Samstag, 13. Juni 2009

Sterbekunst

Gerade habe ich vergeblich im Netz nach einem Artikel gesucht, den ich vor einigen Jahren irgendwo - ich glaube in der "Zeit" - gelesen habe.  Dort hieß es sinngemäß: Früher mußten gute Schriftsteller möglichst präzise und ausführlich über Tod und Sterben schreiben können, heute über Sex.  Natürlich braucht ein guter Schriftsteller sich seine Themen nicht von Rezensenten vorgeben zu lassen. Eine solche Aussage erlaubt eher Rückschlüsse auf den Zeitgeist, spiegelt eine Gesellschaft wider, die viele Tabus hat verschwindenlassen, andere Bereiche wiederum mit Verboten eingehegt hat.  Der Tod, nicht mehr als Übergang, sondern als schreckliches Ende gedacht, weckt soviel Grauen, daß er sich hinter Eros verbergen muß.

Tatsache ist: Die größten Sterbeszenen der Weltliteratur sind nicht in unserer Gegenwart entstanden - erstaunlich viele jedoch noch im 20. Jahrhundert. Ein ganzes  Kapitel widmet Tomasi di Lampedusa im "Leopard" (posthum 1958) dem Tod des Fürsten Salina. Im Augenblick des Todes erscheint ihm die Venus als Geleiterin ins Jenseits. Oder der "Bericht von Mont-kaws bescheidenem Sterben" aus Thomas Manns Joseph-Tetralogie, seiner 2000 Seiten zählenden Bearbeitung der alttestamentlichen Joseph-Erzählung. Josephs Worte an den sterbenden Mont-kaw, seinen Vorgänger als Potiphars Verwalter, sind tröstlich:

„Ruhe selig, mein Vater, zur Nacht! Siehe, ich wache und sorge für deine Glieder, während du völlig sorglos den Pfad des Trostes dahinziehen magst und dich um nichts mehr zu kümmern brauchst, denke doch nur und sei heiter: um gar nichts mehr! Um deine Glieder nicht, noch um die Geschäfte des Hauses, noch um dich selbst und was aus dir werden soll und wie es sein mag mit dem Leben nach diesem Leben, - das ist es ja eben, daß alles dies und das Ganze nicht deine Sache und Sorge ist und keinerlei Unruhe dich deswegen zu plagen braucht, sondern du's alles sein lassen kannst, wie es ist … es ist dafür bestens gesorgt, du aber hast ausgesorgt und kannst dich einfach betten ins Vorgesorgte. Ist das nicht herrlich bequem und beruhigend? ... Du wandelst hinaus und schlenderst heil und ledig dahin die Pfade des Trostes, die tiefer ins Tröstliche führen mit jedem Schritt. … Fahr wohl denn, mein Vater und Vorsteher! Im Lichte und in der Leichtigkeit sehen wir beide uns wieder."

Und nun Werfel. Zwei sehr unterschiedliche Sterbeszenen finden sich in "Der veruntreute Himmel" . Einmal der plötzliche Tod des 19-jährigen Philipp am Rande einer Feier. "Ich bin nämlich so furchtbar gern auf der Welt!" sagt er am Abend vor seinem Unfall, der ihn dem Leben regelrecht entreißt.  Sein Tod weckt  bei den Angehörigen Verzweiflung, die alte Magd Teta ist die Einzige "die mit dem Tode auskam": "Wer verhielt sich zur Frage aller Fragen geistiger, wir, die sogenannten Intellektuellen, die im Tode nur die Verwesung anerkannten, oder diese einfältige Köchin, die in ihm die bedenkenswerteste Stufe eines klaren und leuchtenden Weltenbaues sah? Ihre Vorstellungen von dieser lichten Architektur nannten wir kindlich und primitiv, wir aber, wir hatten nicht einmal kindliche und primitive Vorstellungen in uns, sondern das geistige Garnichts wie die Tiere. Wir klammerten uns mit ausgelöschten Seelen an überlieferte Gebräuche aus gedankenreicherer Zeit, um unsere Toten nicht sang- und klanglos einscharren zu müssen, wie sie und wir es verdient hätten." (S. 102)

Und dann Tetas Tod. Ihr ganzes Leben ist Vorbereitung auf das Jenseits, sie lebt "im Hinblick auf das Bleibende". Sie finanziert ihrem Neffen Mojmir, der Priester werden soll, das Theologiestudium. Auf diese Weise will sie sich, berechnend und lieblos, ihren Platz im Himmel sichern. Doch sie scheitert, wird von ihrem Neffen, der nicht Priester geworden ist, grausam betrogen. Sie fühlt sich schuldig, verstrickt in die Betrügereien ihres Neffen. Ihre Pilgerfahrt nach Rom dient der Läuterung; ihre letzten Tage gestalten sich als sanfter Übergang. Sie wird befreit von ihrem falschen Ehrgeiz, kann loslassen und wird getröstet.

