Zehnjahresfeier der Firma, in der ich arbeite. Der Chef und Gründer blickt auf die Anfänge zurück, natürlich nicht ohne Stolz. Er erinnert sich, wieviele schlaflose Nächte ihn das Wagnis gekostet hat, wieviele Schulden er machte, wie oft er nicht wußte, wie es weitergehen sollte. Aber er hat an seinem Traum, wie es in diesen Fällen so oft heißt, festgehalten. Mittlerweile arbeiten in dem einstigen Zwei-Mann-Betrieb fast 40 Leute.
Ungefähr so müßte wohl auch ein Christenleben aussehen. Etwas wagen! Nur daß unser Traum kein Unternehmen ist, sondern Gott.
Sonntag, 23. Januar 2011
Montag, 17. Januar 2011
Askese
Ich frage mich gerade, ob ich überhaupt noch über religiöse Themen schreiben soll – oder darf. Hugo Ball, Avantgardist, Dadaist, Konvertit und Autor von Büchern, die auf faszinierende Weise Poesie und Theologie verbinden, schreibt nämlich in seinem „Byzantinischen Christentum“: „Man wußte dazumal besser als heute, daß von religiösen Dingen nur sprechen dürfe, wer der Askese, der körperlichen und geistigen Läuterung, nicht aus dem Wege ging. Religion und Geist aber waren identisch.“ Und hat er nicht recht? Kann man wirklich so etwas wie Führung, Wegweisung in geistigen Dingen beanspruchen, wenn man sich nicht innerlich gereinigt hat? Nebenbei bemerkt, ist das auch ein starkes Argument für den Priesterzölibat. Allerdings kann ich das Schreiben auch nicht ganz lassen. Eine Rechtfertigung könnte darin bestehen, auf Personen (oder Bücher) aufmerksam zu machen, die tatsächlich Orientierung geben können.
Sonntag, 26. Dezember 2010
Aurelius Prudentius: Corde natus ex parentis (Weihnachtshymnus)
Corde natus ex parentis / Ante mundi exordium / A et O cognominatus, / ipse fons et clausula / Omnium quae sunt, fuerunt, / quaeque post futura sunt.
Im Herzen des Vaters geboren, / Noch ehe die Welt entstand, / Wird A und O der genannt, / Der selber Ursprung und Ziel ist / All dessen, was ist und was war, / was nach uns noch kommt.
O beatus ortus ille, / virgo cum puerpera / Edidit nostram salutem, / feta Sancto Spiritu, / Et puer redemptor orbis / os sacratum protulit.
O selig jener Anfang, / Als die Jungfrau gebar! / Sie brachte uns Rettung, / Trug Frucht vom heiligen Geist, / Und der Knabe, der Welterlöser, / Zeigte sein heiliges Antlitz.
Psallat altitudo caeli, / psallite omnes angeli, / Quidquid est virtutis usquam / psallat in laudem Dei, / Nulla linguarum silescat, / vox et omnis consonet.
Lobsinge, du himmlische Höhe, / Lobsingt ihr Engel alle! / Was immer nur Kraft hat / Soll singen zum göttlichen Lob. / Keine Zunge soll schweigen, / Jede Stimme ertönen!
Ecce, quem vates vetustis / concinebant saeculis, / Quem prophetarum fideles / paginae spoponderant, / Emicat promissus olim; / cuncta conlaudent eum.
Schaut her, den die Seher / Besangen in uralter Zeit, / Für den sich prophetische Schriften / Sicher verbürgten, / Der lange Verheiß'ne erscheint: / Laßt uns alle ihn loben!
Te senes et te iuventus, / parvulorum te chorus, / Turba matrum, virginumque, / simplices puellulae, / Voce concordes pudicis / perstrepant concentibus.
Dich sollen besingen Alte und Junge, / Der zarte Chor der Knaben, / Die Schar der Mütter und Jungfrau'n / Die einfachen Mädchen / Sollen reine Stimmen erheben, / und vereint dich preisen!
Übersetzung von Jacopone
Im Herzen des Vaters geboren, / Noch ehe die Welt entstand, / Wird A und O der genannt, / Der selber Ursprung und Ziel ist / All dessen, was ist und was war, / was nach uns noch kommt.
