädling, setzt ihnen zu.

Übrigens bin ich in guter Gesellschaft, denn auch Friedrich Spee hat sich schon für die Baukunst der Bienen begeistert: „Und wer nun mags ersinnen,/ Wie dan mitt schöner Kunst/ Das Werck sie da beginnen/ In lauter schwartzem Dunst?“, dichtete er, fasziniert von den „vöglein wunder fein“ und ihrer verborgenen Kunst. „Vil wunder von Gebeuen,/ Vil Heußlein auff das best,/ Im duncklen gar ohn scheuen/ Sie da dann gründen fest“. Das ganze Gedicht hat übrigens 44 Strophen und heißt: „Lob des Schöpffers darinn ein kleines wercklein seiner Weißheit, nemblich die wunder liebliche Handthirung der Immen oder Bienen Poetisch beschrieben wird“ - einen solchen Titel muß man einfach vollständig zitieren. Spees evangelischer Kollege und Zeitgenosse, Georg Philipp Harsdörffer, brauchte für das gleiche Thema. protestantisch sparsam, nur sieben Strophen. Seine „Immen“ sind ein Bildnis christlicher Liebe: Wie sie sollen „alle Christen/ nach Hönig wahrer Lieb/ ohn Haß und Neid gelüsten/ aus freiem Herzenstrieb.“

Die poetische Bienentheologie ist also interkonfessionell, ein ökumenisches Erbe. Sie hat zwei Väter: Vergil und den heiligen Hieronymus: Vergil, weil er die Bienenzucht im vierten Kapitel seiner Georgica beschrieben und dadurch literarisch geadelt hat. Und Hieronymus, weil er die Bienen als Vorbilder für die Menschen hingestellt hat: „Richte Bienenstöcke ein ... und lerne von den kleinen Wesen, wie Ordnung und Zucht im Kloster zu wahren sind“, empfahl er. Die Klöster haben sich daran gehalten, und die Bienenzucht gerne betrieben – nicht zuletzt, weil sie Wachs für die Kerzenherstellung brauchten. Aus dieser Beschäftigung ist einer der ältesten deutschen Texte überhaupt hervorgegangen: der Lorscher Bienensegen aus dem 10. Jahrhundert. Er hat den profanen Zweck, den Bienenschwarm davon abzuhalten, sich auf Nimmerwiedersehn in den nächsten Wald zu verabschieden: „Sitze, sitze, Biene, dir gebot es Sancta Maria/ Urlaub habe nicht, zum Walde fliehe nicht!“ Die Bienen sollten arbeiten: „Sitz ganz stille, wirk Gottes Willen.“

Die bekannteste Biene stammt aus dem 20. Jahrhundert. Allerdings ist Maja nicht so sehr durch die Kinderbücher von Waldemar Bonsels, sondern durch die Zeichentrickserie der 70er Jahre berühmt geworden. Als Geschöpf der Moderne hat sie sich von der lästigen Hausarbeit emanzipiert: Sie flattert mit Freund Willi umher und bringt uns die Wunder der Natur nahe. So hat sie schon vor dreißig Jahren das Berufsbild der Umwelt- und Erlebnispädagogin kreiert.

Doch auch die höhere Literatur hat sich weiter mit den Bienen befaßt: Ernst Jünger zum Beispiel, der sich auch sonst für allerlei Krabbelgetier interessiert hat. Er veröffentlichte 1957 den Zukunftsroman „Gläserne Bienen“. Das sind allerdings vollautomatisierte Miniroboter, deren Arbeitsleistung technologisch optimiert wurde: Sie saugen den Blumen sämtliche Nährstoffe aus, worauf diese absterben. Mit einer so traurigen Betrachtung soll dieser Beitrag nicht enden. Da ist mir die Biene lieber, die Carmen Bernos de Gasztold in ihren „Gebeten aus der Arche“ zu Wort kommen läßt: „Laß mein kleines Teilchen heißen Lebens/ einschmelzen in das große gemeinsame Schaffen,/ daß sich erhebe, zu Deinen Ruhme,/ dieser Tempel von Süße,/ diese Burg von Wohlgeruch,/ diese große Kerze, aus Kammern gebaut,/ geformt von Deinen Gnaden/ und meiner verborgenen Mühe.“

Nur für Mädchen: Bella und Edward

Feuilletonisten halten meist nicht viel von ihr. Doch die Leserinnen lieben sie: Stephenie Meyer.  Über ihren Erfolg braucht man sich nicht zu wundern. Ihre Zielgruppe sind Mädchen, die etwas jünger sind als ihre 17jährige Heldin Bella, und Stephenie Meyer weiß, was sie lesen wollen: die Geschichte von der Prinzessin, die erweckt wird, von der normalen 17Jährigen, die von einem Mann geliebt wird, mit dem sich der pubertierende Banknachbar in der Schule nicht messen kann.

