Am 1. Oktober ist das Fest der heiligen Therese von Lisieux. Das weiß ich so genau, weil sie die Patronin der Schule ist, die ich besucht habe. Das hieß jedes Jahr: Patronatsfest, Schulgottesdienst und anschließend meist unterrichtsfrei, neun Jahre lang. Sowas prägt sich ein. Dennoch ist mir die heilige Therese in dieser Zeit nicht nähergekommen.
Geändert hat sich das erst, als ich Joseph Roths Erzählung „Die Legende vom heiligen Trinker“ gelesen habe. Und das, obwohl die heilige Therese darin gar nicht selbst auftritt (oder vielleicht doch?). Es ist Roths letzte Erzählung, geschrieben, als er schon vom jahrelangen Alkoholmißbrauch gezeichnet war, und sie hat nicht mehr ganz den Glanz seiner früheren Werke. Aber die Geschichte ist ergreifend: Ihr Hauptperson ist der Trinker Andreas, ein Stadtstreicher in Paris. Ihm wiederfährt eines Tages – ja, was eigentlich: ein Zufall, ein Wunder? Jedenfalls schenkt ihm ein wohlgekleideter Herr 200 Francs. Und hier kommt die heilige Therese ins Spiel: Denn da Andreas ein Mann von Ehre ist, verabredet er mit dem Herrn, das Geld zurückzuzahlen. Aber nicht dem Spender, sondern der „kleinen Therese“ in ihrer Kapelle Sainte-Marie-de-Batignolles. Insgesamt dreimal widerfahren dem guten Andreas solche Zufälle, dreimal kommt er unversehens in den Besitz großer Geldbeträge. Aber er macht keinen guten Gebrauch davon. Seine schwachen Versuche, sich in die Gesellschaft zurückzuarbeiten, scheitern sehr schnell: an falschen Freunden, leichten Mädchen und vor allem am Schnaps. Nur an die kleine Therese denkt er, denn er macht sich auch dreimal auf in die Kapelle Sainte-Marie-de-Batignolles, um die Schuld zurückzuzahlen. Aber vor der Kirche ist auch eine Kneipe, und so ist der gute Vorsatz rasch vergessen.
Da kommt die kleine Therese selbst zu ihm, in die Kneipe: „In diesem Augenblick tat sich die Tür auf, und während Andreas ein unheimliches Herzweh verspürte und eine große Schwäche im Kopf, sah er, daß ein junges Mädchen hereinkam und sich genau ihm gegenüber auf die Banquette setzte. Sie war sehr jung, so jung, wie er noch nie ein Mädchen gesehen zu glaubte, und sie war ganz himmelblau angezogen. Sie war nämlich blau, wie nur der Himmel blau sein kann, an manchen Tagen, und auch nur an gesegneten.“ Natürlich heißt das kleine Mädchen Therese, und es weiß gar nicht, wie ihm geschieht, als der verwahrloste Mann ihm Geld aufdrängt. Während Andreas noch versucht, seine Schuld zu begleichen, bricht er zusammen, es geht mit ihm zu Ende. „Und man schleppt ihn, weil in der Nähe kein Arzt und keine Apotheke ist, in die Kapelle, und zwar in die Sakristei, weil Priester doch etwas von Sterben und Tod verstehen, wie die ungläubigen Kellner trotzdem glaubten; und das Fräulein, das Therese heißt, kann nicht umhin und geht mit.“ Hier stirbt Andreas.
„Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!“ - das ist der letzte Satz der Geschichte. Roths eigener Tod war leider anders. Er starb in einem Armenhospital, im Delirium tremens, ans Bett festgeschnallt und ganz verlassen. Fast könnte man meinen, daß sein Tod seine Erzählung widerlegt hat. Mir hat sie aber die Augen geöffnet, für die kleine Therese und für das, was sie uns zeigen will: das Wunderbare des Glaubens, das der Alltagsvernunft widerspricht. Das Schwache und Zarte, das doch so stark sein kann. Und die Gnade, die uns nachgeht, auch wenn wir ihr ausweichen.
Montag, 27. September 2010
Sonntag, 19. September 2010
Könnte katholischer Journalismus auch so aussehen?
„Schreiben Sie nichts, was nicht auch von der Jungfrau Maria unterschrieben werden könnte.“ Dieser Satz klingt so hoffnungslos naiv, so weltfremd, daß man fast darüber schmunzeln könnte. Aber er stammt von einem der erfolgreichsten katholischen Journalisten des 20. Jahrhunderts: dem heiligen Maximilian Kolbe. Verehrt wird er ja besonders als Märtyrer im Konzentrationslager Auschwitz. Weniger bekannt ist dagegen, daß dieser schmächtige, ständig von Krankheiten geplagte Franziskaner vor dem Krieg ein weltweit agierendes Presseunternehmen aufbaute. Die erfolgreichste von ihm herausgegebene Zeitschrift trug den wunderbar romantischen Titel „Ritter der Immaculata“ und erreichte immerhin eine Auflage von einer Million Exemplaren. Der „Ritter“, oder, wie er sich nannte, „Halbnarr“ der Immaculata, das war Kolbe selbst. Das Geheimnis seines Erfolges erklärt sein Biograph André Frossard so: „In der kleinformatigen Illustrierten“ wurde „nicht über die Welt für die Welt berichtet ..., sondern über den Himmel, über das Heil, das Leiden und die Hoffnung, eigentlich über all das, wovon die Presse nicht mehr spricht, sollte sie je davon gesprochen haben.“ Kolbe brachte seiner wachsenden Leserschaft das, „was den wenig gefragten Kern der menschlichen Natur ausmacht, nämlich den Wunsch zu glauben, zu hoffen und zu lieben.“
„Anstatt das Böse zu fördern, indem man über es schreibt, gilt es, das Gute hervorzuheben, um es dadurch um so begehrenswerter zu machen. Wenn schon die Aufmerksamkeit der Gesellschaft oder der Autoritäten auf irgendetwas Böses gelenkt werden muß, dann muß dies mit Liebe und Diskretion für die darin verwickelten Personen geschehen; man darf nicht übertreiben, niemals weiter als notwendig in die Einzelheiten des Bösen vordringen, um es zu beseitigen.“ Auch das ist eine Anweisung Kolbes für seine Redakteure. Ich muß gestehen, daß mich solche Sätze ein wenig beschämen. Ich bin kein Journalist, aber einiges, was ich hier geschrieben habe, ist von diesem Maßstab ziemlich weit entfernt. Könnte katholischer Journalismus heute noch so funktionieren? Ich glaube, daß der Kern der menschlichen Natur, von dem Frossard spricht, immer noch darauf wartet, angesprochen zu werden. Aber dazu müßte man wohl den den Glauben und die Unbekümmertheit eines Kolbe haben, der, so Frossard, einfach das „wiederholte ..., was ihm sein Herz eingab.“ Man müßte Sätze formulieren können wie diesen: „Ein einziger Akt vollkommener Liebe läßt die Seele wiedererstehen.“ Und man müßte so etwas nicht nur schreiben, sondern tun. So wie Kolbe es getan hat, als er in Auschwitz sein Leben für einen anderen, ihm völlig fremden Menschen opferte. Man müßte ... ja, müßte man das wirklich: ein Heiliger sein?