 Philipps Tod ist erschütternd, Tetas Tod anrührend und friedlich, so friedlich, daß man sich fragt: Ist uns das gestattet?  Dieser versöhnte Blick und soviel Hoffnung?  Ungewohnt ist das, doch Werfel stellt sich mit der Beschreibung von Tetas Sterben in eine Tradition, die heute vergessen ist: Man fühlt sich erinnert an die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche "Ars moriendi", die geistliche "Sterbekunst" - Erbauungsschriften, die einen Leitfaden gaben für einen guten Tod, auf das Sterben vorbereiteten und die Menschen lehrten, den Anfechtungen im Tod, den letzten Versuchungen, zu begegnen.

Ist das nicht viel besser als das heutige Verstummen vor dem Tod? Nicht nur der Umgang mit dem Tod hat sich gewandelt, sondern auch die Vorstellung des "schönen Todes": Während sich heute viele einen plötzlichen Tod, möglichst im Schlaf, wünschen, wäre dies in vergangenen Zeiten, die in vielen Fragen vernünftiger waren, eine grauenhafte Vorstellung gewesen.  Der schöne Tod war der bewußte, der vorbereitete Tod, und dies klingt  auch in der Allerheiligenlitanei an: "A subitanae et improvisa morte, libera nos Domine ."

Freitag, 5. Juni 2009

Schön gesagt

"Und ein Gebildeter ist wie eine unschuldige Wiese, auf der irgend jemand große schmutzige Zeitungsblätter auseinandergestreut hat...Kein hübscher Anblick... und verhungern muß man auch dabei..."
(Franz Werfel, Der veruntreute Himmel, S. 179)

Man muß zwar nicht zustimmen. Zumal Werfel diese Sätze einem Betrüger in den Mund gelegt hat. Aber die Metapher ist trotzdem schön.

Ewige Verlierer. Jan Fleischhauer: „Unter Linken“

Erinnerungen sind oft schwarzweiß. Die Schattierungen und Übergänge verschwinden, die großen Gegensätze prallen aufeinander. Erinnerung kann ein großer Vereinfacher sein. So geht's mir auch mit meiner Schulzeit: Im Rückblick sehe ich unter meinen Lehrern geborene Pädagogen, durchdrungen vom Eros ihres Fachs, die graue Masse der Mittelmäßigen (aber die zählen hier nicht) und – Karikaturen. Zu Karikaturen erstarren in meiner Erinnerung vor allem jene Lehrer, die damals ihre linke Gesinnung wie ein Banner vor sich hergetragen haben.

Ich erinnere mich an einen Musiklehrer, der nie das Wort „deutsch“ benutzte, sondern immer „bundesrepublikanisch“ sagte. Wir Sechstklässler mußten unsere Hefte vollschreiben mit seinen Auslassungen über die „bundesrepublikanischen“ Verhältnisse (die schlimm waren). Oder eine Deutschlehrerin, die für die DDR schwärmte (und später von der Wiedervereinigung kalt erwischt wurde), im Unterricht Günther Wallraff besprach und uns verbot, Coca-Cola-Dosen mit auf den Wandertag zu nehmen - ob wegen der Umwelt, Amerika oder wegen beidem weiß ich nicht mehr.

Sie kamen mir nie glaubwürdig vor, diese verbeamteten Staatsdiener, die sich für Non-Konformisten oder Revolutionäre hielten. Kinder und Jugendliche haben ein feines Gespür für Lügen, Lebenslügen zumal. In Jan Fleischhauers Buch „Unter Linken. Von Einem, der aus Versehen konservativ wurde“ findet sich eine scharfe Charakterisierung dieses Typus, der im linken Milieu so oft anzutreffen ist:


Nur Linke bringen es fertig, sich als Goldhamster des Systems einzurichten und beim gemächlichen Drehen des Laufrads allen Ernstes Referate darüber zu halten, wie man gerade die Verhältnisse zum Tanzen bringe. Das Verrückte dabei ist: Sie kommen damit durch. Niemand lacht laut auf, wenn der Subventionskünstler Claus Peymann, seit 40 Jahren eine der fidelsten Betriebsnudeln des deutschen Staatstheaters, davon spricht, „Reißzahn im Arsch der Mächtigen“ sein zu wollen. Noch die absurdeste Finanzforderung des Intendanten des Berliner Ensembles geht als Machtprobe durch, jede Budgetüberziehung gilt bei den wohlmeinenden Geistern im Feuilleton als Widerstandsakt.“ (139f.)