O beatus ortus ille, / virgo cum puerpera / Edidit nostram salutem, / feta Sancto Spiritu, / Et puer redemptor orbis / os sacratum protulit.
O selig jener Anfang, / Als die Jungfrau gebar! / Sie brachte uns Rettung, / Trug Frucht vom heiligen Geist, / Und der Knabe, der Welterlöser, / Zeigte sein heiliges Antlitz.
Psallat altitudo caeli, / psallite omnes angeli, / Quidquid est virtutis usquam / psallat in laudem Dei, / Nulla linguarum silescat, / vox et omnis consonet.
Lobsinge, du himmlische Höhe, / Lobsingt ihr Engel alle! / Was immer nur Kraft hat / Soll singen zum göttlichen Lob. / Keine Zunge soll schweigen, / Jede Stimme ertönen!
Ecce, quem vates vetustis / concinebant saeculis, / Quem prophetarum fideles / paginae spoponderant, / Emicat promissus olim; / cuncta conlaudent eum.
Schaut her, den die Seher / Besangen in uralter Zeit, / Für den sich prophetische Schriften / Sicher verbürgten, / Der lange Verheiß'ne erscheint: / Laßt uns alle ihn loben!
Te senes et te iuventus, / parvulorum te chorus, / Turba matrum, virginumque, / simplices puellulae, / Voce concordes pudicis / perstrepant concentibus.
Dich sollen besingen Alte und Junge, / Der zarte Chor der Knaben, / Die Schar der Mütter und Jungfrau'n / Die einfachen Mädchen / Sollen reine Stimmen erheben, / und vereint dich preisen!
Übersetzung von Jacopone
Dienstag, 9. November 2010
... dieses Geheimnis ganz leise allen mitteilen
Heute, am 9. November, jährt sich der Todestag der seligen Elisabeth von Dijon. Sie starb bereits mit 26 Jahren 1906 im Karmel von Dijon. Mit 21 Jahren war sie in das Kloster eingetreten. Elisabeth von Dijon war vielseitig begabt, eine hervorragende Pianistin, intelligent und für alles Schöne aufgeschlossen. Nach weltlichen Maßstäben ist sie viel zu früh gestorben, und ihre Begabungen konnte sie „hinter Klostermauern“ auch nicht entfalten. Elisabeth selbst aber hätte einer solchen Sichtweise vehement widersprochen: „Mir scheint, ich habe meinen Himmel auf Erden gefunden, denn der Himmel ist Gott, und Gott ist in mir. An dem Tag, da ich dies verstanden habe, ist in mir alles hell geworden, und ich möchte dieses Geheimnis ganz leise allen mitteilen, die ich liebe", schrieb sie.
Ihr Ordensname „von der Heiligsten Dreifaltigkeit“ wurde ihr, wie Pater Recktenwald (http://www.kath-info.de/silvestrelli.html) schreibt, zum Programm. Aus der Anbetung der Trinität entwickelte sie eine mystische Spiritualität, die viele Menschen begeisterte und Theologen wie Hans-Urs von Balthasar dazu anregte, sich mit ihr zu befassen. Im Alter von 24 Jahren schrieb sie in einem Zug ihr berühmtes „Gebet an die Hl. Dreifaltigkeit“, einen der großen mystischen Texte des 20. Jahrhunderts.
Kaum zwei Jahre später wurde sie schwer krank und bettlägerig. Aus ihrem tiefen Glauben heraus konnte sie aber auch Krankheit und Schmerzen annehmen. Das schreibt sich so leicht. Aber nach allem, was wir von Elisabeth wissen, ist es die reine Wahrheit: „In dieser letzten Stunde meiner irdischen Verbannung, an diesem schönen Abend meines Lebens, erscheint mir im Licht der Ewigkeit alles so ernst... Ich möchte allen Menschen sagen können, wie leer und nichtig alles ist, was nicht für Gott getan wird!”, schrieb sie kurze Zeit vor ihrem Tod einer Freundin. Nach einer letzten qualvollen Nacht starb sie friedlich am Morgen des 9. November.