Alle Zitate aus dem Buch „Die Leidenschaft des Maximilian Kolbe: Eine Biographie“ von André Frossard (Kreuz-Verlag Stuttgart 1988).
PS. Allerdings brauche ich morgens nur fünf Minuten Frühstücksfernsehen zu gucken, um mir sofort einen ganz anderen katholischen Journalismus zu wünschen: einen, der der medialen Einheitsfront kräftig Contra gibt. Und das so aggressiv und polemisch wie möglich.
„Anstatt das Böse zu fördern, indem man über es schreibt, gilt es, das Gute hervorzuheben, um es dadurch um so begehrenswerter zu machen. Wenn schon die Aufmerksamkeit der Gesellschaft oder der Autoritäten auf irgendetwas Böses gelenkt werden muß, dann muß dies mit Liebe und Diskretion für die darin verwickelten Personen geschehen; man darf nicht übertreiben, niemals weiter als notwendig in die Einzelheiten des Bösen vordringen, um es zu beseitigen.“ Auch das ist eine Anweisung Kolbes für seine Redakteure. Ich muß gestehen, daß mich solche Sätze ein wenig beschämen. Ich bin kein Journalist, aber einiges, was ich hier geschrieben habe, ist von diesem Maßstab ziemlich weit entfernt. Könnte katholischer Journalismus heute noch so funktionieren? Ich glaube, daß der Kern der menschlichen Natur, von dem Frossard spricht, immer noch darauf wartet, angesprochen zu werden. Aber dazu müßte man wohl den den Glauben und die Unbekümmertheit eines Kolbe haben, der, so Frossard, einfach das „wiederholte ..., was ihm sein Herz eingab.“ Man müßte Sätze formulieren können wie diesen: „Ein einziger Akt vollkommener Liebe läßt die Seele wiedererstehen.“ Und man müßte so etwas nicht nur schreiben, sondern tun. So wie Kolbe es getan hat, als er in Auschwitz sein Leben für einen anderen, ihm völlig fremden Menschen opferte. Man müßte ... ja, müßte man das wirklich: ein Heiliger sein?
Alle Zitate aus dem Buch „Die Leidenschaft des Maximilian Kolbe: Eine Biographie“ von André Frossard (Kreuz-Verlag Stuttgart 1988).
PS. Allerdings brauche ich morgens nur fünf Minuten Frühstücksfernsehen zu gucken, um mir sofort einen ganz anderen katholischen Journalismus zu wünschen: einen, der der medialen Einheitsfront kräftig Contra gibt. Und das so aggressiv und polemisch wie möglich.
Freitag, 10. September 2010
Kitsch, Intrigen, Mittelmaß: die deutsche Nachkriegsliteratur
Wer etwa noch Illusionen über die deutsche Nachkriegsliteratur hatte, dem werden sie durch den neuesten Essay von Thorsten Hinz, dem wortgewaltigen Autor der Jungen Freiheit, gründlich geraubt. In dem Bändchen „Literatur aus der Schuldkolonie“ präsentiert er die erste Garde der Nachkriegsautoren als einen Klüngel von Zeitgeistrittern, der seine Quasimonopolstellung durch eine Mischung aus Doppelmoral, Opportunismus und handfester Intrige errungen hat. Gemeint sind die Autoren der sogenannten Gruppe 47, deren jahrzehntelange Vormachtstellung erst heute allmählich durch den (über-)fälligen Generationenwechsel zu Ende geht.
Hinz' gedankliche Grundfigur ist in dem Begriff der Schuldtranszendez ausgedrückt. Er meint die Verabsolutierung des Holocaust zum Menschheitsverbrechen, die den Deutschen nach '45 eine unlebbare Negatividentität aufgezwungen habe. Das ist natürlich starker Tobak und für die Jünger der Political Correctness eine Blasphemie. Aber es erweist sich als probater Schlüssel für die Irrungen und Wirrungen deutscher Literatur nach 1945. Hinz macht für die Entstehung dieses Vorstellungskomplexes zwei Urheber verantwortlich: Die Amerikaner und Thomas Mann. Die Amerikaner mit ihrem Versuch der „Re-Education“ der Deutschen, Thomas Mann mit seinem Roman „Doktor Faustus“. Er appliziert das Motiv des Teufelspaktes auf den vermeintlich zum Diabolischen geneigten deutschen Nationalcharakter und gelangt so zur Gleichsetzung alles Deutschen mit dem absolut Bösen. Die Konsequenz, nach Hinz: „So erscheinen die Kultur und Geschichte Deutschlands als ein diabolisch inspiriertes Schuldverhängnis, das sich in der Raserei des Nationalsozialismus vollendet ... und durch die Kriegsgegner verdientermaßen an sein Ende gebracht wird.“
Es blieb den Autoren der Gruppe 47 vorbehalten, diese Grundidee zu verflachen, zu popularisieren und weiter zu entfalten. Alfred Andersch etwa feierte 1952 in den „Kirschen der Freiheit“ seine eigene Desertion bei Kriegsende als notwendige Delegitimation der Loyalität zum eigenen Volk, gerechtfertigt dadurch, daß „die Deutschen als Nation tot sein würden, so wie alle Nationen“. Wolfgang Koeppen gelang in seinem „Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ (1948) zum ersten Mal der Kunstgriff, sich bei der Darstellung der NS-Zeit nachträglich in die Perspektive der Opfer zu versetzen (hier des Juden Jakob Littner), ein Verfahren, das bis heute für sicheren Beifall gut ist. Und Heinrich Böll, der Großmeister der von ihm selbst ausgerufenen „Ästhetik des Humanen“, schaffte in den 60er Jahren den Übergang vom Vergangenheitsbewältiger zum moralisierenden Gesellschaftskritiker: Sein „Clown“ Hans Schnier, der nichts arbeitet, aber die Gesellschaft ständig mit hysterischen Anklagen überzieht, wäre heute als Leiter eines staatlich finanzierten Antirassismus-Projekts prädestiniert. Und die Hauptfigur aus „Gruppenbild mit Dame“, Leni Pfeiffer, nimmt gar die ganze Last der deutschen Geschichte auf sich. Sie bekommt ihr erstes Kind von einem russischen Kriegsgefangenen, ihr zweites von einem türkischen Gastarbeiter. In derartigem Sozialkitsch ruhen unverkennbar die geistigen Fundamente der heutigen Multikulti-Republik.