Das Schöne an dem Buch ist, daß man so vieles wiedererkennt. Aufgewachsen unter Linken – wer ist das nicht? Als Spiegel-Redakteur kennt Jan Fleischhauer das Milieu gut, das er boshaft, treffend und unterhaltsam porträtiert. So erzählt er die Geschichte der Linken einerseits als Geschichte eines Sieges: Sie haben den Bildungsbereich erobert, den Kulturbetrieb, die Medien und die staatlichen Subventionstöpfe. Sie bilden heute das juste milieu, leben gut und bequem, immer in der Illusion, sich im Kampf für die gute Sache aufzureiben.


Doch zugleich erzählt Fleischhauer ihre Geschichte als Geschichte des Scheiterns: Der Sozialismus „vermag nicht eines seiner Versprechen zu halten, tatsächlich ist es noch jedes Mal gründlich schief gegangen, wenn seine Befürworter sich anschickten, die kühnen Ideen in die Tat umzusetzen. Wo sein Reich kommt, meist mit vorgehaltener Pistole, liegt am Ende alles am Boden, die Wirtschaft, die Kultur, die Umwelt.“ Ausgehend von dieser Beobachtung hat der Autor, der aus einer linksintellektuellen Familie stammt, das Lager gewechselt.


Trotz aller Irrtümer werden Linken immer die besten Absichten zugebilligt. Aber warum scheitern sie eigentlich? Weil sie, im Gegensatz zu Konservativen, nicht mit der Schwäche der Menschen rechnen. Weil ihr Verhältnis zur Wirklichkeit von Unkenntnis und Verachtung geprägt ist. Sie glauben stattdessen an die Perfektibilität der menschlichen Natur und an die Möglichkeit, den Himmel schon auf Erden zu verwirklichen. Und an die Unbegrenztheit ihrer eigenen Gestaltungsmöglichkeiten. Fleischhauer zeigt, daß die Experimente der Linken oft eine große Zerstörungskraft entfesselten. Die Französische Revolution, „der erste Großversuch, das Paradies auf Erden zu begründen“ (S. 80), endete im Terror. Und der Terror ist, so Fleischhauer, „der steinerne Gast jeder Veranstaltung zur Hebung des Menschenglücks“ (S. 76).



Fatale Entwicklungen auch in anderen Bereichen. So führte die Dominanz der Linken im Bildungswesen jüngst zum Pisa-Schock:
Ziemlich genau eine Generation nachdem sich die Bildungsreformer in Deutschland daranmachten, das von Humboldt ersonnene Bildungssystem gründlich zu überholen, gilt das Land als bildungspolitischer Sanierungsfall. 40 Jahre bundesdeutsche Bildungsreform haben ausgereicht, die vielbewunderte deutsch Schule so herunterzuwirtschaften, dass sie heute im internationalen Leistungsvergleich irgendwo zwischen Liechtenstein und Mexiko liegt.“ (S. 108)

Der Erfolg des Buchs beweist, daß Jan Fleischhauer den richtigen Zeitpunkt gewählt hat. Man fühlt sich an das Kind erinnert, das darauf hinwies, daß der Kaiser nackt ist, woraufhin alle aufatmeten. Einige Rezensenten scheinen jedoch zu befürchten, daß die linke Deutungshoheit zu wackeln beginnt. Ein kluger Schachzug des linksliberalen Feuilletons wäre es gewesen, durch wohlwollende Besprechungen Fleischhauers These von der linken Dominanz in den Medien zu falsifizieren. FAZ-Redakteurin Julia Encke klingt hingegen beleidigt.


Apropos Beleidigtsein: Das gehört freilich wie Betroffenheit, Dauerempörung und dem ewigen „wütend und traurig“ zu den Grundelementen linker Gefühlskultur. Und ist nicht unbedingt die typische Attitüde eines Gewinners.


Nett auch die Seite zum Buch.


