Dieser Irrtum ist weitverbreitet: Glaube bedeutet vor allem, daß man versucht, ein guter Mensch zu sein und moralische Normen einzuhalten. Dieses Mißverständnis wurzelt in der Zeit der Aufklärung. Der Glaube begann, schwächer zu werden. Man suchte nach einer anderen Begründung für den Glauben, oder vielmehr: nach seinem Zweck. Der Gedanke kam auf, Religion sei der beste Garant für Wohlverhalten. Und da begann das Moralisieren.
Die Rolle des Priesters wurde verändert und erweitert: Er wurde mehr und mehr zum Volkserzieher. Wie sehr dies heute nachwirkt, zeigt sich gerade in der Beichte. Das mystische Verständnis geht verloren. Die Aufgabe des Priesters ist es eigentlich, die Sünden von der Seele zu nehmen und den Gläubigen wieder mit Gott zu versöhnen. Doch mit der Zeit wurde aus der Beichte eine Mischung aus psychologischer Beratung, Coaching und nachgeholter Erziehung. Wenn vom Verfall des Bußsakraments die Rede ist, heißt es meistens, die Menschen hätten heute kein Sündenbewußtsein mehr. Möglicherweise ist ihnen aber auch bewußt, daß auf dem Gebiet psychologischer Beratung ein Psychologe nun einmal mehr zu leisten vermag als ein Priester.
Wie dem auch sei, die schwächliche aufgeklärte Vorstellung, man bräuchte den Glauben als moralisches Korsett, hat bei mir vor allem eins bewirkt: Ich verstand Nietzsche besser. Unerlöster kann man kaum wirken als jemand, der eine solche Stütze braucht.
Sonntag, 26. Juni 2011
Persönliche Gedanken über den alten Ritus
Die Alte Messe hat mich schon oft getröstet. Wenn ich Glaubenszweifel habe, führt sie mir das vor Augen, was das zweifelnde Ich übersteigt: das Heilige, das überzeitliche Mysterium, die andere Welt, die die Wirklichkeit ist.
Wenn ich mich in der Kirche heimatlos fühle, gibt sie mir Geborgenheit. Heimatlos fühle ich mich immer dann, wenn ich einen Bruch bemerke zwischen der Gegenwart, meiner Lebenswelt in einer abgeklärten, modernen Großstadt und der Art, wie sich die Kirche in Deutschland oft präsentiert: dieses provinzielle 70er-Jahre-Gefühl, die schief formulierten, gut gemeinten Fürbitten und die Momente der Peinlichkeit, wenn diese vorgetragen werden, die Lieder mit Kindergartentexten, diese heimelige Enge, die mich immer an die DDR erinnert, dieses Anbiedern an einen Zeitgeist, der sich schon längst woandershin bewegt hat, die Lethargie, die schwächliche Prinzipienlosigkeit ...
Doch die Heilige Messe aller Zeiten ist zeitlos: Sie ist auch die Messe unserer Zeit, weil sie sich immer treu bleibt.
Heute war ich in einer ordentlich gefeierten Messe in der neuen Form, zum ersten Mal seit Längerem. Ich zweifele nicht an der Gültigkeit der neuen Messe. Doch mittlerweile löst sie in mir oft Unbehagen aus. Ich lerne die Alte Messe besser kennen, zu verstehen und zu schätzen. Daneben erscheint mir die neue Messe so zusammengestrichen, reduziert und zerstückelt – wie eine kurze Nacherzählung eines Epos. Sie wirkt kalt und wenig anschaulich.
Es bereitet mir ästhetisches Unbehagen, bei der Wandlung das Gesicht des Priesters zu sehen. Oder die Gesichter der Konzelebranten hinter dem Volksaltar, wenn sie sich bemühen, andächtig zu schauen. Wenigstens erinnert das daran, daß man im Moment der Wandlung besser die Augen niederschlägt.
Es bereitet mir auch Unbehagen, daß in der neuen Messe alles so sehr vom Priester abhängt: Nur ein guter Priester kann diese Messe würdig feiern. Doch zu allen Zeiten hat es auch schlechte Priester gegeben. In der Alten Messe geht die Persönlichkeit des Priesters im Ritus auf und wird von ihr überdeckt. Sie ist stärker als die menschliche Schwäche des Zelebranten.
