Donnerstag, 26. November 2009

Zeitungshonorare

Gerade habe ich über sinkende Zeitungshonorare gegoogelt und dabei einen schon älteren Artikel von Gabriele Bärtels gefunden, mit dem Titel: "Schreiben macht arm." Er hat in mir zwiespältige Gefühle geweckt, trotzdem finde ich ihn insgesamt lesenswert. Der Tonfall störte mich, zu wehleidig, zuviel Jammern und Selbstmitleid. Vom Schreiben für Tageszeitungen kann man heute nicht mehr leben, das weiß man, und darauf stellt man sich ein. Selbst bei den großen Zeitungen sind die Honorare oft lausig, denn die Redaktionen können darauf setzen, daß die Autoren die Referenz zu schätzen wissen: Anspruch und Bezahlung klaffen da besonders weit auseinander. Als freier Autor sollte man also besser eine Mischkalkulation versuchen und sich einen Kundenstamm aufbauen, der vernünftig zahlt.*

Andererseits: schade, daß es so ist. Denn ich wünsche mir Journalisten, die mit Herzblut an ihren Texten schreiben. Die ihren Beruf lieben, investigativ arbeiten, jedem noch so kleinen Hinweis hinterherjagen, jede Information überprüfen, sich an ihren Geschichten festbeißen, idealistisch, manisch, begeistert, störrisch. Deren Geschichten würde ich gerne lesen. Soviel zum Ideal, das von der Realität gründlich zurechtgeschliffen wird. Denn der erfolgreiche Zeitungsjournalist ist heute vor allem ein Profi in Selbstvermarktung, Zeitmanagement, Acquise, Mehrfachverwertung und Verhandlungskunst. Er muß marktwirtschaftlich denken. Dagegen ist nichts zu sagen, es muß so sein, wenn man nicht arm werden will. Doch mit der Zeit bleibt manches auf der Strecke: bei vielen auch das Herzblut. Weil sie sich zerreiben zwischen Selbstmarketing und journalistischem Anspruch.

Denn nicht das Schreiben macht arm. Die Seiten werden immer gefüllt. Aber das saubere Recherchieren macht arm. Das Nachdenken. Das sorgfältige Formulieren. Kreativität, die nicht auf Knopfdruck da ist. Der Wunsch, wirklich zu informieren. Die Zeit, die man für einen guten Artikel braucht. Bei allen Einwänden, die man gegen Gebriele Bärtels Text haben kann: Für gute Recherche wollen viele Redaktionen tatsächlich nicht mehr adäquat zahlen, und wer das leisten will, muß sich überlegen, ob er sich das leisten kann.

Ich habe meine Tageszeitungsabos schon längst abbestellt. Und mein Herz hängt nicht mehr so sehr am Journalismus wie früher. Während ich noch vor zwei Jahren auschließlich davon leben wollte, geht es auch bei mir heute immer mehr in Richtung Mischkalkulation. Genaugenommen: Seit ich erfahren habe, welche Stundenlöhne Texter fordern können. Da hat mich wohl die Wirklichkeit eingeholt.

Und hier noch ein Link, ebenfalls nicht mehr ganz taufrisch: Die Zukunft der Zeitungen - Sparen, bis die Leser gehen

*Es muß übrigens mal anders gewesen sein mit den Honoraren. Ein älterer Freund erzählte mir mal von den Honoraren, die er in den 80ern bekam. Paradiesisch! Heute schreibt er nicht mehr für Zeitungen, wegen der lächerlichen Bezahlung.