Meyers altruistischer Vampir mit dem schönem, blassen Gesicht und dem Jane-Austen-Namen Edward ist ein ritterlicher Held, wie er in Liebesgeschichten auftaucht, seit es dieses Genre gibt. Mehr noch: In ihm wird diese Figur auf die Spitze getrieben, denn da er als Vampir unsterblich ist, währt seine Liebe ewig. Sind Meyers Romane, in denen sich alle Topoi der Mädchenliteratur, finden Kitsch? Vielleicht. Doch die meisten Mädchen mögen  solche Erzählungen nun einmal.


Stephenie Meyers Geschichten sind also nichts Außergewöhnliches, sie wurden zu allen Zeiten erzählt, und beinahe wirken sie banal. Doch vorgeworfen wird ihnen meist etwas ganz Anderes. So hält die "Welt" Stephenie Meyers Romane für "reaktionär", stört sich an ihrem Mangel an political correctness und wirft ihren Vampiren allzu viel Bürgerlichkeit und Traditionsbewußtsein vor,  "da und dort schreiten sie mittlerweile sogar zum Kirchgang":

"Wer die Zeichen in den Romanen richtig liest, erkennt sie als religiöse Unterweisung. Über Homosexuelle etwa mag Stephenie Meyer nicht mal reden, und mit ein bisschen Deutungskraft wird "Twilight" schnell zur Bekehrungsgeschichte. Das moderne Mädchen Bella Swan gibt ihre Karrierepläne auf, nimmt den Glauben patriarchalischer Mormonen an, die hier in Vampirkostümen stecken und gegen Sünden streiten, die der Mehrheit unbekümmerter Leser gar nicht mehr als Sünde gelten: Sex vor der Ehe etwa.
Den Mythos vom Vampir als Antichrist hat Meyer auf den Kopf gestellt, in den Wohnzimmern ihrer Untoten hängen sogar Kreuze. Dafür kehrt "Twilight" zur sexuellen Schwüle des 19. Jahrhunderts zurück. Das Pulsieren des Bluts rührt von der Unterdrückung sündiger Triebe. Kein Wunder, dass Sex mit dem Monster bei Meyer der Fortpflanzung dient. Und niemand stülpt über den Vampirzahn ein Kondom."

Stephenie Meyers Fehler also: Sie unterwirft sich nicht der herrschenden Ideologie.
Ohnehin muß diese Autorin den Feuilletonisten ein Dorn im Auge sein. Junge Schriftstellerinnen sind zwar gefragt,  aber sie sollten kaputt aussehen, aus ihrem Sexleben erzählen und den Götzen des Feminismus opfern. Doch Stephenie Meyer ist nicht Charlotte Roche und sieht nicht so aus. Sie schreibt nicht über Körperflüssigkeiten, sondern klassische Jugendbücher. Sie trägt mit Mitte 30 keine Hello Kitty-Taschen mehr spazieren, sondern ist Hausfrau und dreifache Mutter. Noch dazu ist sie religiös. Das Anathema war quasi unvermeidbar.

Doch der Markt gibt den Ideologen wie so oft unrecht, was Stephenie Meyers beinahe märchenhafter Erfolg beweist.  Mädchen träumen eben auch heute noch vom Prinzen, und jene Elemente der Mädchenliteratur, die sie dem Feuilleton so verhaßt machen, dürften die Autorin reich gemacht haben: der Traum von der einen großen Liebe und der Wunsch, auf den Richtigen zu warten, gehören dazu.