Ich empfinde die Schönheit der Alten Messe als ergreifend. Es fällt mir immer schwerer zu verstehen, was die Liturgiereform Gutes gebracht hat. Mir fällt nichts ein. Ich fange an, die Liturgiereform, diese Reform am Reißbrett, für eine der größten Narrheiten in der Geschichte der Kirche zu halten. Also setze ich meine Hoffnung auf eine Renaissance der jahrhundertealten, bewährten und gewachsenen Form.
Wenn ich mich in der Kirche heimatlos fühle, gibt sie mir Geborgenheit. Heimatlos fühle ich mich immer dann, wenn ich einen Bruch bemerke zwischen der Gegenwart, meiner Lebenswelt in einer abgeklärten, modernen Großstadt und der Art, wie sich die Kirche in Deutschland oft präsentiert: dieses provinzielle 70er-Jahre-Gefühl, die schief formulierten, gut gemeinten Fürbitten und die Momente der Peinlichkeit, wenn diese vorgetragen werden, die Lieder mit Kindergartentexten, diese heimelige Enge, die mich immer an die DDR erinnert, dieses Anbiedern an einen Zeitgeist, der sich schon längst woandershin bewegt hat, die Lethargie, die schwächliche Prinzipienlosigkeit ...
Doch die Heilige Messe aller Zeiten ist zeitlos: Sie ist auch die Messe unserer Zeit, weil sie sich immer treu bleibt.
Heute war ich in einer ordentlich gefeierten Messe in der neuen Form, zum ersten Mal seit Längerem. Ich zweifele nicht an der Gültigkeit der neuen Messe. Doch mittlerweile löst sie in mir oft Unbehagen aus. Ich lerne die Alte Messe besser kennen, zu verstehen und zu schätzen. Daneben erscheint mir die neue Messe so zusammengestrichen, reduziert und zerstückelt – wie eine kurze Nacherzählung eines Epos. Sie wirkt kalt und wenig anschaulich.
Es bereitet mir ästhetisches Unbehagen, bei der Wandlung das Gesicht des Priesters zu sehen. Oder die Gesichter der Konzelebranten hinter dem Volksaltar, wenn sie sich bemühen, andächtig zu schauen. Wenigstens erinnert das daran, daß man im Moment der Wandlung besser die Augen niederschlägt.
Es bereitet mir auch Unbehagen, daß in der neuen Messe alles so sehr vom Priester abhängt: Nur ein guter Priester kann diese Messe würdig feiern. Doch zu allen Zeiten hat es auch schlechte Priester gegeben. In der Alten Messe geht die Persönlichkeit des Priesters im Ritus auf und wird von ihr überdeckt. Sie ist stärker als die menschliche Schwäche des Zelebranten.
Ich empfinde die Schönheit der Alten Messe als ergreifend. Es fällt mir immer schwerer zu verstehen, was die Liturgiereform Gutes gebracht hat. Mir fällt nichts ein. Ich fange an, die Liturgiereform, diese Reform am Reißbrett, für eine der größten Narrheiten in der Geschichte der Kirche zu halten. Also setze ich meine Hoffnung auf eine Renaissance der jahrhundertealten, bewährten und gewachsenen Form.
Montag, 13. Juni 2011
Mein Preis
... geht an den Blog http://nachdenker-edsches.blogspot.com/, der sich politisch, katholisch, scharfsinnig und sachkundig mit dem (grünen) Zeitgeist auseinadersetzt - und die beste Antwort auf die Frage gibt: Können Katholiken grün sein? Für mich derzeit ein Licht in dunkler Geistesnacht!
Wie hübsch!
Unser kleines Blog hat einen Preis bekommen! Danke, Ulrich!