Thomas Mann und die Verdrängung

Immer und immer wieder hatte ich es zu Studienzeiten gelesen und gehört - so oft, daß ich es einfach als gegeben hinnahm: die Rede ist von Thomas Manns verdrängter Homosexualität. Aber stimmt das überhaupt? Hat Thomas Mann seine Homosexualität verdrängt? Verdrängung bedeutet, streng nach Freud, daß unerwünschte, bedrohliche oder verbotene Vorstellungen von der bewußten Wahrnehmung ausgeschlossen und in für das Bewußtsein nicht zugängliche Bereiche abgeschoben werden. Geht man von dieser Definition aus, hat Thomas Mann seine Homo- bzw. Bisexualität selbstverständlich nicht verdrängt. Denn es kann nicht der geringste Zweifel daran bestehen, daß er sich seiner Veranlagung vollkommen bewußt war - als Beleg genügt ein Blick in seine Tagebücher oder Werke.

Wieso wird ihm also nachgesagt, seine Homosexualität verdrängt zu haben? Die Literaturwissenschaftler sprechen oder schreiben gelegentlich gar von Thomas Manns "bewußt verdrängter Homosexualität": auf den ersten Blick eine contradictio in adiecto. Doch gemeint ist etwas ganz Anderes: kein Abwehrmechanismus der Psyche, sondern eine bewußte Willensentscheidung. Thomas Mann hat seine Homosexualität nicht ausgelebt, sondern sich für ein bürgerliches Leben als Familienvater und Schriftsteller entschieden. Doch die Vorstellung, daß Menschen ihrer Sexualität nicht willenlos ausgeliefert sind, sie kontrollieren, formen, für sie Verantwortung übernehmen, sie gar etwas Höherem opfern können oder ihr in ihrem Leben einfach keine Prioriät einräumen wollen und sexuelle Erfüllung womöglich nicht für den höchsten Wert halten, ist heute, in unserer übersexualisierten Gesellschaft, höchst unerwünscht. Lieber sieht man den Menschen als Spielball unkontrollierbarer Triebmächte. Wer ein solches Menschenbild vertritt, wird von Thomas Mann freilich vor ein Rätsel gestellt.

Also versucht man, ihn auf die Maßstäbe unserer Zeit zurechtzustutzen. Und spricht nicht von seiner Entscheidung für die Ehe, auch nicht von einer nicht ausgelebten homosexuellen Veranlagung, noch nicht einmal von einer unterdrückten, sondern gleich von einer "verdrängten Homosexualität". Seine bewußte Entscheidung wird damit pathologisiert und umgedeutet zu einem mehr oder weniger behandlungsbedürftigen Mechanismus, einem krankhaften Akt der Verdrängung. Wo freier Wille war, soll nun Krankheit sein.

Wahr ist freilich, daß Thomas Mann in seinem Werk immer wieder beschrieben hat, wie die unterdrückte Triebwelt zurückschlägt und wie der Rausch zu Untergang führt, in der Novelle "Der Tod in Venedig" ebenso wie später in seiner großen Roman-Tetralogie "Joseph und seine Brüder". Doch Thomas Mann selbst hatte sich für ein bürgerliches Dasein entschieden und blieb dabei. Er entging den Gefahren, die er in seinen Büchern beschrieb, er verbannte sie in sein Werk. Wer da von Verdrängung redet, respektiert nicht das Bewußte und Entschiedene dieser Vorgehensweise. So gespalten mein Verhältnis zu Thomas Mann auch ist: Ein bißchen mehr Respekt verdient er schon. Und Freuds Begriffe sollten mit größerer Vorsicht verwendet werden.

Durchhalten

"Unsere Sache steht nie so sehr in Gefahr wie dann, wenn ein Mensch, der zwar nicht mehr das Verlangen, aber doch noch den Vorsatz hat, dem Feind zu dienen, hinausblickt auf ein Weltall, aus dem auch der letzte Schatten Seiner Gegenwart gewichen zu sein scheint, wenn er fragt, warum er verlassen sei, und....trotzdem gehorcht."