Ein verfehltes, vertanes Leben? Die Kirche sieht es, mal wieder, anders: „Unserer verunsicherten Menschheit, die scheinbar Gott nicht mehr oder nur entstellt findet und auf der Suche nach einem Wort ist, auf das sie ihre Hoffnung gründen kann, vermittelt Elisabeth von der heiligen Dreifaltigkeit das Zeugnis eines vollkommenen Offenseins für das Wort Gottes, das sie in einem solchen Maß geistig in sich aufnahm, daß sie darin alle Gründe fand, für das Lob der Herrlichkeit des dreifaltigen Gottes zu leben und sich ihm zu weihen“, sagte Papst Johannes Paul II. bei ihrer Seligsprechung. „Und diese Nonne, die weit davon entfernt war, sich abzuschließen, hat es verstanden, ihren Mitschwestern und ihren Nächsten den Reichtum ihrer mystischen Erfahrungen mitzuteilen.“ Oder einfacher formuliert: Elisabeth war so glücklich, daß sie allen Menschen, die sie kannte, daran teilnehmen lassen wollte. Kann man vom Leben mehr verlangen?
(Dieser Beitrag stützt sich auf die zitierte Webseite bei kath.info sowie auf die Kurzbiographie von Ferdinand Holböck, Die neuen Heiligen der katholischen Kirche, Band 2, Stein am Rhein: Christiana 1992, S. 31ff.)
Ihr Ordensname „von der Heiligsten Dreifaltigkeit“ wurde ihr, wie Pater Recktenwald (http://www.kath-info.de/silvestrelli.html) schreibt, zum Programm. Aus der Anbetung der Trinität entwickelte sie eine mystische Spiritualität, die viele Menschen begeisterte und Theologen wie Hans-Urs von Balthasar dazu anregte, sich mit ihr zu befassen. Im Alter von 24 Jahren schrieb sie in einem Zug ihr berühmtes „Gebet an die Hl. Dreifaltigkeit“, einen der großen mystischen Texte des 20. Jahrhunderts.
Kaum zwei Jahre später wurde sie schwer krank und bettlägerig. Aus ihrem tiefen Glauben heraus konnte sie aber auch Krankheit und Schmerzen annehmen. Das schreibt sich so leicht. Aber nach allem, was wir von Elisabeth wissen, ist es die reine Wahrheit: „In dieser letzten Stunde meiner irdischen Verbannung, an diesem schönen Abend meines Lebens, erscheint mir im Licht der Ewigkeit alles so ernst... Ich möchte allen Menschen sagen können, wie leer und nichtig alles ist, was nicht für Gott getan wird!”, schrieb sie kurze Zeit vor ihrem Tod einer Freundin. Nach einer letzten qualvollen Nacht starb sie friedlich am Morgen des 9. November.
Ein verfehltes, vertanes Leben? Die Kirche sieht es, mal wieder, anders: „Unserer verunsicherten Menschheit, die scheinbar Gott nicht mehr oder nur entstellt findet und auf der Suche nach einem Wort ist, auf das sie ihre Hoffnung gründen kann, vermittelt Elisabeth von der heiligen Dreifaltigkeit das Zeugnis eines vollkommenen Offenseins für das Wort Gottes, das sie in einem solchen Maß geistig in sich aufnahm, daß sie darin alle Gründe fand, für das Lob der Herrlichkeit des dreifaltigen Gottes zu leben und sich ihm zu weihen“, sagte Papst Johannes Paul II. bei ihrer Seligsprechung. „Und diese Nonne, die weit davon entfernt war, sich abzuschließen, hat es verstanden, ihren Mitschwestern und ihren Nächsten den Reichtum ihrer mystischen Erfahrungen mitzuteilen.“ Oder einfacher formuliert: Elisabeth war so glücklich, daß sie allen Menschen, die sie kannte, daran teilnehmen lassen wollte. Kann man vom Leben mehr verlangen?
(Dieser Beitrag stützt sich auf die zitierte Webseite bei kath.info sowie auf die Kurzbiographie von Ferdinand Holböck, Die neuen Heiligen der katholischen Kirche, Band 2, Stein am Rhein: Christiana 1992, S. 31ff.)
Freitag, 29. Oktober 2010
Ich schreibe wie ...