Doch heute gilt als bedrohlich, was in allen Zeiten selbstverständlich war. Wer träumt und wartet, wird unabhängig von seinen Bedürfnissen. Er läßt sich nicht so leicht zu einem konsumfixierten, von schneller Wunscherfüllung abhängigen Untertanen abrichten. Und wer nicht mehr Sklave seiner Bedürfnisse ist, könnte sich hervorwagen zu Geist und Ideen. Schlimmer noch: Einem Mädchen, das wie Bella über jeden Blick, jede Geste und jedes Wort des Geliebten nachdenkt, könnten die Glücksversprechen einer übersexualisierten Gesellschaft, schnelle Triebbefriedigung also, reizlos erscheinen. Es besteht das Risiko, daß sie die kulturelle Leistung des Wartens zu schätzen lernt, daß sich ihre Gefühlswelt verfeinert und sie die Kunst der Sublimierung lernt. Auch deshalb gehört "Twilight" in den Giftschrank - wenn es nach den linken Ideologen und Sozialingenieuren geht, die Gefühle, Bindungen und Familien zerstören wollen, damit das Individuum allein dem Staat gegenübersteht und ihm ausgeliefert ist. Der Gedanke an dauerhafte Liebe ist für sie so gefährlich wie der Glaube an das objektiv Schöne.  Denn auch solche Ideen machen frei, und so ist selbst die Ernüchterung nach einem Traum gefährlich, denn sie setzt das Hohe voraus.

Unsere Zeit bringt nicht viele große Liebesromane hervor, weil die Liebe banalisiert
wurde. Die Unmittelbarkeit der Bedürfnisbefriedigung läßt keine Zeit mehr für Träume, Ideen und Projektionen. Doch wer schon vor Stephenie Meyer warnt, muß Flaubert und Stendhal für Sprengstoff halten.

Donnerstag, 15. Juli 2010

God is not my thing

Ein bißchen Smalltalk in fehlerhaftemEnglisch kann fast jeder, aber wenn Gespräche in internationaler Runde plötzlich ins Ernsthafte abgleiten und sogar die Religion ins Spiel kommt, wird's schwierig. Vor allem für Katholiken, denn unser Glaube weist ja schon einen gewissen Grad an Komplexität auf. Der religiös Desinteressierte sagte, daß er nicht weiß, who God is und wenn er es sich aussuchen würde, würde er a mix from the best of all religions bevorzugen. Die liberale Protestantin dachte ähnlich. Der Evangelikale beeindruckte mit dem klaren Statement, daß jeder must accept Jesus as his saviour. Und dann sagte irgendjemand: "The catholics only believe in the Pope, Mary und God Father, but not in Jesus. Das war dann my turn, und als erstes stieß ich heftig gestikulierend das apodiktische Statement "It's not true!" hervor.

Wer schon mal versucht hat, in einer Sprache, die er nicht richtig beherrscht, den Begriff der Realpräsenz zu erklären, kann sich vielleicht vorstellen, was für eine Katastrophe dann folgte. Der Punkt ging diesmal jedenfalls an den Evangelikalen.

Meine Erklärungen haben mich ein wenig an David Sedaris' Geschichte "Jesus schummelt" erinnert. Dort geht es darum, daß die Schüler einer Pariser Sprachschule in ihrem Französisch-Kurs aufgefordert werden zu erklären, was Ostern ist: "Die Polinnen nahmen sich als erste im Rahmen ihrer Möglichkeiten der Aufgabe an. "Es ist", begann die eine, "eine Party für die kleine Junge von Gott, die heißt Jesus, und... ach Scheiße." Da sie nicht mehr weiterwußte, eilte ihre Landsmännin ihr zu Hilfe. "Die heißt Jesus, und dann ist gestorben an zwei ... Bretten ... aus Holz." usw.
[David Sedaris, Gute-Nackt-Geschichten, Frankfurt am Main 2005, S. 572.]

Doch manchmal nutzt auch Sprachbeherrschung nichts. So ging es mir jedenfalls, als ich mal einer Thailänderin, die nur mäßige Deutschkenntnisse hatte, den Begriff des "Gewissens" erklären wollte. Am Ende habe ich einen Kopf gezeichnet, in dem ein kleines Männchen sitzt, das sagt: "Du sollst nicht stehlen." Die Thailänderin schaute mich daraufhin sehr mitleidig an. Wahrscheinlich denkt sie nun, daß alle Deutschen Stimmen im Kopf hören.

Freitag, 2. Juli 2010

Josef Pieper: Vom Sinn der Tapferkeit

Die Süddeutsche fordert von der Kirche mehr „Demut“ in der Mißbrauchsdebatte. Daß zur Demut auch die Hinnahme falscher Anschuldigungen gehört, wissen die Redakteure der SZ vermutlich nicht – oder setzen sie darauf, daß dies ihr Geschäft erleichtert? Das Perfide an ihrer Empfehlung ist ja, daß sie mit einem verbreiteten Klischee arbeitet: daß es nämlich christlich sei, Angriffen keinen Widerstand zu leisten, sondern sie duldsam hinzunehmen. Dem steht freilich eine andere, sehr alte christliche Tugend entgegen: die Tapferkeit. Ihr hat Josef Pieper 1934 ein kleines Büchlein gewidmet, das auch heute noch lesenswert ist.