"Erstelle einen Post, in dem du das Award-Bild postest und die Anleitung reinkopierst (= dieser Text). Außerdem solltest du zum Blog der Person verlinken, die dir den Award verliehen hat und sie per Kommentar in ihrem Blog informieren, daß du den Award annimmst und ihr den Link deines Award-Posts hinterlassen. Danach überlegst du dir 3- 5 Lieblingsblogs, die du ebenfalls in deinem Post verlinkst & die Besitzer jeweils per Kommentar-Funktion informierst, daß sie getaggt wurden und hier ebenfalls den Link des Posts angibst, in dem die Erklärung steht.
Liebe Blogger: Das Ziel dieser Aktion ist, daß wir unbekannte, gute Blogs ans Licht bringen. Deswegen würde ich euch bitten, keine Blogs zu posten, die ohnehin schon 3000 Leser haben, sondern talentierte Anfänger & Leute, die zwar schon eine Weile bloggen, aber immer noch nicht so bekannt sind."
... und den Preis an drei Lieblingsblogs weitergeben. Da wären:
- eines meiner liebsten katholischen Blogs: http://summa-summarum.blogspot.com/. Ein katholischer Blogger, der unaufgeregt schreibt, ohne Polemik und verletzende Polarisierungen, mit viel Wissen und Gespür für Zwischentöne.
- Dort ist es still geworden, aber auch das ist ein Zeichen: Denn tiefgründige, kluge Beiträge brauchen Zeit, und es gibt nun einmal wirklich keinen Grund, um des Bloggens willen zu bloggen. Also keinen Preis für im Zehn-Minutentakt ausgestoßene Beiträge mit geringer Halbwertzeit, sondern für schöne Texte, die auch nach einem Jahr nicht an Aktualität verloren haben: http://geist-und-feuer.blogspot.com/
Und den dritten Link (und vielleicht auch den vierten und fünften) darf sich Jacopone überlegen ...
Dann muß ich jetzt nur noch diesen Text in den Beitrag kopieren ...
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Liebe Blogger: Das Ziel dieser Aktion ist, daß wir unbekannte, gute Blogs ans Licht bringen. Deswegen würde ich euch bitten, keine Blogs zu posten, die ohnehin schon 3000 Leser haben, sondern talentierte Anfänger & Leute, die zwar schon eine Weile bloggen, aber immer noch nicht so bekannt sind."
... und den Preis an drei Lieblingsblogs weitergeben. Da wären:
- eines meiner liebsten katholischen Blogs: http://summa-summarum.blogspot.com/. Ein katholischer Blogger, der unaufgeregt schreibt, ohne Polemik und verletzende Polarisierungen, mit viel Wissen und Gespür für Zwischentöne.
- Dort ist es still geworden, aber auch das ist ein Zeichen: Denn tiefgründige, kluge Beiträge brauchen Zeit, und es gibt nun einmal wirklich keinen Grund, um des Bloggens willen zu bloggen. Also keinen Preis für im Zehn-Minutentakt ausgestoßene Beiträge mit geringer Halbwertzeit, sondern für schöne Texte, die auch nach einem Jahr nicht an Aktualität verloren haben: http://geist-und-feuer.blogspot.com/
Und den dritten Link (und vielleicht auch den vierten und fünften) darf sich Jacopone überlegen ...
Dienstag, 7. Juni 2011
Mutlosigkeit und Fehleinschätzungen
Das ist ja wieder symptomatisch. Wenn der Papst in Berlin die Heilige Messe feiert, sieht man dafür erstmal den Platz vor dem Charlottenburger Schloß vor - weil man befürchtet, daß zu wenig Leute kommen.
Das sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Der Papst kommt! Und die denken ernsthaft, die Leute bleiben dann lieber zuhause auf dem Sofa oder grillen im Garten oder liegen faul am Spreeufer. Woher kommt diese absurde, absurde Fehleinschätzung? Mittwoch für Mittwoch pilgern viele Tausend Menschen - und darunter sehr viele Deutsche - zum Petersplatz, um den Heiligen Vater zu sehen. Weiß man das hier nicht? Und was ist mit den vielen Polen, die sicher auch gerne die Heilige Messe mit dem Papst besuchen würden?