Nachdem Johannes (http://materamata.blogspot.com/2010/10/oy-vey.html) von seinen Erfahrungen mit der FAZ-Seite „Ich schreibe wie“ berichtet hat, mußte ich das auch gleich ausprobieren. Also habe ich zwei Texte eingestellt. Zuerst einen für berufliche Zwecke. Ergebnis: Ich schreibe wie Melinda Nadj Abonji. Upps, wer ist das denn? Ein verbreiteter Internet-Suchdienst verrät mir: Melinda Nadj Abonji ist eine junge Schrifstellerin ungarischer Herkunft, die in der Schweiz lebt und sich vor allem als Performerin von Slam Poetry hervorgetan hat. Das Feuilleton der NZZ rühmt außerdem den Beat ihrer Sprache. Ich bin beeindruckt. Was für ungeahnte Talente schlummern doch in mir! Hoffentlich erfährt das mein Brötchengeber nicht. Slam Poetry ist, glaube ich, nicht das, was er von mir erwartet.
Zweiter Versuch, ein Text aus diesem Blog. Und das Ergebnis: Ich ... ähem ... Räusper ... also, ich ... hüstel ... Doch, es muß heraus: Ich – schreibe – wie – Johann – Wolfgang – naja, ihr wißt schon. Jahahaaa! Wie unser Dichterfürst! Welch ungeahnte Möglichkeiten tun sich da auf! Ich könnte meinen Künstlernamen ändern. „Johnny G.“ - das wäre doch eine passende Kombination meiner beiden literarischen Existenzweisen. Vielleicht sollten wir das Blog nur noch für zahlende Leser öffnen? Mal mit Benita darüber reden. Jetzt muß ich mich erst mal in meine Dichterklause zurückziehen. Und gründlich über meine weitere Karriere nachdenken. Mein seit langem nicht geschriebener Roman harrt der Veröffentlichung.
Jacopone
Jacopone
Sonntag, 24. Oktober 2010
Ein Schutzengel für Deutschland
Daß Deutschland sich abschafft, ist nicht erst seit Thilo Sarrazins Buch mit Händen zu greifen. Im Grunde reicht schon der Gang durch das Zentrum einer beliebigen deutschen Großstadt, um das zu sehen. Sarrazin analysiert diesen Vorgang soziologisch, ökonomisch, politisch, beschäftigt sich mit Bildungswesen, Zuwanderung und Sozialpolitik. Das ist sicher alles richtig und notwendig. Im Grunde aber ist doch die eigentliche Ursache dieser Misere spiritueller Art und mit dem Namen Auschwitz verknüpft.
Auschwitz, so meinte Günter Grass, habe den Deutschen eine privilegierte Erkenntnis verschafft: „Jetzt endlich kennen wir uns.“ In Auschwitz wäre demnach das deutsche Volk zu sich selbst gekommen. Ein monströses Verbrechen soll Kern unserer nationalen Identität sein und uns vor allen anderen Völkern auszeichnen. Kein Wunder, daß die Generationen, denen dieses Denken eingeimpft wurde, von deutscher Kultur nichts mehr wissen wollen und das allmähliche Verschwinden des eigenen Volkes scheinbar klaglos hinnehmen.
Um es gleich zu sagen: Ich möchte weder den Holocaust relativieren noch die Zahl seiner Opfer klein rechnen. Außerdem möchte ich auch keine Diskussion über die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg führen. Ich finde nur, daß die gegenwärtige herrschende Form von „Vergangenheitsbewältigung“ weder menschlich förderlich noch wirklich christlich ist. Und ich frage mich, ob es dazu nicht eine aus dem Glauben entwickelte Alternative geben kann. In dem schönen, wenn auch dogmatisch etwas beliebigen Buch „Das Schweigen der Engel. Einführung in die Angelologie“ von Andrei Plesu (Berlin: University Press 2007) bin ich auf eine Überlieferung gestoßen, die vom Alten Testament bis zu den Kirchenvätern reicht. Demnach haben auch die Nationen ihren Engel, den Gott ihnen zugewiesen hat. Origenes lehrt, daß die menschlichen Sprachen von Engeln geschaffen wurden. Am Ursprung jeder Volksgemeinschaft steht also, schreibt Plesu, „ein Engel, ein spirituelles Prinzip, das in der Seinsweise dieser Gemeinschaft, in ihrem historischen Schicksal, in ihrer Sprache und Kultur seinen Ausdruck findet“. Ein Engel, nicht ein KZ-Wärter, und auch nicht Adolf Hitler.