Das aufschlußreichste Kapitel des Buches behandelt den Schriftsteller Gerd Gaiser, der in den fünfziger Jahren die historischen Ereignisse nicht aus der Perspektive der Sieger, sondern aus einer einer deutschen Binnensicht zu zeichnen versuchte. Das konnte die linke Intelligentsia nicht dulden, und so wurde Gaiser durch eine konzertierte Attacke der Kritiker Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki literarisch vernichtet. An seiner Stelle schob das Literatur-Establishment den mittelmäßigen Böll in den Vordergrund. An diesem Beispiel wird besonders deutlich, wie viel der Siegeszug der Gruppe 47 mit Repression und geistiger Uniformisierung zu tun hatte. Hinz ist ein scharfsinniges, funkelndes Buch gelungen, das trotz seines schmalen Umfangs mehr Erkenntnis vermittelt als manch dickleibiger Germanistenwälzer.
Thorsten Hinz: Literatur aus der Schuldkolonie. Schreiben in Deutschland nach 1945. Schnellroda: Edition Antaios 2010.
Hinz' gedankliche Grundfigur ist in dem Begriff der Schuldtranszendez ausgedrückt. Er meint die Verabsolutierung des Holocaust zum Menschheitsverbrechen, die den Deutschen nach '45 eine unlebbare Negatividentität aufgezwungen habe. Das ist natürlich starker Tobak und für die Jünger der Political Correctness eine Blasphemie. Aber es erweist sich als probater Schlüssel für die Irrungen und Wirrungen deutscher Literatur nach 1945. Hinz macht für die Entstehung dieses Vorstellungskomplexes zwei Urheber verantwortlich: Die Amerikaner und Thomas Mann. Die Amerikaner mit ihrem Versuch der „Re-Education“ der Deutschen, Thomas Mann mit seinem Roman „Doktor Faustus“. Er appliziert das Motiv des Teufelspaktes auf den vermeintlich zum Diabolischen geneigten deutschen Nationalcharakter und gelangt so zur Gleichsetzung alles Deutschen mit dem absolut Bösen. Die Konsequenz, nach Hinz: „So erscheinen die Kultur und Geschichte Deutschlands als ein diabolisch inspiriertes Schuldverhängnis, das sich in der Raserei des Nationalsozialismus vollendet ... und durch die Kriegsgegner verdientermaßen an sein Ende gebracht wird.“
Es blieb den Autoren der Gruppe 47 vorbehalten, diese Grundidee zu verflachen, zu popularisieren und weiter zu entfalten. Alfred Andersch etwa feierte 1952 in den „Kirschen der Freiheit“ seine eigene Desertion bei Kriegsende als notwendige Delegitimation der Loyalität zum eigenen Volk, gerechtfertigt dadurch, daß „die Deutschen als Nation tot sein würden, so wie alle Nationen“. Wolfgang Koeppen gelang in seinem „Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ (1948) zum ersten Mal der Kunstgriff, sich bei der Darstellung der NS-Zeit nachträglich in die Perspektive der Opfer zu versetzen (hier des Juden Jakob Littner), ein Verfahren, das bis heute für sicheren Beifall gut ist. Und Heinrich Böll, der Großmeister der von ihm selbst ausgerufenen „Ästhetik des Humanen“, schaffte in den 60er Jahren den Übergang vom Vergangenheitsbewältiger zum moralisierenden Gesellschaftskritiker: Sein „Clown“ Hans Schnier, der nichts arbeitet, aber die Gesellschaft ständig mit hysterischen Anklagen überzieht, wäre heute als Leiter eines staatlich finanzierten Antirassismus-Projekts prädestiniert. Und die Hauptfigur aus „Gruppenbild mit Dame“, Leni Pfeiffer, nimmt gar die ganze Last der deutschen Geschichte auf sich. Sie bekommt ihr erstes Kind von einem russischen Kriegsgefangenen, ihr zweites von einem türkischen Gastarbeiter. In derartigem Sozialkitsch ruhen unverkennbar die geistigen Fundamente der heutigen Multikulti-Republik.
Das aufschlußreichste Kapitel des Buches behandelt den Schriftsteller Gerd Gaiser, der in den fünfziger Jahren die historischen Ereignisse nicht aus der Perspektive der Sieger, sondern aus einer einer deutschen Binnensicht zu zeichnen versuchte. Das konnte die linke Intelligentsia nicht dulden, und so wurde Gaiser durch eine konzertierte Attacke der Kritiker Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki literarisch vernichtet. An seiner Stelle schob das Literatur-Establishment den mittelmäßigen Böll in den Vordergrund. An diesem Beispiel wird besonders deutlich, wie viel der Siegeszug der Gruppe 47 mit Repression und geistiger Uniformisierung zu tun hatte. Hinz ist ein scharfsinniges, funkelndes Buch gelungen, das trotz seines schmalen Umfangs mehr Erkenntnis vermittelt als manch dickleibiger Germanistenwälzer.
Thorsten Hinz: Literatur aus der Schuldkolonie. Schreiben in Deutschland nach 1945. Schnellroda: Edition Antaios 2010.
Dienstag, 24. August 2010
Tempelritter, Dandys und Gelehrte: G. A. Oblinger über Konvertiten
Benita hat ja angekündigt, mit dem Bloggen eine Pause zu machen. Obwohl ich ihre Beiträge sicher nicht ersetzen kann, werde ich hier in Zukunft hin und wieder doch etwas veröffentlichen: Buchbesprechungen, Leseeindrücke oder was mir sonst so durch den Kopf geht. Heute also eine Buchvorstellung. Sie beginnt mit einem Zitat. Der französische Autor André Frossard schreibt in seiner Autobiographie „Gott existiert. Ich bin ihm begegnet“: „Dieses Buch erzählt nicht, wie ich zum katholischen Glauben kam, sondern wie ich nicht dorthin ging und mich plötzlich dort befand. Es ist nicht die Darstellung einer geistigen Evolution, sondern ... so etwas wie die Zeugenaussage über einen Unfall.“ Gelesen habe ich das in dem Buch „Gesucht – gefunden. Bedeutende Konversionen“ von Georg Alois Oblinger, seines Zeichens Pfarrer und nebenher Autor für verschiedene Zeitungen, darunter die Junge Freiheit. Frossard beschreibt damit das völlig Unterwartete seiner Konversion, und für Oblinger illustriert das Zitat eine seiner Leitthesen: Daß Konversionen, Bekehrungen, geistige Lebenswenden nicht nur das Ergebnis einer religiösen Suche sind, sondern oft auch des unvermuteten, pötzlichen Einbruchs der göttlichen Gnade.