Doch möglicherweise ist es den Verantwortlichen in der deutschen Kirche wirklich entgangen, wie sehr der Heilige Vater in der ganzen Welt, und auch von vielen Deutschen verehrt wird: Denn darüber pflegt die deutsche Presse ihre Leser nicht zu informieren, und es ist wohl leider zu befürchten, daß Bischof Zollitsch und seine Mitstreiter ihre Informationen über die Gemütslage der deutschen Katholiken vor allem von dort beziehen - außer sie treten gerade mal wieder in einen Dialogprozeß mit irgendwelchen notorischen Quenglern, die hochdotiert auf Lehrstühlen, Beamtenposten oder in Gremien sitzen. Das Resultat: eine verzagte Haltung. Das Zurückschrecken vor deutlichen Worten. Statt Freude und Aufbruchsstimmung eine bleierne Mutlosigkeit, für die obiger Vorgang symbolisch ist.
Mann Mann Mann. Immer diese dumme selektive Wahrnehmung! Ihr solltet echt weniger Zeitung lesen und mehr auf die Menschen zugehen! Jetzt warte ich nur noch auf den Tag, an dem Shakira in der Mehrzweckhalle hinter dem Dorfacker einquartiert wird - aus Angst, daß es auffallen könnte, wenn keiner kommt.
Das sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Der Papst kommt! Und die denken ernsthaft, die Leute bleiben dann lieber zuhause auf dem Sofa oder grillen im Garten oder liegen faul am Spreeufer. Woher kommt diese absurde, absurde Fehleinschätzung? Mittwoch für Mittwoch pilgern viele Tausend Menschen - und darunter sehr viele Deutsche - zum Petersplatz, um den Heiligen Vater zu sehen. Weiß man das hier nicht? Und was ist mit den vielen Polen, die sicher auch gerne die Heilige Messe mit dem Papst besuchen würden?
Doch möglicherweise ist es den Verantwortlichen in der deutschen Kirche wirklich entgangen, wie sehr der Heilige Vater in der ganzen Welt, und auch von vielen Deutschen verehrt wird: Denn darüber pflegt die deutsche Presse ihre Leser nicht zu informieren, und es ist wohl leider zu befürchten, daß Bischof Zollitsch und seine Mitstreiter ihre Informationen über die Gemütslage der deutschen Katholiken vor allem von dort beziehen - außer sie treten gerade mal wieder in einen Dialogprozeß mit irgendwelchen notorischen Quenglern, die hochdotiert auf Lehrstühlen, Beamtenposten oder in Gremien sitzen. Das Resultat: eine verzagte Haltung. Das Zurückschrecken vor deutlichen Worten. Statt Freude und Aufbruchsstimmung eine bleierne Mutlosigkeit, für die obiger Vorgang symbolisch ist.
Mann Mann Mann. Immer diese dumme selektive Wahrnehmung! Ihr solltet echt weniger Zeitung lesen und mehr auf die Menschen zugehen! Jetzt warte ich nur noch auf den Tag, an dem Shakira in der Mehrzweckhalle hinter dem Dorfacker einquartiert wird - aus Angst, daß es auffallen könnte, wenn keiner kommt.
Montag, 30. Mai 2011
Wo ist unser Israel?
Der kleine Sharuz ist ein ganz normales Kind. Zwar ist er dunkelhäutig, hat schwarze Haare und braune Augen, denn seine Familie stammt aus dem Iran. Aber beim Spielen mit den Nachbarskindern in Berlin-Spandau interessiert das niemand. Erst als die Familie in den Stadtteil Wedding umzieht, ändert sich das. Zuerst freut sich Sharuz über viele neue Spielkameraden, die genauso aussehen wie er: dunkelhäutig und scharzhaarig. Doch über die Standardfrage der Gleichaltrigen beim Fußball- oder Basketball wundert er sich: „Bist Du auch ein Muslim?“ Sharuz weiß nichts über Religionen, er ist säkular erzogen und glaubt nicht an Gott. Was die Frage zu bedeuten hat, erfährt er erst, als er eines Tages mit einer Halskette in der Schule erscheint, an der ein Davidstern hängt: ein Mitbringsel aus den Sommerferien in Israel. Sharuz ist Jude – und wird für die überwiegende Mehrzal seiner Mitschüler zum Feind, zum Ausgestoßenen, mit dem sie nichts mehr zu tun haben wollen, ja, den sie hassen und verabscheuen. Von einem Tag auf den andern.