Das ist einer der schönsten und trostreichsten Sätze aus C.S. Lewis' "Dienstanweisung für einen Unterteufel" ("The Screwtape Letters", 1942). Er findet sich in einem Brief, den der Dämon Screwtape an seinen Neffen, den Unterteufel Wormwood, geschrieben hat. Wormwoods Aufgabe ist es, einen jungen Mann vom Pfad der Tugend und des Glaubens abzubringen, und sein Onkel gibt ihm Instruktionen. "Unsere Sache" ist also hier die Sache des Versuchers, der "Feind" ist Gott. Die Strategie des Teufels kann nicht aufgehen, wenn der Mensch treu und gehorsam bleibt. Und zwar gerade in Zeiten der Leere und des Zweifels: wenn der Enthusiasmus nach der Bekehrung verschwunden ist und eine erste Ernüchterung eintritt, der "Übergang vom traumhaften Wunschbild zum mühsamen Tun" nicht gelingt, der Glaube an enttäuschten Erwartungen zu zerbrechen droht oder mit Gefühlen verbunden war, die irgendwann nachlassen: Dann ist es wichtig durchzuhalten.

Ich finde es tröstlich, daß Glaube sich nicht an der Stärke eines Gefühls bemißt oder an außergewöhnlichen Erlebnissen, sondern auch hart und trocken sein kann. Denn die Erinnerung an schöne Erfahrungen verfliegt, und Gefühle sind nicht beständig. Beruhigend zu wissen, daß beides nicht notwendig ist. Sondern daß es genügt, gehorsam zu sein und seine Pflicht zu tun. Das ist nicht wenig, aber es rettet einen über Zeiten der Dunkelheit und Leere hinweg.

Mittwoch, 25. November 2009

Noch eine Dystopie

Nicht alle Schriftsteller haben ein solches Glück wie Margaret Atwood, die mit einer wenig plausiblen Zukunftsvision berühmt geworden ist. Denn auch der umgekehrte Fall ist möglich: Eugen Richter hat ein geradezu prophetisches Szenario entworfen - doch niemand erinnerte sich an ihn, als seine Prophezeiung Wirklichkeit wurde. Eugen Richter, ein Politiker und Satiriker, hat in seinem Buch "Sozialdemokratische Zukunftsbilder" die DDR vorhergesehen. Und zwar schon im Jahr 1891. Mit einer Genauigkeit, die erschreckend wirkt: Selbst an Schießbefehl und Republikflucht hat er gedacht. Man hätte also wissen können, was geschieht, wenn die Utopie sich anschickt, Wirklichkeit zu werden. Mehr dazu in der Weltwoche. Richters Buch wurde von Lichtschlag neu herausgegeben und damit glücklicherweise dem Vergessen entrissen.

Mittwoch, 18. November 2009

Atwood

Margaret Atwood wird heute 70, und ich nehme an, daß das vom Feuilleton entsprechend gewürdigt wird. Die Schriftstellerin, Feministin und Umweltaktivistin hat ja immer viel Lob bekommen. „Der Report der Magd“ ("The Handmaid's Tale", 1985, dt. 1987) war ihr großer Wurf, sie stieg beinahe über Nacht zur Starautorin auf und wurde zu einer Ikone der Feministinnen, einschließlich meiner Deutschlehrerin. Wir lasen das Buch Anfang der 90er im Deutschunterricht. Schullektüren verblassen in der Erinnerung oft schnell, und so blieben mir nur wenige Szenen im Gedächtnis, junge Frauen in einem Gemeinschaftsschlafsaal, sadistische Aufseherinnen und die merkwürdigen Hauben, die die Frauen in Atwoods Amerika der Zukunft, der Republik mit dem biblischen Namen Gilead, tragen mußten. Besonders beeindruckt hat mich das Ganze nicht.