Theologische Reflexionen stehen aber nicht im Mittelpunkt dieses Buchs, sondern flott geschriebene Porträts, Lebensskizzen, angefangen von der biblischen Sünderin Maria Magdalena und endend bei Ernst Jünger. Und Oblinger versteht unter Konversion nicht nur formelle Konfessionswechsel, sondern auch Bekehrungen, die zu einem vertieften Verhältnis zum „ererbten“ Glaubens führten wie etwa bei Blaise Pascal. Eine wahrlich bunte Schar zieht da am Leser vorüber; große Kirchenmänner wie Augustinus oder Kardinal Newman, Gelehrte wie Jacques Maritain oder C. S. Lewis, Dandys wie Jules Barbey d'Aurevilly. Oblingers besondere Liebe gehört dabei den Intellektuellen und Schriftstellern, den Querköpfen und Unruhestiftern.
Drei Porträts, die ich besonders interessant fand, möchte ich hervorheben. Da ist zunächst der französische Schriftsteller Joris-Karl Huysmans, der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in seinen Skandalromanen „A rebours“ und „La-bas“ Ästhetizimus wie Okkultimus literarisch durchspielte. 1892 trat er in ein Trappistenkloster ein, später lebte er in einem Benediktinerkloster und schrieb weitere Romane wie „En route“ und „La Cathédrale“, in denen er über die Beschäftigung mit Mystik und monastischer Liturgie zum Wesen des Glaubens vordringt. Der deutsche Schriftsteller Hugo Ball, Gründungsvater des Dadaismus, konvertierte 1920 zum Katholizismus. Danach schrieb er unter anderem über die griechischen Kirchenväter das Buch „Byzantinisches Christentum“, das Hermann Hesse als „das schönste mir bekannte religiöse Buch“ bezeichnet hat. Die expressionistische Lyrikerin Claire Goll schrieb über Ball: „Hugo Ball hatte etwas von einem Mönch, einem Tempelritter, der sich auf einen Kreuzzug begab, um die Menschheit zu retten.“ Und schließlich als Kontrast der englische Satiriker Evelyn Waugh, der auch nach der Konversion sein Partyleben fortsetzte, freilich mit dem Unterschied, daß er jetzt regelmäßig zur Beichte ging. Seine Romane wie „Wiedersehen in Brideshead“ oder „Scoop“ (eine Abrechnung mit dem Sensationsjournlismus) sind ganz der Gegenwart verhaftet, deren Hedonismus Waugh attackiert, und gegen deren Orientierungslosigkeit er Halt in der katholischen Kirche suchte. So kritisierte Waugh auch die Liturgiereform nach dem Konzil: „Ich habe mich getäuscht und habe dort, wo ich Unwandelbares vermutete, Spuren einer Revolution wahrgenommen.“
Oblinger beherrscht die Kunst, sein Thema leicht und eingängig zu servieren. Das geht zwar manchmal auf Kosten des Tiefgangs, aber das macht nichts, interessant ist es allemal. Dafür sorgen auch die Zitate, die meist relativ unverbunden, aber gut ausgewählt am Ende der Porträts stehen. Deshab noch eine kleine Kostprobe:
„Die einzige Frage, die wirklich zählt – ob die Kirche tatsächlich verrückter ist als die Welt.“ (Gilbert Keith Chesterton)
„Um nicht in den Verdacht des Fanatismus zu geraten, haben sich die modernen Prediger etwas ausgedacht, was sie mit Bescheidenheit das Wort Gottes nennen. Es besteht darin, stundenlang zu salbadern und sich mit vollendeter Geschicklichkeit um das Ja und Nein herumzudrücken.“ (Léon Bloy)
„Wäre ich nicht Katholik, dann wäre ich noch viel unaustehlicher.“ (Evelyn Waugh)
Georg Alois Oblinger: Gesucht – gefunden. Bedeutende Konversionen. Kissleg: Fe-medien 2009.
Theologische Reflexionen stehen aber nicht im Mittelpunkt dieses Buchs, sondern flott geschriebene Porträts, Lebensskizzen, angefangen von der biblischen Sünderin Maria Magdalena und endend bei Ernst Jünger. Und Oblinger versteht unter Konversion nicht nur formelle Konfessionswechsel, sondern auch Bekehrungen, die zu einem vertieften Verhältnis zum „ererbten“ Glaubens führten wie etwa bei Blaise Pascal. Eine wahrlich bunte Schar zieht da am Leser vorüber; große Kirchenmänner wie Augustinus oder Kardinal Newman, Gelehrte wie Jacques Maritain oder C. S. Lewis, Dandys wie Jules Barbey d'Aurevilly. Oblingers besondere Liebe gehört dabei den Intellektuellen und Schriftstellern, den Querköpfen und Unruhestiftern.