Arye Sharuz Shalicar ist heute Pressesprecher der israelischen Armee. Er hat Deutschland den Rücken gekehrt. doch seine Kindheitserinnerungen hat er in deutscher Sprache veröffentlicht, unter dem provokanten Titel „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ (dtv 24797). Es zeigt dem Leser eine Welt, von der die meisten Deutschen, (noch dazu diejenigen, die Bücher lesen und sich für informiert halten), keine Ahnung haben. Es zeigt ein Deutschland, in dem Deutsche nur noch als entrückte Vertreter der Staatsmacht oder in Straßennamen vorkommen.
Schön ist nicht, diese „Bunte Republik Deutschland“. Der junge Sharuz erlebt sie als einen Dschungel von Gewalt und Anfeindungen, ein tägliches Spießrutenlaufen. Er wird gedemütigt und gejagt, bedroht und geschlagen: „Jude, du hast mit gesenktem Kopf durch die Schule zu laufen!“ - unverhüllter Antisemitismus mitten in Deutschland, aber nicht von deutschen Neonazis ausgehend, sondern von türkischen, kurdischen und arabischen Jugendlichen, die den Nahostkonflikt in unsere Städte importieren. Schließlich findet Sharuz so etwas wie Zuflucht in einer kriminellen Jugendgang. Er verschafft sich Respekt als Graffiti-Sprayer, ist bei Schlägereien und Messerstechereien vorn dabei. Doch bevor er völlig abstürzt, findet er Halt genau dort,wo die Ursache seiner Verfolgungen liegt: in seinem Jüdischsein. Er wird Zionist und wandert nach Israel aus.
Ein Vorzug des Buches liegt darin, daß Shalicar seine Erlebnise (fast) ohne Bitterkeit schildert. Er berichtet auch von Freunden, die er unter den Muslimen findet, wie etwa den frommen Türken Sahin, der auch in bedrohlichen Situaltionen zu ihm hält. Eine präzisere und zugleich lebendigere Schilderung der muslimischen „Kieze“ düfte in Deutschland derzeit nicht zu finden sein. Doch das Buch ist mehr als ein Beitrag zur „Integrationsdebatte“. Es ist zugleich eine Refexion über Identität und – wenn auch eher unausgesprochen – über den Glauben. Shalicar wird nicht nur Zionist, er beginnt auch, die jüdischen Gebote zu beachten, in die Synagoge zu gehen, den Sabbat zu feiern. Deutsche Identität begegnete ihm vorwiegend an der Schule, vor allem in Gestalt der „Vergangenheitsbewältigung“. Von einem Besuch seiner Grundschulklasse in einer Ausstellung über Anne Frank verdrückt er sich vorzeitig – er will lieber mit seinen Kumpels Fußball spielen. Die Pädagogik der Vergangenheitsbewältigung bleibt gegenwartsblind: die Drangsalierung eines lebendigen Juden scheint sich nicht wahrzunehmen. Seine Identität findet der junge Shalicar denn auch nicht in Deutschland, sondern in Israel, für ihn der Inbegriff eines stolzen, selbstbewußten Judentums, das sich gegen seine Feinde zur Wehr setzt.
Als deutscher Leser wird man spätestens hier sehr nachdenklich: Der Wedding ist mittlerweile nicht nur in Berlin, sondern auch in Köln oder Frankfurt, Duisburg oder Hamburg. Ich denke an die deutschen Kinder, die in den Schulen unserer Problemviertel vielleicht ähnliches erleben wie Sharuz Shalicar im Berlin der 90er Jahre. Ich denke auch an die Christen im Orient, die so tapfer in ihre belagerten Kirchen gehen, während die Kirchen hierzulande leer bleiben. Und ich frage mich: Woraus können wir in Deutschland eigentlich noch Halt, Orientierung und Stärke ziehen? Wo ist unser „Israel“?