In der „Einleitung über das Menschenbild des liberalen Zeitalters“ weist Pieper der Tapferkeit das Amt zu, gegen die Macht des Bösen in der Welt zu kämpfen. Denn die „Existenz des Bösen, des Bösen in der menschlichen und in der dämonischen Welt“ ist für ihn eine „metaphysische Tatsache“. Damit ist zugleich klar, daß die Aufklärung zur Tapferkeit kein Verhältnis haben kann, denn sie habe das Böse aus der Welt herausphilosophiert. Einer unreflektierten Verherrlichung der Tapferkeit erteilt Pieper aber auch eine Absage. „Die Tapferkeit“, so sagt er mit dem heiligen Ambosius, „darf sich selbst nicht trauen.“ Dies erklärt er, indem er die Tapferkeit in das System der vier Kardinaltugenden einordnet, die das Christentum aus der antiken Philosophie übernommen hat: „Jedes Kind weiß, daß in der Reihe der Kardinaltugenden die Tapferkeit an dritter Stelle genannt wird. Diese Aufzählungsfolge ist nicht zufällig: sie ist zugleich Sinnfolge.“

Was früher einmal jedes Kind wußte, muß man heute (auch mir) erklären, also: die vier Kardinaltugenden – Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß – kriegt man zur Not ja noch zusammen, aber was sie bedeuten, welche philosophischen Gedanken hinter diesen Begriffen stecken, und wie das alles mit der Tapferkeit zusammenhängt, die sich immer von Klugheit und Gerechtigkeit leiten lassen muss, das erklärt Pieper in seinem für ihn typischen, klaren und präzisen, an Thomas von Aquin, seinem wichtigsten Gewährsmann, geschulten Stil. Pieper will gar nicht originell sein; „über den christlichen Sinn der Tapferkeit private Meinungen vorzubringen“, hat für ihn „wenig Wert“. Was man von ihm bekommt, ist daher das katholische Lehramt, repräsentiert durch die Autorität des heiligen Thomas. Es ist – vorkonziliare Theologie.

Wenn man diese Ausführungen liest, wird einem der grundsolide Realismus vor Augen geführt, der dieses Lehramt auszeichnet. Es ist nämlich alles andere als weltfremd und verstiegen, wie man ihm gern vorwirft, sondern pragmatisch und weltzugewandt. Dabei kämpft es zugleich mit offenem Visier, sagt klar, was gut und böse, richtig und falsch ist, und das immer auf der Basis von logischen Argumenten, nicht von Emotionen oder Wunschvorstellungen – eine wirkliche Lebenslehre.

Was aber ist nun Tapferkeit? Pieper definiert sie als „die Bereitschaft zu fallen“: Das hört sich ziemlich kriegerisch, ja militaristisch an, zumal vor dem zeithistorischen Hintergrund des Buches. Gemeint ist aber etwas anderes: „Tapferkeit setzt Verwundbarkeit voraus; ohne Verwundbarkeit gibt es nicht einmal die Möglichkeit der Tapferkeit. Ein Engel kann nicht tapfer sein, weil er nicht verwundbar ist. Tapfer sein heißt nämlich: eine Verwundung hinnehmen können ... Die äußerste und tiefste Verwundung aber ist der Tod.“ Es geht also gerade nicht um kriegerische Triumphe; in der christlichen Tradition ist die höchste Verkörperung der Tapferkeit der Märtyrer: „Wir siegen, wenn wir niedergemacht werden; wir entrinnen, wenn wir vor den Richter geführt werden“, sagt Tertullian.

Das klingt wieder sehr nach Weltverachtung. Es ist aber nur die eine Seite der Medaille und gilt nur für den Extremfall. Denn zur Tapferkeit gehört auch die Bereitschaft zum Angriff. Nach Thomas hat sogar der Zorn in diesem Zusammenhang seine Berechtigung: Der Tapfere, so sagt er, nimmt den Zorn auf („fortis assumat iram in actum suum“), „denn es ist dem Zorn eigentümlich, das Übel anzuspringen, und so wirken Tapferkeit und Zorn unmittelbar ineinander“. Hier wird etwas von der aktiven, vitalen und kämpferischen Seite des Christentums deutlich, die man leider viel zu selten zu sehen bekommt – nicht nur in der gegenwärtigen Situation.