Drei Porträts, die ich besonders interessant fand, möchte ich hervorheben. Da ist zunächst der französische Schriftsteller Joris-Karl Huysmans, der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in seinen Skandalromanen „A rebours“ und „La-bas“ Ästhetizimus wie Okkultimus literarisch durchspielte. 1892 trat er in ein Trappistenkloster ein, später lebte er in einem Benediktinerkloster und schrieb weitere Romane wie „En route“ und „La Cathédrale“, in denen er über die Beschäftigung mit Mystik und monastischer Liturgie zum Wesen des Glaubens vordringt. Der deutsche Schriftsteller Hugo Ball, Gründungsvater des Dadaismus, konvertierte 1920 zum Katholizismus. Danach schrieb er unter anderem über die griechischen Kirchenväter das Buch „Byzantinisches Christentum“, das Hermann Hesse als „das schönste mir bekannte religiöse Buch“ bezeichnet hat. Die expressionistische Lyrikerin Claire Goll schrieb über Ball: „Hugo Ball hatte etwas von einem Mönch, einem Tempelritter, der sich auf einen Kreuzzug begab, um die Menschheit zu retten.“ Und schließlich als Kontrast der englische Satiriker Evelyn Waugh, der auch nach der Konversion sein Partyleben fortsetzte, freilich mit dem Unterschied, daß er jetzt regelmäßig zur Beichte ging. Seine Romane wie „Wiedersehen in Brideshead“ oder „Scoop“ (eine Abrechnung mit dem Sensationsjournlismus) sind ganz der Gegenwart verhaftet, deren Hedonismus Waugh attackiert, und gegen deren Orientierungslosigkeit er Halt in der katholischen Kirche suchte. So kritisierte Waugh auch die Liturgiereform nach dem Konzil: „Ich habe mich getäuscht und habe dort, wo ich Unwandelbares vermutete, Spuren einer Revolution wahrgenommen.“
Oblinger beherrscht die Kunst, sein Thema leicht und eingängig zu servieren. Das geht zwar manchmal auf Kosten des Tiefgangs, aber das macht nichts, interessant ist es allemal. Dafür sorgen auch die Zitate, die meist relativ unverbunden, aber gut ausgewählt am Ende der Porträts stehen. Deshab noch eine kleine Kostprobe:
„Die einzige Frage, die wirklich zählt – ob die Kirche tatsächlich verrückter ist als die Welt.“ (Gilbert Keith Chesterton)
„Um nicht in den Verdacht des Fanatismus zu geraten, haben sich die modernen Prediger etwas ausgedacht, was sie mit Bescheidenheit das Wort Gottes nennen. Es besteht darin, stundenlang zu salbadern und sich mit vollendeter Geschicklichkeit um das Ja und Nein herumzudrücken.“ (Léon Bloy)
„Wäre ich nicht Katholik, dann wäre ich noch viel unaustehlicher.“ (Evelyn Waugh)
Georg Alois Oblinger: Gesucht – gefunden. Bedeutende Konversionen. Kissleg: Fe-medien 2009.
Sonntag, 8. August 2010
Was uns die Bienen sagen
Neben dem Faulenzen gehört es zu meinen liebsten Urlaubsbeschäftigungen, Wissen zu erwerben, das ich nicht brauche. Deshalb habe ich mir einen Vortrag über Bienen angehört. Bienen sind so, wie die Deutschen mal waren: arbeitsam, durchorganisiert und undemokratisch. Aber sie sind auch poetisch: Blumenfreunde und Honigliebhaber wissen sie zu schätzen. Romatischerweise haben sie eine Königin. Und die Kunstfertigkeit, mit der sie ihre Waben errichten - jede einzelne exakt gleich groß - finde ich faszinierend. Irgendwie sind sie mir sympathisch, die Bienen. Jetzt sind sie vom Aussterben bedroht. Die Varroa-Milbe, ein Schädling, setzt ihnen zu.
Übrigens bin ich in guter Gesellschaft, denn auch Friedrich Spee hat sich schon für die Baukunst der Bienen begeistert: „Und wer nun mags ersinnen,/ Wie dan mitt schöner Kunst/ Das Werck sie da beginnen/ In lauter schwartzem Dunst?“, dichtete er, fasziniert von den „vöglein wunder fein“ und ihrer verborgenen Kunst. „Vil wunder von Gebeuen,/ Vil Heußlein auff das best,/ Im duncklen gar ohn scheuen/ Sie da dann gründen fest“. Das ganze Gedicht hat übrigens 44 Strophen und heißt: „Lob des Schöpffers darinn ein kleines wercklein seiner Weißheit, nemblich die wunder liebliche Handthirung der Immen oder Bienen Poetisch beschrieben wird“ - einen solchen Titel muß man einfach vollständig zitieren. Spees evangelischer Kollege und Zeitgenosse, Georg Philipp Harsdörffer, brauchte für das gleiche Thema. protestantisch sparsam, nur sieben Strophen. Seine „Immen“ sind ein Bildnis christlicher Liebe: Wie sie sollen „alle Christen/ nach Hönig wahrer Lieb/ ohn Haß und Neid gelüsten/ aus freiem Herzenstrieb.“
Die poetische Bienentheologie ist also interkonfessionell, ein ökumenisches Erbe. Sie hat zwei Väter: Vergil und den heiligen Hieronymus: Vergil, weil er die Bienenzucht im vierten Kapitel seiner Georgica beschrieben und dadurch literarisch geadelt hat. Und Hieronymus, weil er die Bienen als Vorbilder für die Menschen hingestellt hat: „Richte Bienenstöcke ein ... und lerne von den kleinen Wesen, wie Ordnung und Zucht im Kloster zu wahren sind“, empfahl er. Die Klöster haben sich daran gehalten, und die Bienenzucht gerne betrieben – nicht zuletzt, weil sie Wachs für die Kerzenherstellung brauchten. Aus dieser Beschäftigung ist einer der ältesten deutschen Texte überhaupt hervorgegangen: der Lorscher Bienensegen aus dem 10. Jahrhundert. Er hat den profanen Zweck, den Bienenschwarm davon abzuhalten, sich auf Nimmerwiedersehn in den nächsten Wald zu verabschieden: „Sitze, sitze, Biene, dir gebot es Sancta Maria/ Urlaub habe nicht, zum Walde fliehe nicht!“ Die Bienen sollten arbeiten: „Sitz ganz stille, wirk Gottes Willen.“
Die bekannteste Biene stammt aus dem 20. Jahrhundert. Allerdings ist Maja nicht so sehr durch die Kinderbücher von Waldemar Bonsels, sondern durch die Zeichentrickserie der 70er Jahre berühmt geworden. Als Geschöpf der Moderne hat sie sich von der lästigen Hausarbeit emanzipiert: Sie flattert mit Freund Willi umher und bringt uns die Wunder der Natur nahe. So hat sie schon vor dreißig Jahren das Berufsbild der Umwelt- und Erlebnispädagogin kreiert.