Und hier noch ein Zitat zur Katholizismus: "[...] er erweist sich sogar als erstaunlich zählebig, wohl auch, weil er weniger anschlussfähig war für moderne Erlösungserwartungen. Die katholische Kirche ist nicht ohne politischen Anspruch, ihre Soziallehre hat sogar einen bedeutenden Beitrag bei Aufbau des deutschen Sozialstaats geleistet. Aber ihr Anspruch war immer auf Erleichterung des menschlichen Schicksals gerichtet, nie auf Besserung der menschlichen Natur oder gar deren Vervollkommnung. Der Katholik hält fest an der Trennung zwischen Diesseits und Jenseits. Er weiß, daß das Paradies nicht von dieser Welt ist, auch nicht sein kann, das macht ihn ausgesprochen utopieresistent.“ (71f.)

Sonntag, 31. Mai 2009

Pfingsten

Vergleich der hl. Dreifaltigkeit mit der Sonne
"Gott Vater ist der Leib und Gott, der Sohn, das Licht;
Die Strahln der heilge Geist, der beiden ist verpflicht."
Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann (1657)

Samstag, 30. Mai 2009

Vor der Europawahl

Kaum einer hat den Lissabon-Vertrag gelesen. Blogger Johannes schon. Für alle, die keine Lust haben, selbst die 500 Seiten durchzuarbeiten, erklärt er hier knapp und verständlich, warum er dieses Werk für verfassungswidrig hält "im Sinne jeder denkbaren, auf dem Fundament der Volkssouveränität und der Achtung vor unveränderbaren und überzeitlichen Grundrechten errichteten Verfassung jedes demokratischen Staates". Und warum so unterschiedliche Juristen wie Peter Gauweiler und Gregor Gysi dagegen klagen.  Unbedingt vor der Wahl lesen!

Wieder ein Fundstück

Nach Lord Byron gegoogelt, den Stanzen für Augusta. Auf einer Seite mit einer feinen Auswahl englischer Lyrik gelandet. Erfahren, was ein Byronic Hero ist: ein dunkler Rebell, ein charismatischer Egoist, der Welt abgewandt, alle Regeln verachtend und überzeugt von seiner Größe.

Und weil's so schön ist:

She walks in beauty, like the night
Of cloudless climes and starry skies;
And all that's best of dark and bright
Meet in her aspect and her eyes:
Thus mellow'd to that tender light
Which heaven to gaudy day denies.
 
One shade the more, one ray the less,
Had half impair'd the nameless grace
Which waves in every raven tress,
Or softly lightens o'er her face;
Where thoughts serenely sweet express
How pure, how dear their dwelling-place.
 
And on that cheek, and o'er that brow,
So soft, so calm, yet eloquent,
The smiles that win, the tints that glow,
But tell of days in goodness spent,
A mind at peace with all below,
A heart whose love is innocent!

Dienstag, 26. Mai 2009

Das Wetter

Vor Hagel und Sturmböen wurde heute gewarnt, dunkle Wolken ziehen über Frankfurt. Wenn ich mich nicht verdächtig machen will, sollte ich jetzt den Klimawandel erwähnen. Unverfänglich über das Wetter plaudern? Vergangenheit. Denn Klimawandel ist keine These, sondern eine Religion, die viele Eiferer anzieht. Man glaubt an Gaia, die geschundene Mutter Erde, die sich für die Sünden der Menschen rächen wird und Nachlaß nur jenen gewährt, die weniger  CO2 freisetzen. Die neue Religion hat Propheten (Al Gore), heilige Tiere (Eisbär), Ketzer ("Klimaleugner"), Sünder (Autofahrer, Fernreisende, Dicke oder gar die Suchmaschine Google), Menetekel (s. Wetterbericht) und sogar einen Ablaßhandel (klimafreundlich einkaufen). Und während früher Könige von Gottes Gnaden legitimiert waren, läßt sich Frau Merkel gerne als Klimakanzlerin feiern. Am Beispiel des Evangelischen Kirchentages zeigt Alexander Kissler, daß die neue Religion sich nun anschickt, die alte zu erobern. Sein Fazit:

"Auf dem „Kirchentag“ war es im Jahre 2009, als die Kirche und der Klimaschutz eins wurden. Fortan soll man das eine nicht sagen können, ohne an das andere denken zu müssen. Von dieser Hoffnung waren offenbar die Rednerin und ihr Publikum bewogen. Darum wird es auch der „Kirchentag“ des Jahres 2009 sein, an den man zurückdenken wird müssen, um dereinst die Frage zu beantworten: Wann war das eigentlich, als sich der Glaube von der Zivilreligion verschlingen ließ?"


Lesen!