Für Plesu sind die Engel der Nationen ein Argument gegen das „nationalistische Ketzertum“: Wer seine eigene Nation über die anderen stellt, der wendet sich gegen alle anderen Engel und damit letzten Endes auch gegen Gott. Das ist richtig, gilt aber auch umgekehrt, für die Verachtung des eigenen Volkes. Denn ebenso wie uns der individuelle Selbstmord nicht gestattet ist, dürfen sich auch die Völker nicht selbst aufgeben. Und über unsere Schuld urteilen nicht wir selbst. Die Engel jedenfalls, so Plesu, identifizieren sich so mit den Völkern, die sie behüten, daß sie mit ihnen gemeinsam vor das Jüngste Gericht treten.
Das mag vielleicht spinnert klingen. In den politischen Diskurs einspeisen kann man es auch nicht. Aber was hindert uns eigentlich daran, unsere spirituelle Tradition ernst zu nehmen? Denn der nationale Selbsthaß könnte doch am ehesten geheilt werden, wenn wir wieder glauben könnten, daß auch unserer Geschichte ein spirituelles Prinzip zugrunde liegt.
Auschwitz, so meinte Günter Grass, habe den Deutschen eine privilegierte Erkenntnis verschafft: „Jetzt endlich kennen wir uns.“ In Auschwitz wäre demnach das deutsche Volk zu sich selbst gekommen. Ein monströses Verbrechen soll Kern unserer nationalen Identität sein und uns vor allen anderen Völkern auszeichnen. Kein Wunder, daß die Generationen, denen dieses Denken eingeimpft wurde, von deutscher Kultur nichts mehr wissen wollen und das allmähliche Verschwinden des eigenen Volkes scheinbar klaglos hinnehmen.
Um es gleich zu sagen: Ich möchte weder den Holocaust relativieren noch die Zahl seiner Opfer klein rechnen. Außerdem möchte ich auch keine Diskussion über die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg führen. Ich finde nur, daß die gegenwärtige herrschende Form von „Vergangenheitsbewältigung“ weder menschlich förderlich noch wirklich christlich ist. Und ich frage mich, ob es dazu nicht eine aus dem Glauben entwickelte Alternative geben kann. In dem schönen, wenn auch dogmatisch etwas beliebigen Buch „Das Schweigen der Engel. Einführung in die Angelologie“ von Andrei Plesu (Berlin: University Press 2007) bin ich auf eine Überlieferung gestoßen, die vom Alten Testament bis zu den Kirchenvätern reicht. Demnach haben auch die Nationen ihren Engel, den Gott ihnen zugewiesen hat. Origenes lehrt, daß die menschlichen Sprachen von Engeln geschaffen wurden. Am Ursprung jeder Volksgemeinschaft steht also, schreibt Plesu, „ein Engel, ein spirituelles Prinzip, das in der Seinsweise dieser Gemeinschaft, in ihrem historischen Schicksal, in ihrer Sprache und Kultur seinen Ausdruck findet“. Ein Engel, nicht ein KZ-Wärter, und auch nicht Adolf Hitler.
Für Plesu sind die Engel der Nationen ein Argument gegen das „nationalistische Ketzertum“: Wer seine eigene Nation über die anderen stellt, der wendet sich gegen alle anderen Engel und damit letzten Endes auch gegen Gott. Das ist richtig, gilt aber auch umgekehrt, für die Verachtung des eigenen Volkes. Denn ebenso wie uns der individuelle Selbstmord nicht gestattet ist, dürfen sich auch die Völker nicht selbst aufgeben. Und über unsere Schuld urteilen nicht wir selbst. Die Engel jedenfalls, so Plesu, identifizieren sich so mit den Völkern, die sie behüten, daß sie mit ihnen gemeinsam vor das Jüngste Gericht treten.
Das mag vielleicht spinnert klingen. In den politischen Diskurs einspeisen kann man es auch nicht. Aber was hindert uns eigentlich daran, unsere spirituelle Tradition ernst zu nehmen? Denn der nationale Selbsthaß könnte doch am ehesten geheilt werden, wenn wir wieder glauben könnten, daß auch unserer Geschichte ein spirituelles Prinzip zugrunde liegt.
Freitag, 8. Oktober 2010
Warum ich nicht mehr gerne in Buchhandlungen gehe
Buchhandlungen habe ich früher geliebt. Stundenlang konnte ich da herumstöbern - wenn mich die Verkäuferin nicht vorher gefragt hat, ob sie mir behilflich sein könne. Heute habe ich für einen Freund ein Buchgeschenk gekauft – und auf einmal wurde mir bewußt, daß mich die Umgebung abstößt. Natürlich habe ich mir überlegt, warum das so ist. Hier das Resultat:
1. der pseudointellektuelle Buchhändler vom Typ Germanistik-Student im 25. Semester, der sich während des Kassierens am Handy lauthals über die furchtbaren Sauereien echauffiert, die zur Zeit in Stuttgart laufen.
2. das linksliberale Mainstream-Sortiment, das einem von den Regalen in seiner ganzen breitspurigen Dürftigkeit entgegenkreischt. Das ist wirklich nichts dabei, was mich interessiert.
3. die Kundschaft, beispielhaft repräsentiert durch jene verhärmt wirkende Mittfünfzigerin mit lederner Haut, grauem Bürstenhaarschnitt und Süddeutscher Zeitung unter dem Arm, die sich beim pseudointellektuellen Buchhändler erkundigt, ob „Sie noch was von 'Ljossa' da haben“ (wahrscheinlich hat sie den Namen gestern in ihrem Kulturradio zum ersten Mal gehört und nur den letzten Bestandteil behalten).
Auf der Flucht gerate ich in einen jener mehrstöckigen Büchertempel, die der gebildete Literaturfreund höchstens mit Naserümpfen betritt. Und was sehe ich da? In der Mitte ein großer Tisch, voll beladen mit den roten Büchertürmen einer gewissen, nicht hilfreichen Neuerscheinung. (Beim pseudointellektuellen Qualitätsbuchhändler gibt's die höchstens ganz oben in der rechten Regalecke - das Geschäft will er sich denn doch nicht ganz entgehen lassen). Und neben den roten Türmen, o Wonne: Udo Ulfkotte! Manchmal verschafft mir sogar eine Buchhandlung meinen inneren Reichsparteitag.
1. der pseudointellektuelle Buchhändler vom Typ Germanistik-Student im 25. Semester, der sich während des Kassierens am Handy lauthals über die furchtbaren Sauereien echauffiert, die zur Zeit in Stuttgart laufen.
2. das linksliberale Mainstream-Sortiment, das einem von den Regalen in seiner ganzen breitspurigen Dürftigkeit entgegenkreischt. Das ist wirklich nichts dabei, was mich interessiert.
3. die Kundschaft, beispielhaft repräsentiert durch jene verhärmt wirkende Mittfünfzigerin mit lederner Haut, grauem Bürstenhaarschnitt und Süddeutscher Zeitung unter dem Arm, die sich beim pseudointellektuellen Buchhändler erkundigt, ob „Sie noch was von 'Ljossa' da haben“ (wahrscheinlich hat sie den Namen gestern in ihrem Kulturradio zum ersten Mal gehört und nur den letzten Bestandteil behalten).
Auf der Flucht gerate ich in einen jener mehrstöckigen Büchertempel, die der gebildete Literaturfreund höchstens mit Naserümpfen betritt. Und was sehe ich da? In der Mitte ein großer Tisch, voll beladen mit den roten Büchertürmen einer gewissen, nicht hilfreichen Neuerscheinung. (Beim pseudointellektuellen Qualitätsbuchhändler gibt's die höchstens ganz oben in der rechten Regalecke - das Geschäft will er sich denn doch nicht ganz entgehen lassen). Und neben den roten Türmen, o Wonne: Udo Ulfkotte! Manchmal verschafft mir sogar eine Buchhandlung meinen inneren Reichsparteitag.
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