Also, liebe Mitkatholiken: Wir müssen gar nicht immer „die andere Wange hinhalten“! Unser „allgemeiner Lehrer“ Thomas von Aquin hat die Bergpredigt jedenfalls anders gedeutet: „Denn die heilige Schrift ist von dem zu verstehen, was Christus und die Heiligen praktisch verwirklicht haben. Christus aber hat nicht die andere Wange hingehalten, als er vom Knecht des Hohenpriesters geschlagen wurde, sondern er hat entgegnet: „Habe ich Unrecht geredet, so beweise mir das Unrecht, habe ich aber recht geredet, warum schlägst du mich?“ (Joh 18,23) Deshalb, so Thomas, „versteht eine wörtliche Auslegung die Weisung der Bergpredigt falsch: Diese meint vielmehr die seelische Bereitschaft, ohne verwirrende Bitterkeit gegen den Angreifer Ähnliches und Schwereres zu ertragen, wenn es notwendig ist.“ Die Süddeutsche Zeitung zu ertragen, ist aber nicht notwendig.

Freitag, 25. Juni 2010

Selbstbestimmtes Sterben?

Unter dem Jubel der Medien, der Parteien und der evangelischen Kirche hat der Bundesgerichtshof das Tor zur flächendeckenden Anwendung der Euthanasie ein Stück weiter geöffnet. Künftig genügt schon der irgendwann einmal mündlich geäußerte Wille des Patienten, um nicht nur eine medizinische Behandlung, sondern auch die Versorgung mit Nahrung abzubrechen. „BGH stärkt Recht auf selbstbestimmtes Sterben“, frohlockt etwa die FAZ. Mal wieder werden die elementarsten Grundsätze objektiver Berichterstattung außer acht gelassen und die Propagandaparolen der Euthanasie-Lobby bedenkenlos für bare Münze genommen. Laut Urteilsbegründung kommt es auch nicht mehr darauf an, „ob die Grunderkrankung einen irreversibel tödlichen Verlauf genommen hat“. Entscheidend sei allein der Wille des Patienten, schreibt die FAZ. Der Tod als letztes Heilsversprechen einer sich absolut setzenden Selbstbestimmungsideologie.

Das heißt nicht, das ich grundsätzlich gegen Sterbehilfe wäre. Auch heute ist sie ja unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Doch der Anspruch, Anfang und Ende des Lebens selbst zu bestimmen, führt den Menschen in ein fatale Falle. Robert Spaemann hat es so auf den Punkt gebracht: „Macht man aus der Selbsttötung ein Recht, dann hat das schlimme Folgen. Dann trifft den Träger dieses Rechtes die Verantwortung für alle Folgen, alle Belastungen persönlicher und finanzieller Art, die sich daraus ergeben, dass er von diesem Recht keinen Gebrauch macht. Dadurch entsteht mit logischer Notwendigkeit ein unzulässiger Druck auf den Kranken oder Alten. Von der Verantwortung ist der Patient nur frei, wenn es für ihn gar keine rechtliche Möglichkeit gibt, seine Tötung durch andere zu erreichen." (Danke an P. Recktenwald für das Dossier, aus dem das Zitat stammt!) Die Erfahrungen, die man in den Niederlanden und anderswo mit der Liberalisierung der Sterbehilfe gemacht hat, sprechen dafür, daß genau das eintrifft.

Und die katholische Kirche? Von ihr habe ich noch nichts zu dem Fall gehört. Gedemütigt durch die Selbstzerfleischung der letzten Wochen, gejagt durch die Mißbrauchskampagne der Mainstream-Medien, wagt hier offenbar niemand mehr, gesellschaftliche Fehlentwicklungen beim Namen zu nennen.

Mittwoch, 23. Juni 2010

Deutschland gegen Ghana

Ein wichtiges Spiel, ein entscheidendes Spiel, ein schicksalhaftes Spiel: Ist Löw morgen noch Bundestrainer? Erlebt Podolski seinen inneren Reichsparteitag, nachdem er gegen Serbien dauernd nur vorbeigeschossen hat? Wieviele Spieler stellt der Skandal-Schiri vom Platz? Ab 20.30 Uhr Live-Ticker hier.