Arye Sharuz Shalicar ist heute Pressesprecher der israelischen Armee. Er hat Deutschland den Rücken gekehrt. doch seine Kindheitserinnerungen hat er in deutscher Sprache veröffentlicht, unter dem provokanten Titel „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ (dtv 24797). Es zeigt dem Leser eine Welt, von der die meisten Deutschen, (noch dazu diejenigen, die Bücher lesen und sich für informiert halten), keine Ahnung haben. Es zeigt ein Deutschland, in dem Deutsche nur noch als entrückte Vertreter der Staatsmacht oder in Straßennamen vorkommen.
Schön ist nicht, diese „Bunte Republik Deutschland“. Der junge Sharuz erlebt sie als einen Dschungel von Gewalt und Anfeindungen, ein tägliches Spießrutenlaufen. Er wird gedemütigt und gejagt, bedroht und geschlagen: „Jude, du hast mit gesenktem Kopf durch die Schule zu laufen!“ - unverhüllter Antisemitismus mitten in Deutschland, aber nicht von deutschen Neonazis ausgehend, sondern von türkischen, kurdischen und arabischen Jugendlichen, die den Nahostkonflikt in unsere Städte importieren. Schließlich findet Sharuz so etwas wie Zuflucht in einer kriminellen Jugendgang. Er verschafft sich Respekt als Graffiti-Sprayer, ist bei Schlägereien und Messerstechereien vorn dabei. Doch bevor er völlig abstürzt, findet er Halt genau dort,wo die Ursache seiner Verfolgungen liegt: in seinem Jüdischsein. Er wird Zionist und wandert nach Israel aus.
Ein Vorzug des Buches liegt darin, daß Shalicar seine Erlebnise (fast) ohne Bitterkeit schildert. Er berichtet auch von Freunden, die er unter den Muslimen findet, wie etwa den frommen Türken Sahin, der auch in bedrohlichen Situaltionen zu ihm hält. Eine präzisere und zugleich lebendigere Schilderung der muslimischen „Kieze“ düfte in Deutschland derzeit nicht zu finden sein. Doch das Buch ist mehr als ein Beitrag zur „Integrationsdebatte“. Es ist zugleich eine Refexion über Identität und – wenn auch eher unausgesprochen – über den Glauben. Shalicar wird nicht nur Zionist, er beginnt auch, die jüdischen Gebote zu beachten, in die Synagoge zu gehen, den Sabbat zu feiern. Deutsche Identität begegnete ihm vorwiegend an der Schule, vor allem in Gestalt der „Vergangenheitsbewältigung“. Von einem Besuch seiner Grundschulklasse in einer Ausstellung über Anne Frank verdrückt er sich vorzeitig – er will lieber mit seinen Kumpels Fußball spielen. Die Pädagogik der Vergangenheitsbewältigung bleibt gegenwartsblind: die Drangsalierung eines lebendigen Juden scheint sich nicht wahrzunehmen. Seine Identität findet der junge Shalicar denn auch nicht in Deutschland, sondern in Israel, für ihn der Inbegriff eines stolzen, selbstbewußten Judentums, das sich gegen seine Feinde zur Wehr setzt.
Als deutscher Leser wird man spätestens hier sehr nachdenklich: Der Wedding ist mittlerweile nicht nur in Berlin, sondern auch in Köln oder Frankfurt, Duisburg oder Hamburg. Ich denke an die deutschen Kinder, die in den Schulen unserer Problemviertel vielleicht ähnliches erleben wie Sharuz Shalicar im Berlin der 90er Jahre. Ich denke auch an die Christen im Orient, die so tapfer in ihre belagerten Kirchen gehen, während die Kirchen hierzulande leer bleiben. Und ich frage mich: Woraus können wir in Deutschland eigentlich noch Halt, Orientierung und Stärke ziehen? Wo ist unser „Israel“?
Kreuzzeichen in Holland: Da schämt sich sogar der Hund
... meint einer der Prekariatsschreiber von "Welt online", der den Auftrag hatte, einen Propagandaartikel (bezeichnend schon der Titel: "Holländische Ultra-Christen wollen den Gottesstaat") gegen die in den Niederlanden stärker werdende Calvinisten-Partei zusammenzuschustern. Über einen ihrer Vertreter heißt es: "Hoefnagel bekreuzigt sich, seine Dogge schaut wie peinlich berührt auf das Wasser."