Doch auch die höhere Literatur hat sich weiter mit den Bienen befaßt: Ernst Jünger zum Beispiel, der sich auch sonst für allerlei Krabbelgetier interessiert hat. Er veröffentlichte 1957 den Zukunftsroman „Gläserne Bienen“. Das sind allerdings vollautomatisierte Miniroboter, deren Arbeitsleistung technologisch optimiert wurde: Sie saugen den Blumen sämtliche Nährstoffe aus, worauf diese absterben. Mit einer so traurigen Betrachtung soll dieser Beitrag nicht enden. Da ist mir die Biene lieber, die Carmen Bernos de Gasztold in ihren „Gebeten aus der Arche“ zu Wort kommen läßt: „Laß mein kleines Teilchen heißen Lebens/ einschmelzen in das große gemeinsame Schaffen,/ daß sich erhebe, zu Deinen Ruhme,/ dieser Tempel von Süße,/ diese Burg von Wohlgeruch,/ diese große Kerze, aus Kammern gebaut,/ geformt von Deinen Gnaden/ und meiner verborgenen Mühe.“
Übrigens bin ich in guter Gesellschaft, denn auch Friedrich Spee hat sich schon für die Baukunst der Bienen begeistert: „Und wer nun mags ersinnen,/ Wie dan mitt schöner Kunst/ Das Werck sie da beginnen/ In lauter schwartzem Dunst?“, dichtete er, fasziniert von den „vöglein wunder fein“ und ihrer verborgenen Kunst. „Vil wunder von Gebeuen,/ Vil Heußlein auff das best,/ Im duncklen gar ohn scheuen/ Sie da dann gründen fest“. Das ganze Gedicht hat übrigens 44 Strophen und heißt: „Lob des Schöpffers darinn ein kleines wercklein seiner Weißheit, nemblich die wunder liebliche Handthirung der Immen oder Bienen Poetisch beschrieben wird“ - einen solchen Titel muß man einfach vollständig zitieren. Spees evangelischer Kollege und Zeitgenosse, Georg Philipp Harsdörffer, brauchte für das gleiche Thema. protestantisch sparsam, nur sieben Strophen. Seine „Immen“ sind ein Bildnis christlicher Liebe: Wie sie sollen „alle Christen/ nach Hönig wahrer Lieb/ ohn Haß und Neid gelüsten/ aus freiem Herzenstrieb.“
Die poetische Bienentheologie ist also interkonfessionell, ein ökumenisches Erbe. Sie hat zwei Väter: Vergil und den heiligen Hieronymus: Vergil, weil er die Bienenzucht im vierten Kapitel seiner Georgica beschrieben und dadurch literarisch geadelt hat. Und Hieronymus, weil er die Bienen als Vorbilder für die Menschen hingestellt hat: „Richte Bienenstöcke ein ... und lerne von den kleinen Wesen, wie Ordnung und Zucht im Kloster zu wahren sind“, empfahl er. Die Klöster haben sich daran gehalten, und die Bienenzucht gerne betrieben – nicht zuletzt, weil sie Wachs für die Kerzenherstellung brauchten. Aus dieser Beschäftigung ist einer der ältesten deutschen Texte überhaupt hervorgegangen: der Lorscher Bienensegen aus dem 10. Jahrhundert. Er hat den profanen Zweck, den Bienenschwarm davon abzuhalten, sich auf Nimmerwiedersehn in den nächsten Wald zu verabschieden: „Sitze, sitze, Biene, dir gebot es Sancta Maria/ Urlaub habe nicht, zum Walde fliehe nicht!“ Die Bienen sollten arbeiten: „Sitz ganz stille, wirk Gottes Willen.“
Die bekannteste Biene stammt aus dem 20. Jahrhundert. Allerdings ist Maja nicht so sehr durch die Kinderbücher von Waldemar Bonsels, sondern durch die Zeichentrickserie der 70er Jahre berühmt geworden. Als Geschöpf der Moderne hat sie sich von der lästigen Hausarbeit emanzipiert: Sie flattert mit Freund Willi umher und bringt uns die Wunder der Natur nahe. So hat sie schon vor dreißig Jahren das Berufsbild der Umwelt- und Erlebnispädagogin kreiert.
Doch auch die höhere Literatur hat sich weiter mit den Bienen befaßt: Ernst Jünger zum Beispiel, der sich auch sonst für allerlei Krabbelgetier interessiert hat. Er veröffentlichte 1957 den Zukunftsroman „Gläserne Bienen“. Das sind allerdings vollautomatisierte Miniroboter, deren Arbeitsleistung technologisch optimiert wurde: Sie saugen den Blumen sämtliche Nährstoffe aus, worauf diese absterben. Mit einer so traurigen Betrachtung soll dieser Beitrag nicht enden. Da ist mir die Biene lieber, die Carmen Bernos de Gasztold in ihren „Gebeten aus der Arche“ zu Wort kommen läßt: „Laß mein kleines Teilchen heißen Lebens/ einschmelzen in das große gemeinsame Schaffen,/ daß sich erhebe, zu Deinen Ruhme,/ dieser Tempel von Süße,/ diese Burg von Wohlgeruch,/ diese große Kerze, aus Kammern gebaut,/ geformt von Deinen Gnaden/ und meiner verborgenen Mühe.“
Nur für Mädchen: Bella und Edward
Feuilletonisten halten meist nicht viel von ihr. Doch die Leserinnen lieben sie: Stephenie Meyer. Über ihren Erfolg braucht man sich nicht zu wundern. Ihre Zielgruppe sind Mädchen, die etwas jünger sind als ihre 17jährige Heldin Bella, und Stephenie Meyer weiß, was sie lesen wollen: die Geschichte von der Prinzessin, die erweckt wird, von der normalen 17Jährigen, die von einem Mann geliebt wird, mit dem sich der pubertierende Banknachbar in der Schule nicht messen kann.
Meyers altruistischer Vampir mit dem schönem, blassen Gesicht und dem Jane-Austen-Namen Edward ist ein ritterlicher Held, wie er in Liebesgeschichten auftaucht, seit es dieses Genre gibt. Mehr noch: In ihm wird diese Figur auf die Spitze getrieben, denn da er als Vampir unsterblich ist, währt seine Liebe ewig. Sind Meyers Romane, in denen sich alle Topoi der Mädchenliteratur, finden Kitsch? Vielleicht. Doch die meisten Mädchen mögen solche Erzählungen nun einmal.
Stephenie Meyers Geschichten sind also nichts Außergewöhnliches, sie wurden zu allen Zeiten erzählt, und beinahe wirken sie banal. Doch vorgeworfen wird ihnen meist etwas ganz Anderes. So hält die "Welt" Stephenie Meyers Romane für "reaktionär", stört sich an ihrem Mangel an political correctness und wirft ihren Vampiren allzu viel Bürgerlichkeit und Traditionsbewußtsein vor, "da und dort schreiten sie mittlerweile sogar zum Kirchgang":
"Wer die Zeichen in den Romanen richtig liest, erkennt sie als religiöse Unterweisung. Über Homosexuelle etwa mag Stephenie Meyer nicht mal reden, und mit ein bisschen Deutungskraft wird "Twilight" schnell zur Bekehrungsgeschichte. Das moderne Mädchen Bella Swan gibt ihre Karrierepläne auf, nimmt den Glauben patriarchalischer Mormonen an, die hier in Vampirkostümen stecken und gegen Sünden streiten, die der Mehrheit unbekümmerter Leser gar nicht mehr als Sünde gelten: Sex vor der Ehe etwa.
Den Mythos vom Vampir als Antichrist hat Meyer auf den Kopf gestellt, in den Wohnzimmern ihrer Untoten hängen sogar Kreuze. Dafür kehrt "Twilight" zur sexuellen Schwüle des 19. Jahrhunderts zurück. Das Pulsieren des Bluts rührt von der Unterdrückung sündiger Triebe. Kein Wunder, dass Sex mit dem Monster bei Meyer der Fortpflanzung dient. Und niemand stülpt über den Vampirzahn ein Kondom."
Stephenie Meyers Fehler also: Sie unterwirft sich nicht der herrschenden Ideologie.
Ohnehin muß diese Autorin den Feuilletonisten ein Dorn im Auge sein. Junge Schriftstellerinnen sind zwar gefragt, aber sie sollten kaputt aussehen, aus ihrem Sexleben erzählen und den Götzen des Feminismus opfern. Doch Stephenie Meyer ist nicht Charlotte Roche und sieht nicht so aus. Sie schreibt nicht über Körperflüssigkeiten, sondern klassische Jugendbücher. Sie trägt mit Mitte 30 keine Hello Kitty-Taschen mehr spazieren, sondern ist Hausfrau und dreifache Mutter. Noch dazu ist sie religiös. Das Anathema war quasi unvermeidbar.
Doch der Markt gibt den Ideologen wie so oft unrecht, was Stephenie Meyers beinahe märchenhafter Erfolg beweist. Mädchen träumen eben auch heute noch vom Prinzen, und jene Elemente der Mädchenliteratur, die sie dem Feuilleton so verhaßt machen, dürften die Autorin reich gemacht haben: der Traum von der einen großen Liebe und der Wunsch, auf den Richtigen zu warten, gehören dazu.
Doch heute gilt als bedrohlich, was in allen Zeiten selbstverständlich war. Wer träumt und wartet, wird unabhängig von seinen Bedürfnissen. Er läßt sich nicht so leicht zu einem konsumfixierten, von schneller Wunscherfüllung abhängigen Untertanen abrichten. Und wer nicht mehr Sklave seiner Bedürfnisse ist, könnte sich hervorwagen zu Geist und Ideen. Schlimmer noch: Einem Mädchen, das wie Bella über jeden Blick, jede Geste und jedes Wort des Geliebten nachdenkt, könnten die Glücksversprechen einer übersexualisierten Gesellschaft, schnelle Triebbefriedigung also, reizlos erscheinen. Es besteht das Risiko, daß sie die kulturelle Leistung des Wartens zu schätzen lernt, daß sich ihre Gefühlswelt verfeinert und sie die Kunst der Sublimierung lernt. Auch deshalb gehört "Twilight" in den Giftschrank - wenn es nach den linken Ideologen und Sozialingenieuren geht, die Gefühle, Bindungen und Familien zerstören wollen, damit das Individuum allein dem Staat gegenübersteht und ihm ausgeliefert ist. Der Gedanke an dauerhafte Liebe ist für sie so gefährlich wie der Glaube an das objektiv Schöne. Denn auch solche Ideen machen frei, und so ist selbst die Ernüchterung nach einem Traum gefährlich, denn sie setzt das Hohe voraus.
Unsere Zeit bringt nicht viele große Liebesromane hervor, weil die Liebe banalisiert
wurde. Die Unmittelbarkeit der Bedürfnisbefriedigung läßt keine Zeit mehr für Träume, Ideen und Projektionen. Doch wer schon vor Stephenie Meyer warnt, muß Flaubert und Stendhal für Sprengstoff halten.
Meyers altruistischer Vampir mit dem schönem, blassen Gesicht und dem Jane-Austen-Namen Edward ist ein ritterlicher Held, wie er in Liebesgeschichten auftaucht, seit es dieses Genre gibt. Mehr noch: In ihm wird diese Figur auf die Spitze getrieben, denn da er als Vampir unsterblich ist, währt seine Liebe ewig. Sind Meyers Romane, in denen sich alle Topoi der Mädchenliteratur, finden Kitsch? Vielleicht. Doch die meisten Mädchen mögen solche Erzählungen nun einmal.
Stephenie Meyers Geschichten sind also nichts Außergewöhnliches, sie wurden zu allen Zeiten erzählt, und beinahe wirken sie banal. Doch vorgeworfen wird ihnen meist etwas ganz Anderes. So hält die "Welt" Stephenie Meyers Romane für "reaktionär", stört sich an ihrem Mangel an political correctness und wirft ihren Vampiren allzu viel Bürgerlichkeit und Traditionsbewußtsein vor, "da und dort schreiten sie mittlerweile sogar zum Kirchgang":
"Wer die Zeichen in den Romanen richtig liest, erkennt sie als religiöse Unterweisung. Über Homosexuelle etwa mag Stephenie Meyer nicht mal reden, und mit ein bisschen Deutungskraft wird "Twilight" schnell zur Bekehrungsgeschichte. Das moderne Mädchen Bella Swan gibt ihre Karrierepläne auf, nimmt den Glauben patriarchalischer Mormonen an, die hier in Vampirkostümen stecken und gegen Sünden streiten, die der Mehrheit unbekümmerter Leser gar nicht mehr als Sünde gelten: Sex vor der Ehe etwa.
Den Mythos vom Vampir als Antichrist hat Meyer auf den Kopf gestellt, in den Wohnzimmern ihrer Untoten hängen sogar Kreuze. Dafür kehrt "Twilight" zur sexuellen Schwüle des 19. Jahrhunderts zurück. Das Pulsieren des Bluts rührt von der Unterdrückung sündiger Triebe. Kein Wunder, dass Sex mit dem Monster bei Meyer der Fortpflanzung dient. Und niemand stülpt über den Vampirzahn ein Kondom."
Stephenie Meyers Fehler also: Sie unterwirft sich nicht der herrschenden Ideologie.
Ohnehin muß diese Autorin den Feuilletonisten ein Dorn im Auge sein. Junge Schriftstellerinnen sind zwar gefragt, aber sie sollten kaputt aussehen, aus ihrem Sexleben erzählen und den Götzen des Feminismus opfern. Doch Stephenie Meyer ist nicht Charlotte Roche und sieht nicht so aus. Sie schreibt nicht über Körperflüssigkeiten, sondern klassische Jugendbücher. Sie trägt mit Mitte 30 keine Hello Kitty-Taschen mehr spazieren, sondern ist Hausfrau und dreifache Mutter. Noch dazu ist sie religiös. Das Anathema war quasi unvermeidbar.
Doch der Markt gibt den Ideologen wie so oft unrecht, was Stephenie Meyers beinahe märchenhafter Erfolg beweist. Mädchen träumen eben auch heute noch vom Prinzen, und jene Elemente der Mädchenliteratur, die sie dem Feuilleton so verhaßt machen, dürften die Autorin reich gemacht haben: der Traum von der einen großen Liebe und der Wunsch, auf den Richtigen zu warten, gehören dazu.
Doch heute gilt als bedrohlich, was in allen Zeiten selbstverständlich war. Wer träumt und wartet, wird unabhängig von seinen Bedürfnissen. Er läßt sich nicht so leicht zu einem konsumfixierten, von schneller Wunscherfüllung abhängigen Untertanen abrichten. Und wer nicht mehr Sklave seiner Bedürfnisse ist, könnte sich hervorwagen zu Geist und Ideen. Schlimmer noch: Einem Mädchen, das wie Bella über jeden Blick, jede Geste und jedes Wort des Geliebten nachdenkt, könnten die Glücksversprechen einer übersexualisierten Gesellschaft, schnelle Triebbefriedigung also, reizlos erscheinen. Es besteht das Risiko, daß sie die kulturelle Leistung des Wartens zu schätzen lernt, daß sich ihre Gefühlswelt verfeinert und sie die Kunst der Sublimierung lernt. Auch deshalb gehört "Twilight" in den Giftschrank - wenn es nach den linken Ideologen und Sozialingenieuren geht, die Gefühle, Bindungen und Familien zerstören wollen, damit das Individuum allein dem Staat gegenübersteht und ihm ausgeliefert ist. Der Gedanke an dauerhafte Liebe ist für sie so gefährlich wie der Glaube an das objektiv Schöne. Denn auch solche Ideen machen frei, und so ist selbst die Ernüchterung nach einem Traum gefährlich, denn sie setzt das Hohe voraus.
Unsere Zeit bringt nicht viele große Liebesromane hervor, weil die Liebe banalisiert
wurde. Die Unmittelbarkeit der Bedürfnisbefriedigung läßt keine Zeit mehr für Träume, Ideen und Projektionen. Doch wer schon vor Stephenie Meyer warnt, muß Flaubert und Stendhal für Sprengstoff halten.
Donnerstag, 15. Juli 2010
God is not my thing
Ein bißchen Smalltalk in fehlerhaftemEnglisch kann fast jeder, aber wenn Gespräche in internationaler Runde plötzlich ins Ernsthafte abgleiten und sogar die Religion ins Spiel kommt, wird's schwierig. Vor allem für Katholiken, denn unser Glaube weist ja schon einen gewissen Grad an Komplexität auf. Der religiös Desinteressierte sagte, daß er nicht weiß, who God is und wenn er es sich aussuchen würde, würde er a mix from the best of all religions bevorzugen. Die liberale Protestantin dachte ähnlich. Der Evangelikale beeindruckte mit dem klaren Statement, daß jeder must accept Jesus as his saviour. Und dann sagte irgendjemand: "The catholics only believe in the Pope, Mary und God Father, but not in Jesus. Das war dann my turn, und als erstes stieß ich heftig gestikulierend das apodiktische Statement "It's not true!" hervor.
Wer schon mal versucht hat, in einer Sprache, die er nicht richtig beherrscht, den Begriff der Realpräsenz zu erklären, kann sich vielleicht vorstellen, was für eine Katastrophe dann folgte. Der Punkt ging diesmal jedenfalls an den Evangelikalen.
Meine Erklärungen haben mich ein wenig an David Sedaris' Geschichte "Jesus schummelt" erinnert. Dort geht es darum, daß die Schüler einer Pariser Sprachschule in ihrem Französisch-Kurs aufgefordert werden zu erklären, was Ostern ist: "Die Polinnen nahmen sich als erste im Rahmen ihrer Möglichkeiten der Aufgabe an. "Es ist", begann die eine, "eine Party für die kleine Junge von Gott, die heißt Jesus, und... ach Scheiße." Da sie nicht mehr weiterwußte, eilte ihre Landsmännin ihr zu Hilfe. "Die heißt Jesus, und dann ist gestorben an zwei ... Bretten ... aus Holz." usw.
[David Sedaris, Gute-Nackt-Geschichten, Frankfurt am Main 2005, S. 572.]
Doch manchmal nutzt auch Sprachbeherrschung nichts. So ging es mir jedenfalls, als ich mal einer Thailänderin, die nur mäßige Deutschkenntnisse hatte, den Begriff des "Gewissens" erklären wollte. Am Ende habe ich einen Kopf gezeichnet, in dem ein kleines Männchen sitzt, das sagt: "Du sollst nicht stehlen." Die Thailänderin schaute mich daraufhin sehr mitleidig an. Wahrscheinlich denkt sie nun, daß alle Deutschen Stimmen im Kopf hören.
Wer schon mal versucht hat, in einer Sprache, die er nicht richtig beherrscht, den Begriff der Realpräsenz zu erklären, kann sich vielleicht vorstellen, was für eine Katastrophe dann folgte. Der Punkt ging diesmal jedenfalls an den Evangelikalen.
Meine Erklärungen haben mich ein wenig an David Sedaris' Geschichte "Jesus schummelt" erinnert. Dort geht es darum, daß die Schüler einer Pariser Sprachschule in ihrem Französisch-Kurs aufgefordert werden zu erklären, was Ostern ist: "Die Polinnen nahmen sich als erste im Rahmen ihrer Möglichkeiten der Aufgabe an. "Es ist", begann die eine, "eine Party für die kleine Junge von Gott, die heißt Jesus, und... ach Scheiße." Da sie nicht mehr weiterwußte, eilte ihre Landsmännin ihr zu Hilfe. "Die heißt Jesus, und dann ist gestorben an zwei ... Bretten ... aus Holz." usw.
[David Sedaris, Gute-Nackt-Geschichten, Frankfurt am Main 2005, S. 572.]
Doch manchmal nutzt auch Sprachbeherrschung nichts. So ging es mir jedenfalls, als ich mal einer Thailänderin, die nur mäßige Deutschkenntnisse hatte, den Begriff des "Gewissens" erklären wollte. Am Ende habe ich einen Kopf gezeichnet, in dem ein kleines Männchen sitzt, das sagt: "Du sollst nicht stehlen." Die Thailänderin schaute mich daraufhin sehr mitleidig an. Wahrscheinlich denkt sie nun, daß alle Deutschen Stimmen im Kopf hören.
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