Mittwoch, 10. Februar 2010

Ich bin nicht weg

... auch wenn die Stille auf meinem Blog es vielleicht vermuten läßt. Seit Anfang des Jahres bin ich so beschäftigt, daß ich kaum mehr Zeit für mich habe. Strategisch war es eine gute Entscheidung, nicht mehr für mies zahlende Printmedien zu schreiben. Nun bin ich mit besser bezahlten Aufträgen gut ausgelastet, gebe sehr viel Deutsch-Unterricht, und wenn ich dann mal eine freie Stunde hatte, gab es wichtigere Dinge als das Netz: Freunde anrufen oder treffen, lesen, Sport oder einfach nur in irgendeiner Ecke sitzen und nachdenken. Die virtuelle Welt wurde durch diesen Zeitmangel schnell auf die hinteren Ränge verwiesen, und damit leider auch mein Blog. Ich frage mich, wie es andere Blogger schaffen, tatsächlich kontinuierlich zu schreiben. Ich habe nach einem 12-Stunden-Arbeitstag einfach keine Kraft mehr dazu.

Im Moment rächt sich allerdings, daß ich mich in letzter Zeit überfordert habe: Seit gestern liege ich mit Grippe und Fieber im Bett. Und das ist die beste Gelegenheit, doch mal wieder zu schauen, was hier so alles läuft. Opachen Geißler ist also mal wieder aus der Versenkung aufgetaucht, um den jungen Leuten seine Geschichten von Anno dunnemals zu erzählen. Und der Spiegel? Verdient das Titelblatt eine Anzeige wegen Volksverhetzung oder wegen seiner himmelschreienden Abgeschmacktheit bloß den Bad Taste Award? Also alles wie gehabt...

Sonntag, 10. Januar 2010

Hilfe, es schneit!



Daß es im Winter schneit, sorgt seit Tagen für Schlagzeilen. Nicht etwa, weil Schnee was Schönes ist, man lange Spaziergänge machen kann, es unter den Schritten knirscht, die Welt stiller geworden ist, alles glitzert, und die Kinder ihre Thermohose angezogen bekommen und draußen spielen dürfen. Nein, es geht um die Gefahren, die die weiße Pracht mit sich bringt. Früher hat mal halt mal das Auto in der Garage gelassen, kam ein bißchen zu spät, und das war alles. Im Winter schneit es eben, und das wußten selbst die Journalisten. Heute wird Katastrophenstimmung erzeugt: Man wird aufgefordert, zuhause zu bleiben, sich mit Lebensmitteln einzudecken, Kerzen, Decken und möglichst noch ein batteriebetriebenes Radio zu kaufen. Wer nimmt sowas ernst? Gestern morgen, auf dem Weg zum Supermarkt, fiel mir die irritierende Leere auf den Straßen auf. Im Supermarkt genauso: Ich war fast allein, an einem Samstag. Die Verkäuferin sagte mir, die Leute hätten am Freitag "eingekauft wie verrückt", wegen des Wintersturms.

Sturm? Hier jedenfalls kein Lüftchen. Und der Schnee? Schön, aber nichts im Vergleich zu den Schneemengen, die ich aus meiner Kindheit noch kenne. Ein ganz normaler Winter eben, und die Österreicher würden darüber nur lachen. Immerhin, im Laufe des Tages wagten sich doch einige Spaziergänger auf die Straßen, und so wurde zumindest meine Befürchtung zerstreut, daß die letzten Überlebenden der Schweinegrippe von der Kälte dahingerafft wurden. Aber was ist das bloß für eine Gesellschaft, die mit Panik und Hysterie auf alles reagiert, was nur ein wenig vom Alltäglichen abweicht, und seien es ein paar Schneeflocken, und deren Hauptanliegen es zu sein scheint, jedes Risiko zu minimieren? Eine ziemlich labile jedenfalls. Täusche ich mich, wenn ich denke, daß sowas ein Zeichen von Orientierungslosigkeit und metaphysischer Verunsicherung ist?