Nun weiß ich nicht, ob sich Calvinisten bekreuzigen. Das herauszufinden ist auch nicht mein Job. Aber der Artikel klingt nicht so, als hätte der Autor viel Recherche betrieben (außer mal kurz googlen). Würde ich aber auch nicht, wenn ich für meine Artikel nur 5,80 € bekäme. Mehr werden die dafür doch hoffentlich nicht zahlen! Und ich frage mich immer wieder, wieso sich die "Welt" einen derart erbärmlichen Online-Auftritt leistet.
Ich weiß auch nicht, wie die holländischen Calvinisten sind. Vermutlich sind es tüchtige, fleißige, wohlhabende, gottesfürchtige Geschäftsleute - vereinen also sämtliche Eigenschaften, die kleinen, politisch weit links stehenden, in zugigen WG-Zimmern hausenden Zeitungsschreibern verhaßt sind.
Ich weiß aber, was dahinter steckt. Die übliche Hetze gegen religiöse Menschen, die im medialen Diskurs der BRD immer die Bösen sind.
Und natürlich das Entsetzen darüber, daß ausgerechnet das freigeistige Kifferparadies Holland gerade eine radikale Wende durchlebt. Die Regierung ist konservativ, und mit dem Kiffen ist es auch bald vorbei.
Vor kurzem war ich für ein paar Tage dort. Eine Freundin hatte mich zum Geburtstag eingeladen, und ich war doch ein wenig erstaunt, daß damit eine gemütliche Familienfeier mit Sahnetorte gemeint war. Erst kam ihre Familie (Eltern, Schwestern, Nichte, Schwager, Tante und Onkel), danach die Familie ihres Freundes (Eltern, Tante und Onkel, Bruder und Freundin, Opa Hank und seine Frau). Dazwischen ein paar Freundinnen. Außer mir sprachen alle Niederländisch. Klar, für mich war das schwierig. Ich betrachtete es als eine Art Übung - Manieren verfeinern und so - und habe mir überlegt, was Königin Beatrix in dieser Situation wohl tun würde. Also ordentlich sitzen, entspannt gucken, versuchen, den Gesprächen irgendwie zu folgen, und ab und zu ein bißchen auf Englisch mitreden. Und das zwölf Stunden lang! War anstrengend, und danach hätte man mich durchaus ins diplomatische Corps aufnehmen können.
Jedenfalls: eine solche Geburtstagsfeier, mit der ganzen Familie, habe ich hier in Deutschland bei Leuten in meinem Alter noch nie erlebt. Darüber wiederum haben meine holländischen Freunde gestaunt. Die übrigens viel bürgerlicher sind, als es hier für junge Akademiker üblich ist. Und vom Kiffen wirklich gar nichts hielten.
Und dann auf der Feier und in der Stadt: die vielen schönen, gut gekleideten und sehr weiblich auftretenden Frauen. Mit Gender-Mainstreaming war das wohl nix. Ich bin ja nun wirklich kein Nerd, der nur zwei Hosen und einen gestreiften Pulli besitzt. Stattdessen habe ich einen Schrank voll mit kurzen schwarzen Kleidern und eine Kiste mit Vogue-Heften. Aber neben den holländischen Frauen ... fühlte ich mich fast ein bißchen blaß.
Schön fand ich es auch, daß meine Freundin ein traditionelles holländisches Essen für mich gekocht hat - Rollbraten mit Kartoffeln, Bohnen und Apfelmus - den Braten geschnitten hat ihr Freund.
Und dann ein Tag in Amsterdam - das Gegenteil dieser sanften häuslichen Atmosphäre. Den Touristenströmen gefolgt, ins Rotlichtviertel geraten. Ein Schaufenster neben dem anderen, in jedem eine tanzende Frau in Reizwäsche, die meisten mit slawischen Gesichtern. Alkohol, Rauchschwaden, und vor allem die leeren Gesichter der Frauen hinter Glas, die so sehr gedemütigt wurden. Da dachte ich, genau so sieht eine entchristlichte Stadt in Reinform aus. Und daß die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen nach dem Verlust des Glaubens um so stärker offenbar wird.