Auch nicht nach der zweiten Lektüre, vor einigen Monaten: Das Buch kam mir langatmig und larmoyant vor. „Der Report der Magd“ wird oft zu den großen negativen Utopien des 20. Jahrhunderts gezählt, wie George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“. Zu Unrecht, finde ich. Orwells und Huxleys Entwürfe wirken beklemmend. Die beiden Schriftsteller griffen Tendenzen ihrer Gegenwart auf, dachten sie weiter und formten daraus eine Zukunft, die plausibel erschien „Der Report der Magd“ wirkt im Vergleich dazu eher paranoid, als wäre der Roman dem Albtraum jener Feministinnen entsprungen, die seit langen Jahren vor einem antifeministischen Backlash warnen.

Worum es in dem Buch geht: Eine fundamentalistische Sekte hat sich in Amerika an die Macht geputscht und eine Terrorherrschaft errichtet. Frauen werden brutal unterdrückt. Ich-Erzählerin Desfred hat alles verloren: Mann und Tochter, Beruf und Besitz . Sie dient dem Kommandanten Fred als Zwangskonkubine, ihre Aufgabe ist es, für ihn und seine Ehefrau Kinder auszutragen. Nur noch wenige Frauen sind fruchtbar, weite Landstriche als Folge atomarer Verseuchung unbewohnbar, die Strände voller Giftmüll.

Damit das Schreckensbild von Amerikas Zukunft möglichst viel Eindruck macht, wird ihm in ausufernden Rückblenden das rundum glückliche Leben der Heldin in der Vergangenheit gegenüber gestellt. Dieses Erzählverfahren wirkt nicht nur holzschnittartig, sondern wirft auch zwingend die Frage auf, wie es dazu eigentlich kommen konnte: Daß sich innerhalb weniger Monate eine Gesellschaft, die unserer nicht unähnlich ist, in eine streng abgeschirmte Theokratie verwandelte. Atwood versucht es mit einer Verschwörungstheorie. Die „Söhne Jakobs“, eine bisher weitgehend im Verborgenen agierende Sekte, erschießen alle Mitglieder des Kongresses und unterjochen die Bevölkerung mit Hilfe ihrer eigenen Armee. Den Weg in die Diktatur beschreibt die Autorin nur flüchtig.

Trotz dieser erzählerischen Schwächen machte das Buch die Autorin über Nacht berühmt, es eroberte schnell die Bestsellerlisten. Es traf wohl den Nerv der Zeit. Der Spiegel nahm den Roman mit Begeisterung auf, beschrieb Atwood doch mit Blick auf Chomeinis Iran die drohende „Machtergreifung christlicher Eiferer in den USA“, die „der permissiven Amüsiergesellschaft vom Ende des 20. Jahrhunderts den Garaus machen“ wollen. Die amerikanische Kritik urteilte ebenfalls überwiegend wohlwollend, wenn auch ausgewogener (z.B. Mary McCarthy in The New York Times Review of Books). Denn aus der Nähe betrachtet erschienen Atwoods Warnungen vor einem von Christen geplanten Putsch weitaus weniger plausibel, als es das ferne Europa voller Angstlust herbeiträumte.

Das Buch war erfolgreich, weil es der Autorin gelungen ist, viele der in den 80er-Jahren verbreiteten Ängste zu verschmelzen und in Romanform zubringen: Angst vor Krieg, Terror, einem atomaren Inferno, einer ökologischen Katastrophe und natürlich die Angst der atheistischen Linken vor einem Wiedererstarken der Religion, vor dem mit albtraumhaften Bildern gewarnt wird. So artikuliert sich in dem Roman auch die alte Sorge, daß das Verdrängte zurückschlagen könnte. Daß es unter der schönen Fassade des linksliberalen juste milieu, der Frauenbuchläden-Wunderwelt gären könnte und die Lebensentwürfe der progressiven Linken, die von Politik und Medien propagiert werden, irgendwann einfach hinweggefegt werden. Atwood hat Erfolg, weil sie diese Ängste in Geschichten kleidet. Sie schürt Panik und konstruiert eine gigantische Drohkulisse. So besteht die Religion von Gilead, wie Atwood sie beschreibt, aus entleerten Ritualen ohne Heilsversprechen, aus Zwang und Grausamkeit ohne Nächstenliebe. Religion, so wird suggeriert, führe zu Unfreiheit. Und auf diese Weise schreibt Atwood weiter an dem immer wieder beschworenen Mythos von den religiösen Dunkelmännern - ein Verfahren, das oft angewandt wird, um die Anliegen religiöser Menschen zu diskreditieren. Als Warnung vor Religion wurde ihr Buch leider oft genug rezipiert. Aber immerhin: Die Vorstellung, daß es in Gilead eine baptistische Guerilla gibt, ist ja doch recht charmant.

Wie dem auch sei: Der Siegeszug des Buchs war nicht aufzuhalten, und Margaret Atwood gilt heute als die bedeutendste Autorin Kanadas. Ihre Romane, Erzählungen und Gedichte gehören an amerikanischen Universitäten zur Pflichtlektüre in "Women's Studies". 2003 begeisterte sie die Kritiker mit einem Roman über den Klimawandel. In „Oryx und Crake“ (2003) erzählt sie den Weltuntergang aus der Perspektive des einzigen Überlebenden. Die Menschheit wurde von einem Killervirus dahingerafft, und Atwoods Held muß auf einem Baum sitzen, weil er von genetisch veränderten Schweinen gejagt wird. Nebenbei warnt die Autorin vor Entstaatlichung, dem freien Markt und dem technischen Fortschritt – eine Mixtur mit Erfolgsgarantie. Ihr Gespür für den Zeitgeist und für Themen, die die Kasse klingeln lassen, hat sie also auch im reiferen Alter nicht verloren. Man wird wohl noch von ihr hören.

Dienstag, 17. November 2009

Schwedenkrimis

Wenn ich krank bin, greife ich immer zu Krimis, und mir ist nicht ganz klar warum. Womöglich stimmt es mich zuversichtlich, wenn am Ende der Täter gefaßt wird - dann werden gewiß auch die Grippeviren ihren Häschern nicht entgehen. Wie dem auch sei: Schwedenkrimis fand ich früher gut, heute zum Davonlaufen.

Früher heißt: als ich Anfang 20 war, immer schwarzgekleidet (aber mit dunkelrot gefärbten Haaren), und fürs Philosophiestudium "Das Sein und das Nichts" und Simone de Beauvoir gelesen habe. Die verregneten Landschaften und graugefärbten Gemütslagen der Schwedenkrimis paßten zu meiner existentialistischen Weltsicht. Ich mochte diesen ganzen Wallanderkram, die depressiven, fetten, geschiedenen Ermittler mit Cholesterin- oder Alkoholproblemen und sogar diese dröhnende Gesellschaftskritik, die diese Bücher so furchtbar klebrig macht. [Also: Es geht immer um Fremdenfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, Umweltverschmutzung, Atomkraft. Der Täter ist ein Nazi. Außer er ist eine Frau oder Vertreter einer Randgruppe, dann ist die Gesellschaft schuld. Linke sind gut. Männer haben einen angeborenen Defekt undsoweiter.]

Heute finde ich das alles so inspirierend wie ein Billy-Regal. Mit einer Ausnahme allerdings: Håkan Nesser. Seine Van Veeteren-Reihe mag ich noch immer. Aber die spielt auch nicht in Schweden, sondern in einem fiktiven Land, und der Kommissar hat einen ziemlich düsteren Charakter. Nesser läßt seinen Figuren ihre Ambivalenzen, er interessiert sich mehr für die menschliche Natur als für Sozialkritik.

Kürzlich habe ich Nessers Barbarotti-Romane gelesen. Der erste ("Mensch ohne Hund") enttäuschte mich, den zweiten ("Eine ganz andere Geschichte") - einen klassischen Whodunnit - fand ich genial. Der dritte ("Das zweite Leben des Herrn Roos") hat mich berührt. Nesser beschreibt, wie ein Sonderling, ein Mann, der von allen in die Rolle des Langweilers gedrängt wurde, mit 59 Jahren zu einem neuen Leben erwacht und zum ersten Mal liebt.

Sein Held, Ante Valdemar Roos, empfindet sein Leben als trostlos. Er arbeitet in einer Firma, die nur Thermoskannen herstellt und ist unglücklich in seiner Ehe. Er gewinnt im Toto und seilt sich ab, kündigt seinen Job und verbringt seine Tage in einer einsamen Waldhütte. Bald begegnet er Anna, einem drogensüchtigen, von allen mißverstandenen Mädchen, das nach einem Drogenentzug aus dem Heim weggelaufen ist.

Das Schöne ist, daß Nesser der Freundschaft zwischen den beiden ihre Zweideutigkeiten läßt: Behutsamkeit trifft auf Selbstsucht, zwei Einsamkeiten treffen aufeinander, und Herr Roos entwickelt eine Blindheit, die Anna in große Gefahr bringt. Und doch wird dabei deutlich, wie sehr eine Freundschaft einen Menschen verändern kann, und so gesehen ist der dritte Roman der Barbarotti-Reihe beinahe eine Bekehrungsgeschichte: Ein verhärtetes Herz wird immer weicher. Der Mordfall spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Mit dem Ermittler, Inspektor Barbarotti, kann ich mich allerdings gar nicht anfreunden. Da tappt Nesser leider in die Schwedenkrimi-Falle. Barbarotti erinnert viel zu sehr an Wallander: geschieden, leidenschaftslos und zutiefst darüber betroffen, daß er als Mann leider diesen gewissen emotionalen Defekt hat. Vertrottelt ist er auch: Gerade ist er vom Dach in eine Schubkarre gefallen und hat sich den Fuß gebrochen. Nesser sollte mal probieren, wie die Barbarotti-Reihe ohne Barbarotti wäre.

Donnerstag, 5. November 2009

Quacksager

Aus Nostalgie blätterte ich heute in Eckhard Henscheids "Dummdeutsch", einem 1993 erschienenen Wörterbuch der Worthülsen und sinnlosen Begriffe "aus vor allem Werbe- und Kommerzdeutsch, aus altem Feuilleton- und neuem Professorendeutsch (und umgekehrt), aus dem Deutsch der sogenannten Psychoszene und dem einer neuen Innerlichkeit, aus eher handfest-törichtem Presse- und Mediendeutsch, aus Sport- und Bürokratendeutsch" (Klappentext).

Der Geist der 80er und frühen 90er weht einen an an, wenn man Einträge liest wie

Angstkultur
Schamangst
Betroffenheitsschwelle
Verzweiflungsspirale
Drohkatastrophe
Bürgerbetroffenheit
Geborgenheitsunsicherheit
Gedenkstättenkonzept, integriertes
Bibelarbeit
Trauerarbeit
Glaubwürdigkeitslücke
Kommunikationsskulptur
Nicht-Wahrnehmungsstruktur
Paradigmen-Verflüchtigung
Verletzungserregung

Der ganze Schrott hat sich seitdem rasend vermehrt, und vieles ist noch genauso nervtötend wie vor 20 Jahren. Zwei Beispiele:

1. das unausrottbare "Sinn machen"

2. das hier:

"Weltethos. Nach der Weltpolitik, nach der Weltzeit, nach der auf Goethe zurückdatierenden Weltliteratur, nach der von den hessischen Grünen gegen Saddam Hussein und Bush postulierten "Welturabstimmung" pfiff mit dem => Projekt des "Weltethos" der Quacksager Hans Küng (Tübingen) pünktlich und eindeutig schon delirierend die 90er Jahre an. Sie werden offenbar noch immer turbodümmer."

Womit dazu alles gesagt wäre.