Samstag, 2. Januar 2010

Das böse f-Wort

Es gibt Wörter, die jeden disqualifizieren, der sie ohne sprachkritische Absicht benutzt, und dieses f-Wort gehört zweifellos dazu: furios. Gerade las ich nach meinem adventlichen Internet-Verzicht in diversen Feuilletons herum, und da war es schon wieder. So schrieb die FAZ erst vor wenigen Tagen:

"Der neue Roman von Dietmar Dath [klar, von wem auch sonst?] ist eine furiose Abrechnung mit unserer Gegenwart aus „Nordic Walkern und Kackdackeln“, ein Tritt für prätentiöses Kunstgesäusel, ein doppelter für die Generation Upload und ein dreifacher für das belämmerte Kulturmanagement, ein brachial komischer Geistesblitzkrieg, der den guten alten „Kinostil“ revitalisiert..." usw.usw.

Himmel hilf!

Die WELT weiß über Johnny Depp zu berichten, daß "hunderte Fans" ihm "in Japan einen furiosen Empfang bereitet" haben, und findet auch den Auftakt eines Romans von Richard Morgiève "furios" (und übrigens, liebe WELT, der Mann schreibt sich am Ende mit "e", "Morgièv" ohne e sieht doch nun wirklich ganz furchtbar falsch aus, besonders, wenn es so in der Titelzeile steht!) Einen "furiosen Endspurt" haben außerdem die Mexikaner in der WM-Qualifikation hingelegt.

"Furios" hieß früher übrigens "wütend" oder "wild", bekannt ist der "rasende Roland" - "Orlando Furioso". In Karl Mays Erzählung "Auf den Nußbäumen" wird berichtet, daß "der Puls nicht mehr furios, sondern in einem lebhaften Allegro klopfte", und von Goethe ist überliefert, daß er gelegentlich "grob und furios" wurde.

Heute heißt "furios" alles Mögliche. Im FAZ-Archiv seit 1993 bekommt man für das Wort 665 Treffer. Eine Steigerung gibt es auch noch, ein weiteres böses f-Wort: "fulminant". FAZ: 585 Treffer. Und was als fulminant bezeichnet wird, muß nun wirklich der allerletzte Mist sein.

Montag, 28. Dezember 2009

Bin wieder da

Fast vier Wochen Internetabstinenz: eine gute Erfahrung, eine Entgiftung. Ich hatte dem Netz zuviel Raum gegeben in meinem Leben. Nach wenigen Tagen Verzicht kam mir das Internet vor wie eine düstere und zynische Variante der Welt. Die von den Medien erzeugten Hysteriewellen, die sich überschlagenden Nachrichten haben mich von den Dingen in meiner Nähe abgelenkt: von den Dingen also, auf die ich Einfluß habe. Wenn man sich dem Netz für eine Weile entzieht, bedeutet das nicht, daß man die Augen vor der Realität verschließt. Vielmehr weitet sich der Blick wieder für die Wirklichkeit, die einen umgibt. Das heißt nicht, daß das Schreiben im Netz nicht wichtig ist. Denn auch dadurch läßt sich etwas bewirken. Gefährlich ist es aber, wenn man anfängt, sich in der virtuellen Welt zuhause zu fühlen. Da sollte man besser den Rechner aussschalten, mal an die frische Luft gehen, die Natur genießen oder was für die Mitmenschen tun.

Nach wenigen Tagen Internetpause habe ich schon gemerkt, wieviel Zeit ich dadurch gewonnen habe. Doch je länger ich abwesend war, desto mehr habe ich mich an die schönen Seiten der virtuellen Welt erinnert: vor allem an die echten und netten Kontakte, die man dort auch findet. Ich möchte das Netz in Zukunft bewußter nutzen. Das heißt aber nicht, daß ich mit dem Schreiben aufhöre.

Was ich sonst noch gemacht habe im Advent:

- den Zauber des Verbotenen entdeckt, in diesem Fall: die Poesie der Weihnachtsmärkte. Verboten, weil ich fasten wollte. Und auf einmal kam mir der Weihnachtsmarkt vor wie ein Schlaraffenland, in dem es überall duftet und glitzert und leuchtet. Doch, Weihnachtsmärkte haben schon ihre Berechtigung in der düsteren Jahreszeit. Besser wär's freilich, wenn sie nur an Sonntagen und Hochfesten geöffnet wären. Was das Fasten betrifft: Am 17. Februar 2010 starte ich den nächsten Versuch.

- Außerdem habe ich Muskeln entdeckt, von deren Existenz ich vorher nicht wußte. Mein Sportprogramm habe ich nämlich konsequent durchgezogen.

- Etliche Mails mit dem Betreff "hohoho" gelöscht, die dieses Jahr schon recht frühzeitig kamen.

-  und nicht zuletzt Rückblick auf das Jahr gehalten und festgestellt: Es war ein gutes Jahr. Ich habe wertvolle Begegnungen gehabt, Freunde gefunden und habe in der Audienz den Papst von Nahem gesehen. Ich habe eine Gemeinde gefunden, in der ich mich wohlfühle. Und eine Möglichkeit, etwas für andere zu tun. Als ich dachte, beruflich geht es gar nicht weiter, habe ich neue Kunden gefunden. Und dadurch kam das Gefühl zurück, daß ich getragen werde, sich immer irgendwas ergibt und ich zuversichtlich sein kann. Viel Grund also, danke zu sagen.

Die letzten Tage des Jahres werde ich wie immer in einem Kloster verbringen. Ich wünsche allen einen guten Übergang ins neue Jahr und alles Gute für 2010!

Samstag, 28. November 2009

Das Kreuz

Man hört und weiß ja, daß in Italien allerorten Kreuze hängen, in Schulen, Geschäften, Restaurants - nach dem skandalösen Straßburger Urteil sind es noch mehr geworden. In der deutschen Stadt, in der ich lebe, könnte man hingegen einen Preis ausschreiben: Wer als Erster ein Geschäft entdeckt, in dem ein Kruzifix hängt, bekommt 1000 €, eine Reise nach Rom oder was auch immer. Nun, heute hätte ich gewonnen. Bei meiner Friseurin, im Eingangsbereich, für alle sichtbar: ein großes Kruzifix. Ich hatte sie bisher für eine Muslima gehalten. Heute erfuhr ich, daß sie mit ihrer Familie ihr arabisches Heimatland verlassen mußte, weil sie als Christin ständig unter Repressionen zu leiden hatte. Als sie das erzählte, standen mir fast die Tränen in den Augen. Wir verbannen hier unsere Religion aus dem öffentlichen Raum, stehen ihr gleichgültig gegenüber oder vergessen sie einfach: Und dann kommt eine Frau aus einem Land zu uns, in dem Christen verfolgt werden, und bringt uns das Kreuz zurück. Danke dafür!

Frühreif

Noch vor einer Woche wollte mich Emil , der Dreijährige einer meiner Freundinnen, mit seinem Plastikschwert und seinem Kinderbesen verhauen. Gestern hat er mich schon ganz gentlemanlike mit blauem Eßpapier verwöhnt und mir Kußhände zugeworfen. So schnell kann's gehen. Ich find's ja rührend, wenn so ein Kleiner sich wie ein großer Mann benehmen will. Muß man ihm nur noch sagen, daß nicht alle Mädchen auf blaues Eßpapier stehen - dann wird aus ihm mal ein richtiger Herzensbrecher.

Donnerstag, 26. November 2009

Die Feminisierung des Bildungswesens

... wird ja oft beklagt. Nun habe ich auch einmal ihre praktischen Folgen kennengelernt. Ich wollte einem neunjährigen Jungen den Unterschied zwischen du und Sie erklären. Etwa so:

Ich: "Also, du sagst du zu deinen Eltern, zum Lukas, zu den Jungs im Fußballverein, zu den Jungen und Mädchen in deiner Klasse. Klar?"
Der Junge: "Ja. Sie sage ich zu Frauen."
Ich: "Ähm, nur zu Frauen?"
Er: "Ja, zu der Lehrerin sage ich Sie."
Ich: "Und zu den Lehrern?"
Er (riesiges Fragezeichen im Gesicht): "Lehrer?"
Ich: "Ja, Lehrer, Männer halt, bei denen du Unterricht hast..."
Er (nach einem Augenblick des Nachdenkens): "Ich habe nur Lehrerinnen. Aber das wäre cool. Lehrer."
Ich: "Im Gymnasium kriegst du bestimmt welche. Und was sagst du dann zu denen?"
Er (nach einem noch längeren Augenblick des Nachdenkens, sehr siegessicher): "Er."