Nun weiß ich nicht, ob sich Calvinisten bekreuzigen. Das herauszufinden ist auch nicht mein Job. Aber der Artikel klingt nicht so, als hätte der Autor viel Recherche betrieben (außer mal kurz googlen). Würde ich aber auch nicht, wenn ich für meine Artikel nur 5,80 € bekäme. Mehr werden die dafür doch hoffentlich nicht zahlen! Und ich frage mich immer wieder, wieso sich die "Welt" einen derart erbärmlichen Online-Auftritt leistet.
Ich weiß auch nicht, wie die holländischen Calvinisten sind. Vermutlich sind es tüchtige, fleißige, wohlhabende, gottesfürchtige Geschäftsleute - vereinen also sämtliche Eigenschaften, die kleinen, politisch weit links stehenden, in zugigen WG-Zimmern hausenden Zeitungsschreibern verhaßt sind.
Ich weiß aber, was dahinter steckt. Die übliche Hetze gegen religiöse Menschen, die im medialen Diskurs der BRD immer die Bösen sind.
Und natürlich das Entsetzen darüber, daß ausgerechnet das freigeistige Kifferparadies Holland gerade eine radikale Wende durchlebt. Die Regierung ist konservativ, und mit dem Kiffen ist es auch bald vorbei.
Vor kurzem war ich für ein paar Tage dort. Eine Freundin hatte mich zum Geburtstag eingeladen, und ich war doch ein wenig erstaunt, daß damit eine gemütliche Familienfeier mit Sahnetorte gemeint war. Erst kam ihre Familie (Eltern, Schwestern, Nichte, Schwager, Tante und Onkel), danach die Familie ihres Freundes (Eltern, Tante und Onkel, Bruder und Freundin, Opa Hank und seine Frau). Dazwischen ein paar Freundinnen. Außer mir sprachen alle Niederländisch. Klar, für mich war das schwierig. Ich betrachtete es als eine Art Übung - Manieren verfeinern und so - und habe mir überlegt, was Königin Beatrix in dieser Situation wohl tun würde. Also ordentlich sitzen, entspannt gucken, versuchen, den Gesprächen irgendwie zu folgen, und ab und zu ein bißchen auf Englisch mitreden. Und das zwölf Stunden lang! War anstrengend, und danach hätte man mich durchaus ins diplomatische Corps aufnehmen können.
Jedenfalls: eine solche Geburtstagsfeier, mit der ganzen Familie, habe ich hier in Deutschland bei Leuten in meinem Alter noch nie erlebt. Darüber wiederum haben meine holländischen Freunde gestaunt. Die übrigens viel bürgerlicher sind, als es hier für junge Akademiker üblich ist. Und vom Kiffen wirklich gar nichts hielten.
Und dann auf der Feier und in der Stadt: die vielen schönen, gut gekleideten und sehr weiblich auftretenden Frauen. Mit Gender-Mainstreaming war das wohl nix. Ich bin ja nun wirklich kein Nerd, der nur zwei Hosen und einen gestreiften Pulli besitzt. Stattdessen habe ich einen Schrank voll mit kurzen schwarzen Kleidern und eine Kiste mit Vogue-Heften. Aber neben den holländischen Frauen ... fühlte ich mich fast ein bißchen blaß.
Schön fand ich es auch, daß meine Freundin ein traditionelles holländisches Essen für mich gekocht hat - Rollbraten mit Kartoffeln, Bohnen und Apfelmus - den Braten geschnitten hat ihr Freund.
Und dann ein Tag in Amsterdam - das Gegenteil dieser sanften häuslichen Atmosphäre. Den Touristenströmen gefolgt, ins Rotlichtviertel geraten. Ein Schaufenster neben dem anderen, in jedem eine tanzende Frau in Reizwäsche, die meisten mit slawischen Gesichtern. Alkohol, Rauchschwaden, und vor allem die leeren Gesichter der Frauen hinter Glas, die so sehr gedemütigt wurden. Da dachte ich, genau so sieht eine entchristlichte Stadt in Reinform aus. Und daß die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen nach dem Verlust des Glaubens um so stärker offenbar